30.09.2009

Guter Blog

Noch ein - mir bisher völlig unbekannter - Schreibblog: Zwischenlebenblog. Natürlich nicht ganz so toll wie meiner, aber für Schreiberlinge sehr zu empfehlen, da die Reflexionen von dem Blogbesitzer Thomas Röder auf das (eigene) Schreiben ehrlich und hilfreich sind. Zudem ist er nicht so ein huschiger Kreativer, sondern einer, der konstruktiv schreiben will (also jemand, der für den Leser schreibt und darauf achtet, dass Leser ihren Spaß haben). Deshalb ist dieser Blog nicht nur gut, sondern auch mit Seltenheitswert.


28.09.2009

???

Der Zuwachs der FDP kennzeichnet damit auch einen gesellschaftlichen Wechsel. Früher war die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch den Kapitalisten das Erkennungsmerkmal der Epoche. An ihre Stelle ist die Ausbeutung von Angestellten und Mittelständlern durch den Staat getreten, wogegen die Geschröpften genauso rebellieren wie einst die geknechteten Arbeiter.



27.09.2009

Trauma, Zeit, Erzählen

Der Begriff des Traumas beschäftigt mich zur Zeit aus folgendem Grund:
Ähnlich wie manche Formen der Gewalt absorbieren Traumata für eine gewisse Zeit die 'Fähigkeit', die Ereignisse in eine gute Reihenfolge zu bringen. Mit anderen Worten: die Erzählungen geraten durcheinander. Ich will damit ein Trauma nicht auf eine Inkompetenz des Erzählens reduzieren, hänge hier aber einen anderen, recht neuen Blickwinkel ein.

Trauma
Zunächst gilt es zu klären, was ein Trauma ist. Freud definiert in den Vorlesungen zur Psychoanalyse (GW XI, S. 284):
Es ist so, als ob diese Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor ihnen stände, und wir nehmen diese Auffassung in allem Ernst an; sie zeigt uns den Weg zu einer, heißen wir es ökonomischen Betrachtung der seelischen Vorgänge. Ja, der Ausdruck traumatisch hat keinen anderen als einen solchen ökonomischen Sinn. Wir nennen so ein Erlebnis, welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normalgewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen.
Halten wir zunächst fest, dass das Trauma eine unerledigte Aufgabe darstellt. Wenn Freud hier auf die ökonomische Betrachtung und den Energiehaushalt zu sprechen kommt, dann ist das Ziel der Aufgabe eine Verminderung des Energieverbrauchs, also gerade nichts Inhaltliches, sondern rein ressourcenorientiert. Die Erledigung der Aufgabe erfolge sonst auf normale Weise, d.h. in einer bereits vorschematisierten Form, die - so kann man annehmen - situativ angepasst wird.
Nun funktioniert gerade das beim Trauma aber nicht. Hier wird mit einer Reizüberflutung gerade die gewohnte Möglichkeit der Aufarbeitung hinweggeschwemmt.
Das Maß also, inwiefern ein Erlebnis traumatisch ist oder nicht, liegt in der Fähigkeiten, Reize rasch zu verarbeiten. Bevor man hier auf den Wert der Bildung kommt, obwohl dies naheliegend scheint, dass eine gute Bildung bei der raschen Reizverarbeitung hilft, definiert sich das Trauma vor allem durch eine gewisse Anzahl ungewöhnlicher Reize, für die nicht ausreichende Schematismen vorliegen. Es gibt zwischen beiden keine Parallelführung oder - um eine musikalische Metapher zu verwenden - keine Engführung (wie Celan in seinem Gedicht Engführung schreibt: "Nirgends | fragt es nach dir - | Der Ort, wo sie lagen, er hat | einen Namen - er hat | keinen. Sie lagen nicht dort. Etwas | lag zwischen ihnen. Sie | sahn nicht hindurch." - GW I, S. 196).
Oder anders formuliert: Zwischen Reizen und Verarbeitung entsteht keine hinreichend lange Ko-Evolution.
Andererseits entsteht Bewusstsein, folgt man dem systemtheoretischen Paradigma, durch eine Ko-Evolution von Bewusstsein und Kommunikation (siehe Luhmann, Soziale Systeme, S. 92, 141, 367). Die Kommunikation hat also durchaus Einfluss auf die Reizverarbeitung, indem sie gleichsam von der anderen Seite, der sozialen Seite her Muster aufbauen hilft, die vor einer Reizüberflutung schützen. Bevor wir allerdings zu dem Problem dieser Ko-Evolution kommen, sei diese Annahme noch einmal durch ein längeres Zitat gestützt:

Ohne Medikation häufen und verlängern sich indessen ruhigere Zwischenzeiten, wo sie [die schizophrene Patientin] wieder ganz »sie selbst« ist und man vernünftig mit ihr sprechen kann. Gleichzeitig werden im engen persönlichen Kontakt in den zunächst sinnlos scheinenden Wahnideen für ihre Betreuer zunehmend verständliche und - wie sich in der Folge zeigt - weitgehend unbewältigte traumatische Elemente aus der eigenen Lebens- und Familiengeschichte erkennbar. Verschiedene traumartige Bedeutungsebenen tanzen dabei eine Zeitlang unstabil neben- und durcheinander: In einem abstrakt symbolischen Sinn geht es um die Patientin verschlingende Fluten von Schmutz und Unrat, die da irgendwo aus mythischem Untergrund aufsteigen. Gleichzeitig aber sieht und erlebt sie solche Räume und Bilder auch konkret. Auf einer anderen Ebene bedeutet dieser Unrat ihr Gefühl von Hass und Ekel gegenüber traumatischen Familienerlebnissen in ihrer Kindheit. Noch auf einer weiteren und ebenfalls stark regressiven Ebene drückt sich in der Psychose ein Gefühl von totalem Vernachlässigt- und Entwertetsein durch beide (objektiv vermutlich wenig präsente) Eltern aus, verbunden mit massiven Eifersuchtsgefühlen einer stark bevorzugten Schwester gegenüber. Gleichzeitig aber erscheint auf einem viel progressiveren und untergründig ebenfalls immer präsenten Niveau die ganze psychotische Krise als ein sinnvolles Ringen um ein volles Frau- und Erwachsenwerden mit endgültiger innerer Ablösung aus erdrückenden Familienbanden.
Ciompi, Luc: Die emotionalen Grundlagen des Denkens, S. 222
Zunächst kann man im zweiten Teil des Zitates die Ursachen für die Deprivation lesen, die schließlich zu den schizophrenen Schüben führen. Es sind nicht näher erläuterte traumatische Familienerlebnisse, wenig präsente Eltern, eine stark bevorzugte Schwester. Diese führen zu Symptomen, die mit Gefühlen des Vernachlässigt- und Entwertetseins und massiver Eifersucht einhergehen.
Diese soziale Isolation scheint recht regelmäßig auch zu seltsamen, ungekonnten Verarbeitungsmustern zu führen. Spannender ist allerdings, dass durch einen engen Kontakt zu den Betreuern die traumatischen Elemente der Lebensgeschichte erkennbar werden. Dabei 'tanzen verschiedene traumartige Bedeutungsebenen [...] unstabil neben- und durcheinander', und werden nur abstrakt symbolisiert. Der Konflikt, der sich hier wiederum andeutet, und auf den ich abziele, ist der zwischen Dauer und Ereignis, zwischen Gegenwart und Vergangenheit/Zukunft-Differenz. Dieser ist eng mit den Bedingungen von Ko-Evolution verknüpft.

Temporaldimension
Sinn: basale Unruhe
Luhmann beginnt seine eigentliche Theorie autopoietischer Systeme mit der Definition von Sinn. Dieses eminent wichtige zweite Kapitel aus dem Buch Soziale Systeme stellt eine der wenigen modernen Sinntheorien dar und wird generell zu wenig rezipiert, zum Beispiel auch im Hinblick auf Lesen und Leseförderung.
Sinn wird dabei als eine Art feinkörniger Gries verstanden, als eine diffuse Menge von Körnchen, die sich jeweils zu strengeren Formen zusammenklumpen können. Man kann dies tatsächlich mit einer Art Sand vergleichen, in die mehr oder weniger gekonnt Formen eingepresst werden, wie Kinder Muscheln, Autos, Seesterne mit Hilfe von Plastikförmchen in den Sand stanzen.
Nun sind Sandformen allerdings eine Zeit lang stabil. Die in das Sinnmedium eingepresste Sinnformen sind allerdings extrem flüchtig. Im Moment ihres Entstehens zerfallen sie bereits wieder und machen einer weiteren Sinnform Platz. Diese Dynamik sorgt für eine basale Unruhe im Sinn, und jeder, der sich bisweilen beobachtet, kann dies bestätigen: die Gedanken hüpfen von hier nach dort und tasten alles mögliche ab, und testen alles mögliche an. Das Sinnmedium ist die Grundlage für psychische und soziale Systeme (also für Seelen und die Gesellschaft). In psychischen Systemen heißt die Sinnform Gedanke, in sozialen Systemen Kommunikation. Alles, was in Seelen und der Gesellschaft passiert, ist Sinn, macht Sinn und kann nicht aufhören Sinn zu machen. Und nichts, was sonstwo in der Welt passiert, Gottes Urknall und Tante Ernas Frostbeulen, kann ohne Sinn für uns existieren.
Sinn ist also, für Luhmann, ausschließlich, und ebenso ausschließlich basal unruhig.

Sinndimensionen
Sinn als solcher ist in dieser Definition noch zu unspezifisch.
Deshalb hängt Luhmann hier drei Sinndimensionen ein, die jeweils in einer Sinnform kombiniert werden. Diese drei Sinndimensionen nennt er Sachdimension, Sozialdimension und Zeit-/Temporaldimension. Alle drei Dimensionen sind differentiell gebaut, d.h. durch eine Opposition charakterisiert.
Für die Sachdimension ist diese Opposition dies/anderes. Man denkt zum Beispiel an Pferde, und deshalb nicht an alles andere. Zweifellos kann man von Pferden zu Raketen wechseln, aber damit hat sich die Sinnform schon verändert. Die Sachdimension besagt, dass in der Sinnform ein bestimmtes Dies gemeint ist, wobei zur gleichen Zeit alles andere eben apräsent gehalten wird. Und nur, weil ich nicht alles gleichzeitig denken kann, lohnt sich weiteres Denken überhaupt. Die jeweils spezifische Sinnform behindert nicht Denken und Kommunizieren, sondern ermöglicht sie erst. Selbst Gott in seiner Allmacht konnte nicht anders gedacht werden, als dass er nacheinander die Dinge in die Welt geworfen hat: dia-bolein, der Teufel wie der Sinn stecken im Detail.
Schon hier bemerken wir, dass Sinn, insofern er nicht die Welt wegabsorbiert, Zeit braucht. Die basale Instabilität ist prozesshaft und kann auf dieser Ebene nicht mit Haltegriffen und Fixpunkten versehen werden.
Die Sozialdimension teilt sich in die Opposition Ego/Alter Ego. Damit werden Sinnformen gleichsam unter jeweilige Perspektiven gesetzt und ermöglicht es, mit Sinnformen umzugehen, die nicht von einem selbst bevorzugt werden müssen. Auch wenn Petra Vanillepudding hasst, kann ich ihn trotzdem essen. Die Sozialdimension liegt häufig in einer gleichsam dissimulierten Form vor. Niemand würde an der Existenz von Brötchen, Hunden, Beethovens Symphonien zweifeln. In der offensichtlichen Teilung der Sozialdimension regeln Ego/Alter Ego-Differenzen Chancen auf Konflikte, Abweichungen, Ergänzungen (er: Bier trinken, sie: kochen).

Zeit
Schließlich wird mit der Zeitdimension in Sinnformen eine vorher/nachher-Differenz etabliert. Die Lücke, die zwischen dieser Differenz liegt, wird durch ein Ereignis aufgefüllt. Vorher war die Vase ganz, nachher kaputt und zwischendurch ist der Ball geflogen. Die Präferenz des Vorher regelt zum Beispiel die Auffassung als persönliche oder auch politische/kulturelle Geschichte. Früher war alles besser, früher gab es Napoleon, Cäsar, die Bänderkeramik der Jungsteinzeit und den Pflaumenkuchen von Oma. Die Präferenz des Nachher regelt Übergriffe in die Zukunft, zum Beispiel in Form von Wünschen, Plänen, Befürchtungen.
Wesentlich an der Zeitdimension ist, dass sie auch die Gegenwart regelt. Zwischen zwei Ereignissen liegt eine mehr oder weniger bestimmbare Zeit, in der etwas andauert, in der 'garnichts' passiert. Brötchen werden gebacken und gegessen. Zwischen dem Gebackenwerden und dem Gegessenwerden liegt allerdings eine Zeit, in der das Brötchen vor sich hinliegt. Diese Gegenwart nennt Luhmann Dauer. Er kontrastiert sie mit einer vollkommen anderen Gegenwart, der Gegenwart des Ereignisses, das auftaucht und gleich wieder verschwindet. Während die Dauer also ein ausgedehntes Nicht-Passieren ist, sind Ereignisse zeitpunktfixiert.
Ereignisse absorbieren jeweilige Dauern. Eben noch in ihrer Küche, jetzt auf unserer Showbühne. Dazwischen das Ereignis, von Rudi Carrell entdeckt worden zu sein. Damit ist aber auch klar, dass es sehr unterschiedliche Dauern gibt, dass jedes Ereignis nur bestimmte Dauern betrifft. Das Essen eines Brötchens ruiniert kein junges Eheglück und bringt keine Blumen zum Blühen. In Bezug auf Dauern erweist sich die Welt als polyrhythmisch. Ereignisse transformieren Dauern in andere Dauern, aber das jeweils lokal und nur bei entsprechender Betreffbarkeit.
Jede Sinnform ist für sich ebenfalls ein Ereignis. Sinnformen sind also in der Lage, sogar in der Notwendigkeit, auf doppelte Art Ereignisse zu konstruieren. Zum einen ändern sie Systemzustände. Man denkt etwas und schon ist man ein anderer Mensch, ob man glaubt oder nicht. Zugleich bezeichnen Sinnformen aber auch Ereignisse. Sie beziehen sich auf diffuse Sach-/Zeitmischungen, auf Hagelstürme, erste laue Frühlingstage, die Geburt des zweiten Kindes. Während das Entstehen und Vergehen von Sinnformen gleichsam reflexionslos prozessiert, können gemeinte Ereignisse überdacht werden. Dazu gehören dann auch wieder eigene Gedanken.
Die Temporaldimension des Sinns erzeugt also schon auf den ersten Anschein hin eine sehr komplexe Handhabung. Über die vorher/nachher-Differenz kann man die Dauer/Ereignis-Differenz, bzw. die Gegenwart//Vergangenheit/Zukunft-Di(Tri)fferenz einführen und schließlich noch die Sinnprozessualisierung//Sach-/Zeitmischung-Di(Tri)ferenz. 


Strukturelle Kopplung
Die Prozessualisierung von Sinn geschieht auf der Basis der Autopoiese. Autopoietische Systeme grenzen sich gegen die Umwelt ab und erzeugen ihre eigenen Elementarereignisse. Psychische Systeme, ich, der Autor, zum Beispiel, prozessieren Gedanken, und nur eigene Gedanken. Ich kann nicht meine eigenen Gedanken in ein anderes psychisches System hineindenken und ich kann nicht andere Gedanken aus einem anderen psychischen System herausdenken. Psychische Systeme sind füreinander intransparent. Alles, was gedacht wird, passiert hinter Schädeldecken.
Nun können psychische Systeme mit mehr oder weniger Erfolg Körperbewegungen handhaben. Körperbewegungen werden in Einheiten differenziert, man seufzt, schnaubt, kratzt sich am Kinn, rümpft die Nase, und dies kann von anderen psychischen Systemen registriert werden, denen es nun überlassen bleibt, darauf zu reagieren oder es galant zu übersehen. Handlungen flaggen also gleichsam psychischen Sinn aus, ohne den psychischen Sinn selber sichtbar machen zu können. Handlungen produzieren so Ereignisse, die für eine Mehrzahl psychischer Systeme sichtbar sind, und über die dann Koordinationen stattfinden können.
Schon in jüngstem Alter werden Bewegungen mit Umweltereignissen verknüpft. Man gluckst, man weint, man reißt die Augen weit auf, und ein gestalthaftes Etwas in der Umwelt reagiert mit Eiteitei, Füttern oder Streicheln. Das psychische System rhythmisiert sich gleichsam über Handlungen an die Umwelt an, sofern die Umwelt eben reagiert.
Dieses An- und Herbeirhythmisieren von Umwelt wird mit zunehmendem Alter komplexer. Ereignisse können gegeneinander abgegrenzt werden. Bälle neigen dazu, wegzuspringen, wenn man sie grob anfasst, Teppiche bleiben liegen. Bestimmte Gegenstände geben regelmäßige Töne von sich und reagieren mehr oder weniger erwartbar, wenn man ebenfalls ein wenig vor sich hinlallt. So ergeben sich Handlungs-/Erlebenssequenzen, die mal stabil erwartbar, mal überraschend neuartig sind. Und bei der Ausdifferenzierung der Welt springen gerade die Dinge ins Auge, die so etwas wie eine Eigendynamik haben, die Mutter, der Vater, die Geschwister.
Man kann so - folgt man diesem kleinen, systemtheoretischen Märchen - vermuten, dass Handlungs-/Erlebenssequenzen Interaktionen gegen andere Umweltvorkommnisse abgrenzen, Personen gegen andere Gegenstände ausdifferenzieren und schließlich Erwartungen in eher sachliche und eher soziale aufteilen. Eins aber kann nicht geschehen: weder produziert die Umwelt aus sich heraus Sinn, noch kann Sinn von einem psychischen System in ein anderes eingebaut werden. Sinnformen, Sinnformprozesse (Muster) müssen über System/Umweltsequenzen erfahren, stabilisiert und eventuell transformiert und wieder aufgelöst werden. Der jeweilige systemeigene Sinn bleibt jeweilig systemeigen, so sehr man von anderen sinnverarbeitenden Systemen auch umgeben ist.
Stabile Sinnformprozesse nennt Luhmann Strukturen. Diese liegen latent, abrufbereit in Systemen vor, und aktualisieren sich, wenn sie prozessiert werden. Solche Sinnformprozesse korrespondieren mehr oder weniger glücklich mit der jeweiligen Situation. Es wäre allerdings zu weit gegriffen, wollte man hier von Anpassung sprechen. Anpassung impliziert (historisch) zu viel Gleichheit in der Sozialdimension, zu viel Dinghaftigkeit in der Sachdimension. Tatsächlich kann Anpassung gerade darauf hinauslaufen, Devianzen zu produzieren. Wie der Strukturfunktionalismus (z.B. Mertons) dies für Interaktionsnormen ausgeführt hat, kann die Anpassung an Normen darin bestehen, diese provokativ außer Kraft zu setzen (siehe dazu auch Bateson, Gregory: Die Ökologie des Geistes, S. 138, übrigens ebenfalls mit Bezug auf traumatische Vorfälle). Auf der anderen Seite torpediert diese Sichtweise den klassischen Begriff der Entfremdung. Die rigide Trennung sinnformierender Ereignisse durch Systemgrenzen ist Fremdsein par excellence.
Erst über Handlungs-/Erlebnissequenzen kann eine gewisse Ko-Rhythmisierung und damit auch eine Ko-Evolution angedacht werden. Aber auch die Ko-Rhythmisierung hebt die rigide Trennung nicht auf. Für diese mehr oder weniger stabilen, systeminternen Strukturen übernehmen wir als Grundtatbestand den Begriff der strukturellen Kopplung.
Über strukturelle Kopplungen differenziert sich ein System an und entlang der Umwelt aus. Über strukturelle Kopplungen gewinnen Systeme Sensibilitätschancen und Betreffbarkeitschancen gegenüber der Umwelt (Marke: Bücher sind doof und Mädchen geil). Sensibilität (formiert als wichtig/unwichtig, bzw. interessant/langweilig) und Betreffbarkeit (formiert als gut/schlecht oder geil/doof) sind Schematismen, mit denen man solche strukturellen Kopplungen - ohne hier weitreichend sein zu wollen - ausdifferenzieren kann.

Traumatische Kopplungen
Traumata, so hatte ich oben geschrieben, korrespondieren damit, dass vorschematisierte Formen der Reizverarbeitung durch eine Reizüberflutung nicht mehr greifen können. Die strukturelle Kopplung 'versagt'.
Nimmt man die Begriffe der Temporaldimension in Anspruch, so werden so viele Ereignisse auf der Sach-/Zeitmischung produziert, dass die Sinnprozessualisierung führungs-/strukturlos hin- und hertaumelt, bzw. irgendwelche 'Notfall'-Strukturen herauspickt. In der Psychopathologie, z.B. bei Ciompi (a.a.O.), wird dann von perpetuierenden Strukturen, dissoziativen Strukturen und ähnlichem gesprochen. Das sind im Prinzip schon Ablagerungen, die aus der Traumatisierung übrig geblieben sind und aus irgendwelchen Gründen weitere Belastungen und Störungen verursachen.
Von einer Soziologie her kann man posttraumatische Belastungsstörungen - entlang der Einteilung von Jo Eckardt: Kinder und Trauma, S. 17 - folgendermaßen beschreiben:
1. Intrusionen. Damit werden unerwünschte Erinnerungen an das Trauma bezeichnet. In teilweise völlig unpassenden Situationen quellen Bilder, Gefühle, sinnliche Wahrnehmungen empor, ohne dass man sie blockieren kann. Was von der Seite der Psychologie als eine Re-Inszenierung der traumatischen Handlungs-/Erlebnissequenz beschrieben werden kann, gilt gleichermaßen für die soziologische Seite. Was auch immer im Kopf des Betreffenden passiert: die Handlungen in der sozialen Situation geraten mehr und mehr durcheinander. Was auch immer psychisch wie passiert: über die Ko-Evolution scheint hier die ehemals massiv erlebte Eindringlichkeit des traumatischen Ereignisses umgedreht zu werden, gleichsam "ausdringlich" zu werden. Sozialisation ist ein gleichermaßen beeindruckendes und schwierig hinterfragbares Geschehen. Trotz aller Mitbeteiligung psychischer Systeme erweisen sich soziale Strukturen als träge und in dieser Trägheit liegt ein gewisser übergeordneter Zwangscharakter. Intrusionen scheinen nun dieses Verhältnis umzukehren. Ihre Zwanghaftigkeit - man spricht auch von Zwangsvorstellungen - widersetzt sich den Sozialisationszumutungen, wenngleich man sagen darf: auf ungekonnte Weise.
2. Vermeidung. Damit werden Handlungen beschrieben, die andere Handlungen oder Erlebnisse vermeiden helfen (ebenfalls mit mehr oder weniger Erfolg). Hier verankert sich das Trauma nicht auf der Seite des Erlebens, sondern auf der der Handlungsbewertung. Bestimmte Handlungen sind gut, weil sie vermeiden, andere sind schlecht oder könnten schlecht sein. Vermeidungen können bis zum Versuch vollständiger sozialer Isolation führen. Statt zu einer Umstrukturierung traumatischer Kopplungen, scheint hier eine sekundäre traumatische Kopplung zu existieren, die über Ausgrenzung bestimmten Erlebens Handlungspräferenzen entwickelt, die, wie im Falle der Isolation, extrem exkludierend sein können.
3. Gesteigerte Wachsamkeit, Übererregung. Damit werden Handlungen beschrieben, die auf eine mögliche, neuerliche Traumatisierung reagieren und diese gleichsam im Vorfeld abfangen möchten. Hier erscheinen dann Handlungen als seltsam, befremdlich, weil diese nicht auf tatsächliche Ereignisse reagieren, die anderen auch sinnhaft vor Augen stehen, sondern auf mögliche Ereignisse, die man nicht nachvollziehen kann. 


Wie auch immer sich dieses Verhältnis nun innerhalb psychischer Systeme beschreiben lässt, von außen, die Interaktion betreffend, kann man lediglich von unerwartetem Handeln sprechen und von undurchschaubaren strukturellen Kopplungen, die im Zuge der Ko-Evolution eines psychischen Systems in der Gesellschaft entstanden sind.
Ich habe hier den Begriff traumatische Kopplung eingeführt, um Befremdlichkeiten in anderer Leute Handlungssequenzen und Interaktionsteilnahme zu bezeichnen. Der Begriff ist allerdings hochproblematisch. Traumata sind psychische Bestände, die man nur als Psychologe, nicht aber als Soziologe in fremde Köpfe hineinbeobachten kann. Mir geht es vor allem um die Sequenzförmigkeit, die in der Beschreibung von Traumata auftaucht.
Im Fall von Intrusionen scheint eine Sequenzunterbrechung vorzuliegen, die zu Widersinnigkeiten führt, während bei Vermeidung und Übererregung eine Sequenzvermeidung vorliegt, die ebenfalls interaktionell Missverständliches zeitigt. Trennt man Erlebenssequenzen, die einsam in psychischen Systemen ablaufen von Handlungssequenzen, die für viele (psychische) Systeme beobachtbar sind, bilden Traumata eine strukturelle Fokussierung dieser Spaltung in Erleben/Handeln. Wenn sonst in der Sozialdimension gerne der Übersprung von Ego auf alter Ego beiläufig passiert und Konsens gleich mit unterstellt wird, scheint hier das Ego sich auf ein alter Alter, einen ganz Anderen, einen unsäglich intransparenten Menschen einlassen zu müssen. Andere Effekte der Traumatisierung, quälendes 'Zerkauen des Sinns', quälende Unsicherheit, was der andere gemeint hat, ebenso wie rasche Übergriffe und krude Aussagen (Du schaust immer so behindert!) lassen sich als ein unnormiertes Hineindenken in intransparente Köpfe fassen.
Whitening the black box! - Als Black box werden im Konstruktivismus Systeme bezeichnet, die nicht regelhaft Input/Output-Verknüpfungen herstellen. Input/Output-Verknüpfungen sind bei psychischen Systemen Erleben/Handeln, und es ist klar, dass auf dasselbe Erleben nicht immer dasselbe Handeln erfolgt. Trotzdem machen sich Menschen füreinander zuverlässig oder sorgen dafür, dass jemand das tut, was man von ihm verlangt. Zuverlässigkeit und Durchsetzungsvermögen bilden Mechanismen der Einweißung von black boxes. Anscheinend gibt es hier ein latent vorliegendes Maß, wieviel Transparenz und wieviel Intransparenz anderen Menschen zugemutet werden kann und darf. Es nützt der Ehefrau wenig, wenn sie schreit: Das verstehst du nicht? Das verstehst du nicht?, wenn er tatsächlich nicht versteht. Doch das sind Ausnahmefälle. Wir registrieren an gewissen Bewegungen, an einem bestimmten Tonfall, an bestimmten Verhaltenspräferenzen, wie die Stimmung des anderen ist, was ihn bewegt, ohne wirklich zu wissen, was in seinem Kopf vor sich geht. Oftmals funktioniert das auch ausreichend und selbst bei Fehlgriffen kann der andere das lässig abtun, solange es nicht häufig passiert.
Traumata scheinen diese Grenze zu verschieben. Der andere wird zu wenig eingeweißt (ich verstehe ihn nicht, er hat es mir schon zehnmal erklärt, aber ich weiß nicht, was er meint) oder zuviel (er ist so beleidigend).
Unterhalb der Verdrehung von Handlungs-/Erlebnissequenzen und der problematischen Fokussierung der Handlungs-/Erlebnisdifferenz bildet die 'anormale' Einweißung von black boxes, jenes Zuviel oder Zuwenig, einen dritten Aspekt der soziologischen Erforschung von Traumata.

Erzählen, Probekopplungen
Ebenso faszinierend ist auch, dass sich alle Empfehlungen, wie man mit traumatisierten Menschen umzugehen habe, so etwa bei Jo Eckardt: Kinder und Trauma, S. 39-81, auf entweder Handlungssequenzen und/oder Sprachsequenzen zurückführen lassen, meist aber auf beides. Dabei scheinen besonders Sprachsequenzen wichtig zu sein, die reales Erleben nachvollziehen oder aber fingieren; diese nennt man dann kurzgefasst Erzählungen. Vermutlich ist dies auch einer der Gründe, warum Märchen so wirkkräftig sein können. Ihre teilweise recht brutale Darstellung fingiert das traumatische Ereignis, ohne es erleben zu müssen. Sprachsequenzen sind, gegenüber Handlungssequenzen, erlebnisarm.
Die Frage, wie sich Erzählungen und Traumata - theoretisch - zueinander stellen, möchte ich hier nicht weiter nachgehen (ich gehe jetzt noch ein Bierchen trinken, um genau zu sein). Klar sollte jedoch sein, dass Erzählen, wenn es sich von Handlungen ablöst, recht folgenloses Erproben neuer Strukturen und Ankoppeln an erlebnisarme Strukturen ermöglicht. Erzählen, und damit ist nicht die elaborierte Form gemeint, restrukturiert in gewissen Grenzen die Sinnwelt und macht ungeordnetes und wenig verknüpftes Erleben für einen unproblematischeren Bezug zum Handeln zugänglich.
Auf der anderen Seite scheint Erzählen aber auch genau den Nachteil zu haben, dass es erlebnisarm ist. Dagegen sind kreative Arbeiten erlebnisreich, und können - im Nachhinein - in Erzählungen verdoppelt werden. Jo Eckardt empfiehlt bei allen kreativen Techniken ein zwangloses Erzählen.

Schließlich muss man im Erzählen das Antesten und Nachbearbeiten von Erlebnissen sehen, die so, nach und nach, die traumatischen Kopplungen umstrukturieren, Handlungsspielräume erweitern, Verfügbarkeiten von Erlebnisbereichen wieder herstellen.

Schluss
Ich habe gegen Ende etwas rasch argumentiert. Nun, ich müsste schon lange in der Kulturbrauerei sein. Man möge mir meine Hast verzeihen.
Hier sei noch einmal kurz zusammengefasst, worum es mir geht:
1. Verdrehung von Handlungs-/Erlebnissequenzen (Stichwort zum Beispiel: Erwartungen)
2. problematische Fokussierung der Handlungs-/Erlebnisdifferenz (Stichwort zum Beispiel: Attribution)
3. Zu viel oder zu wenig Einweißung von black boxes;
weitergehend aber, wie seit einiger Zeit, zielen diese Fragmente auf den Zusammenhang von Empathie und Gewalt, von - derzeit - Feedback, Trauma, Devianz und Erzählung. Theoretisch müsste ich noch einmal ausführen, inwiefern Freuds Ökonomieprinzip beim Trauma durch die Temporaldimension ersetzt werden kann. Dazu hatte ich mir in den vergangenen Tagen zahlreiche Notizen gemacht. Hier scheint mir auch insgesamt eine Restrukturierung von Theorien individueller Gewalt möglich, seien es School Shootern, seien es 'mildere' Formen der Gewalt zu sein, wie etwa Mobbing. Angedeutet wird dies ja schon in dem Kriminologie-Buch von Robert Mertons.

Aber jetzt erstmal prost!

26.09.2009

Zwischenruf

Ja, ich bin noch da. Die inhaltliche Gestaltung des Media-Mania-Magazins nimmt mich zum Teil in Anspruch, dann aber auch meine zahlreiche Lektüre plus meine Kommentare dazu. Da ich gerade nichts fertig schreibe, auch nicht in meiner sonst üblichen fragmentarischen Kurzfassung, habe ich mich wohl etwas zu rar gemacht.


16.09.2009

Twilight - endlich

Weitz dreht einen Film und ihr dürft ihn euch ansehen. Da ich immer noch meinen beiden Nachbarinnen nachtrauere, habe ich die Buchvorlage leicht verändert und aus nackten Männern, die sich in Wölfe verwandeln, nackte Männer, die sich in ... aber seht selbst.


13.09.2009

Nicht-Wissen

Auch Erwerb von Wissen, wo vorher nichts war, erfordert deshalb die Umstrukturierung einer vorhandenen Wissenslage. Man wusste vorher nicht, dass es Avocados gibt. Jetzt ist der Horizont des Essbaren entsprechend erweitert, und man kann lernen, dass es sie sogar bei Karstadt gibt.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 448.



Simenon

»Lese einen Kriminalroman von Simenon … Er hat ein seltsames Talent, das die Franzosen beinahe verloren haben, aber alle Engländer haben es: das der genauesten Präzision. Das muss wahr sein, denkt man. Was er dann erzählt, ist nicht sehr beträchtlich – aber er erzählt es ausgezeichnet.«
Kurt Tucholsky



12.09.2009

Dinosaurier und Satan

Wussten Sie, dass Satan die Dinosaurier-Knochen in die Erde gelegt hat, um uns zu überzeugen, dass Gott die Erde nicht geschaffen hat? Die Wissenschaft als Werkzeug Satans ...

11.09.2009

Staunigkeit,

lese ich gerade bei Luc Ciompi - Die emotionalen Grundlagen des Denkens, S. 80 - im Verbund mit: Nachdenklichkeit, Versunkenheit, Verstörtheit, Verwirrtheit. Ciompi ist Schweizer.


Terror, re-entry

Eines Tages grub man eine Leiche aus. Man schaffte die Überreste eines berühmten Mannes nach einem andern Winkel der Erde. Das war eine der üblichen Feierlichkeiten, eine schöne prunkhafte Komödie wie ein richtiges Begräbnis, nur dass bei einem solchen der Leib des Toten noch frisch ist, bei einer Wiederausgrabung aber schon verfault.
Flaubert, Gustave: Gedanken eines Zweiflers

Man wird es schon gemerkt haben, dass Shaw Terrorist ist. Der Shawsche Terror ist ungewöhnlich, und er bedient sich einer ungewöhnlichen Waffe, nämlich des Humors. Dieser ungewöhnliche Mann scheint der Ansicht zu sein, dass nichts in der Welt zu fürchten sei als das ruhige und unbestechliche Auge eines gewöhnlichen Menschen, dass aber dieses zu fürchten unbedingt nötig sei. Diese Theorie verleiht ihm eine große natürliche Überlegenheit, und tatsächlich hat er durch ihre konsequente Anwendung erreicht, dass es für jedermann, der ihm je in Wirklichkeit, in einem Buch oder auf dem Theater, begegnete, völlig unvorstellbar ist, dieser Mann könne eine Handlung begangen oder einen Satz ausgesprochen haben, ohne dieses unbestechliche Auge zu fürchten.
Brecht, Bert: Ovation für Shaw, in ders.: GW, Band XV, S. 97

Die Partei soll der Zahl ihrer Mitglieder wegen a priori jeglichem Einzelnen an Erkenntniskraft überlegen sein, auch wenn sie verblendet oder terrorisiert ist. Das isolierte Individuum jedoch, unbeeinträchtigt vom Ukas, mag zuzeiten der Objektivität ungetrübter gewahr werden als ein Kollektiv, das ohnehin nur noch die Ideologie seiner Gremien ist. Brechts Satz, die Partei habe tausend Augen, der Einzelne nur zwei, ist falsch wie nur je die Binsenweisheit. Exakte Phantasie eines Dissentierenden kann mehr sehen als tausend Augen, denen die rosa rote Einheitsbrille aufgestülpt ward, die dann, was sie erblicken, mit der Allgemeinheit des Wahren verwechseln und regredieren.
Adorno, Theodor: Negative Dialektik, S. 56

"Die Bedeutung der Wörter ein für allemal festzulegen, ist das Ziel des Terrorregimes."
Lyotard, Jean-Jacques: Rudiments paiens

Universalisten werfen den Kulturalisten vor, dass sie mit der Anerkennung des Fremden als Fremden auch Formen des Kannibalismus, der Frauenunterdrückung, der Diktatur, des Aberglaubens zulassen oder einem fundamentalistischen Gesinnungsterror freien Lauf lassen. Kulturalisten replizieren mit dem Gegeneinwand, dass es einen universalen, transkulturellen Maßstab gar nicht gebe, da alternierende Maßstäbe mit der jeweiligen Lebensform entstehen und vergehen. Sie geben außerdem zu bedenken, dass ein angemaßter Universalismus nicht wenig zur Zerstörung ganzer Kulturen beigetragen hat. Selbst die Berufung auf universale Menschenrechte verlöre ihre Unschuld, wenn sie sich einem ungehemmten Universalisierungsstreben überlässt.
Waldenfels, Bernhard: Topographie des Fremden, S. 112f.

Man müsste den Begriff der Ideosphäre, die Realität dieser oder jener Ideosphäre, mit der Gewalt in Beziehung setzen. Leider gibt es mehrere Arten von Gewalt: Gewalt des Gesetzes, des Rechts, des Staates; Gewalt der Organisationen, die ihm - qua Organisation - Widerpart bieten, Gewalt der gewerkschaftlichen Streiks; organisierte Gewalt, deren Organisation jedoch klandestin, illegal ist; sogenannte »wilde« Gewalt (der Generalstreik nach Walter Benjamin). Festzuhalten, scheint mir, ist davon nur: Das explizite Auftreten einer Ideosphäre mäßigt die Wirkung (das Bild) von Gewalt; staatliche Gewalt: wird nicht sichtbar, weil sehr stark verbalisiert, umgeben von einer breitangelegten, stabilen Ideologie; Gewalt des Terrorismus: hinterlässt starken Eindruck da sehr wenig verbalisiert: Die terroristische Ideosphäre ist wenig versprachlicht: Man weiß nicht genau, mit welcher Ideosphäre die Gewalttat verbunden ist. Der Terrorismus führt keine Diskurse → Eindruck von Wahnsinn, Schrecken.
Barthes, Roland: Das Neutrum, S. 160f.

Die Antwort: von der Form »Frage« erzwungener Diskursabschnitt. Es gibt, darauf will ich hinaus, stets einen Terrorismus der Frage; jede Frage impliziert eine Macht. Die Frage bestreitet das Recht auf Nichtwissen, das Recht auf ein unschlüssiges Begehren → Bei manchen Subjekten zu denen ich zähle - weckt jede Frage eine gewisse panische Angst; erst recht, wenn die Frage präzise ist oder sein will (Präzision als Macht, Einschüchterung: das ist der große Trick, mit dem die Naturwissenschaft ihre Macht ausübt) → stets Lust dazu, auf präzise Fragen vage zu antworten: Selbst wenn diese Ungenauigkeit der Antwort als Schwäche ausgelegt wird, dient sie indirekt dazu, die Frage zu entmystifizieren: denn jede Frage geht von einem Subjekt aus, das auf etwas anderes hinauswill als auf eine Antwort ersten Grades → Jede Frage lässt sich als Situation der Befragung lesen, als Situation inquisitorischer Macht (Staat und Bürokratie: die großen Fragesteller).
Barthes, Roland: Das Neutrum, S. 185

Aber stattet man dieses nicht gerade mit Schrecken aus, die solche des Bewusstseins, seines allzu sicheren Glaubens an sich selbst sind? Ist es übertrieben zu sagen, dass im Unbewussten notwendigerweise weniger Grausamkeit und Terror, und von anderer Natur, als im Bewusstsein eines Erben, eines Militär oder eines Staatschefs herrschen? Das Unbewusste besitzt seine Schrecken, aber diese sind nicht anthropomorph. Nicht der Schlaf der Vernunft erzeugt Monster, sondern die aufmerksame, nie schlafende Rationalität.
Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Anti-Ödipus, S. 144

Das Problem des Verhältnisses zwischen Verbrechen und Strafe stellte sich nicht in Begriffen von Maß, Gleichheit oder messbarer Ungleichheit. Zwischen dem einen und dem anderen gab es eher eine Art Streit und Rivalität. Die Maßlosigkeit der Bestrafung musste der Maßlosigkeit des Verbrechens entsprechen und sie überbieten. Es gab also zwangsläufig ein Ungleichgewicht mitten im Vorgang der Bestrafung selbst. Auf der Seite der Strafe musste es ein Mehr geben. Dieses Mehr war der Terror, der abschreckende Charakter der Strafe. Unter abschreckendem Charakter der Strafe ist eine gewisse Zahl konstitutiver Elemente dieser Abschreckung zu verstehen. Zunächst musste der strafimmanente Terror das Verbrechen erneut manifestieren, das Verbrechen musste in gewisser Weise in der Strafe vergegenwärtigt, repräsentiert, aktualisiert und wiederaktualisiert werden. Der Horror des Verbrechens musste selbst gegenwärtig sein, auf dem Schafott. Andererseits musste in diesem grundlegenden Element des Schreckens die Rache des Souveräns selbst aufscheinen, der sich als unüberwindlich und unbesiegbar präsentieren musste. Schließlich musste die Abschreckung von jedem zukünftigen Verbrechen Teil des Schreckens sein. Die Strafe schrieb solchermaßen ganz natürlich ihren Platz in diese Ökonomie ein, in diese ungleichgewichtige Ökonomie der Bestrafungen. Das Hauptstück dieser Ökonomie war nicht das Gesetz des Maßes, sondern das Prinzip exzessiver Manifestation.
Foucault, Michel: Die Anormalen, S. 110

Die erste, die »kosmologische« Lesart, versteht den Angriff der Vögel als Verkörperung der Hitchcockschen Vision des Universums, des (menschlichen) Kosmos, als eines Systems - friedlich an der Oberfläche, normal in seinem Verlauf -, das jederzeit aus der Fassung gebracht und durch einen puren Zufall ins Chaos gestürzt werden kann. Seine Ordnung ist immer irreführend: jederzeit kann ein unaussprechlicher Terror, ein traumatisches Reales ausbrechen, um den symbolischen Kreislauf zu stören.
Zizek, Slavoj: Warum greifen die Vögel an?, in ders. u.a.: Was Sie schon immer über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten, S. 181

Es gibt bei vielen psychotischen Depressionen eine zerschmetternde, psychotische Form der Schuld; doch begegnen wir bei manchen depressiv-katatonen Formen der Schizophrenie einer Schamangst, die wahrscheinlich noch durchdringender und lähmender ist. Diese Art der Angst führt zu Wut und Zorn, gelegentlich zu Raserei - genauso wie Schuld, wenn sie die Verkehrung ins Gegenteil zu Abwehrzwecken benutzt, ungefähr derart: "Anstatt dass ich mich terrorisiert fühle, terrorisiere ich andere; anstatt dass ich niederschmetternde Verachtung fürchte, behandle ich die Welt mit Verachtung, mache sie lächerlich und absurd." Scham kann ebenso wie Schuld projiziert werden, d. h. die anderen sind genauso verurteilend und abweisend, ebenso voller Ekel und "böser Blicke" wie das eigene Gewissen. Daher sind die häufigen Beziehungsideen eigentlich projizierte Scham: "Jedermann schaut mich an und sieht, wie wunderlich und falsch ich bin, wie schmutzig und ekelhaft, wie verachtungswürdig."
Wurmser, Leon: Die Maske der Scham, S. 228f.

Die Präokkupation der Partei mit der Formulierung und Bewahrung und Kontrolle der richtigen Meinung ist einerseits eine erhebliche Reduktion von Komplexität, indem sie den Informationsverarbeitungsprozess auf das Schema konform/abweichend mit Bezug auf Vorgaben einschränkt (so wie dann auch die Beobachtung der Wirtschaft auf das Schema Erfüllung/Nichterfüllung von Planzielen). Sie ist andererseits eine beträchtliche Überforderung des politischen Systems, weil sie funktionale Differenzierung nicht akzeptieren kann und sich gesellschaftsweit engagieren muss, wohin immer das Schema konform/ abweichend die Beobachtung lenkt. Man kann vermuten, dass unter solchen Bedingungen auch die Form des modernen Staates nicht typengerecht realisiert werden kann. Die frühere Sowjetunion war eher ein Reich als ein Staat.
Während die ältere Totalitarismusforschung »Terror« als ein wesentliches Element solcher Regimes gesehen und entsprechend verurteilt hatte und daraufhin Forschungen folgten, die stärker auf die internen Probleme einer nach außen totalitär wirkenden politischen Ordnung hingewiesen hatten, können Analysen »überspannter« politischer Organisationen vielleicht noch deutlicher zeigen, dass und wie politische Parteien, die mit dieser Spannung von Einheitsmeinung und personal zugerechneten Abweichungen zurechtkommen müssen, Verdacht generieren und universalisieren und dafür sekundäre Kontrollmechanismen organisieren mit der Folge, dass in allen Interaktionssituationen etwas Abwesendes (und deshalb: Ungreifbares) anwesend ist. Offenbar kann aber, auch wenn die Einheitsmeinung niemanden mehr wirklich überzeugt, die bloße Differenz von angenommenen (eingeschlossenen) und abgelehnten (ausgeschlossenen) Meinungen und Personen noch motivierend wirken - zumindest für einige Zeit.
Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 270

Soweit das politische System auf der einen Seite, das Rechtssystem auf der anderen über »private« Pressionsmacht, Terror und Korruption verknüpft sind, kann weder das eine noch das andere System, sofern man sie überhaupt unterscheiden kann, hohe Komplexität erreichen. Über Verfassungen erreicht man also durch Beschränkung der Berührungszonen auf beiden Seiten eine immense Zunahme von wechselseitiger Irritabilität - mehr Möglichkeiten des Rechtssystems, politische Entscheidungen in Rechtsform zu registrieren, aber auch mehr Möglichkeiten der Politik, das Recht zur Politikumsetzung zu benutzen.
Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 470f.

Sehen Sie, dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein Gustus, und ihre Guillotinenwirtschaft, was sie damals ›La Terreur‹ oder, wie wir sagen, den Schrecken oder den Terrorismus genannt haben, das kann ich ihnen nicht vergessen; aber, der Wahrheit die Ehre, mit dem Cognakkaffee, da haben sie's getroffen. Es gibt so Sachen, worin sie uns überlegen sind.
Doktor Leist, in: Fontane, Theodor: Vor dem Sturm


10.09.2009

Einheit der Handlung?

Denn wenn sich ein Körper bewegt, so messe ich durch die Zeit, wie lange er sich bewegt von Anfang bis zu Ende der Bewegung. Und sehe ich nicht den Beginn jener Bewegung und fährt er fort, sich zu bewegen, so dass ich das Ende der Bewegung nicht absehe, so bin ich nicht imstande, sie zu messen, als nur etwa von der Zeit an, wo ich sie wahrnahm bis zum Ende meiner Wahrnehmung.
Augustinus, Confessiones, Buch 11, Kapitel 24



08.09.2009

Exklusion

Zur Überraschung aller Wohlgesinnten muss man feststellen, dass es doch Exklusionen gibt, und zwar massenhaft und in einer Art von Elend, die sich der Beschreibung entzieht. Jeder, der einen Besuch in den Favelas südamerikanischer Großstädte wagt und lebend wieder herauskommt, kann davon berichten. Aber schon ein Besuch in den Siedlungen, die die Stilllegung des Kohlebergbaus in Wales hinterlassen hat, kann davon überzeugen. Es bedarf dazu keiner empirischen Untersuchungen. Wer seinen Augen traut, kann es sehen, und zwar in einer Eindrücklichkeit, an der die verfügbaren Erklärungen scheitern.
Luhmann, Niklas: Jenseits von Barbarei, in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik IV, S. 147



Kreativität

Und wenn wir gerade bei Sicherheiten, Programmen und Werten sind: Kreativität scheint ein Wert zu sein, der gerade dadurch Sinn macht, weil er die Zielorientierung von bestimmten Programmen stoppt oder ins Unsichere hängt. Bedenkt man, dass Programme auch schädlich sein können, wenn sie zu stabil werden, wenn man ihren Ausgang zu sehr erwarten kann, sind solche Werte durchaus vernünftig.
Damit lässt sich aber auch erklären, warum Kreativität ein zerstörerisches Element in sich trägt: es unterbindet Sicherheiten, bietet als Alternative aber zunächst Unsicherheit. (Allerdings muss man hier den recht verschiedenen Gebrauchsweisen von Kreativität nachgehen.)


Sartre kommt später

Na, vielen Dank für das schnelle Lesen und die schnelle Rückmeldung. Aber ich werde hier natürlich nicht noch genauer auf Sartre eingehen. Ja, ich gebe es zu, der Einwurf zu Sartre ist recht locker-flockig erfolgt. Aber er lässt sich trotzdem durchhalten, wenn man, ausgehend von Personen, Rollen, Werten, Identitäten an den Idiot der Familie oder den Saint Genet herangeht. Spannend ist das auf jeden Fall. Um hier gleich noch ein weiteres Töpfchen zu eröffnen: auch Foucault kann man, von der Systemtheorie aus betrachtet, als Theoretiker der strukturellen Kopplung betrachten. Was natürlich ebenso zu beweisen wäre.


Programme

Als Programm wird in der Systemtheorie ein Begriff verstanden, der eine sehr eigene Bedeutung hat. Ich hatte oben schon angedeutet, dass Programme für mich noch einmal interessant geworden sind, weil sie 1. etwas mit dem Lesen zu tun haben (nur was genau, ist dann die Frage), und 2. - und das erscheint mir hier wichtiger - noch einmal Aufschluss über das Erzählen als soziale Funktion geben können. Programme sind im weitesten Sinne Abläufe, ebenso wie Erzählungen Abläufe sind.
Diese Verbindung werde ich allerdings in diesem Beitrag nicht klären. Meine These, dass Erzählungen polyreferentiell sind, wird allerdings dadurch gestützt, dass auch Programme polyreferentiell sind, und dass Programme Möglichkeiten der strukturellen Kopplung bereit halten.
Dies möchte ich hier genauer erläutern.

Zeitdimension(en)
Zunächst müssen wir hier aber einen Umweg gehen. Laut Luhmann sind alle psychischen und sozialen Systeme sinnverarbeitende Systeme. Ob nun ein psychisches System denkt oder ein soziales System kommuniziert: all dies geschieht im Sinn und mit Sinn und kann zunächst nichts anderes als Sinn sein.
Sinn wiederum teilt sich in drei Horizonte auf. Diese drei Horizonte sind die Sachdimension, die Sozialdimension und die Zeitdimension. Jeder konkrete Sinn in einem System - ein Gedanke im psychischen, eine Kommunikation im sozialen - verweist auf diese drei Horizonte und kombiniert diese auf spezifische Art und Weise. Bevor ich das konkret erkläre, muss ich hier die Komplexität noch ein wenig erhöhen.
Die drei Dimensionen teilen sich wiederum in je eine Differenz.

Sachdimension
In der Sachdimension lautet die Differenz dieses/anderes. Es ist ganz klar: solange ich an Tulpen denke, denke ich nicht an Außerirdische, und wenn ich an Außerirdische denke, liegt mir schriftliches Addieren fern. Die Sachdimension verweist somit im Konkreten auf eine Art Weltfragment, auf ein kleines Stück aus dem riesigen Kuchen, und es ist klar, dass hinter allem, was ich im Moment denke, worüber man im Moment redet, noch etwas anderes liegt, das ebenso bedenkens- und beredenswert ist. Jenseits von einem aktuellen Dies liegt ein mögliches Anderes. Das ist zunächst sehr schlicht, so trivial sogar, dass es nicht erwähnenswert erscheint. Doch über Analyse und Rekombination mit den anderen Sinndimensionen gewinnt dieses Instrument eine außerordentliche Kraft. - Sehen wir uns aber zunächst die anderen Sinndimensionen an.

Sozialdimension
Der Sozialdimension eignet die Differenz Ego/alter Ego, oder - auf deutsch -: Ich/anderes Ich. Was als anderes Ich zu gelten hat, hängt von der jeweiligen Auffassung ab, jedenfalls aber liegt dieser Differenz der Widerspruch zugrunde, dass ein Anderer gleich, aber anders gleich ist. Wenn jemand zum Beispiel Schwarze nicht als Menschen auffasst, also nicht als alter Ego akzeptiert, dann fallen diese in gewisser Weise aus der Sozialdimension heraus. Dies wurde natürlich in zahlreichen Schattierungen gepflegt, und insofern besteht die Sozialdimension nicht aus einem reinen Entweder/Oder. Im Apartheidsregime galt, wenn ich das mal so salopp formulieren darf, die Formel: Schwarze sind besser als Tiere, aber schlechter als Weiße. Auch Tiere können, wie auch immer abschattiert, als alter Ego funktionieren. Man hört von klugen Pudeln, die genau wissen, was sie mitteilen wollen. Selbst Pflanzen, Engelkarten, Kaffeesätze können so in die Sozialdimension gezogen werden. Normalerweise aber wird das alter Ego bei anderen Menschen aufgestöbert. Grundsätzlich nimmt man an, dass man gleich ist, und kann darüber dann umso mehr an Verschiedenheiten hängen bleiben. In der Kommunikation benutzt man Themen, um Gleichheit und Verschiedenheit zu kombinieren und nutzt Oberflächlichkeit, Höflichkeit oder konstruktive Strategien, um die Verschiedenheit nicht in explosive Konflikte abdriften zu lassen.

Zeitdimension
Was in Bezug auf Programme aber am interessantesten ist, ist die Zeitdimension. Die Zeitdimension teilt sich nach der Differenz vorher/nachher auf. Vorher hat es geregnet, nachher scheint die Sonne. Vorher war die Vase ganz, hinterher kaputt.
An diesen beiden Beispielen fällt auf, dass sich zwischendurch etwas ereignet. Es hört auf zu regnen. Der Ball fliegt gegen die Vase. Man muss nicht wissen, was passiert ist. Zunächst ist nur wichtig, dass etwas passiert ist und dass dieses Geschehen etwas verändert, dass sich in ein Vorher/Nachher einteilen lässt.
Krimis benutzen diese Differenz, um zu ihrer Geschichte zu kommen: vorher lief Herr B. fröhlich herum, jetzt liegt er mit einem Messer im Rücken im Schlafzimmer. Das sind natürlich nur Sonderfälle in der Kommunikation, die auf die Frage zugreifen: was ist passiert und wer hat es getan?
Normalerweise sind diese Differenzen ebenso banal wie in der Sachdimension die dies/anderes-Unterscheidung. Vorher war das Brötchen ungegessen, nachher gegessen, vorher dampfte das Wasser, hinterher kochte es. Irgendetwas ist passiert und meist weiß man sofort, was passiert ist.

Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeit
Nun ist der Trick bei dieser ganzen Geschichte aber folgender: solange nichts passiert, herrscht sozusagen Gegenwart. Das Brötchen liegt im Brotkasten. Man könnte sagen, die Gegenwart des Brötchens ist sein Ungegessensein. Wir kennen die Zukunft dieses Brötchens. Es ist zum Essen da. Dann wird es gegessen. Dieses Ereignis nun macht aus dem Ungegessensein Vergangenheit und aus dem Gegessensein Gegenwart. Der Pietät halber verlieren wir das Brötchen hier aus den Augen.
Suchen wir uns ein ernsthafteres Beispiel. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, schaffen sie sich andauernd gegenseitig Ereignisse. Damit rutscht beständig die Gegenwart in die Vergangenheit. Man unterhält sich über das Wetter, hat dieses Thema nach zwei Minuten abgearbeitet und wechselt zur neuesten Tagesmeldung im Radio. Der Themenwechsel macht aus dem Wetter - als Thema - Vergangenheit. - Sie sagt, dass ihre Mutter sie besuchen käme, er macht ein betroffenes Gesicht, sie fragt, ob er ihre Mutter nicht leiden könne, und er verneint. Plötzlich wird die schwiegermutterlose Zeit Vergangenheit, und die Zeit vor dem Besuch der Schwiegermutter beginnt. Dann kommt die Schwiegermutter, schließlich reist sie wieder ab. Die Episode ist Vergangenheit. Die Frau behält allerdings im Hinterkopf, dass der Mann ein betroffenes Gesicht gemacht hat und sie von ihm noch keine Erklärung bekommen hat. Und solange dauert diese eine Gegenwart an.

Gegenwart als Problem
Was dieses Beispiel auch deutlich macht, ist, dass Gegenwarten unterschiedlich zu Vergangenheit werden. Der Junge hat, zwölfjährig, auf dem Klavierabend der Musikschule eine Mozart-Sonate verpatzt. Mit dreizehn denkt der Junge nicht einmal mehr daran, doch die Mutter reibt es seiner ersten Freundin sechs Jahre später als allererstes unter die Nase. Plötzlich erfährt der Junge, dass dieses Erlebnis für ihn tiefste Vergangenheit ist, für seine Mutter aber aus irgendwelchen Gründen andauert.
Klärungsgespräche, wie sie im Coaching und in der Beratung üblich sind, dienen vor allem dazu, ein Ereignis zu schaffen (die Beratung), in der Gegenwarten (Konflikte, Unklarheiten) Vergangenheit werden.

Zahlreiche Gegenwarten
Aus diesen Ausführungen dürfte klar geworden sein, dass es nicht nur eine Gegenwart gibt, sondern zahlreiche. Und ebenso zahlreiche Ereignisse sind beständig dabei, aus Gegenwarten Vergangenheiten zu machen. Themen können rasch wechseln, aber das, worauf sich das Thema bezieht, muss deshalb noch lange nicht verschwinden. Wenn ich nicht über das Wetter reden will, muss ich das Thema wechseln. Aber weder verschwindet das Wetter, noch wechselt das Wetter zum gleichen Moment. Das Wetter selbst hat eine andere Dauer. Die Kommunikation schafft sich ihre Ereignisse selbst.
Ebenso können bestimmte Themen bei verschiedenen Menschen unterschiedlich abgearbeitet werden. Das hatten wir doch schon besprochen, sagt Herr A., aber für Herrn B. ist das Thema noch lange nicht gegessen.

Unsicherheit
An der Zeitdimension lässt sich also feststellen, dass Ereignisse Verhaltensabstimmungen fördern oder hintergehen können.
Über die Erfahrung, dass Gegenwart unterschiedlich absorbiert wird, wird Zukunft unsicher. Man erfährt relativ früh, dass Dinge nicht einfach verschwinden und wieder auftauchen. Dies wird in der Psychologie als Dingkonstanz bezeichnet.
Sehr viel überraschender ist es, dass man nicht einfach ohne Kleidung in den Kindergarten gehen kann, und selbst wenn man den Vorschlag dreimal macht, die Mutter besteht auf Höschen, Strümpfchen, Schühchen. Offensichtlich bleibt der eigene Vorschlag - als Ereignis - bei der Mutter folgenlos.
Und umgekehrt bittet man den Kollegen dreimal um Bearbeitung eines Sachverhalts. Die Bitte wird nicht angenommen und die Gegenwart dauert an. Man ringt mit sich, rennt dann zum Chef, der Chef spricht ein Machtwort und schon wird der Sachverhalt erledigt. Dafür handelt man sich das Schmollen des Kollegen ein.

Identitäten
Was auch immer passiert, in der Gesellschaft kann man sich nicht darauf verlassen, dass irgendetwas irgendwann geschieht. Damit wäre jede Sicherheit aufgegeben, jede Planung hinfällig. Um solche Sicherheiten aufzubauen, nutzt die Kommunikation Identitäten. Luhmann zählt vier typische Identitäten auf, Personen, Rollen, Programme und Werte.
Personen sind gleichsam die sozialen Doppel von Menschen. Man erkennt Personen daran, dass sie 'individuell' erscheinen. Herr M. ist morgen immer noch Herr M., und wenn ich Susi mit Gabi anrede, ist sie möglicherweise sauer, denn Gabi ist eine 'doofe Nuss'.
Rollen gehören zwar auch zu Menschen, aber ihr Vorteil ist es, bestimmte Funktionen bereit zu halten. Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt. Ich muss nicht immer zu Doktor A. gehen, um mich untersuchen und einen Heilungsweg begleiten zu lassen. Dieselbe Leistung erwarte ich auch von Doktor B. An der Kasse eines Supermarktes erwarte ich, dass ein Kassierer meine Ware in Geld umrechnet, gleich wer es ist. Und so weiter und so fort. Wer in einer Rolle 'drinnen' ist, von dem kann man auch diese Rolle erwarten. Einmal Klassenkasper, immer Klassenkasper, so viel ist sicher.
Werte legen die Bevorzugung bestimmter Ereignisse nahe. Eine gute Abschlussprüfung ist besser als eine schlechte. In Intimverhältnissen ist offene Kommunikation besser als zahlreiche tabuisierte Themen. Ein joviales, kumpelhaftes Verhalten fördert die Mitarbeitermotivation besser als strenge Kontrollen und Leistungsdruck. Werte legen so in der Kommunikation fest, was bevorzugt werden kann und was nicht. Werte erzeugen so auch Konfliktmöglichkeiten. Sie will über Kinder reden, er nicht: und schon kann es, weil Kinder-kriegen ein Wert ist, zum Streit kommen. Verschiedene Werte können natürlich auch in einen starken Konflikt treten: Herr A. will eine nochmalige Überprüfung, um Sicherheiten zu gewinnen, Herr B. sieht eine gute Tendenz und will es drauf ankommen lassen. Die Debatte ist hier vorprogrammiert.

Programme
Programme schließlich koordinieren die Richtigkeit von Verhalten.
Dies kann auf ganz banaler Ebene geschehen. Sie führt den Hund morgens aus und holt dabei Brötchen und Zeitung, er deckt den Tisch und versorgt die Kinder. Keinem der beiden würde ein Tausch etwas ausmachen, aber es hat sich so eingeschliffen, und genau so wird es dann auch weiter praktiziert. Oder: obwohl beide morgens einen Joghurt essen, kauft sie immer nur dreizehn Joghurts, warum auch immer. Am Freitag kommt es beim Frühstückstisch regelmäßig zu einer enttäuschten Miene und nach einigen Jahren des Ehelebens deswegen zum Streit, beim Freitagabend-Krimi schließlich zur unausgesprochenen Versöhnung und anschließend zum Geschlechtsverkehr, der besonders aufregend ist, weil man sich auf so seltsame Weise versöhnt hat. Und damit wird das Programm weiter praktiziert, obwohl es kein Problem wäre, einen Joghurt mehr zu kaufen, den letzten zu teilen, oder was auch immer an Alternativen auszuprobieren.
Programme koordinieren aber auch ganz abstraktes Verhalten. Zunächst geht es darum, ein Produkt auf dem Markt zu platzieren. Dazu wird dann ganz üblich das Marketing-Programm abgearbeitet: Marktforschung, Zielformulierung, Strategiefestlegung, das Umsetzen des Marketing-Mix und schließlich das Marketing-Controlling. Solche Prozessmodelle legen weder fest, wer es macht, noch wie viele es machen. Klar ist nur, dass jemand es machen muss, wenn es gemacht werden soll.
Ganz ähnlich sind Rezepte. Hier muss Gemüse kleingeschnitten werden, Fleisch angebraten, Saucen gerührt werden. Am Ende hat man eine leckere Mahlzeit. Ob dies Papa oder Mama macht, der italienische Koch oder die spanische Geliebte, man weiß es nicht.

Werte
Werte liegen oft quer zu Programmen. Das Essen sollte lecker sein und nicht: unlecker. Und dementsprechend sollte sich der Koch Mühe geben.
Marketing sollte ein Produkt erfolgreich platzieren, aber auch kostengünstig sein. Und demnach muss man entscheiden, ob man die Marktforschung aus der Hand gibt, wie umfangreich sie sein soll, ob es eher das gute, aber teure Marktforschungs-Institut sein soll, oder ab man lieber das billige nimmt und statt dessen mehr Geld in die Werbung steckt, oder das Produkt insgesamt zu einem günstigeren Preis auf dem Markt platziert.
Werte liegen auch deshalb quer zu Programmen, weil Werte Notsignale kommunizieren, strategische Änderungen plausibel machen, Stopp-Signale ermöglichen. Man hat sich zur Besprechung getroffen, um über ein neues Produkt nachzudenken, doch schon in den ersten zehn Minuten wird ein anderes Produkt zum Problem. Hier unterbricht ein Teilnehmer, mahnt Orientierung am Thema an und schlägt vor, das andere Produkt in einem anderen Meeting zu erörtern. Die Führung von Meetings wird durch eine Reihe von Werten aus der Kommunikationstheorie sichtbar: Themenorientierung, was auch bedeutet, Themen zu trennen; Problemorientierung, was aber auch bedeutet, bestimmte Probleme auszulagern, zu anderen Zeitpunkten zu besprechen. Schließlich müssen Programme beendet werden können. Auch dazu sind Werte notwendig. Man kann die Kartoffeln erst auf den Tisch stellen, wenn diese gar sind.

Kombination I: Sinndimensionen
Während Programme mehr oder weniger offen lassen, wer genau an ihnen teilnimmt, also unspezifisch Rollen festlegen, liegt ihr eindeutiger Vorteil darin, dass sie bestimmte Abläufe regulieren und in diesen Abläufen die Sinndimensionen auf bestimmte Weise kombinieren.
Mit anderen Worten: wer Kartoffeln kocht, wird keine Marktanalyse fabrizieren, und wer eine Marktanalyse betreibt, nimmt keinen chirurgischen Eingriff vor. Programme trennen sich gegenseitig voneinander durch das Festlegen von Themen und dem Festlegen einer bestimmten Reihenfolge von Themen. Zuerst die Narkose, dann die Herztransplantation - nicht umgekehrt. Zuerst die Kartoffeln ins Wasser, dann das Blanchieren der Kohlrabi-Scheiben - nicht umgekehrt. Und vor allem nicht: erst die Kartoffeln ins Wasser, dann die Herztransplantation.
Programme kombinieren die Sinndimensionen, Sach-, Zeit- und Sozialdimension über Themen, gerade auch, wenn diese Programme komplex sind. Die Herztransplantation wird vom Chefchirurgen durchgeführt; der Assistenzarzt klemmt die Aorta ab; die Krankenschwester reicht das Werkzeug und nimmt es wieder entgegen. Programme sind zwar auch für sich Themen. Alle Welt redet von Herzoperationen. Aber dieses Thema untergliedert sich in viele weitere Themen. Wer hier scharf differenzieren kann, alle Wagnisse und Fährnisse einer solchen Operation kennt, der gilt dann als Spezialist.

Kombination II: Sicherheit/Unsicherheit
Zahlreiche Programme sind nicht genau festgelegt: sie bauen Alternativen ein, weil die Zukunft unsicher ist, weil eventuell mitten im Programm Änderungen entschieden werden müssen. Solche Alternativen nennt Luhmann Strategien, und aufgrund solcher Strategien werden Feinabstimmungen ebenso getroffen wie ganze Programme abgebrochen. Soll man beim Kochen mehr Salz an das Gemüse geben, oder erst später bei Tisch? Soll man frühzeitig kreislaufstabilisierende, jedoch leberschädigende Mittel geben, oder warten, ob es überhaupt nötig ist, mit der Gefahr, dass es zu spät sein kann? Soll man einen Regenschirm mitnehmen, den man vielleicht verliert, oder sich bei Regen unterstellen und ein Zu-Spät-kommen riskieren?
Wo Sicherheiten festgelegt werden, zum Beispiel durch Programme, zum Beispiel durch Werte oder Rollen, stechen Unsicherheiten umso mehr ins Auge. Identitäten dienen vor allem auch diesem Zweck. Zwar werden sie oft so angewandt, als ob sie vor allem Sicherheit gäben, aber ihre wesentliche Leistung ist eben die Kombination der beiden Seiten.
Wer ein bestimmtes Rezept nachkocht, das hinterher nicht schmeckt, kann feststellen, dass Kochbücher unsicher sind, dass die eigene Fähigkeit zum Kochen unsicher ist, dass die Qualität der Ware unsicher ist. Programme kontrastieren über ihre Sicherheit Unsicherheiten, legen aber nicht fest, was und wo man Unsicherheit identifiziert. Ob Frau L. eine gute Telefonverkäuferin ist, lässt sich nicht einfach nur aus Kennzahlen feststellen. Vielleicht liegt ihr das Produkt nicht, vielleicht geht sie nicht gelassen genug an die Telefonate und scheitert deshalb, weil sie alles besonders gut machen will, vielleicht hat sie gerade eine schwierige Phase in ihrer Ehe oder vielleicht kommt sie nicht mit dem speziellen Vorgesetzten zurecht. Wie auch immer die Überprüfung von Frau L. (als Programm) ausfällt: die Sicherheit des Ergebnisses kann Unsicherheiten, aber nicht unbedingt bestimmte Unsicherheiten deutlich machen.
Wenn ein Lehrer seinen Unterricht einfach nach einem bestimmten Schema durchziehen will, kann es zu massiven Störungen seitens der Schüler kommen. Ob die Schüler nun alle aggressiv sind, ob sie überfordert, unterfordert sind, ob der Lehrer einfach nicht flexibel genug ist, lässt sich kaum ad hoc entscheiden. Fest steht nur, dass das Programm des Lehrers sicher ist, das Wohlverhalten der Schüler unsicher.
Selbst Krimis noch spielen, obwohl längst geschrieben (also äußerst sicher), mit dieser Kombination. Fest steht nur, dass der Mörder gefasst wird, aber noch lange nicht, wie. Dies hatte ich weiter oben bereits unter dem Titel Problembegriff angesprochen.

Ereignis und Zukunft
Das Festlegen von Sicherheiten greift immer in die Zukunft. Wer Sicherheiten gibt, garantiert, dass bestimmte Ereignisse eintreten. Meisterköche garantieren gutes Essen, Bestsellerautoren hervorragende Unterhaltung und Antibiotika wirken auf jeden Fall gegen Entzündungen.
Trotzdem: Garantien sind nie hundertprozentig sicher. Die neueste Kochkreation war wohl eher bizarr als lecker, das letzte Buch eine herbe Enttäuschung. Wer Identitäten festlegt, erzeugt Erwartungen, an denen sich Enttäuschungen umso deutlicher abzeichnen. (Einzige Ausnahme: Wahlversprechen.)
Vor allem aber versprechen Sicherheiten das Abarbeiten von Gegenwarten oder - umgedreht - das Durchhalten von Gegenwarten. Schuft ist umso mehr, wer erst ewige Liebe verspricht und dann mit der Sekretärin durchbrennt. Wer ständig von seinen Romanprojekten spricht, aber nie einen schreibt, wird als Schriftsteller unglaubwürdig. Und wer von sich behauptet, Wissenschaftler zu sein, aber nie etwas veröffentlicht, wird als Wissenschaftler unglaubwürdig oder taucht nie als Wissenschaftler auf - Publish or perish!, wie man hier sagt.
Neuerdings konnte man bei Banken nicht nur vereinzelt das Versagen von Geldvermehrungsprogrammen sehen, sondern gleich massenweise. Und hier liegt nicht nur ein Vorteil von Programmen, wenn sie Sicherheiten und Unsicherheiten so kombiniert in die Zukunft hineinprojezieren: Programme kontrastieren nicht nur, sie dissimulieren auch. Man kann tausend Ausreden finden, warum das Essen misslungen ist, man lenkt damit einfach von dem Problem ab, dass man ein schlechter Koch ist. Man kann Wirtschaftskrisen, fehlerhafte Politik in Amerika, und was auch immer für den Geldverlust verantwortlich machen, solange niemand auf die Bad Papers zeigt, mit denen man fleißig und massenhaft zu spekulieren versucht hat.
Genau hier liegt dann auch wieder die Unsicherheit von Sicherheiten: bieten sie brauchbare, verlässliche Festlegungen, oder täuschen sie nur vor? Nimmt man den Studierten, nur weil er eine Eins hat (aber vielleicht hat er sich seine Diplom-Arbeit schreiben lassen?), oder nimmt man den Quereinsteiger, der zwar nicht so viel Fachwissen mitbringt, der aber die Qualitäten zu haben scheint, sich dieses rasch und kompetent anzueignen? Will man den Luxusurlaub, der bei allen Erwartungen viele Enttäuschungen bieten kann, trotz Hochglanzprospekt, oder begnügt man sich mit einem Camping-Urlaub, bei dem vieles sicher ist, bloß nicht große Erwartungen?

Strukturelle Kopplung
Eine der wesentlichsten Leistungen von Programmen jedoch ist die strukturelle Kopplung.
Strukturelle Kopplungen gründen sich darauf, dass Systeme füreinander unzugänglich sind. Ich kann nicht in den Kopf eines anderen Menschen hineinsehen, ich kann nicht seine Gedanken denken, ich kann nicht erwarten, dass er es bei mir tut. Stattdessen muss man Ereignisse schaffen, die für beide Systeme, für beide Menschen relevant sind.
Ich kann auch nicht einfach erwarten, dass mich das Wissenschaftssystem als Wissenschaftler ernst nimmt. Ich muss publizieren, ich muss die im Wissenschaftssystem üblichen Weisen der Kommunikation einhalten, um an der Wissenschaft teilzunehmen. Um zu publizieren, gibt es dann eine Reihe von Möglichkeiten, mehr oder weniger unsichere Programme, mit denen sich eine strukturelle Kopplung zwischen mir und dem Wissenschaftssystem herstellen lässt. So halten Zeitschriften Publikationsmöglichkeiten bereit. Publiziert wird immer von einem Autoren, und ich muss lediglich dafür sorgen, dass ich diese Rolle dann bekomme.
Um am Wirtschaftssystem teilzunehmen, genügen einfache Zahlungen. Dazu braucht man zunächst Geld. Ob ich mir das über Arbeit oder anderweitig beschaffe oder beschaffen muss (zum Beispiel über Nicht-Arbeit und Arbeitsämter), ist dann eine Frage der Möglichkeiten, also auch hier wieder, inwiefern ich übliche oder gerade auch unübliche Programme nutze.

Interaktionen
Vor allem aber in Interaktionen ist die Kombination von Programmen augenfällig. Klassischerweise wurde das unter Sitten und - mit dem Aufkommen der Soziologie - unter Ritualen abgehandelt. Begrüßungen etwa verlaufen recht ritualisiert. Solche kurzfristigen und personennahen Programme sind dementsprechend übersensibel für Werte. Man braucht nur ein wenig Abweichung gegenüber der Begrüßung vom Vortag und schon wird man gefragt, welche Laus einem über die Leber gelaufen sei.
Ebenso wird die Abfolge von Programmen mehr oder weniger streng gehandhabt. Wenn man etwas erzählt, erwartet man zumindest ein Kopfnicken, wenn nicht gar Betroffenheit beim Gegenüber.
Was ich hier als Programme bezeichne, nennt sich oftmals auch Ritual, Kommunikationsmuster und dergleichen mehr. Solche Mikroprogramme haben zugleich den Nachteil und den Vorteil, übersensibel für Werte zu sein; sie haben aber auch den Vorteil, dass sie rasch abgearbeitet werden können, dass man sie recht folgenlos unterbrechen kann, dass sie sich rasch revidieren und durch Alternativen ersetzen lassen.

Flexibilität und überstabile Interaktionen
Problematisch werden solche Interaktionen erst, wenn sie aufhören, flexibel zu sein. Wenn Interaktionen nur noch auf die gleiche Weise ablaufen, wenn wichtige Themen vermieden werden, wenn heimliche Erwartungen jeden offenen Prozess in ein bestimmtes Ende treiben, dann holen die Konflikte solche Interaktionen bis zu der Konsequenz ein, dass man mit diesem Menschen am liebsten gar keinen Kontakt mehr haben will. Solche Interaktionen sind dann überstabil. Sie erzeugen keine neuen Ereignisse und können damit die Gegenwart nicht zur Vergangenheit werden lassen. Festgefahrene Interaktionen haben, mit anderen Worten, zu viel Gegenwart und zu wenig Vergangenheit, und weil sie zu wenig Vergangenheit haben, haben sie auch zu wenig Möglichkeiten für die Zukunft.
Noch anders gesagt: die Fähigkeit zur strukturellen Kopplung geht verloren und man muss sie anderswo suchen.

Flaubert und Sartre
Klassischerweise wird das zum Beispiel in Madame Bovary beschrieben. Emma Bovary lebt mit zahlreichen Traumvorstellungen, die sie nicht wirklich kommunizieren kann, die sie aber auch nicht einfach an die - frauenfeindliche - Realität anpassen kann. Sie entfremdet sich von einem Mann, den sie so nie richtig gekannt hat. Entfremdung ist hier dann das Synonym für fehlende strukturelle Kopplung.
Wenn wir bei der Madame Bovary sind, dann können wir auch zu Sartre übergehen: in seinem Spätwerk Der Idiot der Familie beschreibt Sartre, wie sich der junge Gustave Flaubert zu dem Schriftsteller entwickelt, der eben die Madame Bovary, die Versuchung des heiligen Antonius schreiben konnte (und genau dasselbe gilt auch bei Sartre für den Saint Genet). Ob nun das, was Sartre dort schreibt, dicht an der Realität ist, oder komplett herbeihalluziniert: gerade diese beiden Studien zeigen auf faszinierende Weise, wie man sich Kombinationen von strukturellen Kopplungen vorstellen kann. Und alles kehrt hier wieder: die Sinndimensionen, die Dauer von erträglichen, trügerischen und unerträglichen Gegenwarten, die Personen, die Rollen, die Programme, die Werte.
Man erwartet von dem jungen Jean Genet, so Sartre, dass er sich zum Verbrecher entwickelt, und genau deshalb schafft Genet ein Ereignis, um Verbrecher zu sein, ohne großes Wissen, ohne Ahnung, worauf er sich einlässt. Doch in dieser Erfüllung der Erwartung beendet Genet dann auch einen unerträglichen Zustand. Jetzt, scheint er zu sagen, wo ihr nicht mehr nur befürchtet, dass ich ein Verbrecher bin, jetzt, wo ihr es wisst, jetzt kann ich auch endlich meine eigenen Ereignisse schaffen. Genet unterbricht also durch ein letztes Ereignis eine schlimme Kindheit, erfüllt die Befürchtungen und kann sich ab da in Milieus bewegen, die ihn stärker an flüssige Programme, an interaktionsnahe Werte binden, an die ganze Möglichkeit, Gegenwart zur Vergangenheit zu machen.

Intimsysteme
Was ich hier, bei meinem Ausflug in die Literatur und Philosophie deutlich gemacht habe, gilt auch für die ganz realen Intimsysteme, gilt auch für das alltägliche Leben in Werkstätten, in Büros, in Klassenräumen. Wenn eine Frau ihren Mann auf die Macho-Rolle festlegt, wird diesem die Rolle - egal, was er sonst für ein Verhalten zeigt - aufgezwungen. Findet über diese Art der Kommunikation kein Dialog mehr statt, ist es am sinnvollsten, die Beziehung zu beenden. Und genauso enden Beziehungen, wenn nur noch das einheitliche Programm abgespult wird. Er kommt nach Hause, erwartet das Essen, dann setzt er sich mit seinem Bier in der Hand vor den Videorekorder und schaut Pornos. In solchen Intimbeziehungen fragt sich einer der beiden schließlich, wo all die Jahre hin sind. Und hinter dieser Frage steht dann, dass diese erstarrte Intimbeziehung keine Vergangenheit hat, wieder aus dem Grund, weil die Gegenwart andauert. Die Frau sagt dann: "Weißt du noch, damals, als du mir ein Strauß Veilchen mitgebracht hast?" und der Mann rülpst und trinkt weiter.
Hier kann man vielleicht auch noch ein anderes interessantes Phänomen klären: Ehen beginnen zu erstarren, wenn Kinder im Haus sind. Kinder versorgen das Intimsystem mit viel Unruhe und gute Eltern liefern dazu als Kontrastprogramm Stabilitäten. Dann gehen die Kinder aus dem Haus. Übrig bleibt zu viel Stabilität. Plötzlich gibt es nicht mehr genügend Ereignisse, die das Zusammensein von Mann und Frau koppeln. Lange Zeit waren die Kinder dafür zuständig, ob sie das wollten oder nicht. Nun müssen die Eheleute wieder selbst dafür sorgen. Nicht immer wird das glücklich gelöst. Plötzlich ist da die junge Geliebte; plötzlich reagiert die sonst so gelassene Mutter klammernd, möchte sich die Kinder, aber eigentlich ja die Ereignisse zurückholen; plötzlich merkt man, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, dass man sich einsam fühlt, schafft sich eben Hobbies oder Hunde oder Geliebte an, Hauptsache, es passiert wieder in genügendem Maße etwas.

Zwang zur Gegenwartsbewältigung
Gerade für kleine Sozialsysteme, die interaktionsnah entstehen, für Familien, Bürokollegen, für Gefängnis- oder Psychiatrieinsassen, kann dieser Druck zur Gegenwartsbewältigung, die strukturelle Kopplung ermöglicht, recht irrationale Ausmaße annehmen. Siehe Mobbing. Und gerade mit diffusen Problemen und einem diffusen Problemdruck vor Augen können sich dann diese Systeme auf eine Art und Weise strukturell koppeln, die man von außen nur mit Kopfschütteln betrachten kann.

Analysen
Bevor ich hier noch weiter mit meinen Beispielen wuchere, breche ich ab.
Was klar geworden sein sollte, ist, dass Programme beständig vorkommen, mal mehr, mal weniger reguliert sind, mal intern Alternativen einbauen, mal nicht, das Verhältnis von Sicherheit/Unsicherheit umbauen, die Kombination von Sinndimensionen auf übliche oder unübliche Weise regeln. Allgemein bieten sie Verlässlichkeit, speziell können sie unzuverlässig sein, und werden dann aufgegeben oder kontrafaktisch durchgehalten (das gilt zum Beispiel für das Verändern von Verhalten bei erziehungsschwierigen Kindern: erfahrene Pädagogen sprechen gelegentlich davon, das gute Verhalten einzumassieren, was eine nette und hübsch fragwürdige Metapher ist).
Die Leistung des Begriffs Programm liegt nicht in seiner Definition, sondern dass sich hier im Einzelfall ein Geschehen schärfer beleuchten lässt. Nicht was ein Programm im Allgemeinen ist, sondern welche Beobachtungen es im Speziellen ermöglicht, ist das Spannende. Insofern ist auch das Programm ein Problembegriff.
Dies werde ich aber nicht weiter beleuchten. Ich denke, dass ich genügend Beispiele gegeben habe, die mal witzig, mal ernst die Anwendung demonstriert haben. An dieser Stelle muss man dann selbst weitermachen, den Begriff benutzen, oder es eben sein lassen.
Ich werde - nachdem ich eine allgemeine Darstellung gegeben habe - auf jeden Fall wieder darauf zurückgreifen.


02.09.2009

Lesen?

Ich solle, schreibt mir Herr F. per mail, mehr zum Lesen schreiben, was ich heute morgen nur angedeutet hätte.
Dieser Bitte mag ich gerne nachkommen, nur nicht jetzt.
Der Grund liegt darin, dass ich zunächst dem Begriff des Programms nachgehe, so wie Luhmann ihn formuliert. Um hier kurz zu skizzieren, was mich daran interessiert: Programme sind Regeln des Entscheidens. Sie hängen also in Unterscheidungen Folgeoperationen ein. Krude gesagt: Ich lese: Auschwitz hat es nie gegeben! und operiere Entsetzen. Und - etwas feiner ausgedrückt -: Programme orientieren Anschlussfähigkeit. Ein Buch ist mir unverständlich, also beginne ich mit einer semantischen Mikroanalyse: ich schaffe mir - durch konditioniertes Lesen - verständliche Abschnitte.
Nun deutet Luhmann - meiner Ansicht nach - in Das Recht der Gesellschaft an, dass Programme Normen in das System "einlagern", indem sie Kognitionen "auslagern", das heißt, in der Umwelt suchen. Für das Rechtssystem heißt das im Konkreten, dass die Norm Wissenschaftsorientierung gilt, und für die Kognition, also die 'empirische Basis' von Rechtsentscheidungen, dann externe Berater hinzugezogen werden. Programme könnten, so meine These, systeminterne Normen aufrecht erhalten, indem Kognitionen in die Umwelt hineinprogrammiert und als umweltspezifische Leistungen zurückgeholt werden.
Wenn Programme also Norm und Kognition entlang der System/Umwelt-Differenz aufteilen, könnte man für das Lesen behaupten, dass gewisse, je spezifische Normen beim Lesen aufrecht erhalten werden, während die Kognition in den Text eingelagert werden, oder schlichter: man liest einen Text und lernt dabei.
Dieser Gedankengang ist sehr frisch, sozusagen noch in der Geburtsphase. Das mag die sehr seltsamen Beispiele begründen, die ich hier gebe. Demnächst dazu mehr.


Invariante, sprich: Problembegriff

Ein Nachtrag zum Eintrag Problembegriff:
Irritierend am Begriff der Autopoiesis und Anlass für eine umfangreiche kritische Diskussion ist vor allem, dass der revolutionierende Effekt des Begriffs in einem umgekehrten Verhältnis steht zu seinem Erklärungswert. Der Begriff sagt nur: dass es Elemente und Strukturen eines Systems nur gibt, wenn und solange es seine Autopoiesis aufrechterhalten kann. Er sagt nichts über die Art der Strukturen, die sich daraus im Zusammenwirken mit strukturellen Kopplungen zwischen System und Umwelt ergeben. Autopoiesis wird mithin als »Invariante« eingeführt. Sie ist bei allen Arten von Leben, bei allen Arten von Kommunikation stets dieselbe. Und wenn das Rechtssystem ein autopoietisches System eigener Art ist, dann gilt das für jede Rechtsordnung gleichermaßen, nur bezogen auf den Code, der die Operationen des Systems dem System zuordnet. Aber das erklärt noch nicht, welche normativen Programme das System ausbildet.
Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 45



Problembegriffe

Luhmann schreibt, die Systemtheorie stelle von Merkmalsbegriffen auf Problembegriffe um (Soziale Systeme, S. 33). Er beschreibt dann leider nicht weiter, was ein solcher Begriff des Problembegriffs bezeichnet.
Quer dazu liegt, dass die Bezeichnung Problembegriff auch für den Begriff des Problems genutzt wird, also für die Definition dessen, was ein Problem ist.
Der Problembegriff, von dem ich hier spreche, ist ein Unterbegriff des Begriffs 'Begriff', so wie der Dackel ein Unterbegriff des Begriffs Hund ist. Es geht also nicht um den Begriff des Problems, sondern um den Begriff, der auf ein Problem hinweist, und, wie wir sehen werden, gleichsam vorstrukturiert.
Allgemein sieht man im Vollzug des radikalen Konstruktivismus, aber auch in der Systemtheorie eine Umstellung von Was?-Fragen auf Wie?-Fragen. Man fragt also nicht: Was ist Lesen?, sondern: Wie funktioniert Lesen?, oder anders gesagt fragt man nicht nach Merkmalen, sondern Operationen.
Genau an dieser Stelle setzt nun der Problembegriff an, und zwar in dem Sinne, dass er die Umstellung auf eine etwas merkwürdige Art relativiert. Hier werden dann Was?-Fragen mit Wie?-Fragen kombiniert.
Was ist Wahrnehmung?, wird gefragt, und eine der Antworten lautet: Wahrnehmung ist Selektion, sprich: Auswahl. Damit ist aber noch nicht bezeichnet, wie ausgewählt wird. Womit wir dann bei der zweiten Frage, der Wie?-Frage wären. Wie selegiert Wahrnehmung? - Hier wäre nutzlos, noch einmal dasselbe zu antworten. Wichtig ist hier nur, dass die Was?-Frage abstrakt eine Operationalisierung behauptet, während die Wie?-Frage auf die konkrete Operation und die Bedingungen dieser konkreten Operation zielt.
Problembegriffe kombinieren also allgemeine Definitionen mit empirischen Faktizitäten, ohne die empirischen Faktizitäten zu benennen. An dieser Stelle lässt sich dann die funktionale Analyse einhängen. Wenn Wahrnehmung immer auswählt, und im konkreten Fall eine bestimmte Wahl getroffen wird, dann kann diese Wahl auch anders ausfallen. Man mag einen Text lesen (=wahrnehmen) und denken: dieser Text bedeutet dieses und jenes. Später liest man den Text noch einmal und denkt etwas ganz anderes. Wie auch immer man jetzt den früheren und den späteren Gedanken bewerten mag: zunächst produzieren beide Lesevorgänge ausgewählte Gedanken. Diese beiden Gedanken lassen sich funktional vergleichen, weil sie beide selektiv sein müssen - laut Definition.
Was dann im Konkreten erschlossen wird, hängt nun von anderen Bedingungen ab (von seinerseits selektiven Wahrnehmungen). Wichtig ist hier nur, dass Problembegriffe allgemeine Was?-Fragen mit konkreten Wie?-Fragen kombinieren, indem sie eine allgemeine Operationalität mit konkreten Operationen, die unter spezifischen Bedingungen ablaufen, kombinieren und die Wie?-Frage dann auf die spezifischen Bedingungen lenken.


Mehrsystemereignisse

Ereignisse
I
n der Systemtheorie werden Ereignisse etwas diffus behandelt. Zum einen sind Ereignisse Beobachtungen der Umwelt, zum anderen sind sie aber auch systeminterne Entscheidungen, mit denen sich das System informiert, wie es weiter verfahren soll.
Um das Ganze konkreter zu machen: Wenn ein Mensch einen Gedanken hat, dann ist das ein systeminternes Ereignis, das sich aber zugleich auf ein Stück Welt bezieht. Der Mensch, d.h. das psychische System, informiert sich selbst, indem es diese Information in die Welt hineinkonstruiert. Dass diese Konstruktionen nicht völlig wirr sind, liegt daran, dass psychische Systeme auf Plausibilität setzen. Plausibilität bedeutet, dass ein System mit der Zeit lernt, was wahrscheinlich ist und was unwahrscheinlich ist, was auf jeden Fall stimmt und was unmöglich ist. Wenn ich Brötchen eingekauft habe und diese in die Küche lege, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass ich sie später dort immer noch vorfinde. Ich kann also denken: Ich esse jetzt ein Brötchen! und finde - ohne mich zu wundern - die Brötchen in der Küche. Allerdings kann ich diesen Gedanken nur deshalb denken, weil ich Brötchen in meiner Welt für eine unhintergehbare Realität halte, weil ich es gewohnt bin, dass Brötchen nicht einfach auf- und abtauchen, wie es ihnen gefällt, dass sie sich essen lassen und ich, sofern sie sich in meinem Besitz befinden, auch widerstandslos essen lassen. Trotzdem ist dieser Gedanke in die Welt hineinkonstruiert, als Ereignis und Erwartungshaltung, die sich nicht in der Welt aufstöbern lässt. Brötchen erwarten nicht von sich aus, gegessen zu werden, und mein Hunger ist kein Ereignis, das sich außerhalb meines Körpers aufstöbern lässt.
Selbst in meinem Körper lässt sich der Hunger nicht aufstöbern. Das Nervensystem 'beobachtet' zwar ein Absenken des Blutzuckerspiegels und löst darauf hin eine gewisse Aktivität aus, aber erst über die Beobachtung des Nervensystems durch das psychische System wird dann Hunger beobachtet. Das Nervensystem liefert dafür nur die spezifischen Muster an elektronischen Impulsen. Und selbst Hunger noch lässt sich je verschieden beobachten; man sehe sich die Unsicherheit mancher Eltern an, ob ihr Neugeborenes Hunger hat, einfach nur unruhig ist oder vielleicht - da es zu viel gestrampelt hat - Muskelkater hat; man sehe sich die Selbstbeobachtung psychischer Systeme mit sog. "Essstörungen" an (sofern solche Selbstbeobachtungen überhaupt in der Kommunikation auftauchen können).

Ereignisse in mehreren Systemen?
Ereignisse passieren als quasi-umwelthaft, sind sinnvoll und brauchbar für das System, sofern sie plausibel sind.
Luhmann schreibt - und hier kommt eine gewisse Vagheit zum Vorschein -:
Damit ist nicht ausgeschlossen, dass ein Beobachter eine bewusste kommunikative Aktivität - sei es Mitteilen, sei es Zuhören, sei es Verstehen - als ein einziges Ereignis identifizieren kann. Auch innerhalb des Kommunikationssystems Gesellschaft sind ja Mehrsystemzugehörigkeiten von Ereignissen (zum Beispiel eine Zahlung als Änderung eines Rechtszustandes) zu beobachten. Solche Mehrsystemereignisse haben jedoch nicht nur eine Geschichte, sondern mehrere Geschichten und je nach System verschiedene. Sie können also nicht »geschichtlich erklärt« werden - es sei denn durch Beschreibung des Beobachters, der sie als Einheiten identifiziert.
Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 32
Das Vage an dieser Stelle ist der Moment, in dem Luhmann von einzigen Ereignis zum Mehrsystemereignis übergeht.

Die Einheit des Ereignisses
Sicher ist, dass ein Ereignis seine Einheit nicht aus sich selbst heraus gründet, sondern dass diese Einheit in das Ereignis hineinbeobachtet wird, ja, dass erst dieses Hineinbeobachten das Ereignis und damit seine Einheit erschafft.
Sehen wir uns das am Beispiel der Handlung an: Eine Handlung ist zunächst nur Körperbewegung. Ein ungeübter Beobachter, ein befremdlicher Außerirdischer würde in den Bewegungen eines Menschen vielleicht nur eine Art unkontrolliertes Stop-and-Go der Gliedmaßen sehen, wo ein 'geübter' Beobachter das Vorbereiten einer Mahlzeit oder das Aufpumpen eines Fahrradreifens sieht. Die Einheit einer Handlung wird in diese Körperbewegung hineinbeobachtet, und, das ist selbstverständlich, auch in den eigenen Körper hineinbeobachtet. Ich könnte diesen Text nicht schreiben, wenn ich nicht zu meinen Händen ein gewisses externes und reflektiertes Beobachtungsverhältnis habe, das sich auf Plausibilitäten stützt.

Exkurs: Dramenanalyse und Traumatisierung
Hieran ließen sich einige weitreichende Beobachtungen anschließen. So setzt die Dramenanalyse (vgl. zum Beispiel die Einführung in die Dramenanalyse von Bernhard Asmuth) immer noch auf Handlungen. Nun bestehen Texte im Prinzip nicht aus Handlungen, sondern sind lediglich Artefakte, die durch Handlungen entstehen (also zum Beispiel durch die Handlung des Schreibens). Dramen fingieren auch Handlungen. Sicher! Aber in dem Fingieren steckt eben auch das Problem: wenn ich ein Drama lese, beobachte ich ja keine Handlungen, sondern Textmuster, und insofern bestehen Dramen eben nicht aus Handlungen, sondern aus Textmustern. Die Dramenanalyse, aber auch andere Genreanalysen handeln sich hier unendliche Probleme ein, weil dies nicht klar geschieden wird. - Allerdings sind auch Textmuster Ereignisse. Indem ich beständig Einheiten von Textmustern konstruiere, wenn ich lese, schaffe ich mir beim Lesen 'meine' Ereignisse. Etwas sehr Ähnliches beschreibt ja Roland Bartes unter der Formel Lust am Text.
Eine ganz andere Schlussfolgerung ließe sich zum Beispiel für frühkindliche Traumata ziehen. Kleinkinder sind, entwicklungsbedingt, noch nicht so in die Welt hineinkultiviert, dass ihre Beobachtungen kompetent mit sozialen Prozessen gekoppelt sind, ja, dass sie bestimmte Handlungen und Vorgänge in Einheiten aufteilen können. Man könnte vermuten, dass traumatische Ereignisse dann auftreten, wenn die Konstruktion von Ereignissen auf der einen Seite versagt, auf der anderen Seite - durch Schmerzimpulse aus dem neuronalen System - gerade dazu gedrängt werden. Sexuell missbrauchte Kinder könnten so vielleicht deshalb einen Gedächtnisverlust haben, weil sie den sexuellen Akt nicht als Folge von Ereignissen beobachten, sondern nur erleben können. Was dann in der Psychoanalyse als Re-Aktivierung des Traumas beschrieben wird, könnte im Prinzip eine Re-Konstruktion eines Ereignisses sein, das sich im Zuge der Traumatisierung als Einheit gebildet hat. Dass dieses Ereignis oft auf scheinbar 'irrationale' Weise ein weit entferntes ist, mag daran liegen, dass während der Traumatisierung das psychische System unter massivem Operationalisierungszwang steht, ohne dafür schon ausreichend sozialisiert zu sein. Die Einheit des traumatisierenden Ereignisses wird dann nicht irrational gebildet, sondern 'nur' ohne die strukturelle Kopplung an soziale Systeme, ohne Ko-Evolution. Hier mag auch ein Grund dafür liegen, dass sexuell missbrauchte Kinder teilweise eine gewisse Hörigkeit zu dem Täter zeigen. Denn nur dieser bietet die Möglichkeit an, die Ereignisse an soziale Prozesse zu koppeln, und seien diese noch so unangenehm.

Ereignis und strukturelle Kopplung
Mehrsystemereignisse kann es, sofern das Konstruieren von Ereignissen ganz in die Verantwortung des Systems fällt, deshalb nicht geben. Alles, was hier den Trugschluss einer Einheit produziert, liegt an Grenzunschärfen auf der sozialen Seite, und auf biologischen Selektionen auf der anderen Seite. Man kann, ohne weiter darüber nachzudenken, den anderen Menschen unterstellen, dass sie ungefähr dasselbe sehen, was man selbst auch sieht. Man kann, wenn ein Kind zu einer Katze 'Wau-wau' sagt, noch nicht bezweifeln, dass es die Katze nicht als Katze sieht, sondern nur einen Bezeichnungsfehler feststellen. Und vielleicht ist das der Grund, warum visuelle Täuschungen so faszinierend sind: sie weisen auf eine Fehlverarbeitung von sensorischen Impulsen hin, die wir gewohnt sind als recht zuverlässig zu empfinden und gleichsam mutuell in unsere Gedanken miteinbauen.
Der mutuelle Unterbau psychischer Systeme und die grenzunscharfe kommunikative Umwelt lassen die Gleichheit von Ereignissen in verschiedenen Systemen äußerst fragwürdig erscheinen. Trotzdem funktioniert ja irgendwie die Kommunikation. Auch wenn jemand zu mir sagt 'Baum auf einer Wiese' und er stellt sich einen Apfelbaum auf einem Hügel vor, ich dagegen einen Walnussbaum in einem Tal, eine gewisse Gleichheit ja trotzdem da ist. Die Bezeichnung 'Baum' ist zwar, gleichsam zum Innenhorizont hin, unscharf, aber nach außen hin scharf. Ein kompetenter Sprecher verwechselt Bäume nicht mit Hunden, Flugzeugen, Vulkanausbrüchen.
Hier wird nun klar, warum es zwar keine Mehrsystemereignisse gibt, aber die verschiedenen Ereignisse trotzdem eine gewisse gegenseitige Verlässlichkeit erzeugen. Über Strukturen wird die Konstruktion von Ereignissen so eingeschränkt, dass diese eine gewisse Wiederholbarkeit garantieren. Koppeln sich solche Strukturen, dann entsteht über die strukturelle Kopplung eine hinreichende Genauigkeit, um Ereignisse als 'gleich' zu behandeln.

Zeitgenössische Intimsysteme und wissenschaftliches Arbeiten
An zeitgenössischen Intimsystemen kann man oft das Scheitern struktureller Kopplung feststellen. Man ist verliebt, man findet sich gegenseitig außergewöhnlich, man möchte am liebsten keinen Alltag einkehren lassen. Man glaubt, man könne den Alltag bannen, wenn man nicht von ihm spricht, oder ihn nicht lebt. Doch der Alltag zieht ein, das Verliebtsein schwindet, und wenn man nicht über den Alltag spricht, wenn man ihn nicht mit Wörtern, Sätzen, Anekdoten überzieht, nicht die Erwartungen und impliziten Regeln ausdifferenziert, dann bleibt dieser im Vagen. Und hier haben wir dann einen ähnlichen Effekt wie bei der Traumatisierung (siehe oben): der Alltag ist massiv, es geht ums Einkaufen, Waschen, Putzen, Kochen, aber die Klärung in der Kommunikation findet nicht statt. Ebenso kann man die Rolle, die man zu Beginn füreinander spielt, nicht durchhalten. Man ist auch mal schlecht gelaunt, lässt seine Socken einfach fallen, bohrt sich beim Lesen im Ohr. Man nimmt es wahr, kommuniziert es aber nicht. Man koppelt seine psychischen Ereignisse daran, muss sie daran koppeln, da man sich nicht von seinem Nervensystem trennen kann, aber genau das taucht in der Kommunikation nicht auf. So lösen sich Intimsysteme auf, ja, werden im Nachhinein als traumatisch empfunden, weil gegenseitige Wahrnehmung und Kommunikation nicht aufeinander abgestimmt worden sind, weil man mit ganz unterschiedlichen Ereignissen operiert. Solche zeitweilig verbundenen Systeme haben dann, wie Luhmann feststellt, verschiedene Geschichten zu erzählen, weil sie verschiedene Einheiten rekonstruieren.
Lesen ist - salopp formuliert - das Sich-Ankoppeln psychischer Systeme an einen Text. Oder anders gesagt: je gründlicher man einen Text liest, umso mehr bilden sich Strukturen, Muster heraus, mit denen man etwas anfangen kann. Je gründlicher man einen Text liest, umso mehr beeindruckt er die Bildung gewisser Einheiten beim Leser und dieses Bilden-Können gewisser Einheiten wird dann als Verstehen bezeichnet, ist handlungsleitend, ist praktisch. Wie bei Intimsystemen wird gleichsam der Alltag in einem Text eingeführt. Am Anfang findet man Luhmann verwirrend, später liest man ihn zur Entspannung. Den Alltag in einen Text einzuführen könnte man als wissenschaftliches Arbeiten bezeichnen.