30.06.2014

Eine psychoanalytische Fehlinterpretation zum Nationalsozialismus

Neulich hatte ich das Bedürfnis, mir weitere Bücher von Leon Wurmser zu Gemüte zu führen. Leon Wurmser ist ein kanadischer Psychoanalytiker, den ich 1992 ausgiebig gelesen und kommentiert hatte. Dies betraf allerdings nur eines seiner Bücher, nämlich ›Die Maske der Scham‹. Die Auseinandersetzung ist weitestgehend sehr persönlich verlaufen, d.h. vor allem auf der Suche nach meiner eigenen Geschichte und meinem eigenen, seelischen Werdegang. In den letzten Jahren bin ich sehr häufig in der Universitätsbibliothek gewesen und ebenso häufig an seinen Werken vorbeigelaufen. Aus meiner Arbeit hat sich nie ergeben, mich wieder intensiv mit der klassischerweise Psychoanalyse zu beschäftigen. Lediglich Lacan, Barthes und ein wenig darum herum haben mich weiterhin beschäftigt. In den letzten anderthalb Jahren allerdings ist dann auch bei meinen Kunden die Psychoanalyse wieder häufiger aufgetaucht, meist in einer klassischen Form. 

Übermacht der Feinde

Gerade finde ich eine Notiz zu einem Aufsatz von Peter Kutter — ›Aggression als Trieb- und Objektschicksal‹ — aus dem Buch ›Aggression und Wachstum‹. Dort habe ich mich über eine Passage sehr aufgeregt, weil sie so weltfremd und so wenig geschichtsbewusst ist:
In psychoanalytischer Sicht [es heißt aber: aus psychoanalytischer Sicht] ist hinzuzufügen, dass ängstliche, selbstunsichere und oft ohnmächtig wütende Menschen sich besonders leicht zu aggressivem Verhalten verführen lassen, besonders dann, wenn ihnen gesagt wird, dass dieses aggressive Verhalten einem guten Ziel dient. So erklärt sich Hass auf Minderheiten, wie Juden, Behinderte und Homosexuelle. Die Aggression kann sich bis zur systematischen Tötungs-Maschinerie steigern, wenn keine Möglichkeit mehr besteht, sich erfolgreich gegenüber der Übermacht der Feinde zur Wehr setzen können (die Situation der nationalsozialistischen Führung ab 1943).
Seite 15

Ideologie und Deutungswahn

Es ist immer sehr fragwürdig, wenn man eine Organisation auf Ziele hin analysiert, die den Familiengeschichten und individuellen Urfantasien abgelauscht sind. Der Fehler besteht darin, eine Ideologie und eine funktionierende Organisation gleichzusetzen, als wäre das eine durch das andere bestimmt und als ließe sich ein solcher Wahnsinn, wie der des III. Reiches verhindern, wenn man nur eine möglichst sich distanzierende Blickweise aufbaut und möglichst oft auf den Nationalsozialisten herumhackt. Wie immer muss man dann aber feststellen, dass die Ideologie nicht durch ihre Inhalte, sondern eher durch ihre Struktur zu definieren ist. Ideologien zeigen z.B. einen ausgeprägten Hang zum Deutungswahn. Der Nationalismus wie die Psychoanalyse zeigen immer wieder solche Züge und insofern sollte man vorsichtig sein, wenn sich ein Psychoanalytiker von der nationalsozialistischen Ideologie distanziert. Gerade die deutsche Psychoanalyse war dann ja auch sehr fleißig, Hitler zu dämonisieren. Ein Hund, wer hier an die nachträgliche Reaktivierung einer traumatischen Situation oder Urphantasie denkt. 

Dämonisierungen

Wahnhaftes Denken erzeugt sich seine eigenen Dämonen. Wer sich etwas genauer mit der Biografie von Adolf Hitler auseinandersetzt, der findet hier keinen übermächtigen Feind vor, sondern ein armes Würstchen. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Dämonisierung der Juden in der Nazizeit und die Dämonisierung der herrschenden politischen Riege der NSDAP äquivalente Züge aufweist.
Dies wird deutlich, wenn Kutter die langfristige Vorbereitung zum Massenmord, deren frühe Ankündigung und die systematische Glorifizierung auf einen Punkt und eine Ursache zusammendampft. Der Gang der Geschichte ist damit verfehlt. Was bleibt, das ist die Bestätigung der eigenen Weltsicht und der eigenen Ideologie. Und nichts anderes scheint mir jenes Zitat zu bewirken. Statt einer scharfen, von sich selbst auch distanzierenden Analyse wird hier die Bestätigung bereits bekannter Hypothesen gefeiert.

Mir ist insgesamt nicht klar, warum der Aufsatz von Kutter seinen Titel trägt. Er gibt einen Überblick über einige Theorien der Aggression, bleibt aber in der gesamten Darstellung eher unspezifisch. Besonders hübsch ist dabei folgende Einleitung in ein Unterkapitel:
Nach dieser theoretischen Übersicht über die verschiedenen Auffassungen einzelner Autoren in der Literatur zu Phänomen und Ursachen von Aggression möchte ich jetzt persönlicher werden.
Seite 16
Was folgt, ist Backfisch-Philosophie.

23.06.2014

Ethische Demonstrationen

Das, und nicht so sehr ihr Selbstverliebtsein und der speckige Heiligenschein, ist es, was wir an den »Gutmenschen« so hassen: dass das Tun für andere zugleich ein Spektakel sein muss und dass es sein Objekt zugleich distanziert und abstrahiert. Da man nichts Gutes tun kann ohne die Hilfe der Medien, wird das Objekt von Solidarität und Zuwendung weitgehend fiktionalisiert. Aber seien wir ehrlich: Auch die christlichen Missionare erfanden sich ihre Objekte. Kann man etwas Furchtbareres von einem System sagen, als dass es auch noch die Tugend der Caritas in eine Blödmaschine zu verwandeln versucht?
Seeßlen, Georg/Metz, Markus: Blödmaschinen, Frankfurt am Main 2011, S. 536

Die gegenseitige Hilfe - die Kooperation in den Konflikthandlungen - sichert noch nicht den individuellen Erfolg. Der Zusammenhalt wird für den einzelnen nicht unmittelbar prämiiert, die Gemeinsamkeit bedeutet zunächst nur ein Wagnis. Was die Besitzlosen sich wirklich gegenseitig zu bieten haben, entscheidet sich erst später. Die Solidarität ist also davon abhängig, dass sich alle Beteiligten auf die übernächste Phase hin orientieren. Nicht auf einen Augenblicksvorteil, sondern auf ein fernes Ziel muss die Organisationsbereitschaft sich konstituieren, nicht auf den wirklichen, sondern den imaginären Liegestuhl. Sie kann sich nur auf ein spekulatives Vertrauen gründen, auf eine spekulative Solidarität, - eine unvergleich viel höhere Leistung, als sie den Privilegierten zugemutet wird.
Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, Tübingen 1992, S. 194 f.

Ich habe den Abend über noch Zitate zur Solidarität gesammelt. Mir fällt bei den Schriften von Marcuse immer wieder unangenehm auf, dass er große Worte in den Raum schmeißt, ohne sie zu vermitteln. Solidarität ist ein solches. In diesem Sinne ist Marcuse ein Prediger, wie Gauck die Freiheit predigt. Ähnliches muss man Arendt vorwerfen. — Ich gestehe aber ein, dass ich mich mit beiden Denkern nicht gut genug auskenne und mich in ihren Werken immer noch tastend vorwärts bewege. Andererseits gefallen mir solche Passagen wie die oben zitierten wesentlich besser, da sie den Begriff in ein Netzwerk hineinstellen. Sie definieren, kritisieren.

Roland Barthes hat diese isolierte Begrifflichkeit einmal wunderbar geschildert:
Paris-Match hat uns eine Geschichte erzählt, die vieles über den kleinbürgerlichen Mythos des Negers verrät. Ein junges Lehrerehepaar hat das Land der Kannibalen erforscht, um dort Bilder zu malen; Bichon, ihr wenige Monate altes Baby, nahmen sie mit. Man ist entzückt über den Mut der Eltern und des Kindes.
Zunächst einmal ist nichts irritierender als ein Heldentum ohne Objekt. Eine Gesellschaft, welche die Formen ihrer Tugenden unmotiviert zu entfalten beginnt, muss in einer ernsten Lage sein. Wenn die Gefahren echt waren, die der kleine Bichon durchgemacht hat (Sturzfluten, Raubtiere, Krankheiten usw.), so war es eigentlich töricht, ihn solchen Gefahren auszusetzen, bloß um in Afrika ein bisschen zu malen und dem zweifelhaften Ehrgeiz freien Lauf zu lassen, »einen Rausch von Sonne und Licht« auf der Leinwand festzuhalten. Und noch mehr zu verurteilen ist es, diese Dummheit für eine schöne, schmückende und bewegende Kühnheit auszugeben. Man sieht, wie in diesem Fall der Mut funktioniert: als ein formaler und hohler Akt, der, je unmotivierter er ist, desto mehr Respekt eingibt. Wir befinden uns in einer Pfadfinderkultur, in welcher der Code der Gefühle und Werte von den konkreten Problemen der Solidarität und des Fortschritts völlig losgelöst ist. Es ist der alte Mythos des »Charakters«, das heißt der »Dressur«. Die Leistungen Bichons sind von der Art spektakulärer Bergbesteigungen: Es sind ethische Demonstrationen, die ihren Wert letztlich nur von der Publizität beziehen, die sie erhalten.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 2012, S. 82. 

22.06.2014

Lese-Sprünge

Man möge mir meine Abstinenz vom Internet verzeihen. Ich bin auch seit einer Woche nicht mehr auf Facebook gewesen (was sich als sehr angenehm empfinde). Fleißig bin ich aber, wirklich.
Im Hintergrund lese ich sehr viel Wittgenstein, auch sehr viel über Wittgenstein. Vor allem durch Kant, Arendt und Butler angeregt beschäftige ich mich intensiv mit der Anthropologie. Derzeit ist es ein Buch von Gunter Gebauer: Wittgensteins anthropologisches Denken. Weitere Bücher liegen auf meiner Leseliste. So wollte ich mir vor einigen Monaten Blumenbergs Beschreibung des Menschen kaufen. Das hatte ich mir im Februar auf der Bibliothek ausgeliehen und fand es so faszinierend, dass ich es sofort kaufen wollte. Leider aber war es vergriffen. Mein aufmerksamer Buchhändler hat mich vor zwei Monaten darauf aufmerksam gemacht, dass es ab August neu verlegt wird.
Blumenbergs Ausführungen zeigen sehr schön, dass man die Lebenswelt als interaktiv ausgehandelt verstehen kann.

Blumenberg schreibt z.B. von dem vorprädikativen Status der Lebenswelt (S. 50). Hier wäre ein Vergleich mit dem späten Wittgenstein interessant, bei dem die Sprachspiele vor allem durch eine Nachbarschaft geprägt sind, die operativ zusammenwirkt.
Ein Prädikat kann auf doppelte Art und Weise gebraucht werden:
(1) ist es eine Aneignung von Merkmalen durch ein Subjekt, welches zugleich als eine Kontrolle der Merkmale durch das Subjekt als auch einer Unterwerfung des Subjekts unter die Merkmale etabliert, die in etwa der Satz von Foucault:
Im Herzen der Disziplinarprozeduren manifestiert sie [die Disziplinaranstalt] die subjektivierende, die als Objekte wahrgenommen werden, und die objektivierende Vergegenständlichung jener, die zu Subjekten unterworfen werden.
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main 1991, S. 238.
(2) bildet es zusammen mit dem Subjekt ein Gefüge, in dem sich beides, Subjekt wie Prädikat, realisiert: die Aussage ist damit nicht mehr ein Herrschaftsverhältnis, sondern der Ausdruck eines verwirklichenden Austauschs.

Anders gesagt:
Was hier Sphäre heißt, wäre demnach, in einem ersten und vorläufigen Verständnis aufgefasst, eine zweihälftige, von Anfang an polarisierte und differenzierte, gleichwohl innig verfugte, subjektive und erlebende Kugel - ein zweieinig gemeinsamer Erlebnis- und Erfahrungsraum. Durch Sphärenbildung ist folglich, was die Tradition Geist nennt, ursprünglich räumlich ausgespannt. Ihrer Grundform nach erscheint die Sphäre als eine Zwillingsblase, ein ellipsoider Geist- und Erlebnisraum mit mindestens zwei polarisch einander zugewandten und zugehörigen Einwohnern. Leben in Sphären heißt also Wohnen im gemeinsamen Subtilen. Es ist die Absicht [...], den Nachweis zu führen, dass das Sein-in-Sphären für Menschen das Grundverhältnis bildet - freilich eines, das von Anfang an durch die Nicht-Innenwelt angetastet wird und das sich ständig gegen die Provokation des Außen behaupten, wiederherstellen und steigern muss. In diesem Sinne sind Sphären immer auch morpho-immunologische Gebilde. Nur in innenraumbildenden Immunstrukturen können Menschen ihre Generationenprozesse weiterführen und ihre Individuationen vorantreiben. Noch nie haben die Menschen unmittelbar zur so genannten Natur gelebt, und erst recht haben ihre Kulturen niemals den Boden dessen betreten, was man die nackten Tatsachen nennt; sie haben ihr Dasein immer schon ausschließlich im gehauchten, geteilten, aufgerissenen, wiederhergestellten Raum. Sie sind die Lebewesen, die darauf angelegt sind, Schwebewesen zu sein, wenn schweben bedeutet: von geteilten Stimmungen und von gemeinsamen Annahmen abhängen. Somit sind die Menschen von Grund auf und ausschließlich die Geschöpfe ihres Interieurs und die Produkte ihrer Arbeiten an der Immanenzform, die ihnen unabtrennbar zugehört. Sie gedeihen nur im Treibhaus ihrer autogenen Atmosphäre.
Sloterdijk, Peter: Sphären I, Frankfurt am Main 1998, S. 45 f.

11.06.2014

Soziale Passivität


Kulturen, die an der Mitteilung orientiert sind, haben einen beweglicheren, dynamischeren Charakter. Sie neigen dazu, die Menge der Texte unendlich zu vergrößern, und erzeugen einen schnellen Zuwachs an Wissen. Ein klassisches Beispiel ist die europäische Kultur des 19. Jahrhunderts. Die negative Seite dieses Typs von Kultur ist die scharfe Trennung der Gesellschaft in Übermittelnde und Empfangende, die psychologische Erwartung, dass man Wahrheit in Gestalt einer fertigen Mitteilung von einer fremden geistigen Anstrengung erhält, und die wachsende soziale Passivität jener, die in der Position der Empfänger der Mitteilung sind. Es ist offensichtlich, dass der Leser eines neuzeitlichen europäischen Romans passiver ist als der Hörer eines Zaubermärchens, der die aufgenommenen Formeln erst in Texte seines Bewusstseins transformieren muss, und dass ein Theaterbesucher passiver ist als ein Teilnehmer des Karnevals. Die Tendenz zur geistigen Konsumhaltung ist die gefährliche Seite einer Kultur, die einseitig auf das Empfangen von Information von außen ausgerichtet ist.
Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens. Berlin 2010, 51
Das ist ein hübsches Beispiel, wie Oppositionen überraschend umgedreht werden können. Normalerweise setzt man Aktivität mit Dynamik gleich. Lotman behauptet hier das Gegenteil. Dynamische Gesellschaften sind durch eine große soziale Passivität geprägt.
Ich habe den ganzen Argumentationsgang von Lotman noch nicht so richtig verstanden. Insbesondere ist mir recht unklar, wie der Rhythmus eines Textes (als Beispiel) zu einer Veränderung der Persönlichkeit beim Leser führt. Doch zumindest erklärt seine Behauptung (oder könnte erklären), warum die zahlreichen Veränderungen der letzten 20 Jahre zu solchen Auswüchsen an Biederkeit geführt haben. Im kulturellen Feld ist die Neuerung und das Experiment geradezu zu einem Makel geworden, während man recht stumpfsinnig und willkürlich das Wort Kreativität auf alles Mögliche klebt, Hauptsache, es ist nichts Neues.
Zumindest eine Sache kann man aber zu diesem Zitat sagen: der Begriff der Aktivität, den Lotman hier benutzt, ist nicht mit der Handlung gleichzusetzen. Aktivität scheint eher darin zu bestehen, neue Informationen zu erschaffen, an der Produktion von informativen Ereignissen teilzunehmen. Dann aber wäre die Aktivität, die Lotman meint, eine aktive politische Teilnahme (wobei man Politik im weitesten Sinne hören darf). Umgedreht wäre die reine Information etwas, was nicht auf das aktive politische Verhältnis des Individuums einwirkt.

08.06.2014

Übersetzungen (Wittgenstein und die Kinder)

Vor über einem Jahr hat mich der (philosophische) Wind von Christa Wolf zu Ludwig Wittgenstein geweht. Seitdem lässt mich Wittgenstein nicht mehr los. Dabei ist es gar nicht so sehr seine Philosophie, sondern seine Art und Weise, an Phänomene heranzugehen, die mich so fasziniert. 

Leibhaftig

Leibhaftig von Christa Wolf beschäftigt mich seit letztem Frühjahr. Seitdem kehre ich immer wieder zu diesem Buch zurück, mehr, als zu jedem anderen Buch von dieser wunderbaren Autorin. Im Laufe der Zeit sind kleine Netzwerke entstanden, z.B. eben zu Ludwig Wittgenstein.
Letztes Jahr im Spätsommer habe ich z.B. geschrieben (die Seitenzahlen ohne Literaturangabe beziehen sich auf Wittgensteins Philosophische Grammatik):
Sätze sind anfällig für ein "Außen". So verweist ›der Baum‹ auf ein Bild, das Wort ›wachsen‹ auf eine Erfahrung, die man nicht nur mit Bäumen machen kann, ›im Frühjahr‹ ist ebenfalls eine Erfahrung, an die man sich erinnert und schließlich ist das Wort ›noch‹ ein logischer Partikel, der sich auf eine Aussage bezieht. So entsteht der Satz: ›Der Baum wächst im Frühjahr noch.‹

"Kann man einen halben Satz verstehn?" (39)
Kann man eine Ellipse verstehen? Ja, wenn sie zu einer anderen Gruppe dazugehört.
So macht folgende Stelle durchaus Sinn: "Absinken. Dass immer dann das Klagen lauter wird. Abfahrt. Eine neue, hohe Welle der gleichen Flut, die nimmt mich mit. Untertauchen. Untergetauchtwerden. Dunkel. Stille." (Leibhaftig, 8)
Natürlich, denn hier schiebt sich unter die elliptischen Sätze ein Wortfeld, das des Wassers. Zugleich gibt es aber auch diese Isotopie des Nach-unten-Sinkens, zu der zugleich der Abstieg in einer Hierarchie gehört (Urban), als auch in den Keller oder in die Hölle hinabzusteigen. Eine zweite Isotopie wird angedeutet durch das Wort Abfahrt, die Isotopie des Reisens. Denn die Icherzählerin reist, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als die Kultur dies vorsieht oder es für sie persönlich wünschenswert ist. Die Reise im Krankenwagen, die Reise durch die dunklen Keller, die Reise in die Erinnerungen und einmal, da treffen sich die Icherzählerin und ihr Antagonist Urban an der Passkontrolle. Passkontrolle heißt: darfst du überhaupt auf diese Art und Weise reisen?

Andere Denkordnungen — Ellipse, Anakoluth und Aposiopese

Die "Misshandlung" eines Satzes, zum Beispiel in der Ellipse, verweist auf eine andere Ordnung als die Grammatik.
(zu 39)

Das Anakoluth dagegen verweist eher auf eine andere Denkordnung als auf eine andere Ordnung insgesamt. Im Artikel zum Anakoluth auf Wikipedia wird dies deutlich:
"Man fängt einen Satz an, besinnt sich neu und fährt in einer Weise fort, die dem begonnenen Satz nicht entspricht, oder bricht ihn auch ab. Beispielsweise kann die grammatische Beziehung der Satzglieder gestört sein, oder ein neu hereinbrechender Gedanke stört die Folgerichtigkeit des Satzes; oft wird einfach umgeplant."
(zu 39)

Spannend ist auch, dass Ernst Bloch, der scheinbar für Christa Wolf eine große Rolle spielt, einen Artikel über das Anakoluth verfasst hat. Noch einmal aus dem Wikipedia-Artikel:
"Ernst Bloch widmete der Figur einige Aufmerksamkeit und bescheinigte ihr, die Fragmentierung der Welt besser abzubilden als die üblicherweise ungebrochene Schriftsprache: "Das an sich Klare kann auch in der Darstellung klar sein. … Anders das Gährende, das sich Gebärdende, das noch im Schwange ist …. Ihm entspricht in der Sprache das Bewegte, das Opake, der Neueinsatz, das Anakoluth. Eine solche Sprache des ›Unvollendbar‹ … steht nicht in der Gefahr, dort Vollendung vorzuspiegeln, wo keine ist, während eine geglättete Sprache durch ihre eigene Glattheit das zu Sagende gerade verbirgt.""
Im Gegensatz zu dem Eingangssatz bei Wikipedia betont Bloch hier die Abbildfunktion dieser rhetorischen Figur. Der Eingangssatz betont die Unordnung der grammatischen Regel, spricht von einer Störung, einer gewissen Impulsivität oder einer geringen Fähigkeit zu planen. Bloch dagegen verweist auf das utopische Moment dieser Figur, nicht auf den Mangel an Kompetenz.
(Zu 39)

Damit kann man deutlich sagen, dass sowohl die Ellipse (das Weglassen von Satzgliedern bis hin zu einem völligen Skelett aus einem Wort), das Anakoluth (das "dysgrammatische" Vermischen zweier Satzgefüge), die Aposiopese (eigentlich eine Form der Ellipse und nicht, wie Wikipedia das schreibt, eine Form des Anakoluth: nämlich das Abbrechen eines Satzes), die Retraktion (eine Art Korrektur eines Satzgliedes, das ausgesprochen, dann aber sofort verändert wird) und schließlich eine tatsächliche zerbrochene Ineinanderfügung von zwei grammatischen Konstruktionen (die man dann vielleicht, um abzugrenzen, als kontaminierendes Anakoluth bezeichnen könnte). Damit also könnte man deutlich sagen, dass sich die Ordnung eines Satzes durchaus auflösen kann, ohne die Ordnung in einem Textmuster zu verlieren.
(Zu 39)

Die radikale Ellipse und das Verstehen

Wie versteht man eine rhetorische Figur? Doch bei vielen der rhetorischen Figuren nur, indem man erkennt, dass sie den geregelten Ablauf der Sprache in irgendeiner Weise verletzen.
(Zu 39)

Die radikale Ellipse (der Skelettsatz) hatte ich zunächst der Verdinglichung zugeschlagen. Tatsächlich aber bezieht sich ein solcher Skelettsatz, manchmal nur Ein-Wort-Sätze, immer auf seine Umgebung.
Einige Beispiele aus Christa Wolfs Leibhaftig:
"Verletzt." (7) — Dieses Wort springt mich an. Scheinbar ist es aus dem Zusammenhang gerissen. Vielleicht eine Art Ruf. Im Folgenden aber wird es erklärt, durch eine Szene im Krankenwagen.
"Elixier. Lebenselixier." (7) — Eine Präzisierung. Zugleich wird damit der vorhergehende Satz auf seinen wichtigsten Aspekt zusammengefasst (Emphase): "Aus dem ovalen durchsichtigen Behältnis, das über ihr im Rhythmus des Krankenwagens schüttert, mit Tropfen um Tropfen über Schläuche in ihre Armvenen geleitet. Elixier. Lebenselixier." (7); logisch gesehen natürlich die Extrapolation.
(Zu 39)

So gesehen ist die Ellipse ein Übergang zur Theorie, ein Übergang von der praktischen Situation zur sprachlichen.
Es ist aber die radikalste Form der sprachlichen Situation: wenn die Wörter noch keine Verbindung untereinander haben, die die Situation ersetzen; aber eben auch nicht sprachlich vortäuschen. Die radikale Ellipse ist zugleich gewaltsam und sehr zerbrechlich. Sie ist gleichsam der Soldat in der Materialschlacht.
Andererseits: die nicht geordneten Wörter sind weder einer Norm unterworfen (sie haben noch keinen Teil an der sprachlichen Hegemonie), noch verschweigen sie die Pflicht zur Argumentation (sie haben also eine gewisse Nähe zur Aufklärung).
Schließlich färben sich diese radikalen Ellipsen stark nach ihrer Interpretation ein. Sie sind für das Lesen empfänglich.
(Zu 39)

In zahlreichen Sätzen in Leibhaftig fehlt das Verb, bzw. der Verbkern des Prädikats: "Über ihr zwei Tropfbehälter." (Leibhaftig, 8)
Zum einen wird hier das Faktische suggeriert, zum anderen das Statische.

Übersetzungen und Quellen

Übersetzen heißt, das Original, die Quelle zu beleuchten:
"Ich kann als Erklärung nur das musikalische Bild in das Bild eines anderen Vorgangs übersetzen; und dieses Bild jenes beleuchten lassen." (41)
Sinn jeglicher Transmedialisierung: das Verständnis des Originals. (Hier ist auch der Einbruch — ein möglicher Einbruch! — für die verletzende und befriedende Wirkung der Sprache. Indem ich die Sprache in Akte des Verstehens übersetze, mache ich sie wirksam.) (?)

Aber es ist ein schöner Gedanke: Verstehen heißt etwas zu übersetzen, die Anknüpfungsstellen zu finden. (Aber davon gibt es ja Myriaden! — Genau aus diesem Grund kann man auch nicht zu Ende verstehen. Das Verständnis ist nur ein Horizont, kein Ort. — Intertextualität, Vielstimmigkeit, Palimpsest)
(Zu 41)

Wollte man also das Verständnis zu einem Machtwort machen, dann käme das einer Art Rassismus gleich: gut ist nur, was ich sowieso schon kenne (die Heimat) und was ich kenne, ist das, was gut ist (die Tautologie).
(Zu 41)

Es gibt kein Verstehen ohne das Experiment (das Verständnis-Experiment).
(Zu 41)

Ein ganzes Stück weit wird diese Behauptung von der Neurophysiologie auch gestützt. Wenn das Gehirn über Vernetzungen arbeitet, dann ist es genau diese Verknüpfung, diese Verkopplung, die hier ihre "biologische" Basis findet (allerdings haben die Neurophysiologen noch nicht entdecken können, was ein Gedanke auf der biochemischen Ebene eigentlich ist).
(Solange man diese Basis nicht ausgearbeitet hat, muss man sich auf eine phänomenologische Beschreibung des Gedankens stützen, d.h. im weitesten Sinne auf eine Täuschung, die durch Reflexion erzeugt, aber auch korrigiert wird.)
(Zu 41)

Könnte man sagen: die Wörter eines Satzes umstellen ein Wort, wie die Vorstellungen ein Wort umstellen. Und so lernen wir nach und nach die Sätze kennen, bis sie selbst wieder zu Akten des Verstehens werden.
(Zu 41)