23.02.2011

Spiel und Lager

In den letzten Tagen habe ich viele Zitate zum Spiel gesammelt. Seit gestern Abend kommt eine umfangreichere Sammlung zum Thema Lager dazu. Beides für Kollegen aus AKLEB.
Zum Thema 'Lager' müsste man fast so etwas wie eine Kulturgeschichte schreiben. In der Paläontologie werden prähistorische Lager nach Rückschlüssen auf die sozialen Beziehungen untersucht. Im Mittelalter wandelt sich der Marktplatz durch zunehmend bessere Reisemöglichkeiten und der Ökonomisierung und Juridifizierung der Ware. Schließlich natürlich Walter Benjamin: Ich packe meine Bibliothek aus. Und das Passagen-Werk. Genette: Palimpseste. Derrida: Mal d'archive. Ebenso Foucault. Nicht zu vergessen das Internet.


mein Herz, mein Zimmer, mein Name

So der Titel eines Romans von Friederike Mayröcker. Im Tagesspiegel las man vor fünf Tagen: Mein Schloss, mein Titel, meine Doktorarbeit.
Und bei Friederike Mayröcker kann man auch folgendes lesen:

die im Kosmos der Sprache wildernde Muse trägt auf der Vorderseite einen roten Stempel (mit Kanüle von Auge zu Brust)  : Kennzeichen für räuberisches Verhalten, räuberische Leseweise / Lektüre. Sie vollzieht das Wandern durch ein Motiv nämlich ein unablässiges RUPFEN in fremden Gärten / Gefilden, was ihre Leidenschaft ist, und ihre Disziplin. Alles kann Beute sein, Briefe, Schriften, Telefongespräche, Selbstzitate - sie schreibt ab von wahlverwandten Dichtern, medizinischen Fachbüchern, Enzyklopädien, briefschreibenden Freunden. Sie schaut ab, sie kopiert, sie exzerpiert, sie übermalt, das Auge funktioniert als automatischer Modifikator :
Mayröcker, Friederike: Magische Blätter. Frankfurt am Main 2001, Seite 355

Eiapopeia des Bürgertums

Es ist vielleicht ein Zeichen der Zeit, dass die ehemals bösen Figuren wie der Vampir und der Werwolf rehabilitiert werden und einer Domestikation anheimfallen, so wie zum Beispiel Edward oder auch Bill Compton. In vielen Punkten liest man hier das Eiapopeia des Bürgertums, seine Wandlungsfähigkeit entlang der Untugenden, die es selbst erzeugt.
Damit ist keine Kritik an den Vampiren ausgesprochen, sondern eher die Forderung, das Böse gegenüber den bürgerlichen Wünschen wieder unabhängiger zu machen.



Geschlechtslose Vagina

Noch eine kleine Anmerkung zu Vampirfilmen aus meinem Zettelkasten.
Biss in den Hals: das Erzeugen einer geschlechtslosen Vagina
Vagina dentata (als Gegenbild)

In der Psychoanalyse spielt die Vagina dentata, die bissige und verschlingende Vagina, eine wichtige Rolle, zumindest bei manchen Psychoanalytikern. So gibt es eine Szene aus John Carpenters "Das Ding", in der sich der Bauch eines Menschen öffnet, riesige Zähne zum Vorschein kommen und einem Doktor die Hand abbeißen. In einem Buch über Carpenter, interpretiert mit der Theorie von Julia Kristeva, wird diese Szene als "Angst vor der bissigen Vagina" kommentiert und zugleich auf den psychotischen Polymorphismus des "Dings" hingewiesen.
Es ist nur konsequent, dass diese statuenhaften Gestalten, die in Twilight herumstehen, nur noch mögliche, das heißt jungfräuliche Geschlechtsorgane kennen, die zudem geschlechtslos sind. Zwar sind die Statuen mit allen möglichen Attributen bürgerlicher Geschlechtlichkeit ausgestattet, zwar besitzen zumindest einige der Statuen "düstere Eigenschaften", aber insgesamt geht es weniger um einen Vorgang, als um eine Statik, um ein fixiertes Bild.
Bella ist ein zwitterhafte Wesen, nicht im geschlechtlichen Sinne, sondern weil sie von mehreren Personen nicht mehr richtig besessen wird: Sie gehört weder zu Mutter, noch zum Vater, noch zu Edward, noch zu Jacob. Sie ist ein mehrfaches Objekt a (im Sinne Lacans).



Schade

Jetzt wollte ich mal wieder meine hübschen Bildbearbeitungsprogramme nutzen. Leider sieht zu Guttenberg nicht so schön irre aus, wie ich das haben wollte. Nicht jeder kann mit Copy&Paste so gut umgehen.


Doktorarbeit bizarr!

Edward und Jacob

Gerade finde ich in meinem Zettelkasten folgendes:
Edward: seelische Wandlung, Ansteckung, Initiation, Nomade
Jacob: körperliche Wandlung, Filiation, Pubertät, Wächter

Edward: der verhinderte Eros des Kleinbürgers

Das war eine Notiz, die beim Lesen von Karl-Heinz Bohrers Imaginationen des Bösen entstanden ist. Man hätte vielleicht noch hinzufügen können: Edward, Taktik; Jacob, Strategie. Gemäß der Unterscheidung von Michel de Certeau, dass die Taktik sich einen Weg bahnt, die Strategie dagegen einen Platz verteidigt.



Eigentlich

schaue ich mir ungerne die Webseiten von Politikern an, vor allem von konservativen Politikern. Da kriege ich nur Magengeschwüre. Doch gerade musste ich doch noch einmal auf die Seite von von Guttenberg gehen. Mega-Magengeschwüre!
Zitate:
Bildung ist Lebenschance und die Grundlage für Arbeit, soziale Sicherheit, Gerechtigkeit und Selbstverantwortung.
Politik bedeutet, ein gerüttelt Maß an Unabhängigkeit in Meinung und Handlung zu bewahren.
Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen.
Ich will auch unbequemen Fragen nicht aus dem Weg gehen, denn nur dann erhält man das Gefühl dafür, was für die Menschen wichtig ist.

Wie heißt das so schön auf dem Bau: hau weg den Scheiß! Jedenfalls muss man dem nicht mal eine rhetorische Analyse zukommen lassen, so dämlich ist die ganze Geschichte.



Wer frei sein will, kommt zu Alice,

sagte mir eben ein Kunde, und fügte hinzu: Ja, frei vom Internet.


22.02.2011

Lesenswert

Mit dem versäumten Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs, mit der Rückendeckung der Kanzlerin für ihre so dringend benötigte Lichtgestalt ist es jetzt amtlich: Wenn ein Politiker von Werten redet und von Verantwortung, dann handelt es sich dabei nur um eine Simulation. Begriffe wie Anstand und Ehrgefühl werden nur bemüht, weil sie das Publikum gerne hören will. Doch sie bedeuten nichts. Das ist nicht gut für die Demokratie.
"Politik braucht klare Werte", steht nach wie vor auf der Website von Karl-Theodor zu Guttenberg. Und: "Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen." Es wäre anständig, wenn der im Amt bleibende Verteidigungsminister wenigstens diese Phrasen entfernen lassen könnte - als Akt der politischen Hygiene.
Zum vollständigen Artikel: Die Lüge ist ministrabel geworden.



21.02.2011

Schaudern

Gerade lese ich: "mit positivem Gruß, …"; gibt es auch negative Grüße? Erwarte die Antwort mit Schaudern.


Plagiatsvorwürfe gegen Herrn von Guttenberg

Ich weiß nicht, warum sich die Leute so aufregen. Schließlich ist das seit Jahren üblich. Wer Geld hat, lässt sich seine Doktorarbeit mehr oder weniger schreiben. Und wer Vitamin B hat, kommt auch mit einer üblen Mache zu seinem Titel, siehe Kristina Schröder. Die Praxis ist bekannt. Ein Titel gilt viel und ob ein Mensch wirklich denken kann oder Allgemeinwissen besitzt, können sowieso viele Menschen nicht mehr feststellen, da sie selbst nicht richtig denken können und ihr Wissen meist äußerst begrenzt ist. Wer heute sämtliche Folgen von Lindenstraße gesehen hat, gilt ja schon fast als hochbegabt.


Schopenhauer

Ich habe immer noch nicht die Gesamtausgabe von Schopenhauer. Grüble seit einigen Tagen, ob ich mir diese kaufe. Andererseits: zurzeit brauche ich sowieso einen Hilfsleser, da ich mit meinen ganzen Büchern nicht hinterherkommen. - Gestern Abend Zettel in den Zettelkasten getan, annähernd 400 Kommentare und Zitate.


Philosophische Besonnenheit

Gerade begeistere ich mich wieder für Nietzsche und Schopenhauer. Ich hatte vorletzte Woche den guten Schopenhauer in meinem Seminar dazu benutzt, das Verhältnis zwischen Emotion und Volition zu thematisieren. Diese Verbindung stammte noch aus einer älteren Anmerkung auf meinem Zettelkasten. Mir fiel beim Durchsehen auf, wie gut sich das Rubikonmodell für jene Passage bei Schopenhauer anwenden lässt und so kam ich auf die Idee, den Teilnehmern von AKLEB zu zeigen, dass die moderne Philosophie teilweise recht alte und bescheidene Erkenntnisse in glamouröse Worte packt.
Dasselbe aber kann man auch für die Metakognition sagen. Dieses zur Zeit äußerst beliebte Wort findet sich in etwa in dem Begriff philosophische Besonnenheit (und - man staune! - in dem Begriff reflektiertes abstraktes Bewusstsein), den Schopenhauer gleich zu Beginn von "Die Welt als Wille und Vorstellung" eingeführt:
»Die Welt ist meine Vorstellung:« – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewusstsein bringen kann: und tut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiss, dass er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; dass die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.
Dies ist ein wenig überraschender Satz. Allerdings ist es auffällig, wie schwierig es vielen Menschen fällt, genau diesen Satz Praxis werden zu lassen. Er geht gegen frühkindliche Glaubensüberzeugungen, dass alle Menschen dasselbe wahrnehmen und denken würden. Dieser Satz allerdings stößt auch immer wieder auf das Problem, dass wir zwar den Satz für sich gerne als wahr hinnehmen, dass die Schlussfolgerungen aus dem selben jedoch nicht in die Strukturen des Sprechens eingedrungen sind. So ist es oft das umliegende Feld an Glaubensüberzeugungen, das uns diesen Satz, die Welt sei Vorstellung, zu denken, zu begreifen hindert.
Metakognition zielt auf das Begreifen des eigenen Denkens. Es müsste sich nach und nach an solchen Kernsätzen systematisieren.



14.02.2011

Man hat ja viel zu wenig Zeit!

Das kommt davon, wenn man sich für alle möglichen Sachen interessiert. Auf suite101 wollte ich eigentlich schon seit Tagen mehrere Artikel veröffentlichen, zu den mathematischen Basiskompetenzen liegt ein halbgeschriebener Artikel für den Blog bereit, aber auch eine etwas ausführlichere Analyse zum Stil von Arno Schmidt und Max Goldt. Doch was passiert? Es kommen mir 1000 Sachen dazwischen. Unter anderem Arthur Schopenhauer, Marc Aurel und Bertolt Brecht. Thema: Zorn. Und natürlich auch Michel Foucault. Dessen Vorlesungen kommentiere ich gerade durch, wobei ich immer wieder Ausflüge in die Semiotik und Logik mache.
Nein, irgendwie finde ich im Moment für allgemeine nebensächlichen und hauptsächlichen Arbeiten zu wenig Raum. Zudem habe ich in den letzten Tagen zweimal eine kranke Kollegin vertreten müssen, zwei Prüfungen durchgeführt und ausgewertet, mehrere Romane und weitere Zusendungen (unter anderen eine ganz viel versprechende von einer ehemaligen Entwicklungshelferin) gelesen: die üblichen Sachen eben.
Besonders gefreut hat mich folgendes Titanic-Bild: Hirnschaden.


06.02.2011

Weibliche Anatomie und Hunde

Das wird wieder eine böse e-mail geben. Ich lese gerade eine Geschichte. Die Autorin schreibt, sie habe eine knallharte Erotikgeschichte geschrieben, und sie sei von einem bekannten Schriftsteller deswegen hochgelobt worden. Schon alleine solche Ankündigungen sind ein Zeichen, dass man es mit irgendeinem depperten Text zu tun hat. Nun geschieht zwischen der Protagonistin und dem Lover folgendes: er "verwöhnt" sie gerade oral (geschrieben wie ein echter Abturner), da kommt ihr Hund an und "umspringt" ihre F***. - Häh?
Me und myself ist gerade beim Finishing von Adams 'Auto'-Biografie. Auch nicht mein Buch. Aber wenigstens nicht so unlogisch und er hat diese Sachen auch wirklich erlebt.