31.10.2013

Jahrestage II

Im Standesamt war Fritz Schenk aufgestanden beim Überreichen der Geburtsurkunden und hatte Cresspahl mit Handschlag beglückwünscht zu den herrlichen Zeiten, in die er ein Kind gesetzt habe, Fritz Schenk der Kaninchenforscher, dem seine Mutter nicht gesagt hatte, wie die Kinder in die Welt kommen.
Johnson, Uwe: Jahrestage, 31. Oktober, 1967, Dienstag (Seite 244)
Ist das nicht herrlich?

30.10.2013

Jahrestage I

In der späten Nacht, das halb hochgezogene Fenster.
Johnson, Uwe: Jahrestage, 30. Oktober, 1967, Montag (Seite 242)
Hans Hütt, so hat er mir geschrieben, liebe Johnsons "Pathos der Nüchternheit".
Dass ich begeistert bin, hatte ich schon gestanden. Der Eintrag zum 30. Oktober 1967 ist ganz wunderbar, schmerzhaft schön, weil die Sätze so herrlich ineinander greifen (man mag garnicht einen einzelnen Satz als besonders herausheben), und weil dieses Grundthema, die Mechanisierung der Welt, den Text zu diesem Tag bestimmen, vom Krieg in Viet Nam bis zum Fahrkartenautomaten und von dort wieder zurück zum Krieg.
Mittendrin eben jener Satz, den ich oben zitiert habe.

Es ist mir ein Rätsel, warum die Selbstverleger so penibel auf grammatisch korrekt geschriebene Sätze achten. Dabei kann man mit Sätzen so wundervoll viel ausdrücken, wenn man nicht die Regeln, sondern die Satzmelodie oder einen ideellen Aspekt in den Vordergrund stellt.
Auch so etwas können Sätze ausdrücken. Insofern man sie lässt.

Und ich? Ich habe viel zu tun. Und schreibe nebenher an meinem ersten eigenen Videokurs weiter. Ich bin gespannt. Mein erster Auftrags-Kurs ist sehr viel einfacher gewesen. Zumindest bin ich jetzt mit dem genauen Skript fertig und habe die Einstellungen zur Hälfte entworfen.

29.10.2013

Lea bringt es auf den Punkt

Twitter ist wie eine Bierkiste, auf die man mal kurz draufsteigt, um was in die Kneipe zu brüllen. 
twittert Lea.
Danke!

Lea liest, zum Beispiel im Bänsch am 1. November ab 20.00 Uhr. Weitere Termine findet ihr hier: Lea Streisand aktuell.
Und Lea schreibt: Berlin ist eine Dorfkneipe.

Wer zu all den armen Würstchen zählt, die nicht in Berlin wohnen: Lea hat auch ein Herz für unbedeutende Minderheiten und sich ein bisschen in eine käufliche Dose gesteckt (CD-Spieler bitte in Berlin im Gesundbrunnen oder am Alex erwerben): Wahnsinn in Gesellschaft.

Supergrundrecht

Ach ja, der Postillon. Es gibt doch nichts schöneres, als politische Satire; wenn einem das Entsetzen anfängt, langweilig zu werden, dann möchte man doch auch gerne etwas zu lachen haben. Lest die Sonntagsfrage 84.

Mein Lieblingszitat ist übrigens: »Sicherheit ist ein Supergrundrecht. […] Im Vergleich mit anderen Rechten ist sie herauszuheben.«, so Hans-Peter Friedrich am 16. August 2013.
Ich weiß ja jetzt nicht, wie es euch geht, aber entweder habe ich das mit den Grundrechten falsch verstanden oder unser lieber Innenminister. Ich dachte immer, dass Rechte dazu da sind, um Sicherheit zu geben und so eine gewisse Verlässlichkeit im menschlichen Zusammenleben zu erzeugen. Ich dachte also, dass Sicherheit eine Bedingung dafür ist, dass ein Recht überhaupt ein Recht ist. Und jetzt frage ich mich, was unser lieber Herr Friedrich uns damit sagen will. Will er damit sagen, dass die Sicherheit für sich gesehen werden muss, während alle anderen Grundrechte jetzt unsicher werden dürfen? Also so etwas wie eine Schwarzwälder Kirschtorte ohne Kirschen, weil die Kirschen auf einem Extra-Teller liegen?
Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was unser guter Innenminister gemeint hat. Ich jedenfalls fühle mich nicht von radikalen Islamisten bedroht und wenn er etwas für unsere Sicherheit tun möchte, also unser guter Herr Friedrich, dann sollte er doch bitteschön die Hälfte der Berliner Autofahrer nach Guantanamo verfrachten. Die gefährden nämlich wirklich meine Sicherheit. Vielen Dank im Voraus!

28.10.2013

Handlungen in Erzählungen

Handlungen in Romanen, so würden die meisten Menschen sagen, sind wichtig. Stimmt ja auch. Irgendwie.
Trotzdem ist das immer wieder auch eine Quelle für Fehler, für Momente, in denen irgendetwas in einer Erzählung bricht, die Spannung bricht weg, die Identifikation mit dem Protagonisten verschwindet oder baut sich erst gar nicht auf; und um das ein wenig greifbarer zu machen, jenseits dieser Ebene: hier funktioniert das irgendwie nicht, um also dieses „irgendwie“ aus seinen Aussagen wegzubekommen, habe ich eine Menge Aufwand betrieben. Mit nicht allzu großem Erfolg. Hier fehlen mir ganz einfach Mitstreiter.

Zunächst kann man feststellen, dass es unterhalb dieses ganzen intellektuellen Aufwands eine ganz einfache Regel gibt, mit der man arbeiten kann und weitestgehend gut arbeiten kann. Diese Regel besteht aus einer einfachen Frage: Kann ich mir das vorstellen? Und für einen Autoren: kann ich mir das auch vorstellen, was ich vor einer Woche geschrieben habe?
Das ist keine ganz verlässliche Regel, zum einen, weil es sehr unterschiedliche Leser gibt, und zum anderen, weil Autoren sich selbst sehr unterschiedlich gut daran erinnern können, was sie sich damals, als sie diesen Text geschrieben haben, vorgestellt haben.

Will man das ganze aber in eine präzisere Fassung bringen, hat man es fast schon mit der gesamten Philosophie des 20. Jahrhunderts zu tun, meist auch noch weit ins 19. Jahrhundert hinein.
Das Problem ist also folgendes: in einer Erzählung werden Handlungen geschildert. Und ganz grob kann man sagen, dass diese Handlungen auf der einen Seite die Geschichte voranbringen und auf der anderen Seite die Figuren in ihrer Welt verankern, also für eine gewisse Glaubwürdigkeit der Geschichte sorgen. Spannungsaufbau und Verankerung. Das sind meine beiden Begriffe dazu.
Um jetzt zu verstehen, wann das eine oder das andere nicht funktioniert, muss ich diese beiden Konzepte mit den einzelnen Handlungen in einem Satz verbinden und erklären, wie es von den einzelnen Handlungen zu einem Spannungsaufbau kommt oder von den einzelnen Handlungen zu einer Verankerung. Und ab hier wird das ganze sehr knackig. Denn was dahinter steckt, ist dieses große Problem des „politischen“ Menschen, nämlich einmal das Teilsein in der Welt und einmal das Teilhaben in der Welt. Um die Tragweite deutlich zu machen: darin spiegelt sich das Problem von Menschenrechten, also den Grundrechten, Mensch zu sein, und den nationalen Rechten, also den Rechten an politischer und juridischer Teilhabe innerhalb einer Nation, wider. Und dahinter findet man relativ rasch auch ein immer wieder sehr aktuelles Problem: wann und wie darf man dem Staat Widerstand leisten.
Ich vermute mal, dass jetzt die meisten Autoren, die einfach nur einen schönen, gut lesbaren Roman schreiben wollen, an solche Verbindungslinien gar nicht gedacht haben.

Wenn ich hier mal so im Privaten reden darf: ich bin zwar Textcoach und als solcher achte ich auch darauf, dass sich die Romane, die meine Kunden schreiben, verkaufen lassen; mir ist aber dieses  Nachdenken über das Erzählen sehr viel wichtiger: denn eines scheint mir an dieser ganzen Sache trotzdem sehr klar zu sein: ein Mensch, der nicht erzählen kann, oder dem das Recht zu erzählen weggenommen wird, verschwindet mit seiner Existenz und seinen Handlungen aus der Welt. Über die Kunst des Erzählens nachzudenken, bedeutet immer auch, über sich selbst als politischer Akteur nachzudenken.
Kleiner Zusatz: Erzählen bedeutet hier nicht, Romane zu schreiben, sondern beginnt mit der alltäglichen Erzählung, mit den völlig belanglosen Sachen, mit diesem ›dieses und jenes ist mir als handelnder und erlebender Mensch widerfahren‹. Politik wiederum verstehe ich nicht als den Beruf und das, was ein beruflicher Politiker macht, sondern als das, was in Gemeinschaften passiert, auf ganz unterschiedlichen Ebenen, von der Partnerschaft bis hin zu den Nationen.

Wenn ich also das ganze Problem von Spannungsaufbau und Verankerung als noch nicht gelöst betrachte, dann in Bezug auf die politische Funktion des Erzählens, die wesentlich mehr ist als nur das Handwerk zu können. Das ist relativ einfach. Wenn ich mich allerdings nur auf das Handwerk konzentriere, oder, wie es ja mittlerweile bei manchen Menschen üblich zu sein scheint, auf den Verkaufsrang bei diversen Plattformen für Selbstverleger, zerreiße ich diesen ganzen Hintergrund. Dann ist der Autor nichts anderes als ein jobholder, ein kleines Arbeitstierchen im großen Getriebe der Wirtschaft. Damit unterscheiden sie sich aber gar nicht mehr von Verlagsautoren. Hier sind nur die Institutionen ausgetauscht worden. Das einzige, was jetzt deutlicher zu Tage tritt, ist die ganze Vielfalt des Erzählens; und die neuen Disziplinierungsmechanismen, die auf Erfolg, Wirtschaftlichkeit und Beliebtheit abzielen und diesen ganzen Kram sehr leichtsinnig und sehr blödsinnig auf die Qualität eines Textes daraufstülpen.

25.10.2013

Pixar's 22 Regeln des Geschichtenerzählens

Ganz wundervoll, leider auf Englisch, sind die 22 Regeln des Geschichtenerzählens, die ihr hier finden könnt: Pixar's 22 Rules of Storytelling Presented with Film Stills from Pixar Films.
Für alle, die sich mit dem Englischen unsicher fühlen, hier die Übersetzung:

#1: Die Figuren werden mehr für ihre Versuche als für ihre Erfolge geliebt.

#2: Man sollte im Auge behalten, was für das Publikum interessant ist, nicht, was für den Autor interessant ist. Das kann nämlich sehr unterschiedlich sein.

#3: Sich um ein Thema zu bemühen ist wichtig, aber man sieht nicht, worüber die Geschichte wirklich ist, bis man sie beendet hat. Nun schreibt sie noch einmal.

#4: Es war einmal ein _ _ _. Jeden Tag _ _ _. Doch einmal _ _ _. Deswegen _ _ _, wodurch _ _ _. Bis schließlich _ _ _.

#5: Vereinfache. Konzentriere. Kombiniere Figuren. Lass Umwege links liegen. Du glaubst, dass du wertvollen Stoff missachtest, aber es wird dich befreien.

#6: Worin ist die Figur gut, womit fühlt sie sich vertraut? Konfrontiere sie mit dem Gegenteil. Fordere Sie heraus. Wie werden sie reagieren?

#7: Entwirf das Ende, bevor du den mittleren Teil ausarbeitest. Ernsthaft! Enden sind schwierig zu schreiben; bewältige dieser Aufgabe frühzeitig.

#8: Beende deine Geschichte und lass sie los, selbst wenn sie nicht perfekt ist. In einer idealen Welt hast du beides, geh also weiter. Und mach es beim nächsten Mal besser.

#9: Wenn du stecken bleibst, leg eine Liste an, was als nächstes nicht passiert. In vielen Fällen wird der Stoff, durch den du weiterkommst, erscheinen.

#10: Zerpflück die Geschichten, die du magst. Was du an ihnen magst, ist ein Teil von dir; das hast du dir bewusst zu machen, bevor du es benutzen kannst.

#11: Bring es zu Papier: dadurch beginnst du, deine Ideen festzuklopfen. Wenn die perfekte Idee in deinem Kopf bleibt, wirst du sie mit niemandem teilen können.

#12: Lass die erste Idee, die dir einfällt, beiseite. Und die zweite, dritte, vierte, fünfte — schmeiß das Offensichtliche raus. Überrasche dich selbst.

#13: Gib deinen Figuren eine Meinung. Passive und fügsame mögen dir gefällig erscheinen, wenn du schreibst, aber das ist Gift für die Leserschaft.

#14: Warum musst du diese Geschichte erzählen? Was ist die tiefe Überzeugung in dir, das diese Geschichte ernährt? Diese Überzeugung ist das Herz deiner Geschichte.

#15: Wenn du deine Figur wärst, in dieser Situation, wie würdest du dich fühlen? Aufrichtigkeit verleiht selbst unglaubwürdigen Situationen Glaubwürdigkeit.

#16: Was sind die Hindernisse? Gib uns Gründe, die Figur zu unterstützen. Was passiert, wenn sie keinen Erfolg haben? Wäre das wirklich nachteilig?

#17: Keine Arbeit ist jemals verschwendet. Wenn es (im Moment) nicht funktioniert, lass es los und gehe weiter — es wird sich später trotzdem als nützlich erweisen.

#18: Du musst dich selbst kennen: das ist der Unterschied zwischen ›das Beste geben‹ und ›herumlärmen‹.

#19: Zwischenfälle, um deine Figuren in Schwierigkeiten zu bringen, sind großartig; Zwischenfälle, um sie aus den Schwierigkeiten herauszubekommen, sind Betrug.

#20: Übung: nimm die Bausteine aus einem Film, den du nicht magst. Wie würdest du sie neuordnen, so dass du sie mögen kannst?

#21: Du musst dich mit deinen Situationen und Figuren identifizieren — einfach so schreiben ist nutzlos. Wie würdest du dich in dieser Situation verhalten?

#22: Was ist der Ertrag deiner Geschichte? Was ist die sparsamste Art und Weise, das zu erzählen? Wenn du das weißt, kannst du von dort deine Geschichte aufbauen.

22.10.2013

Monsterliga und Heldenkabinett

Eigentlich wollte ich mehr Rezensionen schreiben, gerade auch zu Büchern von selfpublishern. So richtig dazu gekommen bin ich noch nicht: ihr wisst, Hannah Arendt, Christa Wolf, und immer wieder — das versteht sich zurzeit bei mir fast von selbst — Immanuel Kant. Und arbeiten muss ich ja schließlich auch noch, auch das versteht sich von selbst.

Und wollte ich nicht eigentlich auch dieses Jahr überhaupt keine Selbstverleger lesen? Es ist ja nicht so, dass mein Bücherschrank nicht eh schon viel zu voll ist und dass man Bücher nicht auch zweimal lesen könnte. Gerade bei Büchern ist dies sogar notwendig. Zumindest, wenn man sie systematisch lesen will, um bestimmte Erzählmerkmale präziser zu erfassen.

Nun, die guten Vorsätze zum Trotz habe ich doch recht fleißig die Werke gelesen, auch wenn ich immer deutlicher zur Philosophie neige und derzeit zur deutschen Nachkriegsliteratur, bzw. auch zur Literatur des geteilten Deutschlands.

Von Lars Gunmann stammt die Kurzgeschichtensammlung ›Monsterliga und Heldenkabinett‹; aufgefallen ist mir der Autor, weil ich im Zuge der Buchpiraten-Diskussion über seinen Blog gestolpert bin, den ich nett, aber auch nicht herausragend finde: ich habe ihn mir auf jeden Fall als Lesezeichen gesetzt. Seine Bücher allerdings bewirbt er nicht und das hat mich verwundert und eigentlich bewogen, dann eines seiner Bücher zu kaufen. Eben jene Kurzgeschichtensammlung.

Was ist zu diesem Buch zu sagen? Es sind äußerst kurze Geschichten. Man könnte sie fast als winzig bezeichnen; Anekdoten allerdings sind es nicht: dazu fehlt ihnen das Gelehrsame. Manches von ihnen überschreitet die Grenze zur Glosse, wenn auch, wie mir scheint, eher halbherzig.
Die Ideen sind nett, aber keineswegs neu, mit einigem skurrilen Humor umgesetzt und insgesamt sehr scharf, sehr eng gefasst, wie es bei winzigen Geschichten nicht anders möglich ist. Auch die Dialoge sind, und da kann man den Autor tatsächlich aus der Masse hervorheben, gut genug, um daran nicht zu verzweifeln. Gute Dialoge zu schreiben: das scheint den meisten deutschen Autoren doch eher noch ein Niemandsland zu sein. Gunmann hat die grobe Vermessung dieses Gebietes mit Anstand hinter sich gebracht; Neues, Begeisterndes oder auch nur Solides braucht dann wohl noch einiges an Zeit.

Einiges Negatives muss man allerdings auch hervorkehren. So ist die Leserorientierung schwach, manchmal gar nicht existent. Mit Leserorientierung meine ich die Orientierung des Lesers in Raum und Zeit. Nun darf sich die humorvolle Literatur einiges erlauben, was sich die ernstere Spannungsliteratur nicht leisten darf. Eine fehlende Orientierung des Lesers allerdings gehört nicht dazu.
Gleich die erste Geschichte beginnt folgendermaßen:
30. Oktober, kurz vor Mitternacht.
„Bist du sicher, dass du zu Fuß weitergehen willst?“
„Ich kann auf mich aufpassen. Dauert sicher ewig, bis der Strom wieder da ist.“
„Na gut, viel Glück.“
„Ebenfalls.“ Tina verließ die Straßenbahn. Sie lief langsam und vorsichtig weiter, bis sie auf einer Brücke stehen blieb.
Mit wem Tina hier spricht, bleibt unklar. Und auch der Ausgangskonflikt, so minimal er auch ist, wird nur durch Anspielung dargestellt, nicht durch Benennung. Das ist in der humorvollen Literatur zumindest unüblich. Erinnern wir uns daran, was Käpt'n Blaubär erlebt, in der ersten Episode seines Buches: er hört das lauteste Geräusch der Welt! Humor arbeitet gerade mit solchen Übertreibungen und kann es sich nicht leisten, wichtige Elemente, wie zum Beispiel den Konflikt, undeutlich zu lassen.
Humor lebt auch von ihren übertriebenen Figuren. Eine Figur nicht einmal zu erwähnen ist mindestens ungünstig.
Ein zweites Problem ist wiederum ein typisch deutsches Problem: Bitte benutzt doch aktive Verben. Es ist ja nicht so, als ob diese Erkenntnis neu wäre. Die Idee, dass der bürgerliche Roman den Menschen als einen in seiner Umwelt handelnden Menschen vorstellt, war schon vor Lessings Hamburger Dramaturgie ein Allgemeinplatz. Und seitdem hat es ja auch genügend Schriftsteller gegeben, die diesem Allgemeinplatz gut gefolgt sind, klassische Schriftsteller, Goethe, Kleist, Fontane, Thomas Mann, ja, sogar Peter Handke, bei dem sich die Sprache als Landkarte von Bedeutungsräumen erweist, nicht als „Wirklichkeit“. Jener letzte, von mir zitierte Satz, zeigt diese Furcht vor der Aktivität, jene Angst, seine Figuren handeln zu lassen, in seiner ganzen Zwiespältigkeiten: zunächst ist dieser Satz rein logisch gesehen ein Unding: man läuft nämlich immer weiter, bis man stehen bleibt und insofern ist der zweite Teilsatz überflüssig. Zumindest aber hätte er anders formuliert werden müssen. So hat es aber den Anschein, als würde Tina stehen bleiben, wie eine Uhr stehen bleibt, nicht als Handlung, sondern als Ereignis, das ihr zustößt.
Dazu gehört dann auch, dass in der folgenden Passage das Ereignis nicht den Protagonisten, also Tina, trifft, sondern nur den Leser mitgeteilt wird. Vor Tina ist ein leuchtender Geist erschienen, um ihr einen Auftrag zu erteilen. Hier verschwindet er wieder:
„Ja, ich muss gehen. Ich wünsch dir viel Erfolg!“
Wieder war es stockdunkel.
Was dies für Tina bedeutet, bleibt unklar und damit auch unklar, was es für den Konflikt der Geschichte bedeutet. Damit verspielt der Autor aber ein so kleines, wie wichtiges Instrument, dass sich der Leser doch noch irgendwie mit der Hauptfigur identifiziert. Zum Glück kann er hier vieles durch Dialoge wettmachen, aber eben nicht alles.

Zu dieser Kritik zwei Anmerkungen:
(1) Nichts ist schwieriger, als eine teils groteske, teils ironische Geschichte auf drei Seiten zu verfassen. Wo manche erzählerische Unsicherheit im längeren Roman untergeht, wird sie in solchen Miniaturen grell auffällig. Es gehört also sehr viel Kompetenz dazu, solche Kurzgeschichten mit Bravour zu meistern. Mit Bravour nun meistert dieser Autor sie nicht: erzählen kann er, aber nicht auf dem Niveau hoher Erzählkunst.
(2) Aus meiner Arbeit als Textcoach bringe ich immer wieder ein gewisses Problem mit. Zu einer guten Kritik gehört auch, zu erklären, was an einem Text gut ist. Und erklären bedeutet hier im vollsten Sinne erklären und nicht: behaupten. Hier stelle ich immer wieder eine gewisse Scheu fest. Meine Kunden wollen zwar gelobt werden, warum aber eine Textstelle besonders gut funktioniert, zumindest meiner Ansicht nach, wird nicht mehr so gerne gehört. Es ist, als würde man die Qualität einer Passage zerstören, sobald man ihren inneren Mechanismus aufdeckt. Selten sogar erstarrt ein so Kritisierter wie das berühmte Kaninchen vor der ebenso berühmten Schlange. Man sollte meinen, man hätte nicht etwas Gutes, sondern gerade etwas Schlechtes hervorgehoben. Und einmal hat mir ein Kunde dann vielleicht die heimliche Glaubensüberzeugung offen dargelegt, die dahinter steckt. Er meinte zu mir, dass das doch gar kein Lob sei und begründete das damit, dass ich seinen Text analysieren würde. Ich habe also eine Haltung entwickelt, in der ich mich mit solchen Analysen zurückhalte, zumindest bei den ersten Kontakten. Dass sich ein angehender Schriftsteller damit eigentlich nur Probleme macht, dürfte klar sein: um ein guter Schriftsteller zu werden, gehört auch dazu, festzustellen, wo man es bereits ist und wo man dann eigentlich nur noch aus einer unreflektierten Gewohnheit eine bewusst eingesetzte Technik machen muss. Man sollte meinen, dass dies der leichtere, rascher zu bewältigende Teil eines Textcoachings ist. Und umso verwunderlicher ist es, dass hier anscheinend genau das Gegenteil passiert. Zumindest bei der Hälfte meiner Kunden.
Wenn ich hier also besonders stark bestimmte Fehler in der Erzähltechnik hervorhebe, mag der Eindruck entstehen, das Buch sei insgesamt nicht gut. Ich hoffe aber, dass ich deutlich gemacht habe, dass es für mich eine Zwischenstellung einnimmt und insgesamt eher positiv zu bewerten ist als negativ. Es hochzujubeln halte ich für falsch, widerspricht auch meiner Idee von „guter“ Literatur, aber all das eben nicht vollständig ins Gegenteil verkehrt.

Fazit bleibt also, dass ich das Buch empfehle, aber nicht zum reinen Vergnügen, sondern als Texte, die gut genug sind, um gelesen zu werden, die auch soweit vergnüglich sind, dass sie einiges an Vergnügen bereiten (Tommy Jaud bereitet mir zum Beispiel kein Vergnügen und ist trotzdem Bestseller geworden); aber eben auch empfehle, um es scharf nach seinen Flausen zu durchforschen und bessere Ideen zu entwickeln, also (auto)-didaktisch. Wer es im letzteren Sinne liest, wird erst verstehen, welch enorme Aufgabe sich der Autor gesteckt hat. Diesen Texten den Schliff zu geben, den man als den letzten bezeichnet, wäre ein Zeichen für hohe Kunst.

Sahra Wagenknecht in Schwaben

Nun, man kann der Schwäbischen Zeitung nicht vorwerfen, sie würde sich „linkem“ Gedankengut verweigern. Aber muss es gerade so sein, mit diesen stilistischen Patzern, grammatischen Fehlkonstruktionen und dann auch noch politisch peinlichen Aussagen, die mehr auf die Vorurteile der Autorin, denn auf die tatsächliche Stimmung schließen lassen? Man lese:
Die erste Punktlandung hat Sahra Wagenknecht schon gelandet [jawohl!], bevor sie den Kleinen Saal der Stadthalle in Tuttlingen betritt. Es ist ausverkauft. Im schwarzen Tuttlingen verführte die erste Stellvertreterin Gregor Gysis 220 Menschen dazu, sich eine Karte für den Auftakt des Literaturherbstes zu kaufen und ihr zuzuhören. Durchaus überraschend.
Geradezu erschlagen allerdings war ich von der Erkenntnis, die uns die Unterschrift eines Bildes von der Veranstaltung liefert. Dort steht:
Sahra Wagenknecht unterstrich ihre Aussagen mit stetiger Mimik und Gestik.
Das kann aber auch nur einer Frau einfallen, die sich von Marx als Verursacher des Stalinismus nicht gelöst hat.
Weitere tiefsinnige, journalistische Ergüsse hier: "Bankenrettung ist Millionärsrettung!"

21.10.2013

"sein Humor ist business-tauglich!"

O Gott!

Was hat ein Buchpirat den Autoren zu sagen? (Vom großzügigen Sklaventreiber)

So fragt ein ehemaliger Buchpirat, anonymisiert mit dem Namen Spiegelbest, in der neuesten Kolumne auf Qindie (Was hat ein Buchpirat den Autoren zu sagen?).

Und setzt, offensichtlich in weiser Voraussicht der Reaktionen, im Untertitel jenes ›Nichts!‹, aus dem seine Ergüsse bestehen könnten.
Nur leider schafft er dann das, was man rhetorisch eine Tautologie nennt, eine Erklärung des Gleichen durch das Gleiche: er hat tatsächlich nichts zu sagen, das aber wortreich und angefüllt mit Metaphern und Beweisen, dass es faktisch ja sowieso passiert.

In der ganzen Diskussion gibt es eine Reihe von Trugschlüssen, an denen der Autor der Kolumne teilhat und an der er nur teilhaben kann, weil er die Rhetorik, aber nicht den sachlichen Inhalt zu bedienen weiß.

Erster Trugschluss: Autoren sind kreativ!
Kreativität wird, wie auch immer sie nun daher kommt, kein realer Effekt, sondern eine rhetorische Floskel. Sie kann wahlweise bezeichnen, dass der Urteilende zu einer Gruppe dazugehören oder sich mit einem Sachverhalt (nämlich dem kreativen) nicht weiter beschäftigen möchte, mit anderen Worten, es ist ein Mana-Begriff, der eine schicksalhafte Fügung oder einen göttlichen Eingriff in die reale Welt erschafft, indem er diese als gegeben bezeichnet. Mana, der bewegende Geist, ist keine Projektion, sondern das Echo der realen Übermacht der Kommunikationsgesellschaft in den schwachen Seelen der Subjekte (vgl. Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, 21).

Die Kreativität also, die Spiegelbest den Autoren zugesteht, ist zugleich jene Kreativität, deren Wirkung er sofort vernichtet. Der Autor habe kein Recht auf sein Werk, kein Recht auf seine Wirkung. Damit aber wird Kreativität völlig zur Farce und die Möglichkeit des Subjektes, sich zu individuieren, indem es sich auseinandersetzt, der Psychopathologie überstellt: als interessante Abweichung für den Akademiker, der sonst nichts zu tun hat.

Zweiter Trugschluss: der unpolitische Autor lebt in einer unpolitischen Situation!
Das Recht aber, welches Autoren besitzen, muss, den Umständen halber, vor allem auch als ein ökonomisches Recht angesehen werden. Wir leben in einer ökonomisierten Gesellschaft; die Geste, mit der die Buchpiraten den Autoren in eine andere, gleichsam anarchische Gesellschaft hineinstoßen wollen, ist eine manipulierende Geste. Sie gleicht jener Höflichkeit, mit der man jemandem zum Gang aufs Schafott den Vortritt lässt; sie erklärt das fröhliche Gospelsingen der schwarzen Baumwollpflücker zu jener Idylle, die man den Entrechteten als Privileg verkaufte.

In einer Gesellschaft, in der die Leistung eines Menschen nicht an seiner Erfahrung gemessen wird, sondern an seinem Gehaltsscheck, in der die Qualität eines Buches nicht vom kompetenten Leser erarbeitet, sondern vom Rang in den Bestseller-Listen zugesprochen wird, kann es keine „Anarchie“ kreativer Leistungen als politische Revolution geben.
Wie verquickt mittlerweile das Schreiben als Fließbandarbeit und die Unfähigkeit, als Subjekt zu lesen, sind, den erinnere ich gerne an jene Diskussion, die Ruprecht Frieling letztes Jahr losgetreten hat und die wahrscheinlich nur deshalb rasch versandet ist, weil die Voraussetzungen, die begrifflichen Voraussetzungen, diese zu diskutieren, in der Gesellschaft nicht mehr gegeben sind. Frieling hatte eine Rezension geschrieben zu einem Buch von Andreas Adlon und dieses als „schlichte Schemaliteratur“ bezeichnet; jener Autor hat daraufhin Frieling als „Hassprediger“ bezeichnet. Frielings Urteil halte ich allerdings für mehr als günstig, geradezu beschönigend. Man könnte Adlons Bücher noch irgendwie als kreativ bezeichnen, insofern man Weglassen der Kreativität zuschlagen will (wie es der von mir sehr geschätzte Gabriel Tarde dann auch tatsächlich tut); dies sind: ein äußerst beschränkter Wortschatz, holpernde und belanglose Sätze, eine fehlende Logik im Satzzusammenhang, und, am frappierendsten, eine völlig abstrakte Schreibweise, der jegliche Eleganz, jegliche Präzision und jegliche Poetizität fehlt. Nicht zu vergleichen mit der Schlichtheit Brechts oder mit der bewussten Illogizität und Dysgrammatikalität von Friederike Mayröcker, nichts von den Pointen eines Uwe Johnson oder den verfeinerten Bedeutungsräumen eines Handke - überall nur das Gegenteil. Man könnte das durchaus noch als kreativ bezeichnen, wäre es denn neu und hätte diese Aufhäufung von Beliebigkeit und Unzusammenhängendem sich nicht längst zum Schema der Massenkultur entwickelt: als das Schema des Unschematischen, hinter dem sich nur schlecht die Charakterlosigkeit des zugerichteten Menschen verbirgt.

Dass Adlon dann jene Spielmünze ins Spiel bringt, die noch etwas Politisches bedeuten könnte, nur eben bei ihm ein rein pneumatischer Effekt ist, ist nicht verwunderlich. Schema auch das, noch die letzten politischen Begriffe sich willkürlich anzueignen und damit schockhaft Gewalt auszuüben.

Hassprediger jedenfalls dürfte, wenn überhaupt, seines politischen Gebrauches entledigt sein, wenn man ihn umgekehrt wieder in einen größeren Zusammenhang einbindet. Mit seinem Rest an politischer Tragfähigkeit scheint er mir zurzeit nur die Eifersucht einer bestimmten, zunehmend wirkungslosen politischen Klasse auf die Wirksamkeit von einfachen Losungen und quasi-religiösen Vereinigungen zu sein.

Spiegelbest wiederholt die Geste, mit anderen Begriffen, anderen Hinweisen. Er schreibt: „Ihr könnt nicht von einem Fisch verlangen, dass er fliegen lernt. Wenn ihr Angst vor dem Wasser habt, dann bleibt halt am Strand.“ und vergisst hinzuzufügen, dass das Wasser, in das dieser Fisch zu steigen die Wahl hätte, vergiftet ist. Die Wahl zwischen Tod und Tod ist zynisch.
Wäre er tatsächlich ein politischer Mensch und nicht nur einer jener Erfüllungsgehilfen, die seit langer Zeit schon den isolierten Menschen als herumschiebbare Masse bevorzugen, wäre er also tatsächlich ein politischer Mensch, so würde er für Bedingungen kämpfen, in denen die Kreativität tatsächlich wieder allen Menschen frei zugänglich, vor allem aber bedeutsam wäre. So aber macht er noch aus der minimalsten Regung des kreativen Subjekts den Beweisgrund für moderne Sklavenhalterei. Und er ist sich mit jenen, gegen die er anzuschreiben meint, durchaus in einem Punkt sehr einig: dass aus seiner fehlenden politischen Phantasie nichts weiter spricht als Hass auf die Phantasie selbst.

Dritter Trugschluss: der kreative Autor vermeidet die Nachahmung!
Nichts scheint die neuen Autoren mehr zu einer Bissigkeit zu verleiten als der Vorwurf der Nachahmung. Und nichts scheinen die Leser mehr zu erwarten, als dass sinnlos nachgeahmt wird: die Rechtschreibung und die Grammatik sind die einzigen Kategorien, die noch in der Buchkritiken ein wenig sachlichen Halt besitzen, damit aber jene Kategorien an der Sprache, die normiert sind. Der Rest ist unbedingtes Lob oder unbedingte Enttäuschung.

Doch schon, dass man in einem populären Genre schreibt, verpflichtet der Nachahmung. Die Struktur eines Krimis hat sich in den letzten 100 Jahren wenig geändert und populär ist er doch vor allem deshalb, weil es schematisch Geschriebenes ist.
Ebenso kann man jene Struktur, die Krimis bestimmt, in vielen anderen Genres wiederfinden: er unterscheidet sich nicht von Fantasyromanen, Science Fiction, usw. Dies zu äußern wird als Frechheit empfunden. Betrachtet man aber jene Thriller, die die Bestseller-Listen erklimmen, und die über die Psychopathologie des Serienkillers angeblich so gut Bescheid wissen, hätte man statt des Serienkillers auch den Ork aus Tolkiens Herr der Ringe einsetzen können. Beides sind mythische Gestalten.

Wir müssen wohl in der Argumentation einen anderen Weg gehen, jenen Weg, den Lyotard einmal so treffend vorgeschlagen hat: fröhlich zu wiederholen und zwar nicht nur Bestimmtes, sondern alles. Man müsste also die Frage nach dem Plagiat ganz anders stellen. Denn der Krimi muss, um Krimi zu sein, die Struktur plagiieren, wie die Liebesgeschichte seit jeher kaum etwas anderes zu erzählen weiß, als was Shakespeare mit seinem Romeo und Julia zu erzählen wusste und was er in seinen Komödien auf so geistreiche Weise zugleich variiert und wiederholt hat.
Wir werden also der Nachahmung kaum entkommen. Vielleicht aber kann dieses moderne Veröffentlichen ermöglichen, nicht mehr populär nachzuahmen, sondern gerade im Gegenteil unpopulär, dort, wo die Veröffentlichung nicht mehr dem Blick auf die Bestseller-Listen verpflichtet ist, sondern anderen Ideen, anderen Positionen; möglicherweise Positionen, die ehrlicher Ausdruck der poetisch-politischen Situation eines Autors sind.

Ware wie Luft oder Wasser
Sklaventreiberei? Das allerdings klänge doch allzu hart, wird vielleicht der eine oder andere Leser sagen. Lesen wir den vorletzten Absatz, den Spiegelbest schreibt: „Sind ein Ebook und Buchpiraterie nicht zwei Dinge? Nein, sage ich, eins geht nicht ohne das andere! Stellt euch eine Ware vor, die wie Luft oder Wasser ist: kein Preisschild, keine Ladentür, kein Besitzer, keine Polizei. Diese Ware wird entwendet werden! Macht dem Dieb Vorwürfe, wie ihr wollt, aber es wird euch nicht helfen!“ Nicht aber vom E-Book redet der Autor, sondern eigentlich nur von der Arbeitskraft. Er entdeckt nicht die Neuheit eines Mediums, sondern den ewigen Firlefanz eines Manchester-Liberalismus. Diesem war die Arbeitskraft ebenfalls wie Luft oder Wasser: natürliche Lebensbedingung des Kapitalisten, der sie dem arbeitenden Menschen entwendet hat, ohne sie gebrauchen zu können, der keinen Besitzer und keine Polizei geduldet hat, als diejenige, die ihm, dem kapitalistischen Ausbeuter, diese Freiheit zugestanden hat. Spiegelbest verwechselt die durch Gewalt erzeugte Verfügbarkeit der Ware mit der Würdigung des geistig arbeitenden Subjekts; und was an Warenqualität der Vorstellungskraft des Lesers angedient wird, ist nur die Andienung an die verdrehte Phantasie des Expropriateurs.
Jenes „es wird euch nicht helfen“ ist Einübung in die generelle Resignation, die ein Subjekt vor den entfesselten Kommunikationsmaschinen ebenso wie vor dem Blindflug der globalen Wirtschaft als Haltung verinnerlichen soll. Nichts hat, so müsste man Walter Benjamins Urteil erweitern, der Erfahrung lebendiger Gespräche mehr Lügen gestraft, als das abstrakte Geschwätz auf Facebook, das sich, und das kann nur zutiefst höhnisch gemeint sein, als „social“ bezeichnet. Und nichts ist einer Würdigung der Kreativität mehr entfernt, als das, was Spiegelbest mit selbstgerechtem Gestus anpreist: ist die Phantasie des Menschen schon längst der Effizienz untergeordnet worden, wird sie nun real nichtig. Was Hurerei war, wird endlich öffentliche Unzucht an Leichen. Lüge dann der letzte Satz, das Digitale sei herrenlos; es ist nicht herrenlos, nur subjektlos.

18.10.2013

Resonanzräume — Ideen des Politischen, Metaphysik der Kriminologie

Habe ich schon erwähnt, dass ich gerade ziemlich verliebt bin? Nun gut, es ist vielleicht eine etwas platonische Liebe; das Objekt meiner Liebe: Hannah Arendt. Dass ich sie zurzeit recht ausführlich lese, sagte ich ja schon. Und dass es eigentlich nur eine Lektüre war, die als Stützpfeiler für Judith Butler dienen sollte, insbesondere deren neueren Werke, hatte ich, glaube ich, auch schon erwähnt. 
Nun, es hat mich dann wohl etwas überraschend erwischt. Der Aristoteles, den ich bisher gründlicher nur im Organon gelesen habe, mittlerweile aber dessen Nikomachische Ethik, Kant natürlich, so langsam wächst mir dann doch auch der Hegel zu, Foucault neuerdings wieder, und einige Literaten, Christa Wolf vorneweg, dann: Max Frisch, und so, wie es im Moment aussieht, dann auch noch Uwe Johnson. All das wächst zusammen.

Text als Erde/Heimat

An Hannah Arendt fällt mir nochmal sehr intensiv auf, wie unwichtig es ist, philosophische Werke zu verstehen, und wie wichtig es ist, seine Arbeitsweisen an diesen Werken auszuprobieren. Verstehen, das ist ein Wort, das für die Bewohner von Wolkenkuckucksheimen geeignet ist. 

In meinen glücklichsten Momenten ist für mich der Text die Scholle, auf der ich lebe. Ich kann euch nicht erklären, warum, aber Hannah Arendt zu lesen bedeutet für mich, heimatliches Gebiet zu betreten. Eine Heimat, die ich bisher noch nicht berührt hatte und die mir doch so vertraut scheint.  
Und überhaupt: ein Buch verstehen. Ein Buch, das man lesen kann und meint, man habe es verstanden. Als ob ein Buch nicht von mal zu mal etwas sehr unterschiedliches sei, mal spiegelglatt und scheinbar friedlich über einer unauslotbaren Tiefe, ein Grausen für jeden Segler, der sein Tuch in den Wind der Begriffe hängen möchte, und ein Mühsal für den Ruderer, der sich hat treiben lassen wollen von einer natürlichen Strömung; dann wieder wild und ungebärdig, den Nachen als letzten Schutz vor den Elementen, und hin- und herreißend im Spiel der Wogen.  

Dabei ist es gar nicht so, dass ich Hannah Arendt widerspruchslos folge. Im Gegenteil: zum ersten Mal in meinem Leben lese ich ein philosophisches Werk und sofort fallen mir andere Gewichtungen, andere Begriffe ein, andere Einstellungen; die kritische Auseinandersetzung, die mir zum Beispiel bei Adorno immer noch sehr Mühe bereitet, findet hier sofort statt. Und trotzdem … irgendwie ist Arendt für mich gerade ein großes Glück. Ein zweckloses Glück übrigens.  

Im Denktagebuch finde ich mich zum Beispiel mit meiner Arbeitsweise wieder. Arendt exzerpiert und kommentiert sehr ausführlich und entwickelt nach und nach Begriffe. In ähnlicher Art und Weise führe ich meinen Zettelkasten. Zitate, Kommentare, freie Ideen.  

Vernunft als Interaktion

Die Begriffe, die Arendt benutzt, sind an der Interaktion entlang gedacht. So etwa der Macht-Begriff, aber auch andere, wie die Arbeit oder das Wollen. Für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an einem punktuellen und möglicherweise doch vernünftigen Subjekt ausgerichtet. 
Hier spürt man den Einfluss von Immanuel Kant sehr deutlich, dessen Begriff der Vernunft ebenfalls sehr punkthaft ist und gleichsam das Zentrum des aufgeklärten Menschen darstellt. In der Philosophie kann man im folgenden Jahrhundert beobachten, wie sich neben dem Deutschen Idealismus und nach ihm (nach Hegel) dieses Zentrum auflöst und verteilt, bei Schopenhauer, bei den Neokantianer, und nichts ist wundervoller, als die Vernunft der Anatomie des Auges bei Jakob von Uexküll zu lesen (in der Theoretischen Biologie), so als habe jedes Sinnesorgan und jede Hirnregion seine eigene Vernunft und als sei erst im Zusammenklang dieser vielen vernünftigen Stimmen vernünftiges Leben möglich.  

Die politischen Begriffe bei Arendt scheinen aber tatsächlich so etwas wie Resonanzräume zu bilden, weniger feste Definitionen, als Grenzmarkierungen, bis wohin die Freiheit noch denkbar ist und wo aus dem menschlichen Handeln etwas anderes als freiheitliches Handeln wird.   

Gelesen habe ich jetzt etwas gründlicher den Benjamin-Aufsatz aus Menschen in finsteren Zeiten; eher gestöbert als gelesen habe ich in Zwischen Vergangenheit und Zukunft und im Moment liegt Was ist Politik? vor mir.  

Metaphysik der Kriminologie

Täter/Opfer

Unter anderem kleine Aufzeichnungen über die Metaphysik der Kriminologie. Was, so fiel es mir ein zu fragen, ist überhaupt eine Straftat? Nicht des Inhaltes, sondern der Form nach. Die Kriminologie untersucht dem Inhalt nach die Entstehung von Tätern und Opfern. So ist sie interdisziplinär angelegt, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaften, Psychologie; sie scheint mir etwas zu sehr von der Idee der Prävention beherrscht, zumindest in ihrem öffentlichen Auftreten. Doch von der Form her gesehen entstehen beide, Täter und Opfer, wenn man das Band zwischen Aktion und Passion zerreißt, wenn man die Kette der Geschichte anhält, unterbricht und nicht dem Früheren und Späteren nachgeht. Insofern müsste eine kriminologische Untersuchung dann eine glückliche Untersuchung sein, wenn sie am Ende ohne ihren Untersuchungsgegenstand dasteht: sie hat die Enteignung zurückgewiesen und das Enteignete zurückerstattet.

Plötzlichkeit

Es gibt eine ganze Rhetorik der Plötzlichkeit; plötzlich ist er ausgezogen, plötzlich ist er wütend geworden, plötzlich hat er dieses oder jenes gemacht, in dem mehr das eigene Unverständnis gelesen werden sollte als die Verrücktheit des Anderen (alles, was ich zum Beispiel zur Extrapolation geschrieben habe). Vielleicht ist das, was hier aufscheint, in diesem Moment der Plötzlichkeit, was uns eine Übung vorgibt, jenes Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Jene ethische Übung, sich von dem Ort, an dem man steht, zu verorten, eine Kassandra-Arbeit. Luria würde sagen: rehistorisieren. Die Pflicht, sich zu verstehen, ebenso wie die Pflicht, sich verstehbar zu machen. (Wie jene Frau, die mich damals angeschrien hat: ›Du verstehst mich nicht? O Gott, du verstehst mich nicht?‹, was ich dann zusätzlich auch nicht verstanden habe — heute finde ich die ganze Situation, in der dieses unerfreuliche Ereignis stattgefunden hat, nur noch lächerlich.)

Aktion/Passion

Und noch einmal, gebündelter: vielleicht findet die Kriminologie darin ihren Halt, dass sie all jene Prozesse in der Gesellschaft untersucht, in der der Umschlag zwischen dem handelnden und dem erlebenden Subjekt missglückt, systemhaft und systematisch missglückt. — Es erscheint mir allerdings als wichtig, diese Systematizität zu unterstreichen, denn in bestimmter Weise muss dieses Wechselspiel zwischen Aktion und Passion, zwischen Handeln und Erleben immer als mindestens gefährdet, wenn nicht fehlerhaft und fehlerbehaftet missglückend angesehen werden. Es muss also von außen etwas dazukommen, was dem Menschen als lebendes Wesen eigen ist, was diese Fehlerhaftigkeit für sich absorbiert und umfunktionalisiert.

Systematischer Überbau

Aus dieser Fehlerhaftigkeit an der Basis, die man durchaus positiv benennen könnte, als Kreativität, als Neugierde, als Entdeckungslust, muss ein System gezogen werden, ein Überbau: der Wahnsinn, der Kommunismus, das Patriarchat, die Elite, die Sensibilität. Es scheint mir eben doch, dass der Kampf gegen die kulturelle Hegemonie, gegen das Patriarchat, längst selbst zu einer Ideologie und patriarchal geworden ist: dass die Unfähigkeit, die aus diesem Umschlag spricht, auf eine „hegemoniale“ Unfähigkeit hindeutet: einem Menschen sein Menschsein zuzumuten, im positiven wie im negativen (das Böse ist banal!). 
Ebenso banal aber ist auch das Gute, die Sensibilität, die man gar nicht benennen kann und doch immer wieder auffindet, dort, wo es sich um den einzelnen Akt handelt, sei es ein Wahrnehmungsakt, ein Verstehensakt, ein Handlungsakt. Man muss die Sensibilität also radikal vereinzelt denken und das massenweise.  

Kriminologie also, verwurzelt überall dort, wo dieses Wechselspiel zwischen Aktion und Passion enteignet wird, den Menschen aus der Hand genommen wird. Nichts Neues, denn dieser ganze Grundgedanke findet sich, wie oben schon zitiert, bei Luria und Leontjew wieder: die Isolation, die fehlende Historisierung.  

Doch all das sind zarte Pflänzchen, Pflänzchen, die ich zurzeit massenhaft anbaue, ein Vorfrühling der Lektüre, noch keine Blüte und die Erntezeit noch fern im Spätsommer. An den ich im Moment keine Gedanken verschwenden möchte. Heute: nur Tageswerk.  

Mein Geschmack an sprachlichen Bildern wächst.

Uwe Johnson: Jahrestage

Habe ich schon erzählt, dass ich von Uwe Johnson seit etwa drei Monaten die ›Jahrestage‹ besitze? Ein wundervolles Werk, voller wundervoller Sätze, voller verblüffender, kleiner Erkenntnisse. Insbesondere gefällt mir Marie, die Tochter von Gesine Cresspahl, die offenen und wachen Auges den Schelm gibt; was bleibt einem in dieser Welt auch anderes übrig, wenn man wach und offen bleiben will?

Ein Beweis für die Schönheit, die Johnson der Sprache geben kann? Zum Beispiel hier:
Eben noch war sie für sich. Der abendliche Himmel von gestern, mit breitem Pinsel zugewischt, war nachgeschlichen in die letzten Bilder vor dem Aufwachen; der Traum blieb im aufklarenden Bewusstsein hängen wie ein Schutz. Als sei sie nach langer Zeit zum ersten mal wieder aufgestanden. War niemand; ein Feld aus Erinnerung, die fremde Gräser wachsen ließ, Gewitterhimmel über der Baltischen See, den Geruch von Gras nach dem Regen. Wenige Blicke auf den Hudson noch, und im Gegenlicht würde das Gefühl der Zeit rascher laufen, darin sie, Gesine, Mrs. Cresspahl, Angestellte, eine vierstellige Zifferngruppe unter Telefonamt 753, nicht hier, Stadtmitte. Noch nicht.
Es gab Aufschübe.
(Seite 1035)

Und wie humorvoll, wie traurig und humorvoll zugleich Johnson auch schreiben kann, dazu eine kurze Passage zuvor [über Gesines Tochter Marie]:
Da sie keinen Vater zum Leben hatte, gab es lange das Wort nicht für sie, und lange nicht mehr als den Begriff davon. Auch verstand sie mit zweieinhalb Jahren nicht Fragen nach einer Mutter. Sie hatte keine; sie führte ein Leben mit einer Person, die Ine, Sine, G-sine hieß, als Schutz erträglich, als Kollegin um einiges zu schlau.
(Seite 1022)

15.10.2013

Schön, einfach nur schön!

Eine Kundin, eine Lehrerin, hat gerade mit ihren Schülern eine Übung gemacht, die ich mit ihr vor einigen Tagen durchgeführt habe. Wir hatten über die Prosodie von Sätzen diskutiert, also über den Satzrhythmus und die Satzmelodie. Ich behaupte ja, dass zum Beispiel ein guter erster Satz in einem Roman nicht nur einen gewissen Spannungspunkt setzt, sondern auch einen guten Klang hat. Und wir haben uns einige wirklich schöne Sätze angesehen, mal solche, die erste Sätze von Romanen sind, mal solche, die man mittendrin finden kann. Und unsere Übung dazu war, jeden dieser Sätze ganz bewusst und mit verschiedenen Variationen von Rhythmus und Melodie zu sprechen, also den Klang des Satzes abzuschmecken.
Jene Lehrerin liest mit ihren Schülern gerade kurze Erzählungen, zum Beispiel Kalendergeschichten von Hebbel und Parabeln von Kafka, Märchen von Lessing und (!) sogar zwei Texte aus der Berliner Kindheit (das war sozusagen mein Beitrag zu der Unterrichtseinheit). Sie hat sie gestern dazu aufgefordert, den "schönsten" Satz in einigen dieser Geschichten herauszusuchen, wobei es zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kam. Als sie ihre Schüler im Anschluss daran fragte, ob ihnen weitere schöne Sätze einfallen würde, sagte eine Schülerin:
I would fly, but have no wings.
Ein Zitat aus einer Fernsehserie, die sich Supernatural nennt. - Tatsächlich ein schöner Satz, von seiner Prosodie her gesehen.

Noch ein schöner Satz:
Die Falle war perfekt gestellt. (Nalini Singh) - Dieser Satz ist auch deshalb schön, weil er sich von den Vokalen begrenzt (a, e). 

Diese merkwürdige Leidenschaft für intellektuelle Integrität

Schon gestern wollte ich eigentlich etwas über die Logik schreiben und darüber, wie sich Logik und Ethik ineinander verzahnen. Jener Schreihals, der mir neulich vorgeworfen hat, ich habe keinerlei Ahnung von mathematischer Logik, kennt vermutlich die Zusammenhänge, die eine philosophische Logik zu erfassen versucht, nicht. Tatsächlich verknüpfen sich zurzeit für mich zwei große Baustellen: das eine ist die narrative Logik, hier insbesondere aber die Verrätselung, bzw. das, was Roland Barthes den hermeneutischen Code nennt, und die Frage nach der Teilhabe an der Gesellschaft, die bei Hannah Arendt in eigentlich allen ihren Formen als Aufgabe der Politik gesehen wird (wobei nicht die Berufspolitik gemeint ist, sondern das Zusammensein von Menschen).

Was mir schon vor zwei Jahren aufgefallen ist: die Verrätselung in einer Geschichte, sei es, dass Harry Potter „falsch“ mit dem seltsamen Päckchen aus Gringotts umgeht, sei es, dass die beiden Privatdetektive aus David Baldaccis ›Bis zum letzten Atemzug‹ durch Fehlinterpretationen Umwege gehen müssen, nie sind es die Schlüsse selbst, die falsch verwendet werden, sondern immer die Merkmale. Wer sich also mit der narrativen Logik des Rätsels beschäftigen möchte, tut gut daran, sich mit all dem zu beschäftigen, was vor den Schlüssen passiert, insbesondere dem Erfassen und der Gewichtung der Merkmale; Aufgaben, die uns im Alltag als fremdartig, geradezu fadenscheinig absurd erscheinen, da wir uns doch so sehr darauf verlassen, dass ein Merkmal etwas ist, was automatisch zu mir kommt, was ich automatisch wahrnehme. Dadurch beginnen sich das narrative Rätsel, das uns Spannungsautoren wie Rowling und Baldacci erzählen, und grundlegende Formen der politischen Ideologie, aber auch der politischen Kritik, anzugleichen.

Dazu ein Zitat aus der Hannah Arendt-Biografie von Thomas Wild, einem sehr empfehlenswerten Buch, weil es, soweit ich das bislang überblicken kann, auf einem eng begrenzten Raum zahlreiche Facetten dieser Philosophin berücksichtigt:
„Die Form, die Arendt im Sinn hat, um den Fakten ihre Beliebigkeit zu nehmen und ihnen Sinn zu geben, ist »eine Geschichte zu erzählen«. Sie verankert dieses Vermögen noch vor jeder wissenschaftlichen oder theoretischen Tradition, bei den Geschichtsschreibern und Schriftstellern der großen Epen (Homer, Herodot). Was Arendt bei ihnen kristallisiert sieht, ist eine Haltung der »Wahrhaftigkeit«, der Objektivität und der Liebe zur Welt, die auch den Unterlegenen und Feinden Gerechtigkeit widerfahren lässt, in »diese merkwürdige Leidenschaft für intellektuelle Integrität um jeden Preis«. In der Gegend jener »Realitätsnähe« entspringe »die menschliche Urteilskraft«. Arendt erkennt darin ein genuin politisches Vermögen, insofern es die Standpunkte anderer durch Einbildungskraft vergegenwärtigt und unabhängig von Interessen und Gruppenzugehörigkeiten im Sinne einer »erweiterten Denkungsart« (Kant) frei urteilt. Arendt setzt das denkende Ich in Bezug zur Integrität der Person. Dem geistigen Ort des »Zwischen« gesellt sie einen lebendigen hinzu: eine »Haltung, der es nur um die Wahrheit zu tun ist.« Wahrheit lasse sich hier nur zweifach fassen: In begrifflichem Sinne meine sie das, was der Mensch nicht ändern kann, und »metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt« …“ (108)

14.10.2013

Hannah Arendt: Notizen zu Macht und Subjekt

Abgesehen davon, dass ich doch eine ganze Menge zu tun habe, beflügelt mich weiterhin Hannah Arendt. Ja, sie hat sich geradezu als ein Schmelzofen erwiesen, in dem vieles, was ich bisher nur parallel bearbeiten konnte, zusammenfließt und neue Legierungen bildet.

Machtbegriffe
Unter anderem bin ich dem Machtbegriff von Arendt eine Zeit lang gefolgt, habe gesammelt und bereits ein wenig geordnet. Arendt schreibt in Macht und Gewalt:
»Der Extremfall der Macht ist gegeben in der Konstellation: Alle gegen Einen, der Extremfall der Gewalt in der Konstellation: Einer gegen Alle.« (München 1970, Seite 43)
Arendt sieht die Macht nicht im Besitz eines einzelnen Menschen, sondern die Macht entsteht, wenn mehrere Menschen sich zusammenschließen. Um das zu illustrieren benutzt sie einen interessanten Vergleich:
»Deshalb ist die oft gehörte Behauptung, eine Handvoll unbewaffneter Extremisten sei imstande, »gewaltsam« — durch Geschrei, Spektakel, Krawall — den Abbruch starkbesuchter Vorlesungen zu erzwingen [ich erinnere daran, dass dieses Buch 1970 veröffentlicht wurde], obwohl eine große Mehrzahl für deren normale Durchführung stimmte, so irreführend. … In Wirklichkeit liegen die Dinge in solchen Fällen erheblich ernster: Die Mehrheit weigert sich einfach, von ihrer Macht Gebrauch zu machen und die Störer zu überwältigen; der akademische Betrieb bricht zusammen, weil niemand bereit ist, für den Status quo mehr zu tun als einen Finger hochzuheben. Das besagt, dass die Universitäten sehr viel mehr Studenten gegen sich haben, als man gemeinhin glaubt, und dass die militante Minderheit ein größeres Machtpotential besitzt, als die in öffentlichen Abstimmungen ermittelten Zahlen erwarten lässt. Die Mehrheit der bloßen Zuschauer, die den lautstarken Gefechten zwischen Student und Professor belustigt folgen, sind in Wirklichkeit schon die heimlichen Verbündeten der Minderheit.« (ebd., Seite 43 f.)
Gewalt und/oder Macht
Eine solche Sicht auf die Macht erscheint mir allerdings als gefährlich, auch wenn ich vielem, was Arendt in diesem und anderen Büchern sagt, sehr gut folgen kann. Warum ist dieses Beispiel so gefährlich? Weil hier die bestehende Mehrheit als die gute Mehrheit gesetzt wird. Es ist tatsächlich egal, ob ein einzelner, wenige oder viele aufstehen und protestieren. Abgeschätzt werden darf die protestierende Stimme nicht nach einer herrschenden Mehrheit sondern nach der Utopie einer Mehrheit in ihrer größtmöglichen Vielfalt.
Eine der Bruchstellen in Arendts Argumentation ist, dass die Gewalt in Macht umschlagen kann und dass Machtverhältnisse Formen der Gewalt begünstigen können. Gerade Arendt hätte das wissen müssen, denn die Macht, die durch den Zusammenschluss zu einer nationalsozialistischen Gemeinschaft entstanden ist, war nicht nur eine Macht über die Juden (und andere Andersdenkende), sondern hat an vielen Stellen auch die Gewalt gegen die Juden begünstigt, geradezu erst möglich gemacht.

Subjektivität und Macht
So scheinen Macht und Gewalt nicht als grundsätzlich politische Kategorien auf, auch wenn dieser Eindruck beim ersten Lesen von Arendts Büchern entsteht. Meine Vermutung ist, dass Arendt sich ein großes Problem einhandelt, indem sie dem Subjekt eine zu starke Identität zuspricht. Vor allem scheint sie anzunehmen, dass sich das Subjekt expressiv an einer Gemeinschaft beteiligt. Unter der hand wird hier aber einer Trennung zwischen Psychologie und Psyche auf der einen Seite und Politik und Gemeinschaft auf der anderen Seite zugearbeitet. Dieses Problem hat mich gestern beschäftigt (ich bin weiß Gott noch nicht am Ende), mit folgender Passage aus Roland Barthes' S/Z:
»Objektivität und Subjektivität sind sicherlich Kräfte, die sich eines Textes bemächtigen können, aber es sind Kräfte, die keine Affinität zu ihm haben. Subjektivität ist ein Bild der Fülle, mit der ich den Text zu belasten scheine. Die Fülle aber ist verlogen, ist nur die hinterlassene Spur aller Codes, die mich zusammensetzen, so dass meine Subjektivität letztlich etwas von der Allgemeinheit von Stereotypen hat. Die Objektivität ist genauso angefüllt, ist ein imaginäres System wie alle anderen (außer dass die Kastration dort brutaler zum Ausdruck kommt), ein Bild, das hilft, mich vorteilhafter benennen zu lassen, mich zu kennen, mich zu verkennen. Die Lektüre bringt nur dann die Risiken der Objektivität oder der Subjektivität (beide sind imaginär) mit sich, wenn man den Text als expressiven Gegenstand (der sich dem eigenen Ausdruck anbietet) definiert, der, mal lasch, mal asketisch einer Moral der Wahrheit sublimiert wird.« (Frankfurt am Main 1994, Seite 14 f.)
Was hier als Text bezeichnet wird (S/Z ist ein Buch „über“ die Interpretation von Erzählungen), habe ich durch das politische Subjekt ersetzt und damit eine Nähe zu der politischen Theorie von Hannah Arendt erzeugt. Man kann sich an dieser Ersetzung stoßen; ich erinnere aber daran, dass wir den anderen Menschen nicht in seinem Wesen lesen, sondern in seiner Oberfläche, eben, wie er uns trifft und wie wir uns durch die Wahrnehmung treffen lassen, dass der andere Mensch durch die Kleidung, die er trägt, durch die Gesten, die er ausführt, durch die Wörter, die er spricht, und durch die Themen, die er für besprechenswert hält, an jenem Sammelsurium teilhat, das wir Kultur zu nennen pflegen. Anders formuliert: der Mensch ist kein Text, aber wir nehmen ihn als einen solchen wahr.

Subjekt/Objekt-Wechsel
Das führt uns weiter zu dem Begriff der Gouvernementalität, ein Begriff, den Michel Foucault in seinen Vorlesungen Sicherheit, Territorium, Bevölkerung und Die Geburt der Biopolitik (beide Frankfurt am Main 2006) behandelt. In gewisser Weise stimmt Foucault mit Arendt überein, wenn er die Macht als eine Frage der Konstellation behandelt. Er unterscheidet sich von Arendt aber darin, dass er die Macht subjektlos denkt, also nicht dem Menschen nachträglich zugestanden, sondern dem Subjekt vorauslaufend und dieses erschaffend. Foucault schreibt:
»Die Macht gründet sich nicht auf sich selbst und geht nicht aus sich selbst hervor. Einfacher gesagt, wenn Sie wollen, es gibt keine Produktionsbeziehungen, keine zusätzlichen Produktionsbeziehungen, die nachträglich neben die, zu den Machtmechanismen hinzu kämen, um sie zu modifizieren, zu beeinflussen, konsistenter, kohärenter und stabiler zu machen. Es gibt beispielsweise keine Beziehungen des familiären Typs mit weiteren Machtmechanismen, keine sexuellen Beziehungen mit weiteren Machtmechanismen daneben, darüber usw. Die Machtmechanismen sind intrinsischer Bestandteil all dieser Beziehungen, sie umkreisen sie als deren Ursache und Wirkung [Jawohl!], …« (Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, Seite 14)
Es ist kaum verwunderlich, dass unsere Gesellschaft heute eine ganze Menge an Strategien entwickelt hat, dieses Subjekt zu naturalisieren, es wieder zurück in den Status der Person zu führen, den es im klassischen Zeitalter hatte. Und die Fratze, dass man sich selbst naturalisiert, indem man den anderen biologisiert, taucht nicht nur in all jenen Biologismen auf, die eine diffuse, aber sich wissenschaftlich gebärdende Internet-Gemeinschaft in den Frauen diagnostizieren zu können glaubt und damit, gleichsam spiegelbildlich, selbst eine naturhafte Erscheinung zu erlangen erhofft. Die Frau soll jene Sonne sein, die dem Mann im Mond das Licht spendet, das Licht der Natur, versteht sich.
Es sind aber nicht nur die Frauen, die naturalisiert werden und die Männer, die sich darüber indirekt selbst einen naturalisierten Zustand zusprechen, es passiert überall. Sei es, dass das Gehirn des Klienten für die quasi-neurophysiologischen Einflüsterungen des Coaches gefügig gemacht werden soll, sei es, dass das Kindeswohl als beruhend auf der Natur des Kindes für die Natürlichkeit von Erziehungsmaßnahmen gleich welcher Art zur Verfügung zu stehen hat.

Der Mann Moses - ein Massenphänomen
In einer Passage aus Douglas Adams Roman Das Restaurant am Ende des Universums wird dem Protagonisten eine Mahlzeit mit Rindfleisch schmackhaft zu machen versucht, vom entsprechenden Rind selbst. Das Subjekt bietet sich als Objekt an, wie die Politik als Natur. Nichts anderes konnte man neulich auf den Wahlplakaten lesen: ›Wir sind Deutschland‹, eingesperrt im Körper unserer ehemaligen und zukünftigen Bundeskanzlerin, als sei sie gerade vom Olymp herabgestiegen, um dem um das Wahlergebnis herumtanzenden Volk die frohe Botschaft zu verkünden, sie habe die Einheit der Vielfalt gefunden, sprich: die Form der Mannigfaltigkeit. Moses in der Rolle des goldenen Kalbes.

Übel und Risiko
Wie aktuell dieses Problem ist, mag man auch an dem instruktiven Artikel von Susanne Krasmann lesen, Gouvernementalität der Oberfläche (in: Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000), wobei ihr hier statt der kriminologischen Orientierung beliebig eine geschlechterbiologische, neurophysiologische, wahlpolitische, usw. Orientierung einsetzen könnt, um ein Stück der Wahrheit der rhetorischen Lüge zu erhaschen:
»Indem sich die Maßnahmen, begleitet von einer entsprechenden öffentlichen Rhetorik, auf besondere Problemfälle konzentrieren, impliziert dieser im strafverschärfenden Sinne »punitive« Zweig nach wie vor eine Individualisierung sozialer Probleme. Durchaus fraglich ist daher, ob die neue Pönologie tatsächlich eine »Abwendung vom Täter« markiert und als Wegbereiter einer neuen »Kriminologie der Situation« … begrüßt werden kann, die, über die täterfixierte Moderne hinweg, eine Brücke zur Tradition der neoklassischen Tatorientierung schlägt; oder ob sich nicht vielmehr die Strategien nur verschieben: von der Bekämpfung von Kriminalität zur Kontrolle von Kriminalität; von der Suche nach biografischen, soziale oder auch biologischen Hintergründen für die Erklärung von Ursachen der Kriminalität zur variablen Kalkulation diverser Risikofaktoren, um Probleme der Sicherheit zu managen. Der Täter als Begriff, als Vorstellung, Stereotyp und schließlich als Adressat konkreter Maßnahmen verschwindet dabei nicht. Eher könnte man sagen, er wird seiner Biografie beraubt, die ersetzt wird durch taxierende Risikomerkmale.« (Seite 197 f.)
Man kann zum Beispiel in der Pädagogik beobachten, dass die Armut als individuelles Schicksal mehr und mehr durch die Armut als statistisches Risiko ersetzt wird, ähnlich wie die alleinerziehende Mutter nicht mehr ein moralisches Übel für das Kind ist (das ist ja prinzipiell zu begrüßen), sondern ein Risikofaktor. Und wenn man sich die Diskussionen neulich im Internet ansieht, so hatte man das Gefühl, dass die Menschen nicht mehr politisch wählen gehen, sondern an einer Art aufgezwungener Lotterie teilnehmen, die dann zum Ausgleich mit ein wenig Spaß (= Stefan Raab et al.) garniert wird. Auch wenn man sich die Diskussionen mancher Biologisten ansieht, scheint es ein Risiko zu sein, als Frau kulturschaffend zu handeln. Risikoreich ist das deshalb, weil man sich der Gefahr aussetzt, seine Natur zu verlieren. Ebenso darf die Homosexualität sich nicht im Vergnügen gründen, sondern fußt auf einer natürlichen Streubreite unseres genetischen Materials, das den einen oder anderen Mann dann schicksalshaft trifft. Es soll ja Gene für das Tragen von Ledermonturen geben.

Eventuell: Macht als Liebe, Liebe als Macht
So können Macht und Gewalt nicht mehr als Handlungen gelesen werden, die mal vom Individuum als Individuum, mal vom Individuum in der Gemeinschaft ausgeübt werden, sondern selbst als Verteilungen von Zuweisungen, bei der ein Individuum mal ein ganzes Volk beinhaltet (die Bundeskanzlerin), mal ein Individuum nicht ganz bei sich ist und wenn, dann auf eine nicht natürliche Art und Weise (der Wiederholungstäter).
Schon in der intimen Gemeinschaft zweier Personen kann sich eine Macht im Sinne von Arendt nur dann entfalten, wenn man dem anderen eine unendliche Lesbarkeit zugesteht. Max Frisch schreibt (Romane, Erzählungen, Tagebücher, Frankfurt am Main 2008):
»Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. … Die Liebe befreit es [das Viele] aus jeglichem Bildnis.« (Seite 27)
Und es ist kein Liebender, der so etwas sagt: „Ich kenne dich besser, als du dich selbst!“ — So etwas kann nur ein Eifersüchtiger sagen; man höre das Mörderische, das in dieser Aussage enthalten ist. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie Macht, Macht, wie Arendt sie verstand, als gelegentliches Aufscheinen in Freundschaften und Liebesbeziehungen, in kleinen Gruppen, eventuell sogar in politischen Vereinigungen; zumeist aber wird eine solche Macht durch die objektive Aneignung eines politischen Subjektes korrumpiert.

13.10.2013

Wer fällt hier eigentlich in Mathe durch?

Manchmal langweilt man sich wirklich entsetzlich. ›Berliner Schüler fallen in Mathe durch‹ ist ein Artikel überschrieben, der auf tv.berlin erschienen ist. Das allerdings hört sich dramatisch an. Durchfallen, d.h. ja soviel wie das Leistungsziel nicht annähernd erreicht haben. Und was ist nun passiert?
Innerhalb der 16 Bundesländer liegt Berlin mit seinen Matheleistungen, d.h. natürlich die Berliner Schüler, nur im unteren Drittel. Auch in den anderen Naturwissenschaften sähe es nicht rosig aus.. Nun, ich darf den Schnellinterpreten dieser Ergebnisse eine freudige Nachricht mitteilen: irgendjemand liegt immer im unteren Drittel, statistisch gesehen.

Es ist schon lustig, dass man Statistiken immer besonders ernst nimmt, immer eine besondere Dramatik aus ihnen herausliest, gerade dann, wenn sie eigentlich komplett im luftleeren Raum schweben. Was ist das Problem bei dieser Statistik, wie der Artikel sie zitiert? Sie kommt ohne Fixpunkt aus.
Wenn Peter einen IQ von 143 hat, Hans von 142 und Richard von 141, und wir nur diese drei Daten zur Verfügung stellen, dann liegt Richard im unteren Drittel. Nehmen wir allerdings den üblichen Fixpunkt allgemeiner Intelligenz, jene magischen 100, mit dazu, liegen alle drei natürlich deutlich über dem Mittelwert und wenn man jetzt noch die prozentuale Beteiligung mit einbezieht, sind alle drei Ausnahmeerscheinungen.

Meine lieben, unbekannten Journalisten. Mathematik ist doch eine schwierige Sache. Vor allem, wenn es sich nur um die rhetorischen Grobheiten einer Statistik handelt. Von den Feinheiten habe ich noch gar nicht zu sprechen begonnen.
Ich langweile mich also ein wenig.

11.10.2013

Die armen und die reichen Arbeitslosen; die fünf Konten der Volkswirtschaft

Abgesehen davon, dass ich seit einigen Monaten auch die Grundzüge der Volkswirtschaft von Peter Bofinger im Bücherschrank stehen habe, aber nicht zum Lesen komme, interessiert mich eine systematische Betrachtung des Wirtschaftssystems immer mehr. Ein zartes Pflänzchen!
Gestern wurde auf YouTube ein Vortrag von WissensmanufakturNET veröffentlicht, der sehr verständlich die großen Probleme der derzeitigen Volkswirtschaft benennen. Ein sehr humorvoller und zugleich sehr bedrückender Vortrag: Quo vadis Europa?

Lest mehr Hannah Arendt: Vita Activa. Alternativ: Thomas Wild: Hannah Arendt (suhrkamp BasisBiographie).

08.10.2013

Nachrichten aus der Zwischenwelt (kleine Hilfsmittel)

Gerade wollte ich ein paar Beobachtungen zu den Filmen von Ridley Scott aufschreiben; mitten im Artikel ist mir mein Blog-Editor hängen geblieben und als ich dann noch einmal nach meinem Eintrag geschaut habe, war er schon veröffentlicht.

Hintergrund war auch, dass ich mir Prometheus gekauft habe. Das ist der neueste Film von Scott, falls ihr das nicht mitbekommen habt. Und natürlich meine Auseinandersetzung mit der Filmtheorie, wobei ich hier erstmal vom Material selbst ausgehe, also von den Filmen, die ich sowieso schon in meiner Bibliothek vorfinde.

Lese und kommentiere gerade ganz viel Schnitzler.

Vor bereits zwei Wochen habe ich mir ein schnurloses Headset für meinen Computer gekauft und kann jetzt während des Diktierens in meinem Zimmer herumspazieren. Für das Arbeiten ist das wundervoll. Ich lasse mein Spracherkennungsprogramm die gelesenen Dateien durchrechnen, sobald der von Dragon NaturallySpeaking reservierter Arbeitsspeicher voll ist. Zu manchen Zeiten dauert das zwei, eventuell auch drei Tage; derzeit schaffe ich eigentlich immer, den Arbeitsspeicher zweimal pro Tag voll zu bekommen (gut, manchmal habe ich das auch früher geschafft).

In den letzten anderthalb Wochen habe ich an einem Videokurs gebastelt, diesmal nicht an einem Auftrag, sondern an einem selbstgewählten Thema. Obwohl mir dieses Thema hervorragend vertraut ist, muss ich mich doch in vielen Sachen umstellen. Mein Planungszettel ist gerade mal eine DIN A5 Seite lang; das Endergebnis dagegen wird wahrscheinlich um die 200 Minuten Videos ergeben, derzeit 34 Stück. Genau diese Umsetzung macht mir Mühe: ich bin damit noch überhaupt nicht erfahren. Um immer Abschnitte von 5-8 Minuten zu programmieren, reichen etwa 600 Wörter an Text und 4-6 Bilder, bzw. Skizzen.
Insgesamt macht das ganze aber wirklich Spaß und ich habe schon eine Menge neuer Ideen, was ich danach machen könnte. Veröffentlicht wird das wahrscheinlich auf YouTube.

Mutter sammelt noch — zu zwei Filmen von Ridley Scott

In seinem Film ›Alien‹ fragt Ripley Ash, der sich kurz darauf als Androide entpuppt: »Ash? Any suggestions from you and mother?« und dieser antwortet darauf: »No, she's still collecting.« — Ridleys Filme sind voller Anspielungen auf eine pervertierte Sexualität und pervertierte Geburten. In ›Blade Runner‹ wird Rick Deckard (Harrison Ford) von dem Androiden Pris (Darryl Hannah) so zwischen ihren Beinen eingeklemmt, dass es aussieht, als würde sie ihn gebären. Kurz darauf erschießt er sie.

Perverse Mütter, gewaltsame Penetration
Die Mutter in ›Alien‹ ist der Zentralcomputer des Raumschiffs. Sie ist zunächst eine Art körperlose Stimme, die anscheinend wirklich jedem Befehl Folge leistet. In dieser Szene wird sie zunächst als inkompetent dargestellt; kurze Zeit darauf erfährt Ripley (Sigourney Weaver), dass der Auftrag des Schiffes und des Wissenschaftlers sei, die fremde Lebensform zu fangen und sicherzustellen. Auf das Überleben der Besatzungsmitglieder könne verzichtet werden. Die gefügige Mutter wird zunächst durch die unfähige, dann durch die mörderische Mutter ersetzt, oder, um es in der Sprache der Psychiatrie zu sagen, die zwanghafte und depressive Mutter durch die katatone und dann durch die paranoide.
Zwischen dem Bordwissenschaftler und dem Mutter-Schiff besteht eine Komplizenschaft. Beides sind Computer; beide verfolgen denselben Auftrag, wobei Mutter nicht handelt, sondern eigentlich nur die wichtigen Informationen vorenthält. Sie überschreitet zweimal die Schwelle zum Tode, einmal, als in ihr das Alien „geboren wird“ und einmal, als sie ihre wahre Bestimmung preisgibt, nämlich die Menschen nicht notwendig zu retten. So wirkt sie wie ein Gespenst. Ash dagegen bleibt die ganze Zeit distanziert, bis er sich als williger Gehilfe der Firma entpuppt. Er schlägt Ripley nieder und als er dann überlegt, was er als nächstes tun soll, folgt dieses Bild:
Auf der linken Seite sind diverse nackte Frauen zu sehen, die man als Verkörperung des infantilen Sexualitätsdenkens lesen kann. Gleich darauf nimmt Ash eine Zeitschrift, auf der man vage eine Werbung mit einem Frauenkopf sehen kann, rollt diese zusammen und versucht damit, Ripley zu ersticken. Dies wiederum kann man als eine gewaltsame, orale Penetration lesen, ähnlich wie der so genannte ›facehugger‹, jenes erste Alien, welches aus dem Ei herausspringt und sich auf das Gesicht von Kane heftet. Kurz darauf kommen andere Crew-Mitglieder dazu; Parker schlägt dem Androiden den Kopf ab, muss mit diesem allerdings weiter kämpfen. Dazu folgendes Bild:
Parker hält den kopflosen  Körper zwischen seinen Beinen, während weiße Flüssigkeit auf ihn spritzt. Ash zuckt, als habe er eine motorische Dysfunktion oder einen Orgasmus. Hier wird der Geschlechtsakt völlig pervertiert: während der Kopf nach hinten gekippt ist, ejakuliert der künstliche Mann mit dem Hals und versucht einen anderen Mann zu penetrieren.

Ersetzungen
In der psychoanalytischen Theorie unterscheiden sich Ziele von Triebobjekten. Ein Trieb wird dadurch geweckt, dass ein Spannungszustand im Körper entstanden ist, der gelöst werden muss. Einer der frühesten Spannungszustände ist der Hunger. Er wird durch die Nahrungszufuhr befriedigt; und das Triebziel ist eben jene Nahrungszufuhr, bzw. die Sättigung. Das Triebobjekt allerdings bildet sich durch die sinnlichen Reize aus, die sich an der vorherrschenden erogenen Zone spürbar machen. Dies ist beim Säugling die Mutterbrust. Diese ist übrigens nicht zu verwechseln mit einem Bild von einer Brust und es ist unsinnig zu sagen, dass dadurch eine spätere „Busenfixierung“ zu erklären sei. Tatsächlich sind es vor allem die taktilen Reize im Mundbereich, aus denen wohl dieses erste Objekt besteht und das sich als sinnlicher Eindruck mit dem Spannungsabbau verbindet.
Die Unterscheidung zwischen Triebziel und Triebobjekt ermöglicht es, das Triebobjekt nach und nach zu überformen, obwohl das Triebziel das gleiche bleibt. Diese Unterscheidung ermöglicht aber auch, das Gleiten der Objekte bei gleichem Ziel zu verstehen: das Objekt scheint zu wandern.

Dadurch entstehen Ersetzungen, die der russische Linguist Jacobson in ähnlicher Weise für die Metonymie analysiert hat. Die Metonymie, deren bekannteste Form das pars pro toto ist, verschiebt die Bedeutung zum Beispiel auf einen besonders beeindruckenden oder besonders funktionalen Teil eines Gegenstandes. Schreibt jemand: »Der Wind strich um die Dächer.«, so wird er wohl nicht nur um die Dächer, sondern um das ganze Haus streichen.

In Filmen können nun Bilder durch andere Bilder ersetzt werden, bzw. als Ersetzung gelesen werden, was sie für eine psychoanalytische Deutung als Triebobjekte empfänglich macht. In dem zweiten Bild wird so (in der Interpretation) der Geschlechtsakt beibehalten, aber bestimmte Teile davon ausgetauscht: so entstehen neue Konstellationen, die sich trotzdem anhand einer Spur der Ähnlichkeiten verbinden. So ist die Verschiebung oder Metonymie ein wichtiger Bestandteil des kreativen Denkens: es wird nicht etwas völlig Neues geschaffen, aus sich heraus und autochthon, sondern durch einen partiellen Austausch. Dies führt, wenn man dies auf der Ebene der Genres betrachten will, zur Parodie.

Nachtrag:
Aus irgendwelchen Gründen wollte dann mein Programm nicht mehr funktionieren (also der Editor für Blogger).  Deshalb steckt dieser ganze Artikel in den Kinderschuhen. Die vielen sexuellen Symbole in Alien sind natürlich bekannt und längst untersucht. Darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich hatte eher vor, die Wiederkehr bestimmter Szenen und Einstellungen in Scotts Filmen aufzuzeigen. So gibt es in Gladiator visuelle Ähnlichkeiten zu Alien, zum Beispiel, als der Imperator durch seinen Sohn erstickt wird. Insgesamt scheinen mir die Filme um die Frage zu kreisen, was uns alles „gebären“ kann, was überhaupt eine Geburt ist. Soviel dürfte sicher sein: die biologische Geburt ist für Scott nur eine unter vielen Möglichkeiten. Frappierend ist auch, dass die Heldin einer Geschichte bei Scott oftmals  durch einen Akt der Gewalt oder ein Verbrechen geboren werden.

Ich werde auf jeden Fall eine Fortsetzung zu diesem leicht missglückten Beginn schreiben.