30.11.2013

Workflow, so lautet das Zauberwort

Seit Tagen wollte ich mal wieder in meinen so beliebten japanischen Restaurant essen. Ich schaffe es zeitlich überhaupt nicht. Tatsächlich bin ich vor etwa einer Dreiviertelstunde etwas überhastet von meinem Schreibtisch aufgestanden, um mich zumindest für morgen noch mit Lebensmitteln einzudecken.

Manchmal bin ich daran aber auch selbst schuld.
So habe ich gestern vom frühen Nachmittag an bis spät in die Nacht für die Lehrvideos neue workflows ausprobiert, zudem neue Techniken der Gestaltung.
Ich hatte ja schon mal gestanden, dass diese Videos aus einer Laune heraus entstanden sind, einer Laune, die mich hinterher einige Nerven gekostet hat. Seit über zwei Monaten bin ich mit dem Skript fertig. Und ich hatte gedacht, ich könnte aus den Lehrprogrammen, die ich im September und Oktober erstellt habe, mit der gleichen Technik rasch auch Videos erstellen. Es war eindeutig falsch gedacht. Das Skript ist gut. Die Videos selbst gefallen mir überhaupt nicht.
Zumindest heute Morgen konnte ich aber das erste Video soweit neu gestalten, dass ich mich sogar wieder mal ein wenig stolz gefühlt habe. Von der Qualität her ist es trotzdem weit von den größeren YouTube-Video-Produzenten entfernt. Auch das habe ich in den letzten Tagen ein wenig gepflegt: mir solche Videos gründlicher anzuschauen.
Und zumindest eines habe ich festgestellt: diese sind von der visuellen Erzähltechnik ganz anders als meine Videos. Ich bin immer noch sehr stark am sprachlichen Erzählen orientiert. Nun: das ist eine reizvolle Aufgabe. Und eine, die ich bisher nur am Rande bearbeitet habe.

Doch seien wir mal ehrlich: jammere ich nicht schon das ganze Jahr über herum, dass ich zu wenig Zeit habe? Für Hannah Arendt, für Immanuel Kant, für Christa Wolf? Und jetzt noch ein neues Projekt? Vielleicht sollte man für solche Fälle einen gefühlten Jammerpegel einführen.

Nun, ich darf nicht zu viel erwarten (ihr auch nicht): diese YouTube-Produktionen werden von einem ganzen professionellen Team begleitet. Das kann ich zurzeit natürlich nicht aufbieten. Und manche von ihnen werden ja sogar fast ausschließlich von staatlicher Seite aus finanziert. Dazu gehören einige recht seltsame Lehrvideos, die vor allem grafisch schick sind, inhaltlich aber durchaus zwiespältig sind.

Workflow also. Was mich mal interessieren würde, ist, wie andere Video-Produzenten die ganzen Elemente organisieren. Über den Daumen gepeilt habe ich pro Video etwa 200 Elemente einzubinden. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich für mich eine gute Ordnung gefunden habe, die sowohl Unterordner als auch Dateibezeichnungen betrifft.
Solange ich aber all die Möglichkeiten nicht ausprobiert und abgeschätzt habe, wird das wohl auch noch im Fluss sein. Es ist also eine ganze Menge zu tun.

28.11.2013

Lärmende Rabauken

Im Sommer hatte ich die Idee, kleine Notizen aus dem Alltag leicht sprachlich ausgefeilt und unter einer eigenen Rubrik auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie sollte "ins Panorama aufsteigen" heißen, nach einer Phrase aus Benjamins Passagen.

Ich habe es nicht gemacht. Manchmal bedauere ich es.

Die Idee kam mir durch diese drei kleinen Ereignisse:
Es war ein schöner, sonniger Morgen im Julei, in aller Herrgottsfrühe. Ich war bereits wach und hatte die Balkontür offen, als mich von draußen ein sehr deutliches Klopfen neugierig machte. Als ich ins Freie ging, erblickte ich auf der Kiefer vor meiner Wohnung einen Kleinspecht. Dieser war eifrig dabei, aus der Rinde irgendwelche Insekten herauszuholen.
Kleinspechte unterscheiden sich in der Färbung des Gefieders nicht von Buntspechten, sind aber eben, wie der Name das schon sagt, deutlich kleiner, etwas größer als die Blaumeise. Zudem sind sie äußerst selten.
Drei Stunden später stand ich zufälligerweise wiederum auf dem Balkon, als sich auf einem Zweig derselben Kiefer eine Schwanzmeise niederließ. Auch Schwanzmeisen sind selten, obwohl im nordischen Raum wesentlich häufiger, als in Hessen, wo ich aufgewachsen bin.
Sie treten in größeren Scharen auf, als die Rabauken unter den Singvögeln. Sie sind nämlich nicht, wie man dies öfter in der Literatur findet, scheu, sondern ganz schön zudringlich. Und so war es auch diesmal. Ich lehnte auf der Brüstung meines Balkons, die Schwanzmeise tschilpte und schon kamen weitere Schwanzmeisen herbei, ein ganzer Schwarm. Es müssen um die 50 gewesen sein. Sie ließen sich ganz ungeniert auch auf meinem Balkon nieder und kamen recht nahe. Einige schienen sich sogar für meine Hände zu interessieren, was selbst die Spatzen aus der Umgegend sich nicht trauen.
Trotzdem sind sie dann relativ rasch weitergezogen und seitdem habe ich sie auch nicht mehr gesehen.

Das waren die beiden Vogel-Ereignisse an diesem Morgen. Dazwischen ließ sich der Nachbar von gegenüber mit dem grandiosen Satz hören: „Jesus ist aus Plastik.“

Jener besagte Nachbar hat letzte Woche zum letzten Mal für Lärm gesorgt. Da war nämlich die Feuerwehr da und hat seine Jalousien hochgestemmt. Später erzählte mir ein etwas neugierigerer Nachbar, man habe ihn, der seit Jahren durch sein Geschrei die Nachbarschaft nervt, tot aufgefunden und auch schon — das war natürlich besonders „interessant“ — halb verwest.

Besonders schlimm waren immer die Fußball-Endspiele. Dann hat er mit einer dermaßen lauten Stimme und meist stockbesoffen bis weit nach Mitternacht herumgeschrien.
Einmal hat er irgendwelche Jungs, die gegenüber der Straße auf einem Balkon gefeiert haben, als asoziale Schwuchteln und Ausländer beschimpft, worauf hin diese Jungs runtergekommen sind und ihn wohl in die Mangel genommen haben. Die Beschimpfung habe ich gesehen (sie war auch nicht zu überhören), das darauf folgende wurde durch ein dazwischenliegendes Haus verborgen.
Ganz so toll fand ich die Aktion nicht. Denn auch wenn dieser Mensch extrem rassistisch war, so doch insgesamt viel zu harmlos, um auch nur irgendwie in einer organisierten Gruppe mitwirken zu können. Er hat einfach das weitergegeben, was sein kaputter Verstand ihm noch erlaubt hat zu denken. Unangenehm, aber harmlos. Auch seine Homophobie war ja aus seiner ganzen Fremdheit gegenüber dem umliegenden Leben erklärbar. Das war mehr bloßes Geschrei als eine tatsächliche Bedrohung. 
Andere Menschen sind da wesentlich gefährlicher.

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Ein wütender Rezensent schreibt bei Amazon zum neusten Buch von Boris Becker: ein weiterer unfruchtbarer Erguss eines ehemaligen deutschen Helden.

Mario Barth, dessen Humor nicht unserer ist, fordert die Deutschen dazu auf Weltrekordler zu werden. Ich bin auf dem besten Weg. Ich halte den Weltrekord im Mario-Barth-Ignorieren für erreichbar. 43 Jahre habe ich es bereits ausgehalten.

Jahrestage III

„Sie [die New York Times] zitiert einen hohen Beamten der Verkehrsbehörde, der sich darüber freut dass in manchen Zügen nun nur noch 105 bis 110 Leute je Wagen zur Arbeit fahren, statt wie früher 180 bis 212. Deswegen zitiert sie ihn nicht allein. Er hat auch den Begriff eines »Komfortpegels bei 180« Fahrgästen eingeführt. Was mag das sein? Ein »Komfortpegel« in der U-Bahn ist gegeben, »wenn ein Mann im Stehen die New York Times lesen kann«: berichtet die New York Times.“
Johnson, Uwe: Jahrestage I, Frankfurt am Main 1993, Seite 379 f.

17.11.2013

Vom Schreiben und Erzählen (Nachrichten aus der Zwischenwelt)

Ich sitze an meinem Video-Kurs. Und was ich so eben nebenher noch an Zeit habe, wird durch diesen aufgefressen.

Den online-Kurs The future of Storytelling finde ich insgesamt recht fade. Bisher war nichts dabei, was man nicht in den ersten zwei Semestern eines Germanistik-Studiums gelernt haben könnte. Gut, ich habe mir über andere Medien als Film und schriftliche Erzählung bisher nicht allzu viel Gedanken gemacht und insofern empfinde ich die Anregung, sich mit anderen Erzählweisen auseinander zusetzen, schon ganz fruchtbar. Insbesondere Computerspiele und Mini-Serien hatte ich bisher noch gar nicht betrachtet.

Da ich aber gerade selbst einen ähnlichen Kurs entwerfe, wenn auch wesentlich spezifischer für die schriftliche Erzählung, kann mich der Kursaufbau insgesamt nicht wirklich überzeugen. Wenn es einen großen Fehler an diesem ganzen Kurs gibt, zumindest so, wie er bisher veröffentlicht worden ist, dann ist das der didaktische Aufbau. Mir sind die Lernziele zu oberflächlich. Häufig geht es lediglich um ein ›Identifizieren‹, nicht um eine wirkliche Auseinandersetzung damit. Es fehlen zum Beispiel Aufgaben. Es gab jetzt zwar zweimal eine Aufgabe am Ende einer Einheit, aber beide waren sehr unpräzise. Und teilweise sieht man das an den Ergebnissen. Die Aufgabe vom letzten Freitag hat vor allem dazu geführt, dass sich Professionelle mit Werbefilmen vorgestellt haben und nicht, wie das wohl eigentlich intendiert war, mit weiteren Vorschlägen für Anregungen zum Storytelling. — 
Schade!

Für meinen Kurs habe ich mir einen wesentlich durchgängigeren didaktischen Aufbau überlegt. Das birgt natürlich die Gefahr, dass man zu Gunsten des roten Fadens viele Sachen auf die Seite schieben muss.
Das habe ich gerade heute erfahren müssen. Die ersten zehn Videos liegen jetzt fertig auf meiner Festplatte und müssen nur noch hochgeladen werden. Die nächsten zehn Videos warten auf ihre Fertigstellung. Von dreien habe ich jetzt die Tonspur vollständig. Die letzte Handlung ist die  Synchronisation von  Filmen und Tonspur, was aber kein großer Aufwand mehr ist. Und weitere sieben werde ich wohl noch heute Abend und Morgen soweit fertig haben, dass ich die Synchronisation ebenfalls vornehmen kann.
Trotzdem: mein Video 23 hat mich recht lange beschäftigt. Ich bin damit unzufrieden, gerade weil ich hier ein Thema anschneide, dass ich nicht weiter behandeln konnte. Ich hatte mir zwar im Vorfeld schon überlegt, dass ich dazu dann noch mal einen weiteren Kurs plane. Aber so ganz ohne dieses Thema komme ich auch nicht aus. Es handelt sich um eines jener Themen, zu denen ich auf meinem Blog in den letzten Jahren immer mal wieder kleine zwischen Betrachtungen veröffentlicht habe: die Verrätselung. Im letzten Jahr habe ich dazu zwar deutlich mehr Klarheit gewonnen, aber zu einer guten Vermittlung, die sozusagen alle Formen des narrativen Rätsels, also des Rätsels in Geschichten, darstellen könnte und dann auch beibringt, bin ich noch nicht gekommen. Und leider ist es mit diesem Thema so, dass ich immer, wenn ich das Gefühl habe, jetzt das Ganze gut begrifflich erfasst zu haben, so dass ich mich an eine endgültige Didaktisierung machen könnte, ich doch wieder ein ganzes Stück weit die Sachen umschmeißen muss. Zumindest was die Herstellung von solchen Rätsel angeht.
Andererseits habe ich auch einige ganz großartige Einheiten. Zumindest unter den ersten zehn sogar eine, mit der ich restlos zufrieden bin, was mir eigentlich nie passiert. Und zumindest bei vier anderen bin ich mir sehr sicher, dass diese ebenfalls wirklich gut werden.
Da ich mich eigentlich noch mit dieser Art der Darstellung in den Kinderschuhen befinde, sowohl was die Technik, als auch die Planung anbelangt, kann ich sogar ganz stolz auf mich sein.

Zwei Seiten habe ich gefunden, die ich eigentlich ganz wunderbar finde. Auch hier fehlt wieder die Didaktik. Beide sind auf Englisch und ich überlege mir gerade, ob ich die eine Seite nicht ins Deutsche übersetzte und als eine Art "give-away" verteile. 
Die eine Seite nennt sich ›Periodic Table of Storytelling‹. Die finde ich ja klasse; man muss bloß wissen, wie man sich dazu Aufgaben stellt.
Die andere Seite heißt ›tv-tropes‹. Sie behandelt typische Erzählmuster in  Fernsehserien; wobei hier sehr deutlich auch andere Verbreitungsmedien mit angesprochen werden.

Zum Lesen komme ich fast gar nicht. Vor einigen Tagen habe ich mir mal wieder Nietzsches Schopenhauer als Erzieher vorgenommen, von Schopenhauer selbst aus den Aphorismen zur Lebensweisheit den Abschnitt über die Sexualehre und von Judith Butler das letzte Kapitel aus Das Unbehagen der Geschlechter, sowie das Foucault-Kapitel aus Psyche der Macht. Zentraler Anlass war die Resonanz zwischen dem phantasmatischen Wir des Feminismus und der von Schopenhauer postulierten Sexualehre der Weiber. Zum einen ist es witzig, dass eine der Protagonistinnen des modernen Feminismus Parallelen zu einem als Frauenfeind verschrieenen Philosophen aufweist, zum anderen aber ging es mir um Strategien, wie dieses fantasmatische Wir „produziert“ wird. Ich bin noch zu keinem (Zwischen-)Ergebnis gekommen.
Dabei habe ich gerade rund um den Wahlkampf zur Bundestagswahl recht viele Notizen zu diesem fantasmatischen Wir verfasst; klar, bei Sprüchen wie ›Das Wir entscheidet‹ und ›Wir sind Deutschland‹.

07.11.2013

Gratwanderungen: Kunst, Recht und Pornographie

Wenn ich nicht gerade für andere Menschen schreibe, schreibe ich natürlich für mich. Lang gepflegtes Projekt: Judith Butler. Und nebenher sammeln sich Fundstücke, wie zum Beispiel das Urteil der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zu dem Comic ›Bullenklöten‹ von Ralf König. Nachzulesen ist das ganze auf der Website von Männerschwarm.

Ich möchte zwei Zitate aus dieser Schrift hervorheben:
(1) „Die Pornographie gilt nach dem Willen des Gesetzgebers als offensichtlich schwer jugendgefährdend.“
(2) „Ein Tatbestandsmerkmal der Pornographie ist, dass das Medium unter Hintansetzen aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund rückt und seine objektive Gesamttendenz ausschließlich, oder überwiegend auf Aufreizung des Sexualtriebe abzielt.“

Zu (1):
Dies erstaunt mich immer wieder, welche Vorstellung die Menschen vom Recht haben. Natürlich nicht alle, aber doch auffällig viele. Recht wird gerne mal mit der Wahrheit verwechselt, dabei hat beides nur relativ wenig miteinander zu tun. In der Rechtsprechung sind natürlich wissenschaftliche Ergebnisse enthalten, wie zum Beispiel das Wissen, dass Pornographie die Entwicklung einer Identität bei Jugendlichen empfindlich stören kann bis hin zu schweren Traumatisierungen. Das Recht allerdings zielt nicht auf Wahrheit ab, sondern auf die Strukturierung von Konflikten, die nicht mehr in der Interaktion gelöst werden können.
Das Recht ist positivistisch, muss sogar positivistisch sein, da es Fakten schafft und über diese Fakten an der Gesamtordnung einer Gesellschaft teil hat. So zielt Recht letzten Endes auf Interaktion und die Ordnung der Interaktion. Man ermutigt es dazu, den Rechtsweg zu beschreiten und mal entmutigt es zu diesem Weg.
Als jugendgefährdend können deshalb solche Schriften gelten, die die Entwicklung einer Identität behindern, deutlich abgrenzen oder sogar verhindern. Und offensichtlich sieht der Gesetzgeber einen Zusammenhang zwischen der monotonen und eindimensionalen Darstellung von Identitäten in pornographischen Schriften und Filmen und deren Auswirkung auf eine reduzierte oder verkrüppelte Identitätsbildung bei Jugendlichen.
In den entsprechenden Gesetzen sind die wissenschaftlichen Ergebnisse aufgehoben. Allerdings ist dieses Verhältnis kein einfaches, da die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse aus diesem Gebiet eine statistische Streubreite aufweisen, also keinen scharfen Schnitt vorsehen, bis wohin es noch erlaubt und ab wann es gefährdend ist. Insofern haben die reinen Gesetze ein deutliches Spannungsverhältnis zum empirischen Einzelfall.
(Dazu sind einige Artikel aus Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechts, Frankfurt am Main, 1999, sehr aufschlussreich: es handelt sich um Kapitel 3: Kommunikation über Recht in Interaktionssystemen, Kapitel 4: Die Funktion des Rechts: Erwartungssicherung oder Verhaltenssteuerung?, Kapitel 5: Konflikt und Recht und Kapitel 11: Funktionale Methode und juristische Entscheidung.)

Von der Rhetorik gesehen ist das Wörtchen ›offensichtlich‹ zumindest befremdlich: denn so offensichtlich ist die Gefährdung von Jugendlichen durch Pornographie keineswegs. Kinder und Jugendliche können aus allen möglichen Gründen situativ verstört sein, auch über längere Zeiten hinweg. Typischerweise gehören dazu die Trennung der Eltern; diese verbietet der Gesetzgeber nicht.
Das Gremium unterstreicht hier die Grundlage des Gesetzes, ein empirisches und statistisches Ergebnis, als eines, das in der Wirklichkeit wahrgenommen werden soll. Hier schleicht sich eine typische positivistische Flause ein: dass eine Norm sich immer auf einen sichtbaren Tatbestand bezieht (und nicht auf eine Struktur).

Zu (2):
Was mich an dieser Stelle persönlich berührt, ist die Gleichsetzung der Pornographie mit allen anderen Methoden, eine Identität zu reduzieren und auszumerzen. Dadurch ergeben sich Bezüge zum Mobbing oder auch zur Arroganz. Mit diesen beiden Aspekten hatte ich in den letzten 15 Jahren leider recht viel zu tun: das kommt davon, wenn man Menschen in sein Leben lässt, die eigentlich schon von ihren Voraussetzungen nicht für eine differenzierte Wahrnehmung geeignet sind.
Als ich vor einigen Tagen zu dem Ursprungsort kriminologischer Untersuchungen geschrieben habe, hatte ich ungefähr folgendes im Blick: dass sich die Differenz zwischen Handlungen und Erleben, zwischen Aktion und Passion, nicht wegerklären lässt. Sie kann erklärt werden, sie muss sogar erklärt werden. Die Frage ist nur: von wem? Ich hatte weiter vorgeschlagen, hier den Ursprungsort von einer Kriminalisierung anzusetzen: nämlich Bezugssysteme zu suchen, die sich durch ihre Interpretationsmacht dieser Differenz bemächtigen und sie dingfest machen. Dingfest heißt vor allem: sie jeder anderen Deutung zu entziehen. Das lässt sich zum Beispiel durch Überdramatisierung erreichen, eine bestimmte Form der Hyperbel, also der Übertreibung.

Das Befremdliche an dieser ganzen Geschichte ist nun, dass Judith Butler in einer sehr aufschlussreichen Passage Pornographie und Hyperbel zusammengebracht hat und als eine mögliche Auflösung dieses Spannungsverhältnisses die Resignifikation vorgeschlagen hat. Resignifikation, das bedeutet, vereinfacht gesagt, Umdeutung.
Hier ergeben sich wichtige Verbindungslinien zu dem Spätwerk von Hannah Arendt, aber auch zu ihren wesentlich früheren Schriften zur Tradition und zum Traditionsbruch.
Ein anderes Problem stellen die formalen Logiken dar. Eine formale Logik reduziert die Objekte, mit denen sie umgeht, auf wenige Merkmale. Dadurch ergibt sich automatisch eine Art Übertreibung der noch übrig gebliebenen Merkmale. Dies alles gehört zum Tatbestand der Extrapolation. Extrapolation: die ungebührliche Hervorhebung von Merkmalen. Wenn man sich die Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab erinnert, dann lässt sich die Struktur dieser Debatte weitestgehend auf die Feststellung reduzieren, dass hier ein Kampf um die „richtige“ Übertreibung stattgefunden hat, nicht aber um die Bedingungen dieser Übertreibung.
Wenn man nun die Pornographie als ein rein vom Subjekt getragenes Merkmal ansieht, geraten einem diese gesellschaftlichen Strukturen aus dem Blick, unter denen Pornographie entsteht, unter denen allerdings auch die Rechtsverletzung durch Pornographie entsteht. Hier ist es fast zynisch, dass derselbe Gesetzgeber, der die Deformation von Identitäten durch Pornographie unter Strafe stellt, ähnliche Deformationen der Identität durch Lohnarbeit nicht nur begünstigt, sondern zum Teil sogar gewaltsam durchsetzt. Diese Unsicherheit, die hier vom positivistischen Recht anscheinend aus der Welt geschafft wird, ist natürlich eine Unsicherheit, die sich immer dann einfindet, wenn die Frage nach der Zukunft gestellt wird. Beispielhaft ist dafür der Begriff des Kindeswohls. Das Kindeswohl bedeutet ja nicht nur einen momentanen Zustand, sondern auch die Zukunft einer unbeschädigten Identität. Im Kind wird also nicht nur das Kind in seinem derzeitigen Verhalten gesehen, sondern auch schon der Erwachsene. Dieser Vorgriff in die Zukunft wird allerdings im Einzelfall durch keine Statistik getragen.
Der Vorgriff auf die Zukunft ist eine ganz andere paralogischer Figur: die der bijektiven Applikation. Damit werden alle Argumentationen bezeichnet, bei denen vorher schon fest steht, was hinterher herauskommt. Das Rechtssystem muss natürlich mit solchen paralogischen Figuren arbeiten, um Sicherheit bieten zu können. Was im Einzelfall tatsächlich nicht mehr Recht ist, muss im Allgemeinen genügend Spielraum bieten, um Freiheiten in der Planung zu gewährleisten, gleichzeitig aber eben auch Sicherheiten in der Planung. Nichtsdestotrotz sind solche Begriffe wie Pornographie oder Kindeswohl keine logischen Begriffe und schon gar keine formal-logischen.
Wie aber könnte man den Status solcher Begriffe fassen? Ich denke, dass man dies zumindest auf folgendem Weg besser in den Griff kriegt. Es sind zunächst ins Allgemeine übertragene Erfahrungen, d.h. Generalisierungen. Dann sind es durch wissenschaftliche Ergebnisse gestützte Erfahrungen. Und schließlich sind es Erfahrungen, die danach begrenzt werden, was einem Subjekt noch zumutbar ist und was nicht mehr. Dass dadurch manchmal (oder, wie man durchaus befürchten darf, häufig) nicht nur die Freiheit eingeschränkt wird oder Bedingungen der Freiheit (zum Beispiel Solidarität) ungleichmäßig verteilt werden, sondern auch die ausgeschlossene Seite, die Seite des Unrechts stärker und machtvoller dargestellt wird, als sie in Wirklichkeit ist, das sind wohl die Probleme, die ein positivistisches Recht mit sich bringt. Zu erinnern ist zum Beispiel an die Angst vor der Unabhängigkeit der Frau oder an die Angst vor homosexuellen Menschen, die lange Zeit dazu geführt hat, dass diese an sich im Menschenrecht verankerten Freiheiten gesetzlich ausgeschlossen wurden. Frauen durften, soweit ich mich erinnere, ohne die Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten; aufgehoben wurde dieses Recht 1953. Und die Abschaffung des § 175 erfolgte sukzessive 1973 bis zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung heterosexueller und homosexueller Taten und Straftaten im Jahr 1994.
Hören wir zum Schluss noch einmal Judith Butler zu, zu dem Verhältnis zwischen Pornographie, Macht und Subjekt und der Interpretation dieser Konstellation:
Es hat daher wenig Sinn, sich das Visuelle Feld der Pornographie als Subjekt vorzustellen, das spricht und durch sein Sprechen hervorbringt, was es benennt. Seine Autorität ist deutlich weniger göttlich; seine Macht weniger wirksam. Es hat nur dann Sinn, sich den pornographischen Text als rechtsverletzendes Handeln eines Subjekts vorzustellen, wenn man ein Subjekt sucht, dem die Handlung zugeschrieben und das rechtlich verfolgt werden kann. Andernfalls ist unsere Aufgabe schwieriger, denn was Pornographie liefert, ist, was sie aus dem Fundus kompensatorische Geschlechternormen rezitiert und übertreibt, ein Text aus ebenso beharrlichen wie falschen imaginären Beziehungen, die nicht dadurch verschwinden, dass dieser Text abgeschafft wird, ein Text, der einer unnachgiebigen feministischen Kritik noch zu lesen bleibt.
Wichtig ist vor allen Dingen, welche Schlussfolgerungen für die Praxis Butler bereithält. Sie schreibt gleich im Anschluss an das letzte Zitat:
Wenn man solche Texte gegen den Strich liest, räumt man damit ein, dass die Performativität des Textes keiner souveränen Kontrolle untersteht. Im Gegenteil, wenn ein Text einmal handelt, kann er wieder handeln und das vielleicht genau gegen die frühere Handlung. Resignifizierung wird so zu einer Möglichkeit, Performativität und Politik neu zu lesen.
Butler, Judith: Flammende Taten, verletzendes Sprechen. in: Butler, Judith: Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt am Main 2006, Seite 112 f.

Kunst fungiert an dieser Stelle (dem Urteil zu Ralf Königs Comic ›Bullenklöten‹) als Scheide, die der Pornographie die Wirkung ihrer Übertreibung nimmt, auch sofern denn sexuelle Handlungen vulgär oder sogar drastisch dargestellt werden (wie das Gremium zu diesem Werk konstatiert).

Ein Problem bleibt an dieser Stelle offen: das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen und rechtlichen Begriffen, mitsamt der Rolle(n), die die Statistik dabei spielt, also eine zum Teil auf formale Logik aufbauende Berechnung (=Erzeugung?) von Tatsachen.

04.11.2013

Mein Videokurs

Vor acht Wochen hatte ich einen recht großen Auftrag und dazu ein Programm bekommen, um ein Skript in einen interaktiven Lernkurs umzuwandeln. Hier kam mir dann die Idee, einen eigenen Kurs zu programmieren, eine Idee, die ich schon mal vor zwei Jahren angedacht hatte.
Mittlerweile bin ich vier Wochen in Verzug damit. Zum einen hatte ich recht viel zu tun. Zum anderen fehlt mir die entsprechende Plattform, um interaktive Videos plus Material aufzuspielen. Was ich aber ganz interessant finde, ist die Möglichkeit, all das auf YouTube zu veröffentlichen. Ich muss zugeben, dass ich damit dann aber Probleme hatte, vor allem Probleme, mein Thema in winzige Häppchen einzuteilen. Mehr als 15 Minuten sind bei YouTube erstmal nicht erlaubt.

Trotzdem bin ich jetzt fast fertig mit der Planung und der Vorbereitung des Materials. Eigentlich fehlt jetzt nur noch die Arbeitsphase, in der ich all diese einzelnen Teile zusammensetze, so dass jeweils ein eigenes Video entsteht.

Thema des Kurses ist ›Plotstrukturen‹. Das Thema bildet das Fundament für handlungsorientierte Romane, also im Großen und Ganzen das, was man als Spannungsliteratur bezeichnet, wenn man arrogant ist auch als triviale Literatur.
Andererseits macht es auch Spaß, trotz einiger Mühen. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Plots entworfen, wie in den letzten acht Wochen. Ich habe ganz viele Personenkonfigurationen skizziert, mir Szenen ausgedacht, Ereignisse und Handlungsabfolgen ineinander verschränkt und nochmal so alles überprüft, was ich mir in den letzten 15 Jahren erarbeitet habe.

Besonders viel Spaß hat mir dabei eine Kurssitzung gemacht, die sich um so genannte screwball-Komödien dreht. Das sind Komödien mit recht verrückten Personen als Protagonisten. Meist spielen Verwechslungen und Täuschungen eine wichtige Rolle darin. Ganz wunderbar ist zum Beispiel die Komödie ›Is' was, Doc?‹ mit Barbra Streisand; herrlich aber auch ›Zwei mal zwei‹ mit Bette Midler.

Nebenher mache ich einen Kurs an der Universität Potsdam, der sich ›The future of storytelling‹ nennt, ein durchaus zweideutiger Titel. Wenn die Vermittlung von Erzähltechniken so weiterläuft wie bisher, wird mir dieser Kurs wenig nützen. Inhaltlich dürfte er sogar unter dem Niveau der Vorlesung für Erstsemester in Erzähltheorien bleiben.
Wenn das also the future ist, dann ist die Zukunft sehr einfach gestrickt.

Zudem ist der Kurs pädagogisch nicht wirklich gut aufbereitet. Für meinen Kurs habe ich ein sehr enges Raster zwischen Beispielen aus der Spannungsliteratur oder selbsterfundenen Plots, Begriffsvermittlung und Aufgaben entworfen. Was ich nicht leisten kann, ist diese technisch perfekte Aufmachung, dafür aber eine Kursstruktur, die den meisten Menschen mehr Hilfe bieten kann.