31.03.2014

Wie man übt, spontan gut zu schreiben

Wie übt man? werde ich häufiger gefragt. Oder ich höre: Aber gutes Schreiben kann man nicht üben.

Zwei Aufmerksamkeits-Systeme

Kann man natürlich doch. Das Geheimnis? Nun, Goleman schreibt in seinem Buch Konzentriert euch!, was die Neurophysiologie schon lange wusste. Es gibt zwei Systeme der Aufmerksamkeit. Man sollte eigentlich von zwei Feeding-Forward-Schleifen sprechen. Goleman hat nun eine etwas glücklichere, bedingt aber auch missverständliche Bezeichnung gewählt. Er nennt das eine Bottom-up-Mechanismus und das andere Top-down-Mechanismus. 
Der Bottom-up-Mechanismus ist das ältere System. Dieses hat, so ist zu vermuten, die Aufmerksamkeit gesteuert, bevor sich ein differenziertes Bewusstsein herausgebildet hat. Klar: dieses System konzentriert sich auf Reize, die rasch beantwortet werden müssen: auf Säbelzahntiger und herbeischleichende Geschlechtsverkehrrivalen.
Und ernster gesagt: es handelt sich um etwas Ähnliches wie das Unbewusste: ein dynamisches System, das wichtige Reizassoziationen nach "oben", ins Bewusstsein spült.
Der Top-Down-Mechanismus dagegen funktioniert vom Bewusstsein aus. Er kontrolliert den Bottom-up-Mechanismus auf nur bedingt gute Art und Weise. Manchmal wird er von diesem auch einfach ausgehebelt. Besonders deutlich sieht man das an Zwangserkrankungen, Ängsten und Süchten. Bei Panikattacken dringt manchmal der Angst machende Inhalt nicht mehr ins Bewusstsein, sondern überschwemmt an diesem vorbei die Wahrnehmung.

Aufmerksamkeit

In der Psychologie laboriert man mit verschiedenen Begriffen und Typen der Aufmerksamkeit. Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit diesem Thema und hatte dann irgendwann einmal die Nase "gestrichen" voll und mir eine halbwegs plausible Einteilung entworfen, die wie folgt aussieht:
  • reizinduzierte Vereinnahmung: dabei trifft uns ein Reiz, dem wir spontan alle Aufmerksamkeit schenken; dies ist die gundlegendste Form der Aufmerksamkeit;
  • motivorientierte Wahl: unsere Aufmerksamkeit bleibt an einem Objekt hängen, dem unser Interesse gilt;
  • Konzentration: wir beschäftigen uns längere Zeit mit einer Sache und blenden dabei andere Interessen und Impulse aus;
  • Vigilanz: wir können auch nach einer Pause mit einer ähnlich starken Aufmerksamkeit zu unserem Objekt oder unserem Motiv zurückkehren (dies dürfte in etwa auch die Aufmerksamkeit beim Flow sein);
  • Kontrollaufmerksamkeit: bei dieser Aufmerksamkeit sind wir uns unserer Gedanken, die unser Handeln begleiten, bewusst und kanalisieren sie.
Zwischen der reizinduzierten Vereinnahmung und der motivorientierten Wahl liegt in etwa der Wechsel von einen Mechanismus der Aufmerksamkeit zum anderen. Ganz präzise kann man dies aber nicht angeben, da die motivorientierte Wahl immer noch eine kurzfristige Aufmerksamkeit ist, die bei Säuglingen schon auftritt; zum Beispiel können diese schon das Gesicht vertrauter Personen fixieren und dann mit bestimmten Handlungen wie Lächeln darauf reagieren. Man kann aber noch nicht sagen, dass Säuglinge ein Bewusstsein von sich haben oder dass sie bewusst auf etwas reagieren. Der Wille entsteht in und mit der Konzentration und die motivorientierte Wahl ist daher, so könnte man sagen, noch vor dem Willen angesiedelt.

Die wilden und die disziplinierten Gedanken

Wir sehen, dass diese Einteilungen verschiedene Sachen nahe legen. So wird man kaum sagen können, man wolle jetzt gute Einfälle haben. Sie entstehen gleichsam plötzlich. Andererseits verpuffen manche guten Gedanken, weil sie, so rasch sie auftauchen, schon wieder vergehen. Und deshalb führen Schriftsteller auch Notizbücher bei sich. Man hat dies gerne dem Unbewussten zugesprochen, das uns solche Ideen produziert. Wir können etwas präziser sagen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, das spontane Auftauchen von Gedanken verpuffen zu lassen und damit zwei Grenzen einer solchen "kreativen" Suche:
  1. Die erste Grenze besteht darin, die Kontrolle über seine Aufmerksamkeit besitzen zu wollen. Diese Kontrolle ist nur scheinbar, aber sie bewirkt, dass wir entweder die Impulse aus der Bottom-up-Aufmerksamkeit verleugnen oder sie als unwichtig missachten. Im ersten Fall haben wir in irgendeiner Art vor ihnen Angst; im zweiten können wir diese nicht weiterverwenden: wir merken sie, tun sie aber als lächerlich ab.
  2. Die zweite Grenze ist indirekter und deshalb komplizierter. Die bottom-up-Aufmerksamkeit hat viel vom Freudschen Unbewussten. Aber sie unterscheidet sich durch ihren Status: es sind keine verdrängten Ideen, die dort zu finden sind, sondern zunächst einmal eine Art Zwischengedächtnis zwischen dem Langzeitgedächtnis und dem Arbeitsgedächtnis. Es ist eine auf mögliche Aufgaben ausgeschnittene Vorauswahl von Gedächtnisinhalten. Nun müssen diese Gedächtnisinhalte gefüttert werden. Sie werden durch eine intensive Beschäftigung gefüttert und das heißt durch Übung und eine gewisse Hartnäckigkeit. Was wir unserem Gedächtnis nicht so zur Verfügung stellen, dass es daraus eine Vorauswahl treffen kann, kann nicht in unseren kreativen Prozess eingehen.
Es ist klar, worauf der erste Punkt abzielt: es sind die ewig gleichen Formeln des kreativen Schreibens, die sich einer wie auch immer missverstandenen Psychoanalyse verpflichtet fühlen. Schreibe, was deine Impulse dir eingeben, schreibe wild und ungebärdig. 
Nun ist das nicht falsch! Denn der zweite Schritt kann seine Fruchtbarkeit nur entfalten, wenn der erste Schritt gegangen wird. Aber für sich alleine bleibt der erste Schritt irgendwie doch unvollständig. Gerade dann bleibt er unvollständig, wenn man für den Leser schreiben will, wenn man also vom impulsiven Schreiben zu einem konstruktiven, planenden Schreiben übergehen will.
Nun ist auch der zweite Schritt noch kein planendes Schreiben. Aber wir können hier anmerken, wohin uns dieser Schritt führt: zu einer größeren Vertrautheit und Flexibilität mit dem Stoff, über den wir schreiben wollen. Denn indem wir recherchieren, indem wir unsere Gedanken zu einem bestimmten Stoffgebiet anreichern, werden sich unsere Impulse aus der bottom-up-Aufmerksamkeit mehr und mehr diesen Themen widmen: wir bekommen den Eindruck, dass uns der Stoff vertraut ist und wir uns selbstverständlich in ihm bewegen. 
Wir sehen also, dass der zweite Schritt sich aufteilt: in seiner Ursache kommt er vor dem ersten Schritt: es ist ein Vertraut-machen mit dem Stoff. In seiner Wirkung folgt er danach: es ist ein Veredeln des eigenen Durchdenkens.

Wandernde Gedanken

Goleman dampft dieses Spiel dann folgendermaßen ein:
Wenn die Gehirnforschung sich mit wandernden Gedanken beschäftigt, steht sie vor einem einzigartigen Widerspruch: Top-down-Absichten liefern keine fruchtbaren Bottom-up-Vorgänge. Jemanden anzuweisen, spontane Gedanken zu haben, und damit den Geist dieses Menschen auf die Wanderschaft zu schicken ist unmöglich. Wer schweifende Gedanken in freier Wildbahn einfangen will, muss sie nehmen, wo sie auftauchen. Eine bevorzugte Forschungsmethode besteht darin, das Gehirn von Menschen zu scannen und sie währenddessen in zufällig ausgewählten Augenblicken zu fragen, was gerade in ihnen vorgeht. Auf diese Weise erhält man eine chaotische Mischung geistiger Inhalte, darunter auch zahlreiche schweifende Gedanken.
Goleman, Daniel: Konzentriert euch! München 2013, S. 57 f.
Offenbar brauchen wir zwar Inhalte, die wir vorher lernen mussten, um überhaupt schweifende Gedanken zu haben. Aber ebenso brauchen wir die schweifenden Gedanken, um daran dann unser konzentriertes Arbeiten auf neuen und alten Gebieten zu erproben. Der Konzentration bleibt es beim kreativen Prozess also überlassen, diese aufzunehmen und umzuformen, so dass sie nicht roh und ungeschliffen in die Welt hinausgehen, sondern so vermittelt, dass sie wieder auf andere Menschen anregend wirken.

Relax!

Das alles ist zugegebermaßen nicht wirklich neu. Den Wert der Bildung auf solche Prozesse hat Nietzsche in seiner Abhandlung "Schopenhauer als Erzieher" bereits beschrieben, wenn auch eher als Form gepflegter und gebildeter Langeweile. Und auch die Psychoanalyse selbst hat solche Stufen schon beschrieben, wenn auch meist ein wenig dramatischer und mit ein bisschen Ödipus und anale Phase dazwischen geschmiert.
Halten wir zum Schluss einfach noch einmal die wesentlichen Schritte fest:
  1. Füttere dein Gedächtnis, indem du dich immer wieder intensiv mit Themen auseinandersetzt. Mit anderen Worten: eigne dir Bildung an (möglichst aus unterschiedlichen Bereichen).
  2. Träume in den Tag! Wandere mit den Gedanken!
  3. Nimm deine Impulse auf und wandle sie um! Schleife sie, arbeite mit ihnen, richte sie für das Publikum zu!
Anders gesagt:
  1. Für den ersten Schritt brauchen wir Lerntechniken!
  2. Für den zweiten Schritt brauchen wir Ruhe, Gelassenheit und den "Einklang" mit uns selbst. Erinnern wir uns an das "besinnende Denken".
  3. Schließlich benötigen wir Schreibtechniken, mit denen wir, wie mit einem Werkzeug, den rohen Gedanken veredeln können. Wir benötigen Erfahrung, um zu wissen, dass man aus Holz kein Kleidungsstück herstellt, wohl aber einen Werkzeuggriff, einen Stuhl oder einen Zaun. Und ebenso werden wir nicht aus jedem Gedanken einen Krimi schreiben können, aber vielleicht eine Glosse oder einen Essay.

Spontanes Schreiben

Ein Selbstverständnis mit dem Stoff, den eigenen Ideen dazu und den Werkzeugen der Vermittlung, das also macht jenes gelassene, selbstverständliche Schreiben aus. Und jene drei Schritte eben, die wir mehrmals wiederholt haben müssen, um solcher Art dann auch große Projekte wie einen Roman in Angriff zu nehmen.
Zuvor allerdings steht eben das Üben.

"Würde Heidegger heute noch leben, ...

... er wäre entsetzt, wenn er twittern sollte."
Goleman, Daniel: Konzentriert euch! München 2013, S. 29
Das lese ich gerade. (Und bedaure, dass ich nicht meine üblichen Notizen dazu machen kann.)

Konzentriert euch! von Daniel Goleman

Das Buch von Goleman liest sich sehr flüssig. Es spricht gleich zu Beginn von der zunehmenden Unfähigkeit, sich langanhaltend auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren. Und es spricht davon, dass wir diese Fähigkeit trainieren können und trainieren müssen, um komplexere Themen zu erfassen.

Ich kann diesem Gedanken nur zustimmen. Gerade letzte Woche habe ich erlebt, dass ein Student höheren Semesters komplett im Erfassen von Texten seines Fachgebiets versagte. Ich habe ihm dann Mind-Maps, Erstellen von Zwischenüberschriften und Zusammenfassungen in eigenen Worten empfohlen. Er meinte, er sei nicht in der Schule.
Aber genau das ist es ja auch nicht: Aufmerksamkeit ist eine Sache, die wir lernen und verlernen. Wenn wir uns im Minutentakt auf immer unterschiedliche Dinge konzentrieren, vergeht uns die Fähigkeit, uns auf eine Sache lange und gründlich einzulassen. Und fast öfter als als Text-Coach werde ich tatsächlich als Motivator gebucht, als jemand, der seinen Kunden von außen die Stützen bietet, seine Texte fertigzuschreiben. Ich mache dies meist durch Aufteilung des Arbeitspensums in Teilziele kombiniert mit relativ kreativen Schreibübungen. Doch natürlich spielt in diese Kombination die Aufmerksamkeit massiv hinein.

Besinnliches Denken

"Schon in den 1950er-Jahren warnte der Philosoph Martin Heidegger, dass eine »anrollende Revolution der Technik den Menschen auf eine Weise fesseln, behexen, blenden und verblenden könnte, dass eines Tages das rechnende Denken als das einzige in Geltung und Übung bliebe«; dies, so Heidegger, geschehe um den Preis eines Verlusts des »besinnlichen Denkens«, das heißt einer Form der Reflexion, die er für das Wesen unseres Menschseins hielt."
ebd., S. 29
Nun sollte man diese Warnung vielleicht etwas anders fassen, als sie hier Heidegger unterstellt wird. Jenes rechnende Denken ist das Denken in abstrahierten Begriffen, reiner Gebrauch des Verstandes. Das besinnliche Denken, das ist eben jenes Denken mit Begriffen, die "besinnlicht" werden, mit Sinnesleistungen versehen werden. Konkrete Beispiele zu geben ist eine Möglichkeit davon. Zu erzählen, eine andere.
Es ist das, was Kant "Erfahrungen mit Begriffen machen" nennt, die Vermittlung zwischen der Anschauung und den Begriffen selbst. Aus diesem entstehen die Urteile (also Aussagen über die Welt, die wahr oder falsch sein können). Aus diesem entsteht die Prüfung der Begriffe, ihre Kritik.

Auffalten, ausbremsen

In den letzten fünfzehn Jahren wurde in der pädagogischen Forschung der Begriff der Metakognition immer populärer. Metakognition, so kann man, wenn man etwas grob bleibt, sagen, ersetzt den Hegelschen Begriff der Selbstbewusstheit. Es ist (zunächst) die Aufmerksamkeit dafür, was wir, wenn wir wahrnehmen, tun; was "in uns" passiert. 
Das ganze zweite Kapitel aus Golemans Buch ist dieser Selbstwahrnehmung gewidmet (obwohl es schon im ersten eine Rolle spielt). Bei der Selbstwahrnehmung gehen Können (von Selbstwahrnehmung) und Wissen (um Prozesse der Wahrnehmung) Hand in Hand.
Daraus ergeben sich für mich zwei Lieblinge, zwei empfohlene Tätigkeiten, denen ich seit Jahren unter metaphorischen Titeln die Treue halte:

Auffalten 

Damit ist jenes Auseinanderfalten eines Phänomens gemeint, das uns berührt, anzieht oder stumm an uns vorübergleitet. Es ist das genauere Interesse dafür, was uns aufmerksam macht, spezieller aber noch das Interesse dafür, was uns nicht zu berühren scheint, was uns unverständlich, opak bleibt.
Meine initiale Erfahrung habe ich mit diesem Thema gemacht, als ich zwölf war. Ich hatte damals gehört, dass man bei Sigmund Freud erfahren könne, warum man Probleme mit seiner Familie habe und wie man diese lösen könne. Also habe ich mir aus der Bibliothek Werke von Freud ausgeliehen. Genauer gesagt: die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Damals war ich der Meinung, ich hätte Freud ganz gut verstanden (eine trügerische Meinung, wie ich heute gestehe); nur die Vorlesung über die Angst blieb mir unverständlich. Aus biografischen Gründen wäre aber genau das für mich wichtig gewesen, denn ich hatte meine ganze Kindheit in großer Angst vor meinen Eltern verbracht. Aber ich habe damals darauf geschlossen, dass die Sachen, die einen am ehesten unangenehm berühren können, am wenigsten verstanden werden. Und habe mich dann, über Jahre hinweg, auf die Suche nach "meiner" Angst und dem Umgang mit dieser Angst gemacht. Gefunden habe ich dies dann zehn Jahre später in dem Buch Die Maske der Scham des kanadischen Psychoanalytikers Leon Wurmser.

Aus dieser Erfahrung ist dann als Technik übriggeblieben, sich kommentierend und gestaltend mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Gestaltend und kommentierend: entlang eines Schaubildes bei Roland Barthes nenne ich dies "auffalten", weil ein zunächst als einfach gegebenes "Ding", also ein Text, ein Begriff, ein Charakterzug, gleichsam nach außen gestülpt wird und seinen verborgenen Mechanismen nachgespürt wird.
Dabei dürfte klar sein, dass es nicht der Text selbst ist, dem ich dabei nachgehe, sondern eigentlich "nur" den Wegen meines Verständnisses.

Ausbremsen

Wer so vorgeht, der schreitet langsam voran. Er lustwandelt. Er lässt sich zwischen freier Assoziation und Systematisierung treiben. Er ist nie zu Ende.
Wer mich kennt, weiß, dass ich von mir spreche.
Es gibt keine letztgültige Wahrheit. Es gibt nur Zwischenhalte, die entweder der didaktischen Vermittlung geschuldet sind oder anderen praktischen Anwendungen. 
So kenne ich mich zwar, wie sonst niemand, mit den narrativen Strukturen aus. Aber ich kann immer noch nicht sagen, dass ich "zu Ende bin". Für meine Arbeit sind meine Kenntnisse mehr als genug. Aber je tiefer man eindringt, umso eher sieht man auch, wo auf diesem Gebiet die Kenntnisse noch nicht ausreichen, wo seit vielen Jahren auch die Wissenschaft ebenso wie die Gemeinschaft kreativer Schreiber herumlaviert.
Als ich letzten Herbst meinen Blogeintrag zu Erzählperspektiven und Erzählsituation veröffentlicht habe, hatte ich innerhalb von drei Tagen fast 10.000 Klicks auf diesen Artikel. Und kaum eine Woche später fand ich dann Werbung dazu, von jemand anderem und ohne Hinweis auf meinen Artikel (was leider sehr oft unterlassen wird). Offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen. Von der Werbung allerdings ist wohl wenig zu halten. Wenn jemand meint, innerhalb einer Woche eine so komplexe Theorie wie Stanzels Typenkreis erlernen zu können, dann ist er entweder enormst intelligent, was unwahrscheinlich ist, oder er dümpelt in einer herbeigewedelten Professionalität herum, die deutlich abstrakt bleibt. 
Langsam sein, ausbremsen, sich die Sachen gründlich ansehen. Sich konzentrieren und auch seine Professionalität darin sehen, sich auf etwas lange zu konzentrieren, das ist wohl auch so eine Pflicht, die heute gerne vergessen wird.

Fazit

Ich brauche immer eine Weile, bis ich mir durch ein Buch Breschen geschlagen habe. Wenn ich lese, baue ich mir nach und nach Gegenstrukturen auf. Es ist klar, dass ein Buch wie Golemans Konzentriert euch! einen didaktischen Aufbau besitzt, der mehr auf den Leser Rücksicht nimmt, als auf die Verwickeltheit des Themas. Auch ein Thema muss man auffalten können.
Jedenfalls merke ich gerade, dass ich sehr von einer Idee zur nächsten hüpfe. Was immer passiert, wenn mich ein Buch besonders anregt. Ich hatte ja Ähnliches berichtet, als ich begonnen habe, Metzingers Der Ego-Tunnel zu lesen (mit dem ich übrigens immer noch nicht fertig bin, ja nicht einmal annähernd das Gefühl habe, dass ich es zu lesen begonnen habe). Goleman jedenfalls erzeugt in mir gerade eine fast gleiche Stimmung. Das Buch ist nicht so dicht geschrieben wie Metzinger und dadurch wohl auch schneller zu erfassen. Goleman plaudert mehr, allerdings auf recht hohem Niveau. 
Aber er kann eben bestimmte rote Fäden, die dieses Thema auch anbieten würde, nicht verfolgen, weil er der Lesbarkeit halber einige wenige aussuchen musste. Wenn ich nun sage, dass ich mir Gegenstrukturen entwickle, dann ist genau das gemeint: ich nehme den didaktischen Aufbau zur Kenntnis, aber ich unterwerfe mich ihm nicht. Ich bringe mir am Rande von Goleman das bei, was ich noch für bedenkenswert halte, indem ich sein Buch nach und nach umstrukturiere und durch weitere Lektüren ergänze.

30.03.2014

Nichts ist so wie Marcel Proust selbst

(1) Ich öffnete lautlos das Fenster und setzte mich an das Fußende meines Bettes; ich machte fast keine Bewegung, damit man mich unten nicht hörte. (2) Auch draußen schienen die Dinge in stummem Harren wie gebannt zu stehen, um nicht den Mondschein zu stören, der alle Einzelheiten vergrößerte und entrückte, indem er vor ihnen ihren Schatten ausbreitete, der dichter und massiver als sie selbst war und dadurch die Landschaft gleichzeitig flacher und weiter erscheinen ließ, wie einen Plan, der, vorher zusammengelegt, nun entfaltet wird. (3) Was sich rühren musste, rührte sich, so das Laub des Kastanienbaums. (4) Doch sein bis ins einzelne gehendes, alles erfassendes, bis in die letzten Nuancen und Feinheiten durchgeführtes Erschauern teilte sich den anderen Dingen nicht mit, ging nicht darin auf, sondern blieb auf sich beschränkt. (5) Aufgesetzt auf dieses Schweigen, das nichts davon absorbierte, waren auch die fernsten Geräusche, die offenbar aus den Gärten am anderen Ende der Stadt herüberkamen, mit einem solchen »Schliff« zu hören, dass sie die Wirkung des Entferntseins nur ihrem Pianissimo zu verdanken schienen, wie jene Motive »con sordino«, die vom Orchester des Conservatoire so vorzüglich ausgeführt werden, dass man sie, obwohl man beim Zuhören keinen Ton davon verliert, weit von dem Konzertsaal entfernt glaubt, und dass alle alten Abonnenten - auch die Schwestern meiner Großmutter, wenn Swann ihnen seine Plätze geschenkt hatte - lauschten, als horchten sie auf das ferne Schreiten eines anrückenden Heeres, das noch nicht um die Ecke der Rue de Trévise gekommen war.
Proust, Marcel: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I. Frankfurt am Main 2004. S. 49 f.
Nichts von allem, was ich über Proust gelesen habe, und dazu gehören Peter Bürger, Theodor Adorno, Gilles Deleuze, Walter Benjamin, Gerard Genette, und einige andere mehr. Nichts von alledem ist so schön, wie Marcel Proust selbst. 

Und das zweitschönste ist, selbst seine Notizen zu Proust zu machen. Ihn hier und da auseinanderzunehmen, seine Sätze abzuschmecken und ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Diese ganze Szene ist eingebettet ins Hören und Sehen, ins Schweigen und Unsichtbar-sein. Jenes Ich versteckt sich und dieses Verstecken durchtränkt die folgenden Sätze.

Kleine Bücherkiste: Thriller, Philosophie, klassische Literatur

Mein Computerproblem führt dazu, dass ich die Bücher schneller lese, als wenn ich die Möglichkeit hätte, sie durchzukommentieren. Ich liebe es, zwischendurch meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn ich diese aber über mein Tischmikrophon einspreche, bin ich doch deutlich langsamer. Ich habe also gestern und heute gelesen:

Zoe Beck: Brixton Hill

Ich war bereits auf Seite 180, als mein Computer gecrasht ist. Nun habe ich es gestern morgen ganz durchgelesen. Ein toller Roman. Und einer, der, wie damals die Bücher von Camilleri, demnächst häufiger in diesem Blog auftauchen wird.

Postmodernes Schreiben

Es gibt einige Aspekte bei diesem Roman, die mir, der mittlerweile ein notorischer Leser klassischer Werke geworden ist, das Lesen sehr versüßen. Beck pflegt einen Schreibstil, der nicht einer einheitlichen Schule angehört, sondern sich sehr an gewisse "Inszenierungen", an gewisse Effekte anlehnt. Sie bremst aus, sie beschleunigt. Sie erklärt, sie stellt dar, sie berührt manche Sachen nur flüchtig. (Sie schreibt spannend. - für die notorischen Thriller-Leser.)
Nun könnte man einen solchen Schreibstil als uneinheitlich und damit als schlecht bezeichnen. Nur: in diesem Fall funktioniert das sehr hervorragend. Tatsächlich sind einige große Werke der Weltliteratur noch uneinheitlicher geschrieben und trotzdem eben jene großen, lesenswerten Werke geworden, die zu recht die Zeiten überdauern. Man denke an Herman Melvilles Moby Dick. Oder auch, obwohl das hier gemäßigter als bei Melville verläuft, Walter Scott (The heart of Midloathian), Charles Dickens. In Deutschland kann man aus neuerer Zeit anführen Alfred Döblin, Berthold Brecht, Hermann Broch (als Beispiele).
Beck kehrt damit der straight novel, die vom ersten Moment an auf das Ziel zusteuert, zwar nicht den Rücken zu, komponiert aber ihre Geschichte "barocker". Auch die in den letzten dreißig Jahren mit Psychologie und Weltwissen unterlegten Thriller (Psychothriller, Tech-Thriller, ...) bricht sie noch ein Stück weit auf. 
Und noch einmal gesagt: das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. In diesem Fall. Anderen Schriftstellern würde das so nicht gelingen. Und bei all meiner doch jetzt recht "wissenschaftlichen" Erläuterung: der Roman macht einfach Spaß. Und das ist die Hauptsache.

Groteske

Was ich noch mag: den Humor. 
In dem Roman taucht eine Figur auf, die eines abtrünnigen Hackers, die mich sehr an einen der großen Bösewichte bei Dickens erinnert hat. Dickens vermischt diese Figuren in ihren bösartigen und befremdlichen Handlungen häufig mit karikierenden Beschreibungen: wir sehen die Taten dieser Wesen gleichsam durch eine verkleinernde Linse hindurch, die dem Leser Distanz ermöglicht. Jener abtrünnige Hacker nun wird ähnlich beschrieben. Und das sehr nett.

(Diese Neigung zur Groteske habe ich neulich in dem kleinen Psychothriller Der Torso von Adrian Schwartz deutlich ausgeprägter gefunden. Auch dort inszeniert der Autor einen ganz anderen Stil als man ihn sonst in Thrillern findet.)

Proust - Kafka

Zwei Bücher von Deleuze habe ich zu Ende gelesen: Proust und die Zeichen. und Kafka. Für eine kleine Literatur. Das letztere hat er zusammen mit Félix Guattari geschrieben.

Proust und die Zeichen

Das ist eines der frühen Werke von Deleuze. Er argumentiert seit seiner ersten Veröffentlichung zu Hume sehr frei, sehr nach einem eigenen Willen, nicht nach dem gängigen Kanon der Interpretation. Das ist sehr spannend und sehr befreiend.
Seine zentrale These lautet, dass Prousts Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit seine Einheit nicht durch das Gedächtnis erhält, sondern durch die Lehre der Zeichen. Bekanntlich gab es die Interpretation, die Proust auf Bergson und seine mémoire involontaire zurückbezog. Siehe zum Beispiel Walter Benjamin, auch wenn der zwischen Proust und Bergson einen deutlichen Unterschied sieht.
Deleuze behauptet nun, dass der Protagonist stattdessen eine Lehre durchläuft, die auf vier Zeichentypen aufbaut und die nur nacheinander erreicht werden können. Es ist ein kleines Buch, allerdings mit einer sehr beeindruckenden Darstellung.

Bergson, auch Deleuze, entstammen einer ganz anderen philosophischen Tradition als die die deutsche Philosophie. War bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts der Idealismus die zentrale Strömung, so spielten in Frankreich die englischen Philosophen eine sehr viel stärkere Rolle. Dementsprechend gab es auch so etwas wie zwei unterschiedliche materialistische Schulen. In Deutschland war dies der dialektische Materialismus, der, wenn auch mit der Umkehr zur Handlung, noch die Hegelsche Synthese vertrat; in Frankreich war dies der sensualistische Materialismus, der eher von einer Koexistenz sehr unterschiedlicher Bewusstseinsformen ausging. Marx bezog sich auf das Bewusstsein immer noch als einen Punkt, wenn auch nur noch utopisch, nach Befreiung der Menschen von ihrer Entfremdung und Abhängigkeit. Bei Bergson ist das Bewusstsein eher eine Fläche oder besser noch ein Milieu, das im Wechselspiel mit der "Umwelt" unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Kräfte entfalten kann.

Kafka

Ohne große Brüche, aber mit deutlich anderen Schwerpunkten ist das Buch über Kafka. Im Prinzip zeigt es, wie ein Werk sich nach und nach den großen ideologischen Systemen (Faschismus, Stalinismus, Kapitalismus) entzieht, indem es "intensiv" wird. Ein zentraler Begriff dabei ist der Wunsch, der unter den ideologischen Äußerungen entlanggleitet, diese benutzt und mit sich fortreißt. So gelesen ist Kafkas Werk nicht "absurd", sondern geradezu komisch. Und tatsächlich empfinde ich den Kafka von Deleuze und Guattari als ein besonders komisches Buch, ein Buch, in dem viel gelacht wird.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Gestern abend und heute morgen wieder einmal die ersten hundert Seiten gelesen. Als ich das letzte Mal angefangen hatte, hat mir mein Arbeitspensum zwischendurch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Und es ist so schön, so voller netter Wörter, ironischer Wendungen, mitreißender Bilder.

29.03.2014

Jetzt bin ich doch etwas geschockt! - In Sachen Dobelli.

Zugegeben: ich hätte von Anfang an ein etwas größeres Misstrauen an den Tag legen dürfen. Zu häufig habe ich erlebt, dass in der Welt der Ratgeber-Literatur abgeschrieben wird. Nur: hier hatte ich es nicht erwartet.

Ein Rezensent von Die Kunst des klaren Denkens weist auf die Internet-Seite des Statistikers Nassim Taleb hin, der mehrere Bücher über Bias' (Verzerrungen) veröffentlicht hat. Dort zeigt sich Taleb enttäuscht, dass Dobelli offensichtlich aus seinen Bücher Sätze und Passagen mit nur geringfügigen Änderungen übernommen hat und dies nicht markiert oder als Zitat deutlich macht.
Ziemlich enttäuschend!

Meine Begeisterung für die Sache gilt weiterhin. Aber ich hatte ja auch schon geschrieben, dass ich mir bei Dobelli etwas mehr Anbindung an die traditionelle Logik des alten Europas gewünscht hätte. Insofern bin ich auch nicht komplett überrascht, dass die Eigenleistungen dieses Autors noch weiter absinken.

28.03.2014

Medienschelte

Und noch ein kleines, durchaus widersprüchliches Fundstück.

Endlich mal Medienschelte

So der Tenor eines Artikels auf Horizont.Net

Endlich mal?

Gehört nicht mittlerweile die Selbstbetrachtung der Medien zum Geschäft der Medien dazu? Diesen Eindruck hatte ich bereits, als ich als junger Mensch die Hörzu fragen las, ob solche Bilder (aus dem Irakkrieg) der Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen. Gemeint war die Misshandlung und Tötung von einheimischen Irakern. Unterlegt war der Text mit einem Bild, das genau eine solche Folterung zeigt.
Indem wir es anprangern, tun wir es.
Paradoxer geht es wohl nicht.

Und gehören die Klagen über die eigene Kultur nicht mittlerweile fast zum guten Ton?

Warum aber Frank Schirrmacher?

Warum aber wird aus der Medienschelte, die in den letzten Jahren reichlich betrieben wurde und ebenso reichlich, wie die Medien dazu Anlass boten, warum aber wird aus dieser dann ausgerechnet Frank Schirrmacher ausgewählt?
Hat Stefan Niggemeier nicht seit Jahren Kluges dazu zu sagen? Hat nicht Hans Hütt gezeigt, wie man eine solche Analyse durchführen kann? Oder Klaus Baum? Oder. Oder. Oder.
Nicht zu erwähnen (um es dann doch zu tun): ich selbst?

Warum also wird hier ein Mensch gefeiert, nur weil er diesmal etwas Kluges gesagt hat?
Denn für die Entschleunigung bin ich auch. Langsam machen, Tatsachen prüfen. Über deren Wichtigkeit nachdenken.

Hacker, Toaster, Zoe Beck und Dobelli

Ein Hacker versucht herauszufinden, wie man aus einer Kaffeemaschine einen Toaster machen kann. Selbst wenn ein Toaster danebensteht.
Beck, Zoe: Brixton Hill.München 2014, S. 145
Zoe Beck zeigt, worauf es bei Denkfehlern wirklich ankommt und warum sie nicht Denkfehler genannt werden können. Das mag nun angesichts dieses Zitates verwundern, handelt es doch von etwas ganz anderem als Denkfehlern.
Wirklich?

Machbarkeit und Wirksamkeit

Parallel zu all den von mir in den letzten Wochen zitierten Büchern lese ich gerade (mal wieder) Motivation und Handeln von Heckhausen, jenes berühmte Buch über die Psychologie der Motivation. Was mich interessiert (nein, was einen meiner Kunden interessiert) ist die Machbarkeit und Wirksamkeit eines Menschen als Einfluss auf sein Selbstbild. Der Gründlichkeit halber liegt dieses Buch nun auf meinem Bücherstapel: um es entlang dieser beiden Begriffe noch einmal durchzuarbeiten.

Wirksamkeit trifft immer "irgendwie" auf Machbarkeit. Die Gesellschaft nimmt bestimmte Wirkungen hin, schiebt anderen aber einen Riegel vor. Es gibt Grau- und Grenzbereiche, es gibt Andersorte, an denen andere Wirkungen möglich sind, die eigens dafür eingerichtet sind, solche anderen Wirksamkeiten herzustellen. Operationssäle etwa. Im Alltag dulden wir keine Menschen, die vermummt und mit Skalpell durch die Gegend rennen.

Änderungen denken können

Zoe Beck weist mit ihrem Beispiel darauf hin, dass es manchen Menschen nicht um ein schlichtes Funktionieren geht, sondern darum, sich auszuprobieren. Zu schauen, wozu man selbst in der Lage ist. Oder ob etwas herstellbar, machbar ist.
Unter der Ägide der Bequemlichkeit wäre es sicherlich ein Fehler, so etwas zu tun. Nimmt man die (eigene) Wirksamkeit als Leitidee, dann ist es sinnvoll.
"Warum hast du mein Bier getrunken?" empört sich Sven Glückspilz. Und Hägar antwortet: "Weil es da war!"

Die Herrschaft der Ideen

In einer Sache irrt Dobelli. Es gibt keine Denkfehler. Ich sagte es bereits. Eine Schlussfolgerung ist, so könnte man sagen, keine Schlussfolgerung. Und sicherlich: Genau darauf weist der Autor in seinem Buch Die Kunst des klaren Denkens hin. Wenn man bereit ist, es so zu lesen. Eine Schlussfolgerung ist immer nur ein abgeleitetes Urteil unter tausenden von anderen abgeleiteten Urteilen. Jeder "Denkfehler" verweist auf potentiell tausend andere "Denkfehler".
In einer anderen Sache irrt Dobelli ebenso, aber eben nicht immer. Manchmal verschweigt er auch das Prinzip dahinter. Schlussfolgerungen, Urteile, all dies steht immer unter der Herrschaft bestimmter Ideen. So wie die Wandlung der Kaffeemaschine zum Toaster unter der Herrschaft der Bequemlichkeit nichts gilt, unter der der Wirksamkeit sehr viel.
In der Glosse "The swimmer's body illusion" schreibt er zum Beispiel, dass manche Menschen den Schwimmern nacheifern, weil diese einen so tollen Körperbau haben und deshalb attraktiv wirken. Diese Nacheiferer glauben nun, dass sie durch Schwimmen einen ebensolchen Körperbau erlangen können. Dobelli spricht nun aber davon, dass genau das nicht passieren muss. Wenn zum Beispiel der Mensch keine Veranlagung zu einem solchen Körperbau hat. Dann aber ist natürlich nicht das Schwimmen unnütz, sondern die Idee dahinter. Mit einer anderen Idee (Ausdauer, Fitness, etc.) kann Schwimmen durchaus sehr sinnvoll sein.

Methoden statt Fehler

Insofern sind auch Denkfehler nicht als Fehler zu lesen. Sie erweisen sich nur dann als ungünstig, wenn sie sich bestimmter Sachverhalte bemächtigen, zu denen eine herrschende Idee inkompatibel ist. Umbauen mag allgemein als nützlich anerkannt werden. Der Umbau von Kaffeemaschinen in Toaster ist erst mal eine recht neutrale Aussage. Unter der Idee der Bequemlichkeit ist sie es wiederum nicht. Dann sieht dies wie ein Fehler aus.
Ebenso ist Schwimmen eine neutrale Tätigkeit. Wenn man aber schwimmt, um so auszusehen wie ein Schwimmer, kann sich das ebenfalls als Fehler erweisen.
Der Denkfehler ist also eigentlich eine Methode. Nur wird diese Methode nicht durch die korrekte Anwendung sinnvoll, sondern durch die Idee, die dieser Methode den Kontext gibt. Wer sich darauf hin noch einmal den Dobelli durchliest, wird merken, dass er nicht nur die Ideen nicht benennt, sondern sich auf sehr unterschiedliche Ideen verlässt.

Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens

Eigentlich hatte ich gestern ein Video veröffentlichen wollen. Mitten in der Programmierung ist mein Computer kaputt gegangen. Eigentlich wollte ich gestern auch etwas zu diesem Buch schreiben, jenem Rolf Dobelli. Mein Spracherkennungsprogramm war fleißig und brav und bei mir schnurrten nur so die Ideen.
Aber ok, ich will nicht öffentlich leiden.

Logik und was Logik sonst noch ist

Wie ihr auch wisst, beschäftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit der Logik. Neben einem Interesse aus Studienzeiten her und meiner Arbeit als Textcoach waren es vor allem die Krimis, dann aber die "narrative Argumentation", die mich hier hatten tiefer wühlen lassen, als es gemeinhin üblich ist.
Vor etwa anderthalb Jahren hatte ich dann noch diesen Streit wegen einer Rezension. In dieser Rezension hatte ich den Autoren vorgeworfen, alle Begriffe heillos durcheinander zu werfen oder gleich ganz neue zu erfinden und auf Beispiele anzuwenden, in denen das gerade nicht funktioniert. Woraufhin sich ein Trainer bemüßigt fühlte, mir keine Ahnung von Logik zuzuschreiben. In das gleiche Horn stieß dann der selbsternannte Bestseller-Autor Adlon, der sich alleine auf die Autorität dieses dubiosen Coaches berief. Aber Adlon scheint insgesamt ein wenig wirr im Kopf zu sein. Seinen Büchern nach zu urteilen.

Nun, mein damaliges Problem mit der Logik besteht immer noch. Es ist eines, was sich wohl aus mehreren Gründen derzeit noch nicht lösen lässt. Aber es bestehen zumindest gute Annäherungen.
Viele Menschen verwechseln ja die Lehre von den Schlüssen mit der Logik. Diese ist aber nur ein Teil derselben. Und der einfachste. Viel aufregender ist die Auswahl und Gewichtung der Argumente, bzw. die gute Auswahl der Schlüsse und der Unterschied zwischen Aussageketten in kausalen und finalen Wissenschaften.

Die Kunst des klaren Denkens

Nun, jedem sollte klar sein, dass "Die Kunst des klaren Denkens" ein Marketing-Titel ist. Wenn man Dobelli ernst nimmt, und das darf man durchaus, dann ist das Problem des Denkens gerade, dass es klar ist. Wobei unklares Denken aber nicht als Heilmittel erscheint (was auch stimmt).
Dobelli entdeckt eigentlich nur noch einmal die Schwierigkeit, wenn man sich auf die Auswahl seiner Argumente einlässt. Argumente, also die Urteile, die wir dann für Schlüsse und Schlussfolgerungen verwenden, lassen sich nämlich nicht mit noch besseren Argumenten erfassen (manchmal allerdings schon). Sie gehorchen weitestgehend Automatismen, denen wir aufsitzen und aufsitzen müssen, da unser Gehirn sich die Umwelt so zurechtfiltert, dass wir irgendwie (!) überlebensfähig sind. Anders gesagt: unser Gehirn sortiert Merkmale automatisch nach Wichtigkeiten. Nur sind diese Wichtigkeiten nicht unbedingt unserer aktuellen Umwelt geschuldet. So lernfähig das Gehirn auch ist: die Evolution, sein eigenes Evoluiertsein ausschalten kann es auch nicht. Wir können aber lernen, solche Wichtigkeiten zu umgehen.

Automatismus und Wichtigkeit

Was unser Gehirn automatisch als wichtig produziert, erscheint uns klar. Es sind dann Argumente, mit denen wir umgehen und umgehen müssen.
Es gibt aber genügend Beispiele, in denen wir aus vernünftigen Gründen diese Wichtigkeit ausbremsen müssen. So etwa in der Werbung. Diese suggeriert uns bestimmte Objekte als besonders qualifiziert. Doch ob wir sie notwendig brauchen, ist eine andere Sache.
Und hier sind wir dann beim eigentlichen Problem: woher kommen die Argumente, welchen Gesetzen unterliegen sie? Dobelli bringt zum Beispiel die Erfahrung ein, dass wir Experten eher glauben als Nicht-Experten. Aber woran liegt das? Wie machen wir einen Experten zu einem Experten? Das sind ja keine Eigenschaften, die ein Mensch von sich aus, von Geburt aus besitzt (auch wenn viele Menschen gerade daran glauben).
Eines des wesentlichen Gesetze dahinter ist die Wiederholung. Experten tauchen häufiger in Talkshows auf. Man spricht häufiger über sie. Was wiederholt wird, erscheint uns wichtig.
Ein anderes Gesetz ist das Modelllernen. Experten werden häufig in einer freundlichen Atmosphäre befragt. Man hakt zwar nach, lässt aber insgesamt die Diskussion eher auf der Sachebene ablaufen und vermeidet persönliche Angriffe. Das erscheint uns attraktiv.
Über solche Mechanismen schleifen sich dann unsere erlernten Einschätzungen von Wichtigkeit ein.

Abwehrmechanismen und Krimis

Meine favorisierten Kandidaten, um solche Automatismen zusammenzufassen, sind zwei: einmal die Gestaltgesetze, die man landläufig unter dieser Bezeichnung auch im Internet findet, wenn auch in etwas reduzierter, zum Glück aber meist richtiger Form; zum anderen die Abwehrmechanismen der Psychoanalyse. Diese Abwehrmechanismen, wie sie von Sigmund Freud, Heinz Kohut, Leon Wurmser, und vielen anderen, immer wieder untersucht worden sind, besagen etwas Ähnliches wie die Denkfehler von Dobelli. Sie scheinen mir, nebenbei gesagt, auch die Gesetze zu sein, durch die man Krimis am ehesten beschreiben kann. Krimis erzählen, wenn sie gut sind, die Geschichte einer kollektiven "Heilung" (von Denkfehlern).

Beispiele und Gesetze

Folgt man dem Buch von Dobelli, so wird man viel Gutes und Wissenswertes lesen. Allerdings, und das ist mein Problem mit seinem Buch, dampft er die Beispiele nicht auf dahinterstehende Gesetze zusammen. So ließen sich einige der "Gesetze", die er aufstellt, als typische Gesetze der Wiederholung zusammenfassen. Gleich das erste Beispiel ist ein solches. Erfolgreiche Firmen und ihre "Erfolgsstrategie" werden umständlich in der Presse besprochen. Nicht gesehen wird, dass dieselbe "Erfolgsstrategie" bei anderen Firmen keineswegs zum Erfolg geführt hat. Man untersucht sie gar nicht und erzeugt so ein falsches Bild von Ursache und Wirkung.
Wenn also eine solche Firma wegen einer intensiven und flachen Kooperation zwischen den Abteilungen als erfolgreich hingestellt wird, dann denken wir sofort in dem Muster mit, weil es uns angeboren ist.
Allerdings muss deshalb das Gegenteil noch lange nicht gelten. Firmen, die eine strikt hierarchische Kooperation vertreten, sind nicht unbedingt erfolgreich.

Logisch gesehen wirken also (in diesem ersten Beispiel von Dobelli) zwei verschiedene Gesetze: einmal die Wiederholung (als Pointierung von Merkmalen, also als Extrapolation) und einmal der Automatismus von Ursache und Wirkung.

Wertung

Ist das Buch also schlecht?
Nein, die Beispiele sind schon richtig. Die Kritik Dobellis ist berechtigt. Der Schreibstil ist hervorragend, trocken, mit guten Bildern und einem manchmal hintergründigen, manchmal aber auch beißenden Spott. Also sehr empfehlenswert.
Mich stört, dass es insgesamt nicht genügend abstrahiert. Vieles, was Dobelli schreibt, ist für die Logik ein ganz alter Hut. Man kennt ihn.
Mich stören auch die vielen englischen Bezeichnungen, die er hätte gut durch die ordentlichen Begriffe der Logik hätte ersetzen können, bzw. diese hätte einführen können. So gibt es bei Kant die sogenannten Paralogismen, die zum Teil nichts anderes sagen, als das, was Dobelli gesagt hat. Paralogismen sind Denkfehler. William van Orman Quine wäre ins Spiel zu bringen. Bücher wie "Die Wurzeln der Referenz" und "Wort und Gegenstand" sind Klassiker der modernen Logik. Das hätte man durchaus vergnüglich aufbereiten können.
Fehlende Abstraktion, fehlende Anbindung an klassische Bücher, das ist also meine Kritik.
Vergnüglicher Schreibstil, sachliche Richtigkeit, das mein Lob.

Analyse statt "Pragmatismus"

Und die Bitte an meine Leser: Schlüsse sind nicht das Problem. Die Auswahl der Merkmale, ihre Gewichtung, also all das, was vor dem logischen Schluss kommt, darauf müssen wir unser Augenmerk richten.
Wenn wir uns dem zuwenden, müssen wir analytisch denken. Wer den Pragmatismus betont (der ja eigentlich nichts mit der philosophischen Strömung gleichen Namens zu tun hat), möchte Schlussfolgerungen, die zum Handeln anleiten. Dobelli zeigt, aber das sollte hinreichend bekannt sein, dass man sich dadurch in ganz heillose Situationen verstricken kann. Am Ende jedes Abschnitts gibt Dobelli Empfehlungen, was man denn zu tun hat, um den "Denkfehlern" (die keine sind, siehe oben) nicht aufzusitzen: "Pflücken Sie die Geschichten auseinander.", "Schauen Sie genauer hin.", "Wenn die Situation unklar ist, unternehmen Sie nichts, gar nichts, bis Sie die Situation besser einschätzen können." - all das sind Aufforderungen zur Analyse. Die letzte Empfehlung ist sogar direkt eine Kampfansage an das rasche Handeln.

Computer-Probleme

Und da ist es dann wieder: das Computer-Problem.
Nun hat sich mein Computer vor etwa zwei Stunden von einem Moment auf den anderen abgeschaltet und wollte sich zu nichts mehr bewegen lassen. Mein ganz alter Computer muss gerade als Ersatz herhalten. Und nachdem ich sowieso beschlossen hatte, mir endlich mal einen neuen zu kaufen, habe ich eben einen bestellt. Der dürfte, wenn der Service nicht mittlerweile in den Keller gegangen ist, am Samstag da sein.

Mein Arbeitscomputer hat nun vier Jahre gelebt. Letztes Jahr hat er mir einige Schwierigkeiten gemacht, aber das hatte ich selbst beheben können. Der Computer, den ich davor besessen habe und der mir gerade als Ersatz dient, ist sieben Jahre alt. Er ist eine wirklich ehrwürdige Rostlaube, die aber immer noch brav ihren Dienst tut.

Und sorry, folks, aber ich werde mich in den nächsten Tagen wohl etwas rar machen.

26.03.2014

Der sich in sich selbst faltende Mensch - Haut, Socke, Gehirn

Mit dem Mittelfinger berühre ich meine Lippe. In dieser Berührung liegt das Bewusstsein. Ich beginne mit seiner Untersuchung. Oft verbirgt es sich in einer Falte: Lippe an Lippe gelegt, die Zunge an den Daumen gedrückt, Zähne auf Zähne gepresst, geschlossene Augenlider, zusammengezogener Schließmuskel, zur Faust geballte Hand, ineinander verschränkte Finger, Unterseite des einen Oberschenkels auf die Oberseite des anderen oder ein Fuß über den anderen gelegt. Ich wette, der kleine monströse Homunkulus, dessen jeweilige Teile im Verhältnis zur Größe der Empfindungen stehen, wächst und schwillt an, wo es zu solchen Automatismen kommt, wo das Hautgewebe sich auf sich selbst zurückfaltet. In der Berührung mit sich selbst erlangt die Haut Bewusstsein, und ebenso in der Berührung mit Schleimhäuten; desgleichen wenn Schleimhaut auf Schleimhaut liegt. Ohne solche Einfältelungen, ohne die Berührung mit sich selbst, gäbe es keinen inneren Sinn, keinen wirklichen Körper, weniger Körpergefühl und kein eigentliches Körperschema; wir würden ohne Bewusstsein leben, glatt und stets in Gefahr, uns zu verlieren. 
Serres, Michel: Die fünf Sinne. Frankfurt am Main 1998, S. 18 f. 
Und so ähnlich schrieb wohl Walter Benjamin: 
Der erste Schrank, der aufging, wann ich wollte, war die Kommode. … Ich musste mir Bahn bis in den hinteren Winkel machen; dann stieß ich auf meine Strümpfe, welche da gehäuft und in althergebrachte Art gerollt und eingeschlagen, ruhten, so dass jedes Paar das Aussehen einer kleinen Tasche hatte. Nichts ging mir über das Vergnügen, meine Hand so tief wie möglich in ihr Inneres zu versenken. Und nicht nur ihrer wolligen Wärme wegen. Es war »Das Mitgebrachte«, das sich immer im eingeräumten Innern in der Hand hielt und dass mich derart in die Tiefe zog. … Denn nun ging ich daran, »Das Mitgebrachte« aus seiner wollenen Tasche auszuwickeln. Ich zog es immer näher an mich heran, bis das Bestürzende vollzogen war: »Das Mitgebrachte« seiner Tasche ganz entwunden, jedoch sich selbst nicht mehr vorhanden war. Nicht oft genug konnte ich so die Probe auf jene rätselhafte Wahrheit machen: das Form und Inhalt, Hülle und Verhülltes, »Das Mitgebrachte« und die Tasche eines waren. Eines — und zwar ein Drittes: jener Strumpf, in den sie beide sich verwandelt hatten. Bedenke ich, wie unersättlich ich gewesen bin, dies Wunder zu beschwören, so bin ich sehr versucht, in meinem Kunstgriff ein kleines, schwesterliches Gegenstück der Märchen zu vermuten, welche gleichfalls mich in die Geister- oder Zaubererwelt einluden, um am Schluss mich gleich unfehlbar der schlichten Wirklichkeit zurückzugeben, die mich so tröstlich aufnahm wie ein Strumpf. 
Benjamin, Walter: Berliner Kindheit um 1900, S. 283 f. in derselbe: Gesammelte Schriften Bd. 4.1 
Aber es gibt auch eine Verallgemeinerung. Der Mensch entfaltet sich und faltet sich in sich selbst durch seine Haut, durch den Körper, den er bewohnt und der ihm diese Faltungen anbietet. Er faltet sich in seiner Phantasie durch die Märchen, die gleichsam Gliedmaßen in ein unbekanntes Reich sind und er kehrt zurück in die Höhlen seiner Socke, indem er in die Wirklichkeit zurückkehrt. Schließlich aber faltet er auch die Information in sich selbst, indem die vergangene Information zum Kontext der aktuellen Informationen wird, so dass das, was wir Informationsverarbeitung nennen, ein stets sich in sich selbst neu entfaltender Prozess ist:
Sehr allgemein gesprochen, scheint das Prinzip dabei darin zu bestehen, dass die fast kontinuierlich ablaufenden Feedback-Schleifen von höheren zu niedrigeren Bereichen im Gehirn einen anhaltenden Zyklus erschaffen, einen kreisförmigen, in sich selbst eingebettetem Informationsfluss, bei dem das, was gerade vor ein paar Millisekunden passiert ist, ständig dynamisch auf das zurück abgebildet wird, was gerade jetzt herein kommt. Ein innerer Kreislauf entsteht. Auf diese Weise erzeugt die unmittelbar zurückliegende Vergangenheit kontinuierlich einen Kontext für die Gegenwart — sie filtert das, was wir jetzt gerade bewusst erleben können. Man sieht, wie eine alte philosophische Idee verfeinert, angereichert und durch die moderne Hirnforschung dann auf der Ebene des neuronalen Mechanismus detailliert ausbuchstabiert wird. 
Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. München 2014, S. 56.
Kleiner Nachtrag:
Eigentlich hatte ich etwas über die Nacktheit schreiben wollen, doch zu diesem Stichwort hat mich mein Zettelkasten geradezu erschlagen. Ich bin dann bei dem Zitat von Michel Serres hängen geblieben. Die beiden anderen Zitate waren in dem Moment sofort da. Aber wenn man sich mit dem Thema der Nacktheit beschäftigt, dann ist das kein allzu fernliegendes Sujet.

Die Selbst-Entmännlichung der Frauenquote

Der Justizminister zeigt sich überzeugt, dass mehr Frauen in den Aufsichtsräten auch zu mehr Frauen in den Vorständen führen. Das ist allerdings reines Wunschdenken. Die These, es bedürfe keiner Quotenregelung, um Frauen in Führungspositionen zu bringen, das alles reguliere sich mit der Zeit schon von selbst, beißt sich ja nun seit Jahren schon in den Schwanz.
Da hat Verena Reygers von der Freitag beim Schreiben viel Spaß gehabt. Oder?
Kleiner Tipp für Begriffsstutzige: Stellt euch das einfach mal bildlich vor!

Was soll aus der europäischen Türkei werden?

Und noch ein Fundstück, das irgendwie vertraut aktuell klingt:

Friedrich Engels: Was soll aus der europäischen Türkei werden?

Nacktmulle oder Markus Lanz?

Ich liebe Facebook. Dort wird gerade diskutiert, was interessanter sei. Nacktmulle oder Markus Lanz.
Die Tendenz ist sehr eindeutig: lieber eine Dokumentation über Nacktmulle.

Nacktmulle gibt es auch HIER.

Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereignen sich zweimal

Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.
Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Napoleon Bonaparte
Heute morgen schrieb das Handelsblatt in seinem Newsletter:
„Guten Morgen Herr Weitz,
die Führer der westlichen Welt haben Wladimir Putin aus dem Klub der G8 geworfen. Dabei hätte man ihn gerade jetzt einladen müssen. Wann, wenn nicht in Krisenzeiten, wird ein Gespräch gebraucht? Dass ein Kanadier, ein Italiener, ein Japaner, ein Amerikaner, ein Franzose, ein Brite und eine Deutsche sich in einem fensterlosen Sitzungsraum in Den Haag wechselseitig versichern, wie böse der Russe ist, bietet Stoff für eine Komödie, aber nicht für Weltpolitik.“

23.03.2014

Was machst du so?

Fragt ihr, bzw. würdet ihr fragen, wenn ihr euch trauen würdet. 

Der Ego-Tunnel

Weiterhin lese ich dieses Buch. Ich lese es in Kombination mit Beschreibung des Menschen von Hans Blumenberg. Vielleicht erscheint das nicht als eine besonders stimmige Kombination, doch für mich entzündet sich hier dran ganz viel produktive Arbeit. Jedenfalls bin ich am Schreiben wie selten in den letzten zehn Jahren. Alles, wie immer (und wie ihr mit Sicherheit vermutet habt) sehr fragmentarisch und in dieser Kürze anderen Lesern kaum zumutbar.
Dritter in diesem Bunde ist übrigens mein Zettelkasten. Und der versorgt mich nun allem möglichen von Kant über Wittgenstein bis Foucault, der Systemtheorie ebenso wie der Schreibdidaktik, der Psychoanalyse und dem Stoizismus. Was für ein Glück, dass mir bei dieser Arbeit niemand über die Schulter schaut.
Zentral bleibt aber weiterhin Metzingers Buch Der Ego-Tunnel, das ich ganz hervorragend finde. Ich bin sehr erstaunt, wie dicht dieses Buch geschrieben ist und wie leicht verständlich es trotzdem bleibt. Es ist auf jeden Fall ein Buch, mit dem man sich gründlicher beschäftigen sollte und das vielleicht sogar dem Bestseller von Frederic Vester Denken, Lernen, Vergessen den Rang ablaufen könnte. Jedenfalls verdient dieses Buch eine breite Aufmerksamkeit. 

Brixton Hill

Damit sind wir bei meiner anderen Lektüre. Vollständig abgetrennt ist diese nicht. Ich spiele ich hier zwischen den verschiedenen Texten. Es ist vermutlich nicht im Sinne von Zoe Beck, dass ich ihren Roman nicht als Unterhaltung lese. Aber mittlerweile kann ich gar nicht anders, als dass bei mir das Interesse am Schreibstil relativ rasch die Führung übernimmt. Und hier hat mich dieses Buch schnell gepackt, da ich eine große deutsche Autorin am Werke sehe. Weder ist dies eine verquarkte Übersetzung aus dem Amerikanischen, noch eine noch verquarkte Nachahmung verquarkter amerikanischer Übersetzungen. Hier schreibt jemand in deutscher Sprache mit dem Anspruch der Unterhaltung und hoher stilistischer und narrativer Reflexion. Das ist etwas, was man selten findet und leider auch sehr selten beim Deutschen Unterhaltungsroman.
Meist schreiben die deutschen Autoren vom Stil her aufgeregt bei einer wenig aufregenden Geschichte. Und so etwas nervt mich völlig. Umgekehrt, wie bei Beck, ist es natürlich besser: es ist eine aufregende Geschichte mit einem unaufgeregten Stil. Sie hat es gar nicht nötig, Dramatik zu behaupten. Die entsteht während des Erzählens "automatisch". 

Videos

Ich komme voran. Ich habe schon wieder Möglichkeiten gefunden, mir die Arbeit zu erleichtern. Und gehe ein paar Schritte voran, indem ich gerade Figuren ausprobiere, also Männchen, die sich bewegen. Das ist zurzeit noch recht dilettantisch. Hier brauche ich ordentlichere Vorlagen und das wird dann der nächste Schritt sein. Dann könnte ich vielleicht sogar kleinere Geschichten comichaft verfilmen.
Parallel dazu probiere ich auch die filmische Illustration von Musik aus. Das mache ich mehr zum Vergnügen und um mich anzuregen, als um damit vorzeigbare Videos herzustellen. Aber ich lerne doch dabei wichtige Sachen und eventuell kann ich dies später trotzdem verwerten.

Grand Budapest Hotel

Gestern war ich mit meinem Onkel in dem Film Grand Budapest Hotel von Wes Anderson. Ein äußerst vergnüglicher Film. Wie alle Filme von Anderson ist er skurril, melancholisch und diesmal sogar ein wenig politisch. Fast jede Rolle ist mit einem großen Hollywood-Star besetzt. Die meisten erkennt man nicht auf den ersten Blick. Und viele von ihnen auch nicht auf den zweiten Blick.
Die Kulissen sind teilweise deutlich gemalt. Der Film gibt sich gar nicht erst die Mühe, eine Illusion von Realität aufzubauen.
Ich habe mich sehr gut unterhalten. Mein Onkel war hinterher gegenteiliger Stimmung. Seitdem denke ich darüber nach, warum er diese nette, märchenhafte Geschichte albern und nutzlos fand.

Der Film schildert die Erlebnisse eines Concierges, eben jenes aus dem Grand Budapest Hotel, der nach dem Ableben eines langjährigen, weiblichen Gastes unverhofft zu der Erbschaft eines Bildes gelangt. Die Familie dieser Frau macht ihm allerdings diese Erbschaft streitig und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Dies führt den Concierge zu einer Odyssee durch ein kleines osteuropäisches Land während einer Revolution und zu einigen eher skurrilen als dramatischen Abenteuern. Am Ende stellt sich heraus, dass die verstorbene Fürstin ermordet wurde und im Falle dieser Ermordung der Concierge das gesamte Erbe vermacht bekommt.

Der Film weist einige ästhetische Besonderheiten auf, die zwar nicht wirklich neu, aber selten genug zu finden sind. So sind die Kulissen mal realistisch und mal unrealistisch. Es gibt Szenen, in denen wirken einzelne Teile wie aufgestellte Figuren von zum Beispiel einer Seilbahn.
Zudem ist der Film verschachtelt erzählt. Zu Beginn und zum Ende wird ein Mädchen gezeigt, welches zu dem Denkmal eines Schriftstellers geht, der Grand Budapest Hotel geschrieben hat. Von dort aus springt der Film zu dem Schriftsteller selbst, nachdem er dieses Buch veröffentlicht hat. Von dort aus springt der Film erneut zu der Situation, in der der Schriftsteller angeblich von dieser Geschichte erfahren hat. Und erst dann beginnt die eigentliche Geschichte. Der Film ist also mit drei Rahmen versehen, die immer weiter entfernt in der Zeit liegen.
Zudem zitiert der Film zahlreiche Klassiker der Filmgeschichte, so unter anderem die berühmte Jagd im Schnee aus dem James Bond-Film For your eyes only. Auch Mord im Orient-Express wird zitiert, Shining von Stanley Kubrick und Schiff der Träume von Federico Fellini. Überhaupt Fellini: bei einer anderen Szene, aber da bin ich mir nicht mehr sicher, da ich den Film lange nicht gesehen habe, scheint er Casanova zitiert zu haben. Und dann tauchen auch, aber auch da bin ich mir nicht sicher, Filme mit Robert Redford auf: Der Clou, Der große Gatsby.

19.03.2014

Eine Art Selbstdemontage: die Grünen, die Linken und die Krim-Krise

Das ganze ging wohl von Reinhard Bütikofer aus, dem Chef der europäischen Grünen. Auf jeden Fall erschien ein Bild mit russischen Soldaten im Internet. Davor war Sahra Wagenknecht zu sehen, mit einem Bildbearbeitungsprogramm hineingesetzt. Beschriftet war das Bild mit: »Jetzt neu: Linkspartei erstmals für Auslandseinsätze!«

Die "beiden" Kritikpunkte der Linkspartei

Die Linkspartei hatte, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Gewichtungen, den Umgang mit der Ukraine und Russland kritisiert. Ein Hauptargument war, dass man nicht gegen Russland sein und damit stillschweigend eine „faschistische“ Regierung in Kiew in Kauf nehmen könne. Die andere Kritik betraf den völkerrechtlichen Umgang mit Russland. Gysi hat eingewendet, dass man nicht, wie das in der Vergangenheit auf dem Kosovo geschehen ist, dem einen Staat etwas erlauben könne und dem anderen Staat nicht, der einen Volksgruppe schon und der anderen nicht. Gysi hat hier also, übrigens sehr vorsichtig, nicht zuallererst die Russlandfeindlichkeit des Westens hervorgehoben, sondern ein rechtsstaatliches Prinzip, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz.

Die Ersetzung eines Schlusses durch ein Argument

Rhetorisch gesehen passiert der übliche Mist. Ein Argument wird als Schluss verkauft, bzw. ein Gegenargument zu einem Schluss umfunktioniert. Dass Gysi hier durchaus eine völkerrechtliche Konsequenz bei Russland sieht, deren Präzedenzfall der Westen geschaffen hat, heißt ja noch lange nicht, dass er über die Annektierung der Krim durch die Russen glücklich ist.
Dasselbe gilt übrigens für Sahra Wagenknecht. Die Grünen spinnen einfach einen Argumentationsstrang weiter und schieben damit Frau Wagenknecht eine Meinung unter, die sie so nicht geäußert hat. Das scheint ihr häufiger zu passieren und weist auf ein gewisses, recht befremdliches Verständnis der Linken in den deutschen Medien hin. Neulich habe ich gelesen, Wagenknecht würde eine europafeindliche Partei, die AfD, unterstützen. Ich glaube, es war in einem Artikel der Welt. Hier ist die Zustimmung eines Arguments von Lucke, dem Vorsitzenden der AfD, generalisiert worden. Wagenknecht und Lucke sind sich darin einig, dass die hohen Zahlungen während der Bankenkrise vor allem den Banken genützt hätten. Die Argumente berühren sich in einem einzigen Punkt. Von einer Unterstützung kann noch keine Rede sein.

Einige Paralogismen

Wir haben also eine ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals (und das ist bei einer Partei natürlich eine Meinung), also eine Extrapolation. Wir haben eine Generalisierung, also eine Übertragung in andere Bereiche und eine Art „einstimmig machen“. Und schließlich eine Vertauschung von Argument und Schluss, bzw. eine eigenmächtige Schlussfolgerung (hier also durch die Grünen) auf einen „bösen“ Schluss.

Öffentlichkeit und Aufklärung

Es ist immer ungünstig, wenn solche Sachen zwischen Oppositionsparteien geschehen. Die Opposition, zumindest die parlamentarische, ist in Deutschland im Moment schwach genug. Das ist nicht sonderlich erfreulich. Schließlich spielt die Opposition als Kontrollinstrument in Demokratien eine wichtige Rolle. Die Linken sind nun die stärkste Oppositionspartei. 
Dass hier von den Medien aus eine so kurzgegriffene Berichtserstattung stattfindet, dass von der anderen Oppositionspartei, den Grünen, solche Missklänge kommen, ist für die öffentliche Meinungsbildung nicht hilfreich. Man kann ja von den Linken im einzelnen halten, was man will. Da bin ich durchaus indifferent. Aber es gibt schon günstige und ungünstige Spielregeln für den demokratischen Prozess. 
In diesem Fall schleicht sich leider, ob im Einzelfall zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt, insgesamt eine Missachtung der Opposition ein. Gerade weil wir eine Große Koalition in Deutschland haben, sollte die Öffentlichkeit kritischer informiert werden. Und dazu gehört zunächst, dass ein Argument ein Argument ist, egal wie viele Menschen das vertreten. 
Es gibt hier eine Grenze: diese Grenze wird vor allem auch durch das Grundgesetz festgelegt, etwa durch die Würde des Menschen, um die zum Beispiel im Fall Lewitscharoff gestritten wurde / wird (dürfen durch künstliche Befruchtung gezeugte Menschen als Halbwesen bezeichnet werden?).
 Ansonsten aber darf sich in der öffentlichen Aufklärung ein Argument nur durch die gute Argumentation behaupten, nicht durch eine Parteizugehörigkeit. Und schon gar nicht darf hier, zumindest von den Medien aus, aber auch bitte nicht von den Parteien, dem Gegner eine Position in den Mund gelegt werden, die so nie geäußert worden ist. Das ist einfach eine ganz schlechte Taktik.
Das durchschauen die Menschen. Damit demontieren sich einzelne Grüne selbst. Zurecht distanzieren sich viele in der Partei von dem Vorgehen Bütikofers. Die Krim-Krise ist ernst genug und wenig durchschaubar. Sachlichkeit und Aufklärung sollten an erster Stelle stehen.

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Immer wenn bei mir relativ viel im Hintergrund passiert, schreibe ich weniger auf meinem Blog. Es sind allerdings ganz spannende Sachen. 

Narrative Logik / Argumentation

Das vielleicht hartnäckigste Thema der letzten zehn Jahre ist die Ausarbeitung einer narrativen Logik. Dazu hatte ich schon vielfach Artikel geschrieben. Insbesondere liegt mir der Krimi sehr am Herzen. Meine allererste Schablone dafür waren allerdings zwei Fantasy-Serien: Harry Potter und Artemis Fowl.
Ansonsten bin ich ja einige sehr weitläufige Umwege gegangen. Vor sechs Jahren hatte ich einen längeren Artikel zu Logik im Kriminalroman geschrieben. Und dieser wird nach wie vor sehr häufig gelesen. Das freut mich natürlich. Und macht mir ein schlechtes Gewissen, denn ich bin mittlerweile sehr viel weiter.
Mein Problem mit der ganzen Geschichte ist, dass die Theorie im Hintergrund so komplex geworden ist, dass ich sie nur vereinzelt werde darstellen können. Oder ich müsste ein ganzes (und wahrscheinlich sehr dickes) Buch dazu schreiben. Grundlegender aber ist, dass ich dieses Stadium des ›Ich kann das jetzt gut erklären‹ noch nicht erreicht habe. Ich formuliere also meine ganzen Fragmente immer wieder um, fasse zusammen, erstelle kleine Übersichten, wende sie auch für eigene Plots und Szenen daraus an. Aber diese deutliche Darstellung, die fehlt mir noch. Es reizt mich natürlich, hier auch weiter zu machen, gerade weil ich das Gefühl habe, dass ich so weit gekommen bin. Aber natürlich wurmt es mich auch ein ganzes Stück weit, weil ich jedoch einiges Neues zu erzählen habe.
Immerhin konnte ich letztes Jahr einen wichtigen Aspekt beim Krimi, das Rätsel, für mich überhaupt gut beschreibbar machen. Und wohlbemerkt: ihr wisst alle, was ein Rätsel ist. Das wusste ich auch schon vorher. Mir geht es bei solchen Sachen immer um eine Beschreibung, in der die Praxis des Schreibens mitreflektiert wird, so dass sie für Schriftsteller dann auch nützlich sind.

In den letzten Wochen habe ich dazu wieder vermehrt gearbeitet. Das liegt auch daran, dass sich über die Wintermonate einen größeren Teil meiner Exzerpte aus den Büchern von Kant in meinem Zettelkasten übertragen habe und ich in der Arbeit mit meinem Zettelkasten immer wieder neue Verbindungslinien finde, an denen ich meine wesentlich älteren Aufzeichnungen zum Krimi ausarbeite und sehr viele überraschende Wendungen finde. Manche halten mich dann wieder über Wochen und Monate beschäftigt. So wäre es auch falsch zu sagen, dass ich Hannah Arendt nur wegen ihrer politischen Philosophie lese. Mit einigen Kurven und Schleuderbewegungen kann man auch das aus meiner Beschäftigung mit dem Krimi ableiten. 

Zoe Beck: Brixton Hill

Dieses Buch wird mich wohl längere Zeit beschäftigen. Ich lese es sehr langsam, eigentlich von Beginn an aufmerksam für jeden Satz. Das passiert mir bei Krimis sonst nicht. Und eigentlich seit dem Anfang kommentiere ich auch. Auch das ist nicht meine übliche Vorgehensweise. Das erste Lesen gilt immer noch dem Vergnügen. Und für mich besteht kein Zweifel, dass dieses Buch mir großes Vergnügen macht. Aber in diesem Buch geschehen so viele schöne Sachen, so viele schriftstellerische Feinheiten, dass ich schlichtweg Angst habe, diese nicht sofort als Beobachtungen zu dokumentieren. Ich lese dieses Buch also extrem langsam und entgegen meiner bisherigen Gewohnheit gleich beim ersten Mal kommentierend. Zugegebenermaßen geschieht dies aber auch nur stellenweise. Weil ich da doch einfach mal wieder 30-40 Seiten in einem Rutsch lese und dann einfach nur eine kurze Zusammenfassung schreibe. 

Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel

Auch das ein sehr faszinierendes Buch. Es knüpft auf der einen Seite an die Neurophysiologie an. Und auf der anderen Seite spürt man bei Metzinger deutlich, dass er aus der einflussreichen Schule der Phänomenologen stammt. Vieles, was er schreibt, lässt Husserl und Jaspers, Heidegger und Merleau-Ponty durchscheinen. Und gleichzeitig schafft der Autor etwas Neues, etwas sehr Anregendes.
Hier flechte ich auch zarte Bande zu Hannah Arendt. Letzte Woche habe ich noch einmal das ganze erste Kapitel von Metzinger durchgearbeitet. Ich habe meine Notizen von der zweiten Lektüre durch Gedanken zum Thema Lesen ergänzt. Genauer gesagt: mich hat interessiert, was dieses Buch über einen kompetenten Leser sagen könnte. Wie liest ein solcher Mensch? Oder zumindest: wie sollte er lesen? 

Motivation

Eigentlich hatte ich dieses Thema nach einigen Jahren intensiverer Beschäftigung wieder verlassen. Metzinger hat mir nochmal einige neue Sachen deutlich gemacht. Hier ist das Buch von Metzinger gar nicht so revolutionär. Aber in der Art und Weise, wie er diese Aspekte beschreibt, fand ich sie sehr beflügelnd. Und so entstehen noch einmal neue Betrachtungsweisen für den Prozess der Motivation und für die Willensbildung. Am spannendsten finde ich aber die Ausführungen über die Aufmerksamkeit. Wofür ist ein Mensch aufmerksam, was natürlich in diesem Fall heißt: was konstruiert sich ein Gehirn als besonders wichtig?
Sehr spannend! 

Abwehrmechanismen

Schließlich, und das ist etwas, was mich tatsächlich jetzt auch sehr beschäftigt hat, gibt es bei Metzinger eine gewisse Nähe zur Psychoanalyse. Ich hatte vor fünf Jahren den vielleicht phantastisch anmutenden Einfall, die Logik des Kriminalromans anhand der Abwehrmechanismen, wie sie die Psychoanalyse vorstellt, zu rekonstruieren. Das ist ein Gedanke, der mich seitdem nicht losgelassen hat. Er ist bloß ein wenig aus meinem Scheinwerfer herausgerückt, weil ich mich dann erstmal mit der philosophischen Logik grundsätzlich auseinandergesetzt habe. 

Videos

Auch da passiert im Hintergrund recht viel. Wobei ich hier stärker auf eine Kombination mit Angeboten außerhalb der Videos experimentiere. Zu einem richtigen Produkt komme ich allerdings noch nicht. Und das wird auch noch einige Zeit dauern. Zuerst möchte ich meinen grundlegenden Umgang mit der Videoproduktion noch im Mittelpunkt wissen.
Was ich aber auf jeden Fall machen werde, soviel sei schon verraten: in Zukunft werde ich wesentlich stärker auf Ergänzungen außerhalb der Videos achten und hier eventuell mit mind-maps und auch interaktiven Programmen meinen Service verbessern.

15.03.2014

Klingt gut! Zumal gleich in einem Satz, ohne lange zu fackeln, gesellschaftliche Problemzonen auf den Tisch gebracht werden: Gier, Alkohol, Klimawandel, Verkehrskollaps, Überalterung der Bevölkerung, Geburtenproblematik, Kriminalität, unberechenbares Gengemüse und Amerika.

Der putziger Peter und die gierige Gabi standen komplett seufzend am finsteren Fenster und blickten verkatert auf die regennasse, von Autos bevölkerte pariser Straße hinab, als plötzlich und ohne dass es jemand geahnt haben könnte, eine leicht eingetrocknete, saure, wohl zu Gabis Großmutter, die dreißig Meilen südlich in einem kriminalitätsbelasteten, kinderreichen Kurort in unmittelbarer Nähe von Boston, wo sie niemanden kannte, wohnte, gehörige Gurke eilig vorbeiflog.
Das war, nach einem intensiven Brainstorming, die Alternative, die wir für folgenden, überraschenden Anfang gefunden hatten:
Es war eine stürmische Nacht. Der Regen fiel in Strömen.
Den Titel verdanke ich Klara Bellis.

Manchmal, wenn man sehr diszipliniert arbeiten muss, sehr auch auf einzelne Wörter und Fachbegriffe aufpassen muss, tut es gut, sich nebenher mit ganz anderen Textmustern zu beschäftigen, möglichst auch in einer Gruppe und möglichst, ohne ein fertiges Produkt anzustreben.

Brixton Hill von Zoe Beck

Hatte ich neulich geschrieben, dass ich mich nicht so richtig an die Bücher von Zoe Beck herantraue, obwohl ich ihre letzten drei Krimis besitze? Nun, ich lese gerade Brixton Hill und bin ganz hin und weg. Klare, schlichte Sprache, eine Hauptfigur mit Ecken und Kanten, dabei aber sehr realistisch. Kein großes Herumgeschwafel mit psychologischen Hintergründen (was ja eh nur Autoren machen, die keine Ahnung von Psychologie haben). Schließlich: Humor. Trockener, gut eingesetzter Humor. Zur Geschichte kann ich noch nicht so viel sagen. Ich bin, aus Zeitmangel, noch nicht allzu weit gekommen. Seite 80 gerade eben.
Irgendjemand schreibt auf Amazon zu diesem Buch: 
"Wer “Brixton Hill” lesen möchte, weil er ein Thriller-Fan der blutrünstigen Art ist, wird sicherlich enttäuscht werden. Ich stand auch kurz davor, weil das Wort “Thriller” auf einem Buchcover ganz bestimmte Erwartungen in mir weckt und diese während des Lesens nicht gänzlich erfüllt wurden."
Aber heute klebt man doch auf jedes Buch, in dem es einen Toten mehr als notwendig gibt, einen Terroranschlag oder einen Wirtschaftskriminellen im Hintergrund, das Wort Thriller drauf. Manche Verlage kennen anscheinend nichts anderes mehr. Weil die meisten modernen Thriller möglichst blutig beginnen und dann in der Qualität des Schreibstils umso schneller nachlassen.
Becks Buch ist spannend. Aber ihre Schreibweise ist unaufgeregt, präzise, fast leise. Das muss aber auch so sein, denn erst dadurch wird eine Geschichte nicht ständig durch dieses Hickhack von "plötzlich", "auf einmal" und "wie aus heiterem Himmel" zerhackstückt.

Die Sorge um das Kindeswohl — die Krim-Krise, Putin und die EU

Streitigkeiten um das Sorgerecht eines Kindes kann man häufig dahingehend zusammenfassen, dass gilt: Wenn zwei sich streiten, leidet der Dritte. Ähnliches muss man wohl konstatieren, wenn man sich den Kommentar zur Krim-Krise von Markus Schulte von Drach durchliest und noch einige Artikel drumherum. Es scheint überhaupt nicht um eine Meinungsbildung der Krim-Bewohner zu gehen, sondern um eine Instrumentalisierung, die auf dem schlichten Freund-Feind-Denken beruht. Insofern ist ein Vergleich mit dem Kalten Krieg nicht unrealistisch.
Selbst wenn es nur zwei Menschen sind, die sich hier um die Anektierung eines Gebietes (d.h. eines Kindes) „geeinigt“ haben, ist es doch allzu häufig ein sehr instabiler und unterschwellig brodelnder Zustand.

12.03.2014

Wahnsinn in Gesellschaft. Die Tugendhaften und die Tugendhafteren.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Petition gegen Lanz versandet in dem argumentativen Bollwerk des ZDF. Die peinlichen Äußerungen von Matussek werden als peinlich gebrandmarkt und dann beiseite geschoben, um bei nächster Gelegenheit erneut ans Licht gezogen zu werden. Und auch die Empörung um Sibylle Lewitscharoff fällt einer bestimmten Mäßigung zum Opfer.

Theatralisierung als Tatsache und Unterstellung

Was wir gerade wieder sehen, bei der Debatte um Sibylle Lewitscharoff, das ist nicht nur die Lust an der Empörung. Diese Theatralisierungen, die so gerne unterstellt werden, um aus sehr verschiedenen Motiven einen Einheitsbrei zu machen, die sind es auch. Wir sehen den unguten Ausgang, der dann wohl lautet: Friede den Hütten, Friede den Palästen. Der Krieg fände doch wohl anderswo statt. Zum Beispiel auf der Krim.

Wie aber könnte man einem solchen befriedenden Ausgang entkommen? 

Sachlichkeit oder Positionierung

Nun: ein Problem, das ich sehe, ist, dass Begriffe nicht genügend erörtert und Problemstellungen von ihrer Sache her so verengt werden, dass sie keinen weiteren Platz für Argumente bieten.
Biopolitik zum Beispiel. Wir entkommen dieser Biopolitik heute nicht mehr, da die Frage nach dem guten Leben eng mit der Frage nach der medizinischen Versorgung und dem Beginn und dem Ende des Lebens verflochten ist. Sie sind so eng verflochten, dass selbst die gegenteilige Aussage noch Biopolitik ist. Es läge alles in Gottes Hand, das ist keine rein religiöse Aussage mehr. Auch das gehört zu dem weiten Feld der Biopolitik dazu. Das liegt vor allem auch daran, dass diese Aussage in einem Netz von Aussagen zu lesen ist, also nicht einzeln und nur für sich, sondern in Beziehung, mal in Bruderschaft, mal in Feindschaft. Der einzelne Sprecher kann es nicht verhindern. 

Biopolitik

Zunächst also wäre zu klären, was Biopolitik ist. Welche Aussagen zu Biopolitik dazu gehören, welche Aussagen nicht. Welche Praktiken, Techniken, gesellschaftlichen Positionen, Ereignisse in dieses obskure Feld eingearbeitet werden dürfen. Welche Aussagen beiseite gelassen werden können.
Biopolitik betrifft die Sorge um bestimmte Bevölkerungsschichten oder die Gesamtbevölkerung in Bezug auf ihr biologisches „Vermögen“. Sie betrifft die Gesundheit, die Fortpflanzungsfähigkeit, den Kinderreichtum, die Arbeitskraft, und einiges mehr; also ein ganzes Bündel an mehr oder weniger offensichtlichen Variablen. Wohlbemerkt handelt es sich hier um eine Sorge, die vor allem auch eine Sorge darstellt, die durch Statistiken zu uns oder zu den Regierenden kommt. Und es sind die Aussagen, die sich um solche Statistiken scharren, dann aber auch um Gesetze, Institutionen und ganze architektonische Maßnahmenbündeln (Quartiersmanagement, Gentrifikation, um zwei Beispiele zu nennen).

Zumindest eines kann man sagen: wer sich von der Biopolitik lossagt, gehört schon zu ihr. Wer die Techniken künstlicher Befruchtung ablehnt, hat noch lange nicht die Biopolitik abgelehnt. Er ist genauso ein Spieler auf dem Feld wie die Befürworter. 

Debattenkultur

Dasselbe gilt für die Kultur der Debatte. Diese Debatte hat, wie Hajo Steinert feststellt, einen Punkt erreicht, an dem sie unfruchtbar geworden ist oder zu werden droht. Sie bräuchte, um hier weiterhin more metaphorico zu sprechen, selbst eine künstliche Befruchtung.
Wir kehren also zurück zu dem Problem von Theatralisierung und Fachlichkeit. Theatralisierung kann nicht sinnvoll sein. Sie verpflichtet die Sprecher eher darauf, sich um ihre Position auf dem Kampfschauplatz zu bemühen, als um die Sache selbst.
Hier könnte eine Differenzierung helfen, ein Kleinarbeiten der Probleme. Doch gerade das scheint im Internet nicht oder nur schlecht möglich. Man spricht zwar oft von der Vernetzung und den tollen Möglichkeiten, die das Internet bietet. Aber gerade solche Debatten zeigen, dass das Internet auch von einer erhaben beidseitigen Einseitigkeit sein kann. Rhetorisch ist hier von beiden Seiten mit schweren Geschützen gearbeitet worden. Es war sehr häufig eine Rhetorik der Vereinheitlichung. 

Beeindruckende Ereignisse

Man könnte das ganze dann, ein wenig zynisch, mit Niklas Luhmann erklären. Es sind gerade die flüchtigen Ereignisse, die besonders beeindruckend sind und die rasch in Systeme eingebunden werden. Langsamere Prozesse mit fragwürdigeren Ergebnissen dagegen disziplinieren die Systeme nur selten. Wissenschaftlichkeit und gute Recherche sind wesentlich langsamer als Skandale. Meinungsartikel dagegen genießen den Vorteil eines hohen Tempos, der mit einer breit gestreuten Anschlussfähigkeit einhergeht. Man muss die Meinung nicht langwierig nachvollziehen. Sie erlauben rasch eine Gegenmeinung und erfordern keinen Gegenbeweis. 

Die Tugend der Intoleranz?

Wir kommen an eine Stelle, bei der Tugend nichts mehr hilft. Schon gar nicht helfen hier die Moral oder die Werte. Die Werte und Normen unserer Gesellschaft erklären sich nicht aus sich selbst und dementsprechend ist der Rückzug auf die Tugend zunächst nützlich, um ein Meinungsprofil zu erstellen. Dann aber wird sie schädlich. Sie verliert die Möglichkeit, diese Debatte anders zu regulieren als durch Drohgebärden. Sachlichkeit wäre angebracht.

Ulf Poschardt schreibt dann auch (in einem für die Welt erstaunlich reflektierten Artikel): „Die Gesellschaft wird freier, aber die Intoleranz in Medien und sozialen Netzwerken gegen jede Form von Irrsinn und Idiosynkrasie wächst.
Und stellt damit die Frage, wie lange Intoleranz dauern muss, damit man ihr gegenüber intolerant werden darf.

11.03.2014

Zoë Beck und die Fähigkeit zu lesen

Nein, eigentlich soll es hier nicht um Zoë Beck gehen. Dann aber doch, zumindest zu Beginn. Und dann noch einmal zum Schluss. Denn vor einigen Tagen hat sie einen Artikel geschrieben, der den rätselhaften Titel ›Ilsebill salzte nach.‹ erhielt. Dem war ein anderer Artikel vorhergegangen, der das Thema verdeutlicht: ›Das nie endende Bücher-Knigge-Thema: Wie viel vom Buch man lesen muss.‹

Qualität ...

Oder anders gesagt: Kann man auf der ersten Seite erahnen, ob ein Buch gut ist? Ja, man kann es. Man kann es sogar sehr gut, wenn man bereit ist, sich intensiv mit der Literatur auseinanderzusetzen. Ich möchte nicht behaupten, dass man auch dann völlig sicher sein kann. Aber wenn nach einigen Seiten immer noch keine Leselust aufgekommen ist, dann kann man doch mit großer Bestimmtheit sagen, dass dieser Autor nicht für einen selbst schreibt.
Und damit habe ich die vorsichtige Grenzlinie eingezogen, die man trotzdem beachten muss: es wird immer wahrscheinlicher, aber nie vollkommen sicher.

Es ist ein Irrglaube unserer Zeit, dass Bücher dazu da seien, spannend zu sein. Schauen wir uns Jahrestage von Uwe Johnson an. Dieses Buch hat nicht ein bisschen an der Spannung, die ein Thriller-Leser erwartet. Und so gesehen ist es ein unglaublich langweiliges Buch. Gerade zu belanglos.
Nun ist Jahrestage aber auch ein ganz großartiges Werk. Mein Herz jedenfalls hat es im Sturm erobert und rangiert, seit ich es kennen gelernt habe, unter meinen Lieblingen (die weniger aus einer Rangfolge, denn aus einer Art Bücherwolke bestehen).

Mein Weg in die Jahrestage

Bildungsbürgerliche Ruinen

Aber warum ist es ein großartiges Werk? Warum fasziniert es mich?
Nun, diese Antwort lässt sich nicht so einfach geben. Vielleicht muss ich das autobiografisch beantworten. Als ich mein Studium begonnen habe, fand ich Autoren wie Goethe oder Kleist irgendwie nett. Zusammengehalten wurde diese Nettigkeit von einem diffusen, wenn auch mit Rebellion gewürzten Bildungsbürgertum. Irgendetwas von: Die sind schon gut, aber bitte nicht so, wie meine Eltern das behaupten, so blind ins Blaue hinein.
In meinem Studium habe ich einige Dinge wirklich hassen gelernt. Wenn man Literaturwissenschaft studiert, dann hat man es mit Menschen zu tun, die Bücher lieben. Manche (zum Glück nicht alle) stehen dann vor einem und hauchen mit zum Himmel erhobenen Augen von ihrem Kafka oder von der Kultur tragenden Bedeutung eines Schillers (ausgerechnet Schiller, dieser Stammtisch-Poet!). Ich habe mich am Anfang davon beeindrucken lassen. Dann nicht mehr. Und schließlich fand ich jene Art von Menschen, die diesen Ausdruck auch so gut beherrschen: es sind die beiden Frauen von den Zeugen Jehovas, die trotz langjähriger schlechter Erfahrung immer wieder an meiner Tür klingeln und mit derselben Körperhaltung fragen, ob ich an Gott glaube. Nicht für Sie, war einmal meine Antwort. 
So glaube ich auch nicht an den guten Roman.

Grammatik

Was aber hat mich geprägt? Heute kann ich mit großer Sicherheit sagen, dass es nicht die Literaturwissenschaft war, sondern die Sprachwissenschaft, allen voran Grammatik. Man muss das gut verstehen. Und man muss vor allem verstehen, was ich hier mit Grammatik meine. Grammatik ist nicht, wie dies im landläufigen Sinne behauptet wird, im Gehorsam gegenüber den Regeln begründet. Das ist nur oberflächlich richtig. Dringt man tiefer in das Gebiet der Grammatik ein, dann hat man es mit den Ordnungen von Sprachen zu tun. Und man befasst sich auch nicht mit Vorschriften, sondern mit Beschreibungen. Wie ist eine Sprache geordnet? So fragt die Grammatik. Nicht, ob sie richtig geordnet ist. Ihr Ziel ist Erkenntnis, nicht Normierung.

Respektvoller Eigensinn

Am Befremdlichsten aber war in meinem Germanistik-Studium, dass ich gelernt habe, dass eine Sprache sehr verschiedene Arten der Grammatik nutzt. Es gibt zum Beispiel eine recht typische Ordnung von Vokalen und Konsonanten zu Silben im Deutschen. Von den Buchstaben her gesehen würden uns sehr viel mehr mögliche Silben zur Verfügung stehen, als wir tatsächlich benutzen. Frappierend dabei ist, dass diese Buchstaben sich dann zu den immer gleichen Silben zusammenziehen, sofern man alle Wörter weglässt, die aus einer anderen Sprache stammen und noch nicht eingedeutscht sind.
Ebenso finden wir solche Ordnungen im Übergang vom Wort zum Satz. Und so kennen wir die Grammatik auch. Es gäbe so viele Möglichkeiten, Wörter hintereinander zu stellen. Aber die wenigsten sind richtig.
Schließlich sind auch Geschichten so geordnet. Es gibt eine narrative Grammatik. Diese ist nun nicht in so starren Regeln formuliert, wie dies in den Sätzen zu finden ist. Aber es gibt sie, diese narrative Grammatik. Was ist ein spannender Roman? Es ist genau diese gekonnte Mischung zwischen Bekanntem und Neuem. Es ist der Schöpferwille des Autors, der schließlich doch auf seine Leser Rücksicht nimmt und unterhalten will. Der gute Roman ist zurückgenommener, respektvoller Eigensinn.

Kohärenz und Kohäsion

Dies habe ich nicht in meinem Studium gelernt.
Und trotzdem konnte ich durch mein Studium den Weg dorthin gehen. Denn plötzlich ging es nicht mehr um die Qualität eines Romans (für den sich ein guter Literaturwissenschaftler herzlich wenig interessiert), sondern um Effekte der Kohärenz und Kohäsion. Kohärenz, das sind die äußeren Merkmale eines Textes, die aufeinander verweisen, die zusammen jenes Geflecht an äußeren Merkmalen bietet, um sich daraus eine Vorstellung aufzubauen. Und die Kohäsion ist jenes Geflecht aus Vorstellungen, die in jenem Moment entsteht, wenn ein Leser einen Text liest. Die Kohärenz zeigt sich an solchen Phänomenen wie der einheitlichen Personenkonstellation (und sind wir nicht alle ärgerlich, wenn am Ende eines Romans der Mörder dann der Neffe des Apothekers ist, dessen Hund mal eine Frau gebissen hat, die bei dem Ermordeten gearbeitet hat? und der bisher noch nie in dem Roman aufgetaucht ist?). Und die Kohäsion findet ihr deutlichstes Zeichen dort, wo mich ein Text berührt, wo ich vergesse, dass ein Text nur ein Text ist, eine leicht befremdliche Zusammenstellung aus immer wieder gleichen Punkten und Strichen. Wo eine Vorstellung die Führung übernimmt und wo ich lese, ohne mir wirklich darüber bewusst zu sein, dass ich lese.

Buchstabe für Buchstabe

Was also habe ich in meinem Studium gelernt? Ich habe gelernt, diese beiden Seiten zu trennen. Ich habe gelernt, Texte Satz für Satz, Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe zu lesen. Ich habe gelernt, wie der spannendste Text auf dem Weg zu einer genauen Beschreibung seinen Zauber verliert, aber an Klarheit gewinnt. Ich habe gelernt, dass diese Regeln der Kohärenz schlichte, aber mächtige Verbündete des Autoren sind, genau so wie die Liebe zum Leser ein mächtiger Verbündeter ist. Und dass manchmal ein sehr schlichter, geradezu schablonenhafte Roman durchaus an seinen Rändern einen Reiz erhält, den ein kunstvoller, vielfach in sich geflochtener Roman nicht birgt. Dieser ist der Ort eines ganz anderen Zaubers. Es lässt sich schlecht vergleichen. 

Weltflucht und Welttrotz

Jahrestage nun hat seine ganz eigene Spannung. Hans Hütt hat dies so treffend als zurückgehaltenen Pathos formuliert. Es ist jene trotzige Sorge um die Realität, die diesen Roman so wundervoll klingen lässt. Es ist eine ganz andere Art der Spannung, nicht jene der Weltflucht, die wir beim Krimileser finden, sondern jene des Welttrotzes. Johnson bestätigt faktisch die Welt, so wie sie ist, und verleugnet sie zugleich durch die Poesie, die er ihr gibt.

Leseerfahrung

Kann man also auf den ersten Seiten entscheiden, ob ein Buch gut oder schlecht ist? Mit großer Wahrscheinlichkeit ja. Wenn man sich vorher im Lesen gründlich geübt hat. Man braucht Leseerfahrung. Man braucht vielfältige Leseerfahrung. Denn wenn man für die Kohärenz eines Textes sensibel ist, kann man erahnen, ob die Kohäsion, also das, was mich als Leser bindet, treffen wird. Und es gibt einige ganz grundsätzliche Merkmale, die einen Text fragwürdig werden lassen.
Dazu gehören übrigens nicht die Rechtschreibung und auch nicht die Zeichensetzung. Zumindest nicht dann, wenn sie weitestgehend stimmig sind. Deutlicher wird dies, wenn man sich nach der Logik der aufgebauten Welt richtet. Einen schlechten Roman kann man dann erwarten, wenn der Autor krampfhaft versucht, sofort ein großes Szenario aufzubauen, wenn er seine Figuren in umständliche Beschreibungen fasst oder langwierige historische Abhandlungen zum Besten gibt. Wenn lächerliche, bedeutungslose Details als Sinnlichkeit verkauft werden oder die Geschichte unvermutet von einem Ort zum nächsten stolpert, als gäbe es keine Wege zwischen ihnen. Oder der Protagonist Handlungen nebeneinander setzt, als habe er kein Innenleben.
Findet man dies auf den ersten Seiten, so wird nichts Gutes folgen. Meistens nicht. Es gibt Ausnahmen. Aber die sind fast noch seltener als jene außergewöhnlichen Romane, die uns vom ersten Satz an treffen und uns nicht mehr loslassen, bis wir notgedrungen am Ende des Buches nichts mehr zu lesen haben. 

Zoë Beck

Die Kraft, von Texten zu sprechen

Einmal habe ich Zoë Beck auf einer Lesung etwas sehr Bemerkenswertes machen sehen. Sie hat auf eine Frage aus dem Zuschauerraum begonnen, die Wirkung einer Textpassage zu erklären. Sie hat dies in sehr einfachen, verständlichen Worten getan. Und trotzdem war dahinter die langjährig geübte Kraft einer studierten Frau zu spüren, jener Wille, einen Text nicht nur zum Vergnügen, sondern auch systematisch zu lesen (ich vermeide an dieser Stelle das Wort wissenschaftlich, obwohl genau dies wissenschaftlich im vollsten Sinne des Wortes ist, weil viele Menschen sich über den Inhalt eines literaturwissenschaftlichen Studiums täuschen: es geht eben nicht darum, Romane noch mehr zu lieben). 

Privatneurose

An dieser Stelle darf ich ein persönliches Bekenntnis machen. Ich besitze jetzt drei Bücher von Zoë Beck. Neben meinem Dashiell Hammett, George Simenon und einem lediglich aus nostalgischen Gründen vorhandenen Conan Doyle, zwei Krimis von Andrea Camilleri und drei weiteren wirklich guten Krimis ist dies in meinem Bücherregal schon alles, was an Krimis zu finden ist. Meine Krimis existieren entweder in der öffentlichen Bibliothek (und da könnte ich zahlreiche sehr gute beisteuern) oder durchkommentiert in meinem Zettelkasten.
Die Bücher von Zoë habe ich noch nicht gelesen.
Aus einem schlichten, wenn auch deutlich neurotischen Grund. Ich habe Zoë kennen gelernt, bevor ich ein Buch von ihr gelesen hatte. Sie ist ein Mensch, vor dem ich unbedingten Respekt habe. Und das diesmal nicht wegen ihrer Fähigkeiten, sondern als der Mensch, der sie ist. Ich traue mich an ihre Bücher nicht heran, aus dem simplem Grund, weil ich Angst habe, dass meine Wertschätzung für sie enttäuscht werden könnte. Das ist mein neurotisches Potenzial. Ich weiß! Aber es ist auch jene Kraft, mit der sie über Literatur sprechen kann, mit einer Art Unbefangenheit, die nicht kindlich ist, sondern (obwohl ich dieses Wort ungerne benutzen, weil es sich so nach fortgeschrittenem Alter anhört) weise. 

Der zukünftige Leser

Es ist vielleicht jene Kraft, lesen zu können, jene, die nicht nur für sich liest, sondern auch für den zukünftigen Leser mit; die Kraft also, die beim eigenen Lesen das andere Lesen mit bedenkt und reflektiert.

Nein, man muss nicht das ganze Buch lesen, um es beurteilen zu können. Von Seite zu Seite und von Satz zu Satz offenbart sich dem geübten Leser immer mehr, ob ein Autor gut gelesen hat, ob er gut lesen kann. Ich glaube, dass sich dies in Romanen zeigt, auch wenn der Roman nie davon spricht. Und vielleicht macht das einen großen Schriftsteller aus: dass er ein großer Leser ist.