31.01.2014

Traum und Bild als Zeichen

Ein recht hartnäckiges Problem in meinem Beruf ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Zeichen. Das mag auf den ersten Blick nicht so einsichtig sein. Tatsächlich aber haben wir schon in ganz einfachen Sätzen sehr unterschiedliche Arten von Zeichen und dies auf sehr unterschiedlichen Ebenen. 

Das typischste Zeichen ist das Symbol (dies bitte nicht mit dem literarischen Symbol verwechseln). Dieses linguistische oder semiologische Symbol stellt eine Beziehung zwischen dem Lautbild und dem Vorstellungsbild her, welches auf Willkürlichkeit beruht. Meine Vorstellung vom Hund muss nicht notwendig mit dem Wort ›Hund‹ bezeichnet werden. Nun hat mich diese Behauptung, die Beziehung seien willkürlich, immer auch gestört. Sie ist natürlich nicht in dem Sinne willkürlich, dass man einen Hund jetzt auf beliebige Art und Weise bezeichnen kann. Hier ist man einer Tradition verpflichtet.
Anders gesagt: die innere Bindung zwischen Lautbild und Vorstellungsbild wird durch äußere historische Prozesse aufgezwungen.

Das Ikon ist ebenfalls ein Zeichen (laut Semiologie). Hier wird die innere Verbindung durch eine Ähnlichkeit hergestellt. So sind Fotografien Ikone mit einer hohen Ähnlichkeit. Wenn der vierjährige Sohn seinen Kopffüßler vom Papa malt, dann ist die Ähnlichkeit sehr gering. (Kopffüßler: es gibt in der Entwicklung der Kinderzeichnung ein Stadium, in dem das Kind Köpfe mit Füßen dran malt. Diese Figuren nennt man Kopffüßler.)

Nun schreiben Adorno und Horkheimer in ihrem Buch Dialektik der Aufklärung folgendes:
Auf der magischen Stufe galten Traum und Bild nicht als bloßes Zeichen der Sache, sondern als mit dieser durch Ähnlichkeit oder durch den Namen verbunden. Die Beziehung ist nicht die der Intention sondern der Verwandtschaft.
(Seite 17)
Man könnte also sagen, dass der Unterschied zwischen dem archaischen und dem modernen Denken in der Wahl der Problemlösungen liegt. Das archaische Denken nutzt die Analogiebildung, dass moderne Denken die Mittel-Ziel-Analyse.

Und wenn man Adorno und Horkheimer weiterverfolgt, dann sind Symbole (oder wie sie hier genannt werden: Bezeichnungen) säkularisierte Ikone. Die Ähnlichkeit wurde im Laufe des historischen Prozesses vergessen. Geblieben ist die Gewohnheit, das Original und das Abbild zu verknüpfen, egal, wie sehr diese in den Merkmalen noch übereinstimmen.

27.01.2014

Ach Fantasy-Buch. Und Herr Snowden

Heute habe ich in einen ziemlich schlechten Roman hineingeschaut. Es gab auf den ersten Seiten so viele Sätze, deren Logik zweideutig war, garniert mit den üblichen Abstraktionen, dass ich keine Lust hatte, weiterzulesen. Vielleicht sollte man den einen oder anderen Satz noch einmal hier vorführen, einfach um zu zeigen, welche Sätze unglücklich formuliert sind. Hier waren es übersetzte Sätze. Das Buch ist im Piper-Verlag erschienen. Mittlerweile habe ich die Autorin und den Titel des Buches erfolgreich vergessen.

Das Interview sei unfruchtbar gewesen und dramaturgisch ungeschickt. So lautet eine der Kritiken an dem Snowden-Interview gestern Nacht. Was aber haben die Menschen erwartet? Snowden bekommt ja nur Asyl unter der Bedingung, dass er keine weiteren Veröffentlichungen vornimmt, als jene, die er sowieso schon den Journalisten übergeben hat. Damit ist doch klar, dass Snowden im Moment die Hände gebunden sind. Es war mutig genug, was er gemacht hat. Dass er jetzt, nur um die Sensationsgier mancher Menschen zu befriedigen, auch noch seinen letzten Aufenthalt verspielt, das darf man wohl nicht erwarten.

Und Europa: was Jörges verschwiegen wissen wollte

Es mag ja penetrant sein, aber ich hänge immer noch an dieser Talkshow von Lanz und an der Haltbarkeit der Argumente.

Vielleicht das Vergnügliche vorneweg.
In der Satirezeitschrift Titanic gibt es seit längerer Zeit eine wirklich hervorragende Kolumne (wie die Titanic insgesamt langsam wieder zu einer durchgehend guten Zeitschrift wird). Diese Kolumne nennt sich Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück. Aktuell: Der Kampf gegen Gimpel.
Besonders freut mich, dass Gärtner den guten, alten Kant so gut kennt, dass ich ihm nicht widersprechen kann (was allerdings auch daran liegen könnte, dass ich mich mit der Philosophie von Kant immer noch unbeholfen fühle). Jedenfalls: sehr lesenswert.

Lassen wir mal die Reichen außen vor, sagt Lanz Sahra Wagenknecht.
Gerade kommt ein Vorschlag von der Bundesbank, der, ja was ist der eigentlich? Ökonomisch sinnlos? Ein „linker Shitstorm“ gegen Reiche? Jedenfalls schreibt Spiegel-online: Bundesbank: Verschuldete Länder sollen Reiche zur Kasse bitten.
Ich hoffe, dass Lanz das nicht gelesen hat.

Jörges verteidigt die Ausnahmen beim flächendeckenden Mindestlohn. Ausnahmen allerdings, das ist geradezu die Untertreibung des Jahres. Ebenfalls bei Spiegel-online liest man: Niedriglöhner: 2 Millionen Menschen droht Ausschluss vom Mindestlohn. Damit würden aber statt 5 Millionen nur 3 Millionen Menschen von der Mindestlohn-Regelung profitieren. Und profitieren ist natürlich eindeutig ein falsches Wort. Sie würden weniger schlecht dahinvegetieren. Und das ist dann fast die Hälfte. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Lücke nicht ausgenutzt wird. Immerhin ist es eine Lücke von der Größe eines Scheunentors.

Europa militaristisch zu nennen sei europafeindlich. In der online-Ausgabe der Rheinischen Post liest man dagegen folgendes: „Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.“ Man kann hier natürlich darüber streiten, ob das bereits zum Militarismus gehört. Tatsache ist, dass Waffen solcher Größenordnung für Kriege verwendet werden und damit militärische Strukturen sowohl politisch als auch wirtschaftlich unterstützen. Ob ein Ausstieg von Deutschland oder Europa aus dem Waffenexport etwas nützen würde, ist natürlich fraglich. Aber sich einfach nur zynisch hinzustellen und zu sagen: wenn wir die anderen sowieso nicht daran hindern können, dann machen wir es eben lieber selbst, ist wohl eine der schlechtesten Ausreden, die es gibt.
Abgesehen davon, dass der Sprung vom Militarismus zur Europafeindlichkeit schon einem Bocksprung gleicht, ist die ganze Diskussion durch die fehlende Begriffsklärung undeutlich geworden. Und ich hätte es interessanter gefunden, wenn Lanz hier mal tatsächlich nachgehakt hätte und das deutlich sichtbare Unbehagen von Wagenknecht an dieser Formulierung etwas abgeklärt hätte. Es wäre nämlich durchaus interessant gewesen, ob Wagenknecht diese Formulierung nur deshalb ablehnt, weil sie die Reaktionen dazu kennt oder ob sie diese Formulierung ablehnt, weil sie den Begriff im vorläufigen Parteiprogramm der Linken für zu umfassend findet. Und dann wäre es natürlich wesentlich interessanter gewesen, nicht eine Begriffsdiskussion zu machen, sondern über die Bedingungen, durch die Europa in die Waffenproduktion verstrickt ist (damit natürlich auch in Kriege), zu sprechen, vor allem über Alternativen.

Europa ja oder nein?
Die Süddeutsche schreibt: „Die meisten wollen Europa, aber sie wollen es anders. Wie eine andere, eine bürgernähere EU aussehen könnte, das müsste das Thema des Wahlkampfs sein, der nun mit diversen Parteitagen begonnen hat. Europa braucht nicht nur Verträge, es braucht das Vertrauen seiner Bürger.“
Dieser unkritische Blick auf Europa, für den Lanz und Jörges massiv geworben haben, der ist es schließlich, der die Bürger gegen Europa aufbringt, nicht nur gegen diese beiden Hofnarren des Journalismus.

Isolation und Vereinheitlichung: Stefan Niggemeier und der etablierte Journalismus

Stefan Niggemeier muss man einfach mögen.
Gerade hat er in seinem Artikel So mögen sie Gulaschsuppe essen: eine Kritik der Kritik an der Lanz-Petition eben jene Mechanismen benannt, die durch eine rhetorische Analyse herausgearbeitet werden können. Und dies sind eigentlich zwei Mechanismen, die zudem meist im gleichen Satz auftauchen: die Isolation und die Vereinheitlichung.

Isolation und soziale Struktur

Schon das erste Beispiel zeigt, was hinter der Rhetorik oder der rhetorischen Analyse immer wieder auftaucht: dass hier eine soziale Struktur suggeriert wird. Pflücken wir dies mal ein wenig auseinander und etwas umfassender, als das Niggemeier selbst macht.

Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF, sagt
(…) Markus Lanz hat in mehr als 500 Sendungen einen hervorragenden Job gemacht. Dann geht es einmal nicht gut, und das sorgt dann für eine Riesenwelle. Das ist unverhältnismäßig.
Himmler schiebt dem aktuellen Ereignis eine Opposition unter (eine semantische zunächst). Auf der einen Seite gibt es den hervorragenden Job und auf der anderen Seite dieses ›dann geht es einmal nicht gut‹. Damit wird jene Sendung mit Sahra Wagenknecht von allen anderen Sendungen, die Markus Lanz gemacht hat, isoliert. Und Niggemeier wirft hier zu Recht ein, dass sich diese Opposition bei genauerem Hinschauen rasch verflüchtigt. Es sei, so Niggemeier, typisch für Lanz, so mit Politikern und über Politik zu reden.

Über die Opposition wird dann diese Bewertung ›unverhältnismäßig‹ etabliert und damit die Kritik zurückgewiesen.

In diesem Zitat von Himmler gibt es allerdings noch eine zweite Isolation. Lanz wird hier vom restlichen ZDF und dessen Leistungen abgetrennt. Niggemeier schreibt aber sehr zu Recht, dass Lanz hier nicht als Person gemeint ist, sondern eben als Symbol für das ZDF und dass sich die Kritik nicht gegen den Menschen Markus Lanz richtet, sondern gegen den Protagonisten eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, an dem der Unmut in der Gesellschaft so gewachsen ist, dass er sich an diesem "Ereignis" (also Lanz) dann zahlreich zeigt.
Indem Himmler diesen Zusammenhang verschweigt, sieht es so aus, als sei es vor allem Markus Lanz als Person. Und hier wird dann auf einer ganz subtilen Ebene um Mitleid geheischt.

Lanz als Symbol

Symbol? Nun, in einem Symbol kreuzen sich verschiedene Interessen und Bedürfnisse. Folgt man einer klassischen Darstellung dessen, was ein Symbol ist, nämlich der Traumdeutung von Sigmund Freud, so ist das erste, was man liest (und gerne überliest), dass das Symbol der Auslegung bedarf. Schon das hat es eigentlich in sich. Denn das Symbol existiert nur so lange, solange es nicht gedeutet ist. Und indem man es deutet, verschwindet es.
Hinter dem Symbol gibt es Mechanismen, die die Wirksamkeit dieses Symbols hervorrufen. Und hier nennt Freud vor allem zwei Mechanismen: die Verschiebung und die Verdichtung. Ich möchte das ganze nun nicht nach der Psychoanalyse behandeln, sondern möchte nur auf die Komplexität hinweisen, mit der im allgemeinen Symbole zustandekommen und dann als sehr einfache und sehr dingliche Monumente auftreten.
Es ist natürlich klar, dass Lanz hier auch ein ganzes Stück weit ein Symbol ist, in dem sich sehr verschiedene Unzufriedenheit mit den öffentlichen Sendern oder auch mit der Kultur im Allgemeinen verdichten. Und natürlich kann man diese Symbolisierung dann auch den Menschen vorwerfen, die sich gerade über Lanz echauffieren.
Doch Niggemeier hat hier schon recht, auch wenn er es so nicht sagt. Den Kritikern fällt nichts anderes ein, als ebenfalls zu symbolisieren und dann besteht der Kampf nur noch darin, wer sein Symbol durchsetzen kann. Der Effekt: die Lager bilden und spalten sich; sie isolieren sich voneinander und vereinheitlichen dabei. Langfristig gesehen ist das nicht hilfreich.
Was bleibt? Man muss eben in die Analyse gehen und das Symbol auflösen. Psychoanalytisch müsste man also die Bedürfnisse und Wünsche hinter dem Symbol aufdecken. Gesellschaftlich gesehen müsste man in die verschiedenen Strukturen eindringen, die eine Person wie Markus Lanz erzeugen und eine Zeit lang notwendig machen.

Analyse der Nicht-Analyse

Analysiert allerdings wird wenig. Man muss Niggemeier dankbar sein, dass er die Nicht-Analyse der Analyse so dezidiert darstellt. Er bleibt dort stehen, wo es dann um weiterführende Strukturen geht. Das grundlegende Elemente einer Struktur ist der Kontrast, bzw. die Opposition (der Kontrast sagt, dass etwas unterschiedlich sei, die Opposition, dass etwas entgegengesetzt sei).

Die Rhetorik untersucht nun, wie sich solche Kontraste bilden oder wie sie auch wieder verschwinden. Die Isolation ebenso wie die Vereinheitlichung sind die zwei typischen Bewegungen, die solche Kontraste auf- und abblenden.
Wenn zum Beispiel aus den verschiedenen Stimmungen, die sich in einer Ablehnung von Lanz symbolisieren, ein „linker Shitstorm“ (Jörges) gemacht wird, dann wird hier eine Meinung von allen Bedingungen, unter denen sie entsteht, isoliert und damit vereinheitlicht. Man kann hier Jörges nur vorwerfen, dass er nicht differenziert und damit den Konflikt abstrakt hält, nämlich genau in jener Feindschaft, die eigentlich nur noch ein Kampf um das etablierte Symbol ist und nicht mehr eine Kritik an realen, gesellschaftlichen Bedingungen.

Nachtrag

Die Kritik am Diskussionsstil im deutschen Öffentlich-Rechtlichen ist nicht neu. Und wenn wir hier einen altbekannten Herren, den Herrn Jörges, wiederfinden, dann wundert das wenig. Birgit Kienzle schrieb im April 2010 über eine Sendung vom 13. Januar 2010: hartaberunfair: Vier Schwänze wackeln mit dem Hund ...

Und dann wieder die beiden alten Probleme

Was denn das für ein Mist sei, fragte mich jemand betreffs meiner Überschrift Eigentlich langweilig, rhetorisch aber immer wieder interessant. Ich wagte dann ihm zu antworten, die Überschrift sei ironisch, auch selbstironisch gemeint. Natürlich kann ein Thema rhetorisch für kurze Zeit interessant werden, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet und es dort noch einiges zu entdecken gibt. Mir jedenfalls hat das Thema wenig gebracht. Es erstaunt mich zwar kurzfristig immer wieder, wie schlecht manche Menschen zuhören können und wie selbstgefällig sie dann über andere Menschen urteilen, deren Aussagen sie aber gar nicht verstanden haben. Doch was die Debatte Lanz/Wagenknecht angeht, so war sie inhaltlich dermaßen flach gehalten, dass sie mir überhaupt nichts Neues und Nachdenkenswertes erzählt hat, aber auch in der Rhetorik altbekannt, eben die altbekannte Paranoia.

Zugegeben: diese diffuse Ironie, die nach beiden Seiten ausstrahlt, in Richtung Publikum, aber auch zurück zu mir, die ist wohl nicht so einfach zu verstehen. Denn im Prinzip sagt sie widersprüchlich: beachtet doch mehr die Rhetorik dieses Ereignisses; und auf der anderen Seite weiß ich, dass viele Menschen gar nicht die Chance hatten, sich so intensiv mit Rhetorik auseinanderzusetzen und ich nicht zu viel erwarten darf.
Hier gibt es einen alten Automatismus: wenn man jemandem sagt, er habe nicht so viel Ahnung davon, kommt automatisch diese Reaktion: Hältst du mich für dumm? Doch das ist mit Sicherheit überhaupt kein Thema. Die Intelligenz als Maßstab für menschliches Verhalten ist äußerst fragwürdig. Deshalb benutze ich sie auch nicht mehr. Stattdessen ersetze ich sie durch den Kompetenzaufbau. Und Kompetenzen kann man immer aufbauen. Hier stellt sich eher die Frage, ob man dafür Zeit in seinem Leben findet oder nicht.

Mein anderes Problem: ich habe mal wieder weiße Flecken auf meiner Landkarte entdeckt.
Der eine weiße Fleck: das ist die Bildsprache in Videos. Gestern habe ich den ganzen Tag ausprobiert, geschnitten, zusammengesetzt, überlagert, maskiert und mit Effekten versehen. Und eigentlich beherrsche ich jetzt die einzelnen Werkzeuge der Programme recht gut. Ich kenne sie und weiß, was sie im einzelnen machen. Doch spätestens dann stellen sich auch die Herausforderungen ein. Es geht nicht nur darum, die Werkzeuge irgendwie zu benutzen, sondern sie in einem sinnvollen Zusammenklang zu benutzen. Es geht also um den Arbeitsprozess selbst und um die Qualität des Endproduktes. Der Arbeitsprozess selbst, der ist auf den Weg. Ich weiß nicht genau, wo ich stehe. Hier fehlt mir einfach das kompetente Urteil. Beim Produkt selbst weiß ich, dass ich noch eine ganze Menge zu tun habe. Ich habe jetzt einige ordentliche Ergebnisse erzielt. Doch diese Ergebnisse sind alle sehr bieder, sehr gewöhnlich. Und derzeit habe ich zwar eine Menge Ideen im Kopf, von denen ich grundlegend sagen kann, dass sie sich realisieren lassen, aber ich weiß nicht, wie ich dort hin komme. Ich müsste es ausprobieren und kann keinen genauen Plan entwerfen, an dem ich mich festhalten könnte. Und das ist eher ein Zeichen dafür, dass ich noch relativ unerfahren bin.

Der andere weiße Fleck auf meiner Landkarte ist eigentlich gar nicht so weiß. Es geht um die Erzählperspektive. Als ich vor acht Tagen den Artikel dazu veröffentlicht habe, dachte ich, dass das eher ein unbeachteter Artikel bleiben würde. Etwa zwei Tage später konnte ich 5000 Besucher verbuchen. Mittlerweile sind es weit über 8000, eher schon 9000. Das ist erstaunlich und hat mich beflügelt.
Nun bin ich dabei, dieses mir eigentlich gut bekannte Buch (Frank Stanzel: Theorie des Erzählens) neu zu sortieren. Kennen musste ich natürlich dieses Buch und zwar seit dem ersten Semester meines Germanistik-Studiums. Es ist ein Grundlagenwerk. Da es aber bis heute auch sehr umstritten ist (zu Recht), gibt es hier auch viel zu entwickeln und zu entdecken.

25.01.2014

Eigentlich langweilig, rhetorisch aber immer wieder interessant

Ich habe mir gerade eine kleine empirische Untersuchung erlaubt. Da Jörges behauptet, Wagenknecht habe ständig unterbrochen und kein vernünftiges Gespräch aufkommen lassen, habe ich ausgezählt, wie oft Sahra Wagenknecht unterbrochen hat und wie oft sie unterbrochen worden ist.
Ergebnis bis zur 30. Minute: Wagenknecht hat 7 mal unterbrochen und ist 18 mal unterbrochen worden. Nicht mitgezählt habe ich, wo Lanz unterbrochen hat und Wagenknecht das ignoriert hat, so dass Lanz nachgedrängelt hat.

Vernünftige Diskussion. - Was die vernünftige Diskussion angeht: ich weiß nicht, was daran vernünftig ist, wenn man einem Diskutanten vorwirft, es sei alles ein großer Stuss. Das kam von Jörges. Und ich weiß auch nicht, was daran vernünftig sein soll, Wagenknecht ein Bekenntnis zu Europa abzudrängeln, wo sie vorher schon dreimal gesagt hat: Europa ja, aber bitte nicht so.

Gemeinschaft. - Ignoriert wurde auch, dass Wagenknecht gerade die Befürchtung hat, dass Europa zerfällt. Würde man dagegen die Argumentation von Jörges weiterverfolgen, dann hat Europa gerade ein Interesse daran, die armen Länder arm zu halten, wenn sie die "Gemeinschaft" erhalten will. Jörges sagt nämlich, dass die Südländer längst ausgetreten wären, wenn es ihnen besser ginge. Und mittelbar bedeutet das ja folgendes: solange ihnen Europa nutzt, bleiben sie drinnen und sobald sie selbst etwas zahlen müssten, wären sie so unsolidarisch, dass sie nicht mehr zu Europa stehen werden und austreten.

EU,CSU. - Was die EU angeht, so hätte Lanz, wenn er geschickt gewesen wäre, durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Jörges und Wagenknecht entdecken können. Jörges sagt, die EU sei ein Moloch (oder Koloss?). Wagenknecht wieder sagt, die EU würde nicht streng genug kontrolliert und dadurch der Lobbyismus so stark. Zumindest die europäischen Bürger bleiben bei beiden Argumenten außen vor.
Ebenso war zunächst eine Übereinstimmung bei dem Wahlkampf-Spruch der CSU vorhanden. Die Angst von Wagenknecht, dass er billige Ressentiments schürt, ist berechtigt. Die Behauptung, die CSU bilde die Brandmauer nach rechts, ist allerdings sehr befremdlich. Eher bewegt sich die CSU nach rechts, um Wähler zu bedienen und deren Stimme zu erhalten. Damit ist aber die Ursache, die rassistische und europafeindliche Meinung in manchen Bevölkerungskreisen, nicht bekämpft.
Dann müsste die CSU auch nicht mehr die Brandmauer spielen (übrigens ist Brandmauer eine tolle Metapher).

Jörges Zwischenruf. - Schließlich: Jörges macht sich mit seinem Zwischenruf auf Video wieder äußerst unbeliebt. Die Kritik am Diskussionsstil der Sendung als linken Shitstorm abzutun, das ist nicht nur beleidigend, sondern, soweit ich das sehe, auch unzutreffend, da sich viele Menschen zu Wort melden, die man kaum dem linken Spektrum zuordnen kann.
Jörges konstruiert hier eine Einheitlichkeit, die letzten Endes tatsächlich zu einer gemeinsamen Position führen könnte, alleine weil sich auf diesem schmalen Grat auch eine Übereinstimmung ergibt.

Shitstorm. - Auf Stern erschien nun ein Artikel, der einige "interessante" Verschiebungen vorschlägt. Zunächst wird die Empörung als "Shitstorm" bezeichnet und dann als eigentliches Motiv einmal die Flachland-Unterhaltung und zum anderen die Rundfunkgebühren für die Empörung genannt. So wird jedenfalls ein Medienwissenschaftler zitiert. Dieser sagt aber auch, dass es immer ein aktuelles Interesse (am Shitstorm) gäbe und dies seien Lanz Fragestil und Jörges emotionales Verhalten gewesen.
Opferinszenierung. - Zudem gibt es eine Abgrenzung gegen Markus Lanz: Stern-online schreibt,
"viele Mailschreiber [hätten] die inhaltliche Debatte mit Wagenknecht gegen die vermeintlich inhaltslose, die Lanz mit ihr geführt habe"
, abgegrenzt. Zudem behauptet der Artikel, Wagenknecht würde sich als Opfer inszenieren, was ich bisher nicht mitbekommen habe. Der Artikel bezieht sich darauf, dass Wagenknecht das vermeintliche Einvernehmen nach der Sendung, das laut ZDF bestanden hätte, als "frech" zurückgewiesen hat. Damit hat sie aber nur einen prinzipiell legitimen Schritt getan; ob er dann auch tatsächlich legitim war, kann ich nicht entscheiden.

So bleibt letztes Endes doch nur ein äußerst gemischtes Gefühl.
Was die Wirtschaft angeht, so erlaube ich mir, deutlich auf der Ebene der Vor-Urteile stehen zu bleiben, denn auch wenn ich heute einiges wesentlich besser verstehe als vor zehn Jahren, traue ich mir nicht mehr als ein laienhaftes Urteil zu.
Zu dem Militarismus: das ist natürlich auch eine Frage, wie man Begriffe auffüllt. Tatsache ist, dass Europa eine sehr starke Industrie hat, die Waffen oder Waffenteile herstellt. Tatsache ist auch, dass die meisten Menschen gegen Krieg sind. Und schließlich ist Tatsache, dass die Welt ein durchaus sehr unbefriedetes Gebiet ist. Eine Antwort darauf, wie man damit umgehen sollte, kenne ich nicht. Ich bezweifle aber, dass sich dieses Problem politisch rasch lösen lässt. Im Abstrakten sind mir Soldaten, die demokratisch kontrolliert einen Krieg zu beenden versuchen, lieber, als fanatische und verzweifelte Bevölkerungsgruppen, die nur an einem Sieg interessiert sind.

Insgesamt nervt mich aber die Debatte: es sind hier Fehler begangen worden, die seit über zweihundert Jahren gut diskutiert worden sind. Und zumindest von einem gebildeten Menschen dürfte man hier ein höheres Niveau erwarten, als Lanz und Jörges dies in der Sendung gezeigt haben. Es ist, wie es ist: Sahra Wagenknecht hat schon recht, wenn sie zu den Werten der europäischen Tradition steht und diesen das aktuelle Europa entgegenstellt. Denn dieses aktuelle Europa verdrängt das, was lange Zeit die Idee von Europa angetrieben hat.

24.01.2014

Ach Spiegel! Warum Sahra Wagenknecht kein Opfer von Markus Lanz ist

Die böse bürgerliche Presse ist natürlich die gute bürgerliche Presse. Zumindest darf man das nach einem Artikel auf Spiegel-online vermuten. Der Linke käme die Aufregung gerade recht, um sich selbst zu inszenieren. Und: Wagenknecht könne sich selbst verteidigen. 

Richtig, zugegeben.

Doch es geht zum großen Teil nicht um den Umgang von Lanz mit Wagenknecht, als ob diese beiden sich irgendwo im stillen Kämmerlein getroffen hätten, um nun über irgendetwas zu argumentieren. Es geht um diese Diskussion im Beisein von Publikum. Wie ich in meinem Video bereits gesagt habe: das Publikum fühlt sich entmündigt. Und das ist den Menschen wesentlich wichtiger als Sahra Wagenknecht.

Es ist ein Zeichen von Unbürgerlichkeit, ein soziales Problem nicht von allen Seiten zu würdigen und zu diskutieren. Die Presse hätte hier eigentlich eine Vorreiter-Rolle. Sie nimmt diese aber immer weniger wahr. Stattdessen wiederholt der Artikel das Problem, das Lanz mit der Politik hat: er macht aus einem politischen Begriff einen empirischen.
Das Zusammenleben von Menschen lässt sich aber nicht regeln, wie sich die Naturwissenschaft regeln lässt. Menschen handeln intentional; die Natur beruht auf Kausalitäten.

Besonders bitter allerdings: Jörges wirft Wagenknecht vor, was er selber macht, nämlich den politischen Gegner totzuquatschen. Wer so wenig Bewusstsein für die Selbstwirksamkeit hat, macht sich eigentlich nur lächerlich.

Uns wird das Internet ausgehen, bevor wir keine Luft mehr haben

Nun, das ist allerdings ein rätselhafter Satz. Was ist passiert? Wissenschaftler haben mit einer statistischen Methode den Tod von Facebook vorausgesagt. Facebook konterte. Mit derselben wissenschaftlichen Methode bewiesen sie, dass wir in 50 Jahren keine Luft mehr haben werden. Vorher werde uns allerdings das Internet abhandenkommen. Zu dieser bissigen Satire auf die Leichtgläubigkeit bei Statistiken musste dann ein User eben jenen oben genannten Kommentar loswerden. Den ganzen Bericht lest ihr auf Spiegel-online: Princeton gegen Facebook.

Mich erinnert das an die Menschenkenntnis des toten atlantischen Lachses.

Vogelflug und Feuerwerk: Videokunst mit Zwiebelschalen

Auf der Suche nach neuen Ideen, wie man Videos gestalten kann, bin ich über die Videos von Dennis Hlynsky gestolpert. Darauf hat dankenswerterweise die taz in einem tweet hingewiesen. Hlynsky macht nun etwas, was ich sehr faszinierend finde, schon seit langer Zeit, auch wenn es erstmal eine Albernheit ist, die ich aus der Kindheit mit herumtrage.
Ihr kennt doch Wunderkerzen. Die fand ich nun eigentlich nie spannend. Was ich dann allerdings doch immer mit einer gewissen Aufregung wahrgenommen habe, war, wenn man mich oder einen meiner Brüder beim Herumwedeln mit Wunderkerzen fotografiert hat. Dann war nämlich auf dem Foto eine Lichtspur zu sehen und das hat mich als kleines Kind verwundert. Später habe ich natürlich die Ursache herausgefunden, warum es hier eine solche Spur gibt.
Hlynsky erzeugt nun einen ähnlichen Effekt durch die Bearbeitung von Videos. Allerdings nimmt er als Vorlage für die Bewegung kein Feuerwerk, sondern Vogelschwärme. Und so gibt es von ihm zahlreiche Videos mit Staren, Geiern, Lachmöwen, Ameisen und Karpfen, die die Bewegung von Herdentieren sichtbar machen und auch ihre chaotische Organisation.

Natürlich gibt es dann auch ein Video mit Feuerwerk.

Und was ist nun mit den Zwiebelschalen? Nun, damit wird ein Effekt bezeichnet, der in das aktuelle Bild eines Videos vorhergehende und nachfolgende Bilder mit eingeblendet, was für Videokünstler notwendig ist, wenn sie Bewegungen nachvollziehen wollen, vor allem selbst programmierte, um so glattere Abläufe zu erzeugen. Genau das hat nun er Künstler nicht gemacht. Zur Zeit kann ich es mir nicht anders vorstellen, als dass er Bild für Bild und Objekt für Objekt ausgeschnitten und grafisch neu organisiert hat, so dass sich komplette Fluglinien ergeben. Das dürfte eine relativ mühsamer Arbeit gewesen sein. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich stehe mit meinen Video-Künsten noch ziemlich am Anfang und kann den technischen Aufwand nicht einschätzen. Schön ist es allemal.

22.01.2014

Aus der Welt der Zensur: kaputte Festplatten und das Urheberrecht von staatlichen Dokumenten

Zwei skurrile Begebenheiten aus der Welt des zensierten Journalismus:
(1) Die Justitiarin des Londoner „Guardian“ berichtet von der seltsamen Ohnmacht, die der Geheimdienst frisch nach den Veröffentlichungen von Edward Snowden an den Tag legte. Das ganze liest sich wie eine befremdliche Skurrilität. (HIER)
(2) Die Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. weist das Verbot der Veröffentlichung eines aus dem Bundesinnenministerium kommenden Vermerks zurück. Das Bundesinnenministerium hatte diesen Vermerk zur privaten Kenntnisnahme verfasst und sieht jetzt eine Verletzung der Urheberrechte. Spannende Frage: hat eine Regierung die Möglichkeit, das Urheberrecht auszunutzen, wenn die Angelegenheit von öffentlichem Interesse ist? (HIER)

Flexibilität und Nachhaltigkeit. Lanz, die Medien und die Tugenden.

Emran Feroz twittert gerade:
Während Qualitätsjournalismus immer seltener wird (und wenig bezahlt), verdient Lanz also 250.000 €/Jahr für seine Sendung? Ein Witz.
Und was mir noch auffällt: immer dann, wenn Politiker nicht flexibel sein wollen, sprechen sie von Nachhaltigkeit. Und immer dann, wenn Politiker nicht nachhaltig Politik machen können, sprechen sie von Flexibilität. Ich habe nun weder etwas gegen Nachhaltigkeit noch gegen Flexibilität. Aber wenn man diese beiden Wörter als Begründung benutzt, dann habe ich schon etwas gegen sie.
Frage ist also, was im politischen Bereich Nachhaltigkeit ist und was Flexibilität. Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit, Werte und Ziele der Politik kritisch durchzuhalten. Und kritisch meint hier tatsächlich das Gegenteil von dogmatisch. Natürlich muss man immer wieder darauf achten, standfest zu sein, aber Starrsinn ist noch lange nicht Standfestigkeit. Ebenso ist die Flexibilität nicht auf Moden gegründet, sondern die Fähigkeit, seinen Standpunkt mit neuen Tatsachen begründet zu vermitteln.

Damals, als Guttenberg in den Massenmedien (zurecht) so skandalisiert wurde, habe ich mich gerade in einer Auseinandersetzung mit der Praxis der Argumentation gefunden. Und abgesehen davon, was dies rechtlich bedeutet, ist der Skandal bei Guttenberg natürlich der, dass er seinen propagierten Werten durch sein Tun widerspricht und dass er in dem Moment, in dem dies offensichtlich wurde, plötzlich ein unglaublich hohes Maß an „Flexibilität“ an den Tag gelegt hat. Plötzlich konnte er Tag für Tag eine andere Meinung und eine andere Position haben.
Wenn eine Tugend daraus besteht, dass Handeln und Denken weitestgehend parallel läuft, wie ich hier vorsichtig mit Aristoteles formulierte, dann hat Guttenberg in dieser Situation sehr untugendhaft gehandelt.

Flexibilität und Nachhaltigkeit erweisen sich in Bezug auf politische Tugenden nicht selbst als Tugenden, sondern als Regulative für den Weg zu einem (politisch) tugendhaften Leben. Und man kann sie deshalb auch nicht wie Tugenden beurteilen, sondern muss den je einzelnen Weg zu bestimmten Tugenden betrachten, bei jedem Menschen neu.
Damit sind es aber Bedingungen der Selbstreflexion. Und wenn man diese ganze Diskussion auf eine griffige Formel bringen möchte, in der sowohl der Weg zu den Tugenden als auch diese Selbstreflexion aufgehoben ist, dann in dem Spruch: Practice what you preach! - Tue selbst, was du anderen predigst.

Ich glaube ja, dass diese ganze Diskussion um Markus Lanz auch ein Stück weit der Selbstversicherung dient. Die Menschen weisen darauf hin, dass Lanz eben auch nur ein Mensch ist, sich aber nicht so verhält. Und natürlich tun sie das gerade an den Stellen, wo überdeutlich wird, dass er seine Kompetenz völlig überschreitet. In der Diskussion mit Sahra Wagenknecht hat er ja nur gezeigt, was schon lange bekannt ist: dass er eben keine Ahnung von der Volkswirtschaft hat und deshalb auch kein Recht hat, so mit Sahra Wagenknecht umzugehen. Und viele Menschen, die ebenfalls weit von sich weisen würden, dass sie die Volkswirtschaft begriffen hätten, sehen eben trotzdem ganz grundlegende Fehler oder erahnen sie zumindest. Und auch da muss man einfach den vielen Stimmen, die sich jetzt gegen Lanz empören, Respekt zollen. Denn später, wenn diese Debatte abgeflaut ist, wird es nicht um Markus Lanz gehen, sondern um die Aufklärung über ökonomische Bedingungen und natürlich auch die Gestaltung von ökonomischen Bedingungen.
Insofern begrüße ich diese Debatte.

Vorhin habe ich irgendwo gelesen (es tut mir leid, dass ich jetzt die Quelle nicht nennen kann), dass Lanz doch etwas Gutes getan hätte: er hätte doch eine wichtige Debatte angestoßen, nämlich den um den Zustand unserer Massenmedien. Nun: diese Aussage ist nun wirklich lächerlich. Denn diese Debatte um die Massenmedien, die ist schon im 19. Jahrhundert geführt worden, wahrscheinlich noch früher. Aber einige der ganz ganz großen philosophischen Werke des letzten Jahrhunderts, von Adorno, von Arendt, von Marcuse, von Negt/Kluge, von Sloterdijk, von Luhmann, sind Werke, die sich auf sehr unterschiedlich kritische Art und Weise mit den Massenmedien auseinandersetzen. Lanz hat ja gar nichts dazugetan.

Im übrigen ist diese Formel ›hat eine wichtige Debatte angestoßen‹ auch ein Feigenblatt. Ob man eine wichtige Debatte anstoßen kann oder nicht, das ist auch ein wenig Zufall. Wichtiger ist doch, ob man diese begleiten kann. Und anscheinend hat Lanz sich entschlossen, samt dem ganzen ZDF, diese Debatte nicht zu begleiten und sie stattdessen totzuschweigen. Das ist nach den ganzen politischen Skandalen in der Bundesrepublik auch schon deshalb sehr tragisch, weil jetzt offensichtlich die Feigheit und Dummheit endgültig im Journalismus angekommen ist.
Wahllose Aussagen und verstocktes Schweigen, so stelle ich mir Flexibilität und Nachhaltigkeit in einer funktionierenden Demokratie nun nicht vor.

Verbeugung vor meinem Publikum

Kleiner Nachtrag: obwohl ich selbst unzufrieden bin, erfahre ich gerade viel Lob für dieses erste Video mit mir selbst. Es gibt natürlich auch Kritikpunkte, aber die sind durchaus immer sehr konstruktiv. So muss ich zum Beispiel an meiner Mimik arbeiten. Ich hatte natürlich vor, eine etwas umfassendere Aufnahme von mir selbst zu machen, möglichst eben noch mit den Händen im Blickfeld. Als Dozent werde ich immer als recht lebhaft beschrieben und das kommt in diesem Video nun gar nicht rüber. Allerdings ließ sich das mit meiner WebCam auch nicht wirklich machen.

Ich habe mir natürlich überlegt, ob ich mir eine digitale Kamera kaufe. Aber ich kann mich dazu überhaupt nicht entschließen. Ich müsste mir erst mal genauer ansehen, welches Modell ich mir zulegen möchte.

Normalerweise stehe ich diesen ganzen sozialen Netzwerken eher kritisch gegenüber. Ich habe auf Facebook relativ wenig Gutes erfahren. Meist sind dort, so wie ich das erlebt habe, sehr eingeschränkte Menschen unterwegs. Umso mehr haben mich in den letzten Wochen einige Diskussionen auf Facebook aber auch sonst die Resonanz sehr positiv überrascht. Und auch hier kann ich sagen, dass es nicht uneingeschränktes Lob gab, aber wenn Kritik, dann eben sehr konstruktiv. Ich habe es jetzt zweimal ganz direkt hintereinander auch auf Facebook erlebt, dass sich Menschen mit Sachverstand und einen differenzierten Blick zu Wort gemeldet und nicht nur geurteilt haben, sondern Interesse bekundet haben. Es ist nicht so, dass ich hier ein Interesse an mir erwartet hätte, sondern das überhaupt jemand da steht und ein Interesse an sachlichen Themen mit seiner eigenen Person verbindet. Natürlich liegt das auch am Medium, aber letzten Endes ist vieles, was dann durch diese sozialen Netzwerke geht, sehr unpersönlich. Und deshalb empfinde ich ja diese Bezeichnung ›soziales Netzwerk‹ als sehr zynisch. Auch wenn man die Gesellschaft nicht in einzelnen Personen aufgehen lassen kann (dazu habe ich Niklas Luhmann zu gründlich gelesen), ist sie ohne Menschen nicht denkbar.

Es gibt zwei Menschen, denen ich über lange Zeiten hinweg zutiefst verbunden bin. Der eine ist mein Onkel Hanfried. Ihm verdanke ich es, dass für mich der Begriff der Familie überhaupt noch Sinn ergibt. Es gab Zeiten, zu denen ich ganz stark gezweifelt habe, dass Familie aus mehr besteht als einem institutionell eingerichteten Egotrip. Mittlerweile sind auch meine Geschwister wieder dazugekommen. Denen kann ich nun keine Versäumnisse vorwerfen, da sie selbst mit diversen Anforderungen fertig werden mussten, die einem als junger Erwachsener so begegnen.
Der andere Mensch ist natürlich Nico. Meist zuckt er mit den Achseln, wenn ich sein Verhalten als zutiefst solidarisch empfinde. Aber manchmal ist es eben tatsächlich nicht dieses große, massenmedial aufgeblähte Theatralisieren von Anerkennung, sondern es sind diese kleinen Gesten und Interessen am anderen, die man kaum benennen kann und die sich gleichsam um das gemeinsame Bierchen drumherum ansammeln.

Seltsamerweise sind es vor allem die Leute, denen ich wirklich in der Vergangenheit sehr geholfen habe, manchmal sogar über die Grenzen hinaus, wo es für mich noch angenehm war (was dann manchmal auch als Selbstverleugnung meiner selbst kritisiert wurde), die es nie geschafft haben, etwas zurückzugeben.
Meist sind das solche Leute, bei denen man hinterher entdeckt, dass sie ihre Hilfsbedürftigkeit zum Teil wirklich simuliert haben oder unter falschen Voraussetzungen haben laufen lassen. Ich erinnere mich an eine Autorin, die mich wegen eines Romans angeschrieben hatte, als sie noch nicht bekannt war und auch noch keinen Erfolg hatte. Ihr Erfolg ist auch heute noch recht mäßig. Aber zumindest hat sie einen. Und ich glaube, dass ich da nicht unwichtig war. Nun liegt mir wenig daran, dass sie mir dafür dankt. Was mich an dieser ganzen Geschichte erschreckt hat, war, dass sie mittlerweile nicht mehr unter 18 Jahren alt ist, sondern auf die vierzig zugeht, innerhalb von zwei Jahren, und dass sie wohl in diesem Fall sehr bewusst darauf spekuliert hat, dass ich keinen Beratungsvertrag mit ihr abschließen kann. Diese bewusste Manipulation könnte man noch irgendwie hinnehmen, wenn das hinterher zumindest in irgendeiner Art von Wissen hinausläuft. Bei dieser Frau ist es nun anders geschehen: Sie hat dann auf Facebook ganz bewusst gegen mich intrigiert. Ich habe das auch erst später erfahren. Und es mag ja sein, dass ich hier tatsächlich nicht geholfen habe. In einem so schwierigen Feld wie dem Verfassen von langen fiktionalen Texten (also Romanen) kommt das durchaus vor. Man kann aber seine Kritik dann direkt bei dem betreffenden Menschen loswerden, also bei mir, und macht das bitte schön nicht hintenherum.
Es gibt aber auch eine Frau, der ich finanziell sehr unter die Arme gegriffen habe, der ich jahrelang durch viel Zeit und Kraft geholfen habe und die hinter meinem Rücken wohl ein Gebäude aus Lügen und Halbwahrheiten gebaut hat, durch das sie praktisch gezwungen war, mich aus ihrem Leben schließlich herauszuschmeißen, denn sonst wäre dieses Lügengewebe zerrissen worden oder sie hätte auch mal zurückgeben müssen, was sie von mir bekommen hat.

Nun: in solchen Zeiten, wenn ich an den Menschen zweifle, halte ich mich tatsächlich an diesen Freunden und Familienmitgliedern fest, aber auch an den Grundgedanken meiner Philosophie, insbesondere der von Kant. Ansonsten wäre ich längst völlig homophob und frauenfeindlich und rassistisch und was weiß ich noch.
Und im Moment ist es eben auch ganz wunderbar, plötzlich auf Menschen zu stoßen, die jenseits von Lobhudelei und besserwisserischer Ignoranz dazu bereit sind, etwas zu diskutieren und an dieser Stelle nochmal ganz ausdrücklich eine Verbeugung vor all diesen Menschen, die den Mut aufbringen, so über Sachen zu reden, dass sie diese nicht schon im Vorfeld dogmatisch eingepfercht und dingfest gemacht haben.

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Für meine journalistische Tätigkeit ist die Zeit sehr aufregend. Ich habe noch nie in einem solchen Umfang das Medium gewechselt wie derzeit. Filme zu machen ist etwas komplett anderes als zu schreiben. Immer noch bin ich unzufrieden und gerade heute, da ich jetzt endlich auch meine Kamera eingebunden habe, stehe ich auf der einen Seite sehr zufrieden vor dem Ergebnis und zwar zufrieden im Vergleich zu dem, wie es vor einem Monat gewesen ist, aber auch noch unzufrieden: ich weiß, woran ich arbeiten muss.

Nun. Für einen ersten Film ist das Ergebnis wirklich sehr brauchbar und hier könnt ihr euch ansehen, was ich produziert habe. Ich habe alles alleine produziert, von dem Intro über die Schnitte (es sind kolossale vier Schnitte in dem Film) bis hin zum Text und der technischen Organisation:


Mein größtes Problem ist derzeit die Beleuchtung. Ich hatte mir extra einen Deckenfluter gekauft und der hat tatsächlich auch viel bewirkt. Aber zufrieden bin ich noch lange nicht. Vor allem tagsüber werde ich von der Seite dermaßen angestrahlt, dass ich eine vernünftige Regulierung überhaupt nicht hinbekommen. Heute ging es, weil es in Berlin trübe und grau ist. Aber selbst das war schon grenzwertig. Und die andere Herausforderung ist, einen einheitlichen Beleuchtungshintergrund hinzubekommen. Selbst wenn ich die Leuchtquellen nicht verändere, haben verschiedene Filme eine verschiedene Hintergrundtönung. Und es ist mir derzeit ein Rätsel, wieso.
Ebenfalls länger herumgebastelt habe ich an der Lautstärke der einzelnen Filmteile. Auch das will noch nicht so, wie ich das will. Auch hier werde ich noch eine ganze Zeit lang herum probieren müssen.
Schließlich ist der Aufbau der Videos noch nicht hinreichend gut. Etwas mehr Abwechslung und etwas mehr Bilder: daran muss ich auch noch arbeiten.


Sehr erfreulich: die Besucherzahlen. In letzter Zeit erreiche ich immer mal wieder eine neue Bestleistung. Gestern hatte ich wegen der letzten beiden Artikel fast 7000 Besucher. Letztes Jahr hatte ich zweimal im Herbst um die 5000. Wieder einmal beschleicht mich ein unheimliches Gefühl deswegen. Wenn man sich meine Blogstatistik vom ersten Jahr ansieht, dann hat die nicht einmal die Besucherzahl erreicht, die ich jetzt an einem schlechten Tag habe und auch nicht die Besucherzahl, die ich an einem guten Tag innerhalb einer Stunde habe.

20.01.2014

Lanz und Wagenknecht

Es sieht so aus, als würde seit letztem Samstag eine Welle der Empörung Markus Lanz überschwemmen. Anlass war die Sendung, in der Sahra Wagenknecht zu Gast war. Was früher schon immer wieder zu großem Unmut geführt hat, nämlich dass Lanz Wagenknecht mitten in einer Argumentation unterbricht, war in dieser Sendung besonders krass. Lanz geht auf bestimmte Argumente von Sahra Wagenknecht überhaupt nicht ein. Stattdessen kommt er immer wieder mit völlig idiotischen Fragen und teilweise auch mit Unterstellungen, sogar mit Sachen, die Wagenknecht vorher bereits von sich gewiesen hat.

Die Form der Aufklärung

Die Aufregung, die diese Sendung verursacht hat, betrifft nicht die Inhalte, also zunächst nicht das, was Lanz Wagenknecht entgegengesetzt, sondern die Form, in der Lanz mit Wagenknecht umgeht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, sind die meisten Menschen auch nicht deshalb gegen Lanz, weil sie für Wagenknecht sind, sondern weil sie sich von Lanz entmündigt fühlen und sich lieber selbst eine Meinung gebildet hätten über das, was Wagenknecht erzählt.
Besonders schlimm finde ich dann, dass Lanz Wagenknecht anti-europäische Ressentiments unterstellt, im gleichen Atemzug aber grundlegende Spielregeln der europäischen Aufklärung verrät, zu der zum Beispiel die Begriffsdiskussion gehört. Die Begriffsdiskussion ist eine Sache, die Immanuel Kant in seinem Aufsatz Was ist Aufklärung? ausdrücklich erwähnt. Und er verlagert die Begriffsdiskussion dort in die Öffentlichkeit und zwar in eine Öffentlichkeit, die um Aufklärung bemüht ist. Indem Lanz nicht erfasst oder nicht erfassen will, wie Wagenknecht ihre Begriffe definiert, kann er natürlich nicht diskutieren und damit auch ein grundlegendes Prinzip der Aufklärung nicht nachvollziehen.

Petition gegen Lanz

Mittlerweile ist der Ärger im Internet so groß, dass irgendwelche Menschen eine Petition gestartet haben, die Lanz aus den öffentlich-rechtlichen Medien verbannen soll. Prinzipiell bin ich ja dagegen, dass Moderatoren immer nur die Meinungen anderer zu Gehör bringen. Aber wenn ein Moderator so dilettantisch oder böswillig eine andere Meinung unterdrückt, dass im Prinzip nur noch seine eigene Meinung durchgesetzt wird, dann widerspricht das zutiefst meinem Verständnis einer demokratischen Diskussion. Und in diesem Fall, und es ist ja nicht das erste Mal, erweist sich Lanz einfach als nicht tragbar. Dann soll er doch bitte schön zu den Schmuddelsendungen von RTL gehen, besser noch von RTL 2.

Europa als Fetisch

Und Wagenknecht? Nun, Ihre Idee von Europa ist natürlich eine Idee, die gestaltet werden muss. Und sie kritisiert ja nicht Europa und sagt: das muss jetzt alles weg. Sondern sie kritisiert den Zustand, in dem sich die europäische Integration im Moment befindet. Und hier spricht sie immer wieder eine Sache an, die sie leider nicht besonders klar darstellt. Europa ist kein Ding, das irgendwo herum liegt und noch nicht richtig fertig geworden ist. Europa ist ein politisches Gefüge. Und dieses politische Gefüge ist unzureichend gestaltet worden, bisher. Lanz tut gegenüber Wagenknecht aber so, als würde man Europa einmal fertig machen, und dann sei es für den Rest der Zeit auch eben genau dieses gute Europa. Und so funktioniert ein Staatsgefüge einfach nicht. Das ist eine Sache, die man immer wieder neue Ideen und neue Umformungen hinein geben muss. So hatte auch noch nie im ganzen Zeitraum der Geschichte ein einzelner Staat funktioniert. Wenn die Änderungen nicht von innen kamen, dann kamen sie irgendwann von außen. Und dann musste politisch auf die eine oder andere Weise wieder darauf reagiert werden.

Raus aus dem Euro? - Die Bedingungen einer Währung

Dasselbe ist doch das Problem vom Euro. Zunächst ist der Euro eine Währung. Und eine Währung funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen. Die Frage ist jetzt: können wir die Bedingungen zum Beispiel wesentlich damit ändern, wenn wir die DM wieder einführen? Womit dann auch wieder die Frage verknüpft ist, ob es sich für uns überhaupt lohnt, aus dem Euro auszuscheiden. Oder ob es sich für andere Länder lohnt oder ob es sich für die Gemeinschaft lohnt. Ich kann diese Frage natürlich nicht beantworten. Aber ich kann zumindest ablehnen, den Euro als eine Sache zu bewahren, nur weil sie gerade im Moment von der Regierung als besonders toll und nicht kritisierbar erachtet wird. Ich möchte natürlich diskutieren, wo die Vorteile und wo die Nachteile des Euros sind. Und die zweite Sache ist, dass der Euro nicht als Münze wichtig ist, sondern als Möglichkeit, etwas zu tauschen. Und damit ist es gar nicht so wichtig, was der Euro für sich ist, sondern welche Funktion der Euro in einem Netzwerk hat. Man muss den Euro nicht abschaffen, um irgendwelche Vorteile zu bekommen. Man kann auch das Netzwerk drumherum ändern und dadurch dem Euro selbst einen anderen Status geben. Dahin ist die Diskussion mit Wagenknecht aber gar nicht gekommen. Lanz hat das ganze Gespräch immer wieder auf diese völlig unsinnige Frage zurückgeführt, ob Wagenknecht nun für oder gegen den Euro ist. Und Wagenknecht hat mehrmals den Anlauf gemacht, dass es nicht darum geht, sondern unter welchen Bedingungen dieser Euro im Moment funktioniert. Und das ist dann von Lanz immer wieder als Ablehnung des Euro interpretiert worden. Zu der eigentlich spannenden Frage, welche Bedingungen Wagenknecht für den Euro schaffen will, damit der ihrer Ansicht nach gut funktioniert, ist die ganze Diskussion ja gar nicht gekommen. Und dass man sich über diese Bedingungen dann wieder hätte streiten können, ist natürlich klar. Aber es wäre ein Streit auf einem anderen Niveau gewesen. Meiner Ansicht nach hat Lanz hier das Niveau der Diskussion bewusst gedrückt und versucht, dieses Niveau dann Wagenknecht in die Schuhe zu schieben. Und das ist schlechter Journalismus.

Einige grundlegende Einteilungen der Erzählperspektive und Erzählsituation

Die Erzählperspektive wird häufig nur sehr schwach und undifferenziert dargestellt, wenn man über sie spricht. Und das Seltsame dabei ist, dass eigentlich alle Autoren, so falsch sie über die Erzählperspektive sprechen, in der Praxis wesentlich mehr richtig machen. Das ist ein typischer Fall dafür, dass die Praxis bis zu einem bestimmten Niveau gut beherrscht wird, dann aber durch eine falsche Theorie ausgebremst wird, so dass eine Verbesserung über ein bestimmtes Niveau hinaus nicht mehr möglich ist. Dann aber ist Theorie tatsächlich nutzlos. Günstigenfalls fördert die Theorie aber die Praxis.
Dieser Artikel soll also einige grundlegende Betrachtungen einführen, so dass zunächst einmal all die Mythen aus der Welt geschafft werden und ein wenig Klarheit in dieses ganze Tohuwabohu gebracht wird. Um mit den ganzen Begriffen differenziert umgehen zu können, braucht es wesentlich mehr Beispiele. Der Artikel ist schon lang genug geworden. Weiteres muss eben später folgen.

Erzählsituation, Erzählperspektive und Erzählhaltung

Eine der schlimmsten Verwechselungen, die derzeit im Internet kursieren, ist die Verwechslung zwischen Erzählsituation und Erzählperspektive. Hinzu kommt noch die Erzählhaltung.

Erzählperspektive

Die Erzählperspektive ist tatsächlich jene Perspektive, aus der ein Mensch die Welt wahrnimmt. Dass diese Perspektive in einem Roman nicht einheitlich sein muss, fällt einem spätestens dann auf, wenn aus der Sicht verschiedener Personen geschrieben wird. Der Satz, man dürfe die Erzählperspektive nicht wechseln, ist also grundlegend falsch. Dies wird dann zwar meist auf den Ich-Erzähler und den personalen Erzähler gemünzt, doch handelt es sich hier um eine Verfälschung des Begriffs, da dies Erzählsituationen sind, also eine Ich-Erzählsituation und eine personale Erzählsituation und diese noch einige weitere Probleme aufweisen, die ich im folgenden Abschnitt klären werde.

Erzählhaltung

Die Erzählhaltung betrifft wiederum die Stellung des Erzählers zu der Geschichte. Und hier kann man zum Beispiel zwischen einer distanzlosen Erzählhaltung und einer distanzierten unterscheiden. Die distanzlose Erzählhaltung ist häufig in Thrillern zu finden, während die distanzierte in humorvollen und ironischen Romanen üblich ist.

Erzählsituation

Die Erzählsituation schließlich verweist auf den gesamten Roman. Wenn aus der Sicht von mehreren Personen erzählt wird, spricht man auch von einer vielperspektivischen Erzählsituation. Typisch dafür sind viele Werke von Stephen King, zum Beispiel Es, Das Monstrum oder In einer kleinen Stadt. Typisch für solch eine vielperspektivische Erzählsituation ist aber auch Medea von Christa Wolf. Manchmal ist diese Erzählsituation äußerst kompliziert zu erfassen, zum Beispiel in Kassandra von Christa Wolf. Kassandra erprobt hier verschiedene Perspektiven für ihr Leben, um sich selbst zu beurteilen. Und dieser Denkvorgang, so spannend er zu lesen ist, wird durch ein beständiges Kippen innerhalb dieser Erzählsituation erfasst. Genauso ist Jahrestage von Uwe Johnson mal distanziert ironisch, mal distanziert humorvoll und mal wieder undistanziert und voller Pathos und Mitgefühl. Das allerdings hat alles nichts mit der Erzählperspektive zu tun, sondern eher mit der Atmosphäre des Romans und dann auch wieder mit der Wirkungsweise auf den Leser.

Autor und Literaturwissenschaftler

Etwas Verwirrung bringt nun noch eine andere Tatsache ins Spiel. Untersucht ein Literaturwissenschaftler die Erzählsituation, dann kann er sich nicht nur auf die Erzählsituation des gesamten Romans konzentrieren, sondern auch auf die Erzählsituation einzelner Stellen. Nehmen wir ein anderes berühmtes Beispiel, den Ulysses von James Joyce. Dieser ist in sieben große Abschnitte geteilt und jeder dieser Abschnitte hat eine komplett andere Erzählsituation, wenn man diese für sich nimmt. So besteht zum Beispiel der berühmte letzte Abschnitt komplett aus einem inneren Monolog, während der erste Abschnitt auf der Grenze zwischen einem Ich-Erzähler und einer auktorialen Erzählsituation zu finden ist. Deshalb muss man sich, zumindest als Literaturwissenschaftler, immer klarmachen, ob das gesamte Buch oder nur Abschnitte daraus gemeint sind. Für den Leser, der ein Buch aus Vergnügen liest, ist das selbstverständlich nicht ganz so wichtig. Und auch ein Schriftsteller darf sich dabei stark auf seine Intuition verlassen.

Grammatische und ontologische Konstruktion der Perspektive

Immer wieder erlebe ich auf Facebook Diskussionen über die Erzählperspektive. Da erdreisten sich dann selbst ernannte Bestseller-Autoren, dass sie in der personalen Erzählperspektive schreiben, wobei dies aber meist die auktorialen Erzählsituation meint mit starken Einsprengseln von Ich-Erzählsituationen. Mit der personalen Erzählsituation hat dies relativ wenig zu tun.

Dogmatischer Deutschunterricht

Ursprung dieses ganzen Missverständnisses darf man im Deutschunterricht suchen. In den Schulbüchern der achtziger Jahre findet man nämlich tatsächlich solche Behauptungen und Vereinfachungen und hier teilweise auch einen dogmatisch geführten Deutschunterricht. Dabei wird meist missverstanden, dass diese ganze Diskussion um die Erzählsituation ein Hilfswerkzeug ist, um Romane zu interpretieren und eventuell auch zu schreiben. Mit endgültigen Wahrheiten hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

Ontologische Konstruktion

Solche etwas arg schlichten Gemüter verwechseln die grammatische Markierung mit der ontologischen Konstruktion des Erzählers.
Es kann nämlich passieren, dass ein Satz, in dem ein »Er« auftaucht und durch den eine Person eingeführt wird, immer noch aus der Ich-Erzählsituation heraus funktioniert. Die einzelnen Einteilungen werden wir weiter unten betrachten. Hier ist erst mal wichtig, dass wir die Grammatik zwar als Anhaltspunkt, aber nicht als Beweis nehmen.
Ein typisches Beispiel für einen Roman, der weitestgehend in einer Ich-Erzählsituation geschrieben ist (aber eben nur weitestgehend), mindestens zwei Perspektiven beinhaltet und trotzdem dieses grammatische Ich nicht gebraucht, ist Bookless von Marah Woolf. Ein anderes Beispiel, wo aus der ersten Beurteilung eine Ich-Erzählsituation geschlossen werden könnte, aber tatsächlich ein beständiges Schwanken zwischen einem Ich-Erzähler und einem auktorialen Erzähler stattfindet, ist Die Elefanten meines Bruders von Helmut Pöll. Der Ich-Erzähler ist typisch für eine dramatische Gestaltung einer Erzählung, während der auktoriale Erzähler typisch ist für eine ironische Gestaltung. Da der Roman von Pöll streckenweise ironisch und streckenweise dramatisch ist, sind auch beide Erzählsituationen erforderlich. Da es ein äußerst vergnüglicher und spannender Roman ist, stört dieser Wechsel in den Erzählsituationen auch nicht. Würde man den Dogmatikern glauben, dann müsste man diesen Roman in Schutt und Asche reden, weil er nicht dem Dogma entspricht. Es wäre schade um einen solch schönen Roman.

Erzähltyp und Erzählsituation

Wem jetzt schon der Kopf raucht, dem habe ich jetzt noch eine weitere Unterscheidung an den Kopf zu werfen.
Wir hatten bisher gesehen, dass die Perspektive und die Erzählsituation nur lose miteinander zusammenhängen. Innerhalb der Erzählsituation gibt es nun bestimmte Erzähltypen, die für die Erzählsituation stehen und die sich jeweils im kleinen Textabschnitten erfassen lassen. Von der Textlinguistik aus kann man hier von Textmustern reden. Von der Erzählforschung aus spricht man eben von Erzähltypen.

Er: der Ich-Erzähler

Auch das machen wir uns jetzt an einem ganz konkreten Beispiel klar. Der Roman Bookless von Marah Woolf beginnt folgendermaßen:
Lucy trat durch die Eingangstür des Archivs, deren alte Scharniere zur Begrüßung knarrten. Sie presste die Bücher in ihrem Arm fest an sich. Hier war sie in Sicherheit. Hierher konnte ihr niemand folgen. So schnell es die steilen Stufen zuließen, eilte sie die Treppe hinunter. (Position 20)
Zeichen dafür, dass es sich um einen Ich-Erzähler handelt und um eine Ich-Erzählsituation, ist, wenn man die Figur (also Lucy) durch ein Ich ersetzen kann. Ihr könnt das ausprobieren. Und siehe da: es funktioniert relativ problemlos. Das ist allerdings nur ein Zeichen dafür, und noch nicht ein Beweis. Ich hatte oben schon ausgeschlossen, dass man Erzählsituationen endgültig beweisen kann. Und ich hatte ausgeschlossen, dass hier Dogmen nützen. Bleiben wir also bei der vorsichtigen Behauptung: hier liegt eine Ich-Erzählsituation vor.

stream of consciousness

Es gibt eine andere Einteilung, die hier nützlich sein kann und die unterhalb dieser Erzählsituationen auftaucht, die der Erzähltypen. Eine der bekanntesten (vom Namen her) ist der Bewusstseinsstrom oder stream-of-conciousness. Bei diesem Erzähltyp wird das Denken abgebildet, ohne vermittelnde Grammatik und ohne Einschübe, die dem Leser etwas erklären. Das ist wohl der reinste Erzähltyp der Ich-Erzählsituation: er ist komplett aus der Innenperspektive geschrieben und unmittelbar auf das Erleben aus einer Perspektive gerichtet.

Erlebendes und erzählendes Ich

In dem Roman von Marah Woolf ist das allerdings leicht verschoben. Hier gibt es als Erzähltypen einmal das erlebende Ich und zum anderen das erzählende Ich. Das erlebende Ich nimmt die Umwelt unmittelbar wahr, aber bereits gefiltert durch eine „ordentliche“ Grammatik. Und das erzählende Ich fügt Informationen ein, die der Erzähler normalerweise weiß, die aber in dieser Situation mehr dazu da sind, dem Leser ein umfassenderes Bild zu vermitteln. Sie gehören eben nicht direkt zur Situation und zum Erleben der Situation dazu. Der erste Satz in dem Roman von Marah Woolf ist vom erlebenden Ich aus geschrieben. Der letzte Satz der von mir zitierten Stelle scheint distanzierter zu sein, also eher vom erzählenden Ich aus. Hier müsste man sich überlegen, ob es Sätze gäbe, die direkter ein Erleben ausdrücken. Vielleicht dieser: "Sie huschte die Treppen hinunter, vorsichtig darauf bedacht, nicht auszurutschen." Aber eine solche Einteilung ist überpenibel und auch wenig hilfreich.
Zu dem erzählenden Ich gehört auch das wertende Ich. Hier wird die Bedeutung eines Erlebnisses erfasst und emotional oder moralisch beurteilt. Der dritte und der vierte Satz sind dafür Beispiele. Man erlebt diese Sicherheit nicht direkt sinnlich, sondern schlussfolgert sie aus den Wahrnehmungen.

Oft zu kompliziert, manchmal hilfreich

Das alles ist schon recht kompliziert. Und weder möchte ein Schriftsteller von Unterhaltungsromanen noch ein Leser solcher Werke so genau an einen Text herangehen. Manchmal allerdings wird dieses Werkzeug tatsächlich nützlich, nämlich genau dann, wenn man mit dem Geschriebenen unzufrieden ist. In einer Situation, in der typischerweise eine Ich-Erzählsituation vorliegt, also zum Beispiel in sehr dramatischen Situationen der Hauptfigur, sollte ein Schriftsteller schon darauf achten, ob er tatsächlich vorwiegend diese beiden Erzähltyp, den erlebenden und den erzählenden Ich-Erzähler nutzt. Erläuterungen, die auf einen auktorialen Erzähler hinweisen, bremsen den Lesefluss und dann funktioniert die Dynamik der Szene tatsächlich nicht mehr.
Um solche „Fehler“ zu vermeiden, darf man aber nicht bei der Erzählperspektive bleiben, sondern muss auf solche Erzähltypen zurückgreifen. Und die Erzähltypen wiederum sind nicht auf eine Erzählsituation eingeschränkt. So hatte ich oben zum Beispiel gesagt, dass die modernen Thriller immer aus der auktorialen Erzählsituation geschrieben sind. Aber die auktoriale Erzählsituation ist zum Geschehen recht distanziert. Und so ist es klar, dass in den dramatischen Passagen ein Wechsel der Erzählsituation stattfindet und eine Ich-Erzählsituation vorliegt. Aber auch hier gibt es tatsächlich Ausnahmen. Thriller aus dem Technikbereich, wie zum Beispiel Michael Crichton, gehen sehr selten in die Ich-Erzählsituation. Stattdessen findet sich immer wieder die personale Erzählsituation vor.
Klingt immer noch kompliziert? Ja, ist es auch.

Erzähler und Perspektive

Zwischen dem Erzähler einer Geschichte und der Perspektive, aus der eine Geschichte geschrieben ist, muss man ebenfalls unterscheiden. Der Erzähler ist jemand, der eine Geschichte erzählt, während die Perspektive bezeichnet, dass jemand in einer Welt lebt und diese erlebt und überdeckt.
Wenn ich euch also die Geschichte des Odysseus erzähle, bin ich zwar der Erzähler, aber selbst wenn ich diese aus der Perspektive des Odysseus erzähle, ist euch klar, dass ich nicht in der Welt des Odysseus lebe. Hier gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen Erzähler und Perspektive. Und auf der anderen Seite lassen sich Erzähler und Perspektive kaum unterscheiden. Zwischen diesen beiden Kategorien gibt es also sehr viele Möglichkeiten, wie diese zueinanderstehen.
Unterscheiden sich Erzähler und Perspektive deutlich, dann handelt es sich entweder um einen ironischen Roman oder um einen, bei dem meist eine große zeitliche Distanz eine wichtige Rolle spielt. Dabei ist es unwichtig, ob der Erzähler und die Perspektive die gleiche Person sind. Wenn irgendjemand seine Lebensgeschichte aufschreibt, weil er mitteilen möchte, was er vor vielen Jahren erlebt hat, dann kann man hier sehr gut zwischen diesen beiden Funktionen trennen.
Sehen wir uns das auch an einem Beispiel an, an dem ersten Satz aus Thomas Manns Roman Felix Krull:
Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit — gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin.

Der Typenkreis

Im Internet findet man nun ein Kreisdiagramm, auf dem die drei typischen Erzählsituationen eingetragen sind, meist mit folgender Aufteilung.

Innen-/Außengrenze

Diese hatte ich oben bereits abgelehnt. Der Witz an diesen Erzähltypen besteht für mich nicht in diesen typischen Erzählsituationen, sondern an der Aufteilung selbst. Diese Schnitte durch den Kreis bezeichnen nämlich drei Grenzen, die von der Erzählsituation eingehalten oder eben auch verlassen werden können. Die bekannteste Grenze und die am leichtesten verständliche ist die Innen-/Außenperspektive. Ob eine solche vorliegt, dazu muss man sich die Frage stellen, ob aus einer Figur heraus erzählt wird oder ob von außerhalb einer Figur eine Situation geschildert wird.
Tatsächlich kann auch hier ein Wechsel vorliegen. Die Frage ist, ob dieser Wechsel sinnvoll ist. So beginnt Der Zauberberg von Thomas Mann sehr distanziert. Ein Zeichen für diese Distanz ist, dass sich der Erzähler vornimmt, dem Leser etwas zu erzählen, weil es für den Leser interessant ist. Dann reist der Protagonist dieses Romans, Hans Castorp, in das Lungensanatorium, in dem der Roman weitestgehend spielt, und auf dieser Reise gleitet die Erzählsituation nach und nach in eine Innenperspektive über, wenn auch eine ironisch gebrochene. Dieses Hineingleiten hat natürlich eine Erzählfunktion. Manche der Figuren in diesem Roman sind sehr distanzlos und diese distanzlose Erzählweise reflektiert die Lebensweise dieser Figuren ebenso, wie sich der Erzähler an einigen Stellen unvermutet als sehr distanziert zu Wort meldet, also wieder ganz in die Außenperspektive überwechselt. Und das wiederum reflektiert das Bemühen mancher Figuren, zu den Geschehnissen im Lungensanatorium Distanz zu gewinnen.

Ich/Er-Grenze

Die zweite Grenze ist die Ich/Er-Grenze. Hier finden wir tatsächlich so etwas wie eine grammatische Grenze, denn diese ist vor allem darauf ausgerichtet, ob jemand sich selbst als Erzähler benennt, oder ob dieser Erzähler jemand anderen in seinem Roman auftauchen lässt, ohne auf sich selbst zu verweisen. Die Leiden des jungen Werther führen anhand von Briefen einen auf sich selbst verweisenden Erzähler ein. Die Elefanten meines Bruders (Helmut Pöll) ist dafür ebenso typisch.
Diese Grenze fällt nicht mit der Innen-/Außengrenze zusammen. In Robinson Crusoe oder in Der Name der Rose, in Das foucaultsche Pendel ebenso wie im Felix Krull finden wir verschiedene Techniken, wie die Ich/Er-Grenze in Bezug zur Innen-/Außenperspektive gestaltet werden kann. Jemand findet zum Beispiel ein Manuskript (und der Leser erlebt ihn dabei, wie er dieses Manuskript findet), aber die Erzählung selbst handelt nicht von diesem Finder, sondern von jemand ganz anderem, eben meist dem Autoren des Manuskripts.

Erzähler/Reflektor

Schließlich haben wir noch die Grenze zwischen Erzähler und Reflektor. Der Erzähler erzählt jemandem etwas, weil es interessant oder lehrreich ist. Reflektor dagegen ist eine etwas missverständliche Bezeichnung, weil man an Reflexion denkt, also eine bewusste geistige Tätigkeit. Tatsächlich ist mit diesem Reflektor allerdings jemand gemeint, der eine Wahrnehmung ohne Kommentare ablichtet. Das wird deutlicher, wenn man sich den vielleicht markantesten Erzähltyp aus diesem Bereich anschaut, das so genannte camera eye. Und dann wird klar, dass dieses Kameraauge nicht wertet, sondern einen roten Apfel als roten Apfel beschreibt, einen Sturz als Sturz, einen Schuss als Schuss und eine Dämmerung als Dämmerung, egal, was dies in der gesamten Geschichte bedeutet. Wir kennen diese starke Reflektorfigur von Landschaftsbeschreibungen, die "objektiv" sind. Zitieren wir für eine solch objektive Passage noch einmal aus Bookless:
Das Gewölbe, das sich vor ihr ausbreitete, schien kein Ende zu nehmen. Links und rechts des Aufgangs erstreckten sich rohe in das Erdreich geschlagene Wände. Auch der Boden bestand aus vom Alter fleckig gewordenen abgewetzten Steinquadern. Die hohen Bücherborde, die vor ihr aufragten, bogen sich unter ihrer Last. (Position 181)
Wir haben also diese drei Aufteilungen und damit drei Schnitte durch den Erzählkreis, die insgesamt sechs Segmente bilden:

Die Erzählsituation im Typenkreis

Und jetzt, an dieser Stelle, kann man auch die drei Erzählsituationen eintragen und erst mit diesem Hintergrund wird dann auch deutlich, was diese drei Erzählsituationen ausmacht. Es sind nämlich Mittelwerte nach dem Motto: tauchen besonders häufig auf und sind besonders beliebt. Keinesfalls handelt es sich aber um Regeln oder gar Definitionen:
Die Ich-Erzählsituation zeichnet sich durch eine Innenperspektive aus und parallel dazu, dass der Erzähler und die Figur identisch sind. Zudem mischt sich der Erzähler durch Kommentare und Bewertungen in das Geschehen ein.
Bei der personalen Erzählsituation finden wir zwar auch eine Art Innenperspektive, aber weitestgehend ohne Einmischung der Figur. Wenn das Innenleben der Figur geschildert wird, dann „objektiv“. Im Übergang von der Ich-Erzählsituation zur personalen Erzählsituation verschwindet also die psychologische Tiefe der Figur. Und manche dieser Romane in der personalen Erzählsituation lesen sich dann auch eher wie Verhaltensbeobachtungen.
Je stärker sich der Erzähler dann aus dieser Situation des Geschehens herauszieht und zu einer eigenständigen Person wird, umso stärker kommen wir zur auktorialen Erzählsituation. Und der Erzählertyp, der diese auktoriale Erzählsituation am besten ausdrückt, ist jener Erzähler, der den Leser bei der Hand nimmt und sagt: Du, komm mal her, ich habe hier eine interessante Geschichte für dich.
Von dort aus gleitet der Erzähler weiter und wieder zurück zur Ich-Erzählsituation, wenn nämlich der Erzähler, der dem Leser etwas erzählen möchte, mehr und mehr wieder zu der Figur wird, die die Handlung erlebt und mitgestaltet. In diesem Zwischenraum zwischen auktorialer Erzählsituation und Ich-Erzählsituation sitzt die Autobiografie (auch die fiktive) und das Geständnis, und das Ganze verdichtet sich dann mehr und mehr im Briefroman, wo zwischen den einzelnen Briefen die eigentliche Handlung stattfindet und die Briefe selbst häppchenweise diese Handlung reflektieren und erzählen.

Und noch einmal die Erzählperspektive

Woher kommt aber nun diese Regel, man dürfe die Erzählperspektive nicht wechseln? Es gibt zumindest einen sachlichen Grund. Wenn man aus der Perspektive einer bestimmten Person erzählt, braucht der Leser eine gewisse Zeit, um sich mit dieser Person zu identifizieren. Und dann ist es schon wichtig, eine Perspektive über einen längeren Abschnitt durchzuhalten.
Manchmal findet man ungekonnte Passagen bei jungen Schriftstellern, in denen diese Perspektive ständig verändert wird. Mal wird die Welt aus der Sicht von Petra betrachtet, dann sofort wieder aus der Sicht von Manfred und wenn dann noch ein Johannes dazu kommt, dann wird es schon meist sehr kompliziert. Und zumindest im Unterhaltungsroman mag das kein Leser. Dann bricht der Leser entweder den Roman ab oder er versucht sich die Lücken mit Hilfe seiner Einbildung zu füllen. In beiden Fällen aber liest der Leser den Roman nicht.
Und genau aus diesem Grund sollte man dann auch für eine gewisse Zeit die Erzählperspektive einhalten. Sie dient dem Leser und insofern sie dem Leser dient, kann man mit der Erzählperspektive machen, was man will. Ein gut orientierter Leser wird natürlich eine Geschichte als klar empfinden und deshalb ist der Wechsel der Erzählperspektive, so zumindest meine Empfehlung, immer deutlich zu machen. Aber das ist, wie gesagt, kein Dogma. Christa Wolf hat in einigen Werken mit diesen Erzählperspektiven experimentiert und ganz wunderschöne Romane geschrieben. Kassandra hatte ich bereits genannt. Ein anderer schöner Roman von ihr ist Kindheitsmuster.
Und die Gestaltung der Erzählsituation hängt natürlich auch davon ab, was der Roman ausdrücken soll. Der Ich-Erzähler ist subjektiv dicht am Geschehen dran und eignet sich deshalb vor allem für Spannungsromane. Der personale Erzähler ist objektiv, wodurch er sehr dicht an den Tatsachen entlang schreibt, weniger an den Figuren selbst und deshalb zum Beispiel häufig in Wissenschaft-Thrillern zu finden ist. Die auktoriale Erzählsituation schließlich stellt das Erzählen besonders in den Mittelpunkt, weshalb sich diese wieder sehr für ironische oder pädagogische Romane eignet.

Thriller und die Flucht vor einer eindeutigen Erzählsituation

Wie wenig Gespür die Deutschen für das Erzählen zeigen, dazu muss man nur die vielen Thriller betrachten, die derzeit aus deutscher Feder auf den Markt fließen. Diese sollen besonders dramatisch sein, was eine Ich-Erzählperspektive nahelegt. Aber hier scheint es ein grundlegendes Problem zu geben, wenn sich ein Autor mit seiner Figur identifizieren soll. Im Allgemeinen finde ich es ja sympathisch, wenn jemand nicht weiß, wie sich ein Serienkiller von innen heraus anfühlt. Was die Vermutung nahe legt, dass er nicht dazu neigt, Menschen direkt und massenweise umzubringen. Aber dann sollte man so etwas auch nicht schreiben, zumindest nicht aus Sicht des Serienkillers.
Wenn derselbe Autor sich dann auch noch als unfähig erweist, aus der Sicht eines verzweifelten Vaters und eines entführten Mädchens zu schreiben, also für diese auch keine Empathie zu empfinden scheint, dann wird das auch nichts mit der Ich-Erzählsituation. Und dann findet man plötzlich einen Ich-Erzähler, der mehr über die Welt doziert, in der er lebt, als dass er diese Welt erlebt. Wenn sich derselbe Autor dann auch keine Gedanken gemacht hat, was er dem Leser mitteilen möchte, wo also seine Erzählung für den Leser wichtig ist (jenseits der Spannung), dann wird das auch nichts mit der auktorialen Erzählsituation. Und wenn er zusätzlich noch schlecht recherchiert hat, und statt dass er objektiv ist, einfach nur peinlich wirkt, fällt auch die personale Erzählsituation aus. Das wiederum führt dann zu Erzählungen, die wild in der Gegend herumstolpern und weder richtig erzählen, noch spannend sind, noch etwas mitzuteilen haben.

Fortsetzungen folgen

Quellen
Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, Göttingen 1991.
Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1990.
Pöll, Helmut: Die Elefanten meines Bruders.
Woolf, Marah: Bookless. Wörter fluten durch die Zeit.

19.01.2014

Snowden als Wirtschaftshelfer für Europa

"Es hält uns nichts davon ab, ein Apple, ein Google, ein weiteres 'Angry Birds' von Europa aus zu schaffen." Dazu würden womöglich sogar die Snowden-Enthüllungen beitragen: "Das ist das beste Marketingprogramm für Europa." (HIER)
Na sowas.

Frage also, wann wir Snowden endlich die völkerrechtswidrige Verweigerung von Asyl und einem ordentlichen Gerichtsverfahren noch verweigern oder ihn vielleicht sogar als Netzexperten in die marode deutsche Innovationspolitik holen.
Mut wäre ja auch mal ein Neuland, das es zu entdecken gilt, Frau Merkel.

18.01.2014

Mein Autor vom Mars

In der Komödie ›Mein Kind vom Mars‹ spielt John Cusack einen Bestseller-Autor, der ein etwas ungewöhnliches Kind adoptiert. Auf einer Buch-Feier wird er von seiner Verlegerin gefragt: »Warum können Sie nicht einfach so sein, wie wir Sie haben wollen?«

Willkommen im Land der Tautologien

Das erste Beispiel habe ich verdrängt. Beim zweiten hat irgendjemand „alleine auf eigene Faust“ gehandelt. Jetzt lese ich gerade in der SZ-online, beim Wahlgang von Bouffier habe es eine „peinliche Panne“ gegeben.
Ich hätte da noch „bildhaftes Kino“, „verbales Gerede“ oder „freizeitmäßigen Urlaub“. Alles Sachen, über die auch mal unbedingt geschrieben werden sollte. Aber bitte nicht über alle am selben Tag.

Die Zeit bringt Frauen zur Vernunft

Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Und offensichtlich jetzt auch die Wunden, die der Feminismus schlug. Welcher Feminismus? Darüber rätsele ich noch. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich nicht von einem Feminismus ausgehe. Und wer meine Vorstellung von dem, was Ideologie ist, kennt, weiß auch, dass ich Ideologien nicht als Einheit nehme. Das gilt für den Nationalsozialismus, für den Stalinismus, für den Ästhetizismus oder den Rassismus. Und auch der Feminismus ist eben keine Einheit, sondern von Spannungen und Konflikten und verschiedenen Positionen durchzogen.
Manches am Feminismus ist elitär und Menschen verachtend. Judith Butler: die sollte man nicht nur deshalb nicht lesen, weil einige reaktionäre Machisten der Meinung sind, das sei eine radikale Lesbe, sondern es auch so genannte Feministinnen gibt, die Butler als unzutreffend und unsinnig bezeichnen. Denn nur wer Butler nicht kennt, wird eine solch unsinnige Aussage treffen und sie unter manche kruden und dämlichen Phänomene subsumieren, die sich als feministisch bezeichnen.

Nun kamen zwei Autorinnen der Zeit auf die Idee, die Männer zu verteidigen. Ich hatte ja schon Martenstein auf die Giftliste gesetzt. Der hat sich letztes Jahr im Sommer im Zeit-Magazin eine gruselige Kamelle geleistet. Und offenbar treten jetzt seine Adeptinnen nach.
Die Autorin vom Blog fuck the arts kommentiert entsprechend bissig:
“Männer stellen 93 Prozent der wegen Mordes, Mordversuchs oder Totschlags Inhaftierten. Und wenn man von Sexualdelikten absieht, sind zwei von drei Gewaltopfern ebenfalls Männer.” Entschuldigung, aber: What the fuck?? Wenn man von Sexualdelikten absieht? Warum sollte ich von Sexualdelikten absehen, wenn ich über Gewaltverbrechen spreche?
Nun: Das ist doch eine vernünftige Frage.
Natürlich werden auch Männer Opfer von Gewaltverbrechen und es sind nicht gerade wenige. Aber die Frage ist doch auch, warum sich Verbrechen in ihrer Art so sehr verteilen. Die Autorin des Artikels wendet sich gegen diese Vereinfachungen, die in dem Zeit-Artikel vorgenommen werden.

Ganz großartig dann aber folgende Stelle:
(Einschub an dieser Stelle: Was die beiden Autorinnen ohnehin meines Erachtens nicht zu verstehen scheinen, ist dass sich eine ‘Männerbewegung’ gegen etwas strukturell begründetes richten müsste. Dass als ‘Männer’ gelesene Menschen unserer Gesellschaft die – durchaus positiver konnotierte – Kehrseite dessen abbekommen, wie ‘Frauen’ wahrgenommen werden und welche Möglichkeiten ihnen offenstehen, ist dabei wohl evident, umso mehr sollten wir uns doch A. um bestehende Diskriminierung kümmern und B. gegen die binäre Kategorisierung als solche wehren.)
Das ist guter Feminismus und weit mehr als nur Feminismus.

Kleine Rassismus-Kontrolle

Worüber sich die Welt aufregt, das ist in Paris gängige Praxis. Ein französisches Restaurant in Islamabad hat pakistanische Gäste des Hauses verwiesen: weil sie Pakistani sind. Tatsächlich wird dies in manchen Restaurants in Paris ebenso gehandhabt. Selbst George Michael und Cate Blanchett wurden dazu gedrängt, mit Tischen für "gewöhnliche" Gäste zufrieden zu sein.

Allerdings scheint mir das nicht ein Problem der Nationalität zu sein, sondern dass die Elite unter sich bleiben will und dass die Elite vorwiegend weiß und reich, heterosexuell und kinderlos ist. Zumindest sind die Kinder immer gut betreut, so dass sie nicht weiter auffallen und bei Restaurant-Besuchen nicht stören. (HIER)

Ein ganz anderes Problem hat derzeit der CSU-Abgeordnete Josef Schmid, der in München Oberbürgermeister werden will. München ist seit 20 Jahren fest in der Hand der SPD und mit dem Namen Ude verbunden. Großstädte haben ein ganz anderes Klientel als die Landbevölkerung. Das gilt auch für Bayern. Schmid also präsentiert sich als weltoffen, sieht Zuwanderung auch als Chance und hat einen expliziter schwulen Stadtteil für schützenswert erachtet. Doch die Stammtisch-Brüder machen ihm gerade einen Strich durch die Rechnung, indem sie die Debatte um Wirtschaftsflüchtlinge anheizt. Das gefällt dem möglichen Koalitionspartner Bündnis Die Grünen überhaupt nicht. Und viele Münchner sind davon auch nicht begeistert. (HIER)

Überhaupt ist Wirtschaftsflüchtling ein seltsamer Begriff. Als ob man der Wirtschaft entfliehen könnte. Da Wirtschaft immer auch auf dem Tausch zwischen Menschen ausgelegt ist, sollte man übrigens meinen, dass mehr Menschen auch zu mehr Wirtschaft führen. Und auch der Besitz von Land und harten Produktionsmitteln ist in Zeiten einer Informationsgesellschaft nicht mehr unbedingt notwendig. Tatsächlich verläuft die Wirtschaft, wir ahnen es ja alle, etwas komplizierter als gerade eben dargestellt. Vor einigen Jahren erregte in Neukölln eine ganz andere Form der Ausbeutung Aufmerksamkeit. Dort wurden rumänische Familien illegal in Wohnungen eingepfercht und dann zu einer Art Arbeitsdienst gezwungen, wobei der Lohn von dem betreffenden Ausbeuter einbehalten wurde.
Dagegen ist Wirtschaftsflüchtigkeit doch gerade zu ein Witz. Ich glaube, dass unserer Gesellschaft einfach das Bewusstsein für Initiativen fehlt, die nicht auf den üblichen Marktwert reagieren.

Und damit sind wir bei unseren Hartz IV-Empfängern. Eine neue Studie hat nachgewiesen, dass die Strafaktionen von Hartz IV-Empfängern sich katastrophal auf die Lebenslagen der Betreffenden ausüben. Psychologisch gesehen ist Stress sowieso sehr schädlich. Eher sollte man diesen Menschen die Möglichkeit verschaffen, kreativ neue Wege zu beschreiten. Und das darf man dann auch gerne betreut machen und mit einem gewissen liebevollen Nach-vorne-Stupsen.
Meine Ansicht dazu ist: man soll die Menschen nicht vor dem Fallen bewahren, aber ihnen beim Aufstehen helfen.

Die Praxis der Regierung Erdogan ist mehr als fragwürdig. So sehr ich dem türkischen Volk eine Mitgliedschaft in der EU gönne. Dieser Regierung kann und will ich nicht zustimmen. Wir haben mit den Ungarn schon einen großen Ausreißer aus der Demokratie. Wir haben eine Bankenlandschaft, die zum Teil menschenverachtend ist. Wir brauchen nicht noch einen Haufen Idioten, die die Macht vor und über die politische Meinungsfreiheit stellen.

NSA?
Natürlich müssen Terroristen bekämpft werden. Sie sind immer die Vorboten von Fanatismus und kruder Ideologie. Aber sie sind nicht selbst das ideologische System. Deren Vertreter treten gerne in der Pose von Saubermännern auf.
Was ich damit sagen will: solange Snowden nicht rehabilitiert wird, kann Obama quatschen was er will. Man kann nicht immer verhindern, dass Institutionen Unrecht tun. Aber in einer Demokratie sollte der Rückweg zum Recht leicht fallen und nicht durch irgendwelche Feigenblätter verdeckt werden. Das Unrecht gegenüber Snowden kann durch keine andere Maßnahme abgeschwächt werden. Genauso wenig wird der Mord an einem Menschen durch die Rettung von zehn Menschenleben aufgehoben. Genau das ist doch damit gemeint, wenn man die Würde des Menschen für unantastbar hält. Sie darf nicht relativiert werden.

17.01.2014

Wann Verzicht am schönsten ist

I Do not want what I haven't got hieß das zweite Studio-Album von Sinéad O'Connor, das 1990 zu einem der erfolgreichsten Alben des Jahres wurde. Es wäre ein Album ganz nach Geschmack des CSU-Generalsekretärs Andreas Scheuer. Dieser verzichtet jetzt auf einen Doktortitel, den er gar nicht besitzt. Das habe ich auch schon einmal getan. Wie hasse ich diese Nachahmer.

Feinde sind Freunde. Dies lehrt uns unser Präsidenten-Pastor nicht nur in seinen Predigten, sondern auch unfreiwillig durch die Art und Weise, wie seine Reden aufgenommen werden. Neo-Liberalismus; das war das Thema. Gauck finde es merkwürdig, dass das Wort ›neoliberal‹ heute so negativ besetzt sei. Ich hätte ihn jetzt gerne zu dem Wort ›neomarxistisch‹ befragt, eventuell auch zu dem Wort ›poststruktural‹. Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit unseres Bundespräsidenten bin ich aber eindeutig benachteiligt.
Tatsächlich wundert es mich eher, dass Gauck sich wundert. Das Problem an Ideologien ist doch auch, dass sie sich nicht definieren lassen. Wie Kant sehr treffend geschrieben hat, entstehen Verstandesbegriffe durch Abstraktion, d.h. durch Weglassen von Merkmalen, während Vernunftbegriffe, also Ideen, nur durch Beispiele illustriert werden können. Die Schlüsse, die Immanuel Kant daraus zieht, sind bereits weitreichend. Und was Hannah Arendt dann aus dieser Idee macht, 150 Jahre später, klingt zunächst sehr befremdlich und dann sehr wundervoll. Um es kurz zu machen: Ideen sind nicht dazu da, um Menschen zu vereinen, sondern um sie unterschiedlich zu machen. Das Problem von Ideologien ist, dass sie aus nur wenigen Ideen bestehen und dass sie dadurch den Menschen zu wenig Unterscheidungsmöglichkeiten zugestehen, wobei hier Unterscheidungsmöglichkeiten auf die Grunddifferenz ich/anderer bezogen ist. Man könnte also behaupten, dass Ideologien aus zu wenig Ideen bestehen und deshalb so dogmatisch seien.

Schaut man sich die großen Liberalen Anfang des Jahrhunderts an, so trifft man dort viele sehr belesene und sehr durchdachte Köpfe, zum Beispiel Alfred North Whitehead. Dessen Ideen allerdings zur sozialen Ordnung sind ganz entscheidend eben nicht von der Wirtschaft geprägt, sondern von dem Kampf um die Ideen und dem, was Kant so schön in dem Satz ›Räsonniert soviel ihr wollt, …‹ ausgedrückt hat.
Und hier findet man bei den alten Liberalen durchaus einen Zug, der sich im modernen Neoliberalismus überhaupt nicht mehr finden lässt (zu Walter Eucken kann ich allerdings nichts sagen): dass dieser Wettbewerb nicht dazu da ist, einen Sieger zu ermitteln, sondern sich zu vereinzeln. Und damit ergibt sich eine gewisse Nähe zu den marxistischen Lehren. Was bei Marx die Arbeit und die Verfügbarkeit der Produktionsmittel bewirken soll, also eine Stellung des Subjektes zu den Objekten, drückt sich bei Whitehead durch eine Stellung verschiedener Subjekte zueinander aus. Und der Leitfaden, an dem sich diese Whiteheadschen Subjekte orientieren, ist auch nicht die Leistung und schon gar nicht die wirtschaftliche Leistung, sondern die Kreativität (wobei diese nicht mit der Kreativität verwechselt werden darf, wie wir sie heute kennen).

Wer auch immer sich ein wenig mit der Geschichte des Liberalismus auskennt, wird sich nicht wundern. Denn das, was heute als Neoliberalismus gilt, hat mit dem Liberalismus kaum noch etwas zu tun. Und so kann man sich nur über Gauck wundern, wenn er hier versucht, einen Begriff im Alleingang umzubesetzen.

Im übrigen ist es doch klar, dass eine wirtschaftliche Freiheit und der wirtschaftliche Wettbewerb nicht ohne Strukturen laufen kann und die Frage ist auch, ob diese Strukturen durch die Politik und durch welche Politik vorgegeben wird, oder durch wirtschaftsnahe Institutionen, wie zum Beispiel Banken und große, global agierende Firmen. Solange diese eine strukturelle Macht besitzen, kann von einer wirtschaftlichen Freiheit kaum die Rede sein. Es ist natürlich die Frage, ob eine radikale wirtschaftliche Freiheit wirklich wünschenswert ist. Schließlich wollen die meisten Menschen nicht auf Massenverfertigung verzichten. Und es ist kaum anzunehmen, dass ein einzelner Mensch in der Lage wäre, auch nur einen einzigen iPod oder ein dem iPod vergleichbares Gerät zu bauen. Massenproduktion ist einfach notwendig und damit eben auch große Firmen. Die Frage ist auf der anderen Seite, ob diese auf diese Art und Weise notwendig sind, wie wir sie heute kennen.

Homosexuelle dürfen entspannt sein

Dies lässt Putin verlauten. Sie müssten sich nur von Kindern fernhalten. Ausdrücklich erwünscht dagegen ist die Teilnahme an den von der Regierung betriebenen SM-Studios.