30.08.2009

Kommentare

Solche Kommentare liebe ich:
ich finde das hier nicht so gute und sogar falsche Beschreibungen vorliegen. ich bin enttäuscht.
schrieb jemand zu meiner Liste mit rhetorischen Figuren.
Mehr leider nicht. Die nicht so guten oder falschen Beschreibungen können so falsch nicht sein, da sie doch zum großen Teil aus den Büchern von Herrn Plett kommen. Gut, über vieles kann man sich herumstreiten. Die Metapher ist eine vieldiskutierte rhetorische Figur. Ich würde dieser schlichten Beschreibung so nicht folgen, wie sie in der Liste steht.
Das Symbol wiederum hätte wesentlich mehr Definitionen verdient. In der Semiologie ist das Symbol ein Zeichen, das keinerlei Ähnlichkeit und keine Nachbarschaft mit dem Bezeichneten aufweist. Symbole sind in diesem Fall willkürliche Bezeichnungen, so etwa das Wort Hund, das historisch entstanden ist, aber dem realen Hund nicht ähnlich ist.
Der unbekannte Kommentator mag ja übrigens Recht haben. Nicht in allen Fällen, aber doch in einigen. Nur: was soll ich bitte schön mit so einem generellen Kommentar anfangen, als zu sagen: und was denn nun? Alliterationen zum Beispiel sind unkompliziert. Hier ist die Definition überall dieselbe. Andere Figuren habe ich natürlich außerhalb des Diskussionszusammenhangs dargestellt. Hier alleine durch die Reduktion zu einem in gewissem Sinne falschen Ergebnis zu kommen, ist fast ein Selbstgänger. Im übrigen habe ich am gleichen Tag noch einen Nachtrag zu dieser Liste geliefert, der darauf ausdrücklich hinweist. 

Ich bin für Kritik, glaube ich, offen. Nur mag ich es nicht, wenn ich so einen allgemeinen Satz um die Ohren geschlagen bekomme. Im übrigen mag ich genauso wenig ein generalisiertes Lob.
Ab und zu muss ich hier also über die seltsame Praxis, Kommentare zu verfassen, meckern. Diskussionen im Internet sind eh sehr mühsam, und seit sich selbst in dem wissenschaftlichen Gefilde viel Halbwissen und Halbgelesenes findet (was kein Fehler ist, solange man offen damit umgeht), machen auch viele wissenschaftliche Bücher kaum noch Spaß.


Geduld

Ich bitte meine Leser um Geduld.
1. Zwei Bücher haben mich in letzter Zeit sehr beschäftigt. Das erste ist Der Kriminalroman von Peter Nusser. Es ist gerade in der vierten Auflage erschienen. Ich habe ja vor einigen Jahren gegen die übliche Literaturwissenschaft und dem Primat der Rezeptionsästhetik eine Produktionsästhetik gesucht. Zuerst im Bereich des kreativen Schreibens selbst, dann genrespezifisch für Fantasy und seit längerer Zeit für Kriminalromane. Neuestens ist die erotische Literatur dazu gekommen.
Dass wir eine Produktionsästhetik brauchen, sieht man an folgender Tatsache: viele junge Autoren wollen zum Beispiel ein Buch wie Harry Potter schreiben. Sie kennen das Werk, aber nicht den Weg dorthin. Folglich ahmen sie das Werk nach, nicht die Art und Weise, wie Joan Rowling schreibt. Damit landen sie aber bei Büchern, die relativ stark an Harry Potter angelehnt sind. Wer die Schreibweise nachahmt, müsste aber nicht notwendig mit seinem Buch im Fantasygenre landen.
Es gibt natürlich Schreibratgeber. Ob man nun Beinhardts How to write a mystery nimmt, Lesley Grant-Adamsons Writing Crime Fiction oder Robert & Ray and Jack Remmicks The weekend novelist writes a mystery; es gibt diese erfahrenen Autoren, die in mehr oder weniger festen Kursen Vorschläge unterbreiten.
Und auf der anderen Seite gibt es Poetologien, obwohl diese mittlerweile aus der Mode gekommen sind. Wenige Schriftsteller äußern sich noch zu Bedingungen und Techniken, unter denen ihre Werke entstanden sind. Schon im 19. Jahrhundert war das für Unterhaltungsschriftsteller unüblich, auch wenn sie Balzac oder Dickens hießen. Heute findet man noch im Krimibereich die Bereitschaft dazu, man denke an Patricia Highsmiths Buch Suspense. Im Horrorgenre ist Stephen King die rühmliche Ausnahme. Poetologien sind in diesem Sinne auch Reflexionen auf das eigene Schreiben in seiner gesellschaftlichen Funktion.
Vor zwei Jahren ist außerdem Roland Barthes Vorlesung La préparation du roman, Die Vorbereitung (oder Zubereitung) des Romans bei suhrkamp erschienen. Barthes letzte Vorlesung dreht sich um das Schreiben und das Scheitern des Schreibens. Er interessiert sich weniger für Techniken als für körperlich-handwerkliche Zustände. Aber damit schwimmt er irgendwo am Rande des von mir anvisierten Bereichs.
Nusser nun liefert mir deshalb so viel Stoff zum Abarbeiten, weil er aus der Gegenrichtung kommt, aus der Rezeption. Er liest den Krimi wissenschaftlich, aber eben auch als 'schlichter' Leser. Ich habe immer wieder (wie viele andere auch) die Leserorientierung betont. Und hier bietet Nusser viel Stoff zum Nachdenken. Zudem analysiert er wichtige Elemente des Krimis. Diese nun unterscheiden sich wenig von den Elementen in Schreibratgebern für Krimis. Der größte Unterschied findet man im Namen der Begriffe. Solche Bezeichnungen sind aber das willkürlichste an den Begriffen. Insofern kann Nusser auf vier Seiten darstellen, was mancher Ratgeberautor auf zweihundert Seiten beschreibt.
Trotzdem kommentiere ich jetzt wieder viel, einmal Nusser, zum anderen meine Krimiratgeber, drittens Krimis selbst. Schließlich muss ich noch Henrike Heiland danken, die mir weitere fruchtbare Impulse geliefert hat. (Ganz zu schweigen von Alice Gabathuler.)

2. Das zweite Buch, das mich beschäftigt, ist Asmuths Einführung in die Dramenanalyse. Vor Jahren hatte ich intensiv mit Pfisters Das Drama gearbeitet. Gegen Ende meines Studiums habe ich mehr und mehr die Analyse durch die Produktion ersetzt, auch, um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man ästhetische Texte schreibt.
Asmuths Werk ist ganz wunderbar. Ich hatte in letzter Zeit wieder viel Brecht und Goethe gelesen. Und auch wenn ich hier nicht systematisch arbeite, entstehen viele neue Gedanken, die dann in meinem Zettelkasten landen und dort vor sich hin kompostieren.

3. Und da wir gerade beim Zettelkasten sind. Er ist ja mein mystischer, grauer Herr. Mal pflege ich ihn täglich, mal drei, vier Tage garnicht. Mal schreibe ich Ideen hinein, mal kommentiere ich eine Passage aus einem Buch durch, mal exzerpiere ich, mal schreibe ich Zitate ab. Jedenfalls kommt mir mein Hin- und Herpendeln zwischen Unterhaltungsliteratur und Systemtheorie, soft-skills und den alltäglichen Beobachtungen zugute.
Nach und nach spuckt der Zettelkasten ungewöhnliche Verbindungen aus, regt zu neuen Gedanken an, schafft bisher unerkannte Verbindungslinien.
Zur Zeit bin ich übrigens noch einmal an dem ganz basalen Begriff des Sinns, wie Niklas Luhmann ihn in Soziale Systeme vorstellt. Gegenlektüre sind die Maigret-Romane von Simenon.

22.08.2009

Der weiße Hai

Das Schöne an diesem Film ist, dass er so vielfältig ist.
Der dritte Teil ist schwachsinnig, trotz Dennis Quaid. Haie mit Müttern. Haha!


21.08.2009

Fehlende Bildung, meinerseits

Gestern bei e-bay:
Summelbox mit seltenen Magic the gathering Cards
Frage ich: Was ist denn eine Summelbox?
Na, da kann man Sachen summeln.
Frage ich: Was ist denn summeln?
Das ist englisch, wenn man so gleiche Sachen zusammentut. Warst du nicht in der Schule?
Frage ich nichts mehr.


20.08.2009

Was mache ich eigentlich

... wenn ich nicht schreibe?
Ich schreibe, ist doch klar. Und lese. Im Moment Christoph Kalb: Desintegration. Das Buch ist 2000 im suhrkamp Verlag erschienen. Es beinhaltet sieben Studien zur Leib- und Sprachphilosophie von Friedrich Nietzsche. Klar, Nietzsche lese ich deshalb gleich auch noch mit.

Was mich an Nietzsche im Moment interessiert, sind die Verbindungen zu Walter Benjamin. Auch bei Benjamin gibt es diese Leibräume und Sprachräume. Der Leib - um dies nachzutragen - ist der durch Handeln und Wahrnehmen im Denken/Fühlen abgebildete Körper.

So hat mich in den letzten Tagen der Leib in seiner massenmedialen Darstellung beschäftigt, z.B. in der Verdoppelung durch Kriegsbilder und durch "Erläuterungen" zu Hardcore Pornos. Oder die recht befremdliche Debatte, ob die Vergewaltigung eines Kriegsgefangenen durch einen GI eine homosexuelle Handlung, bzw. überhaupt eine sexuelle Handlung ist.

Oder wie oft - von Seiten der CDU und FDP - Metaphern aus dem Bereich des Schlemmens, der Gefräßigkeit in Bezug auf Hartz IV- Empfänger benutzt werden. Man stelle sich die Zeichnungen von Georg Grosz vor, bei denen die Hartz IV-Empfänger in Luxusrestaurants prassen, während die Reichen in ihren Gucci-Anzügen draußen Mitleid erregend durch die Scheiben glotzen. Irgendwie so.

Ich habe eine ältere Arbeit zu Friederike Mayröcker hervorgekramt, aus dem Jahr 1998, wenn ich mich recht entsinne, die den Titel "das Gesicht wahren" trägt. Mayröcker benutzt des öfteren das Wort 'Torso' als Sinnbild für die Schriftstellerin (mir scheint, dass es keine Schriftsteller bei Mayröcker gibt: selbst Männer wechseln, wenn sie schreiben, ihr Geschlecht). Der Torso ist ein Leib, der sich situativ ergänzt, der sinnlichen Inflationen und Deflationen unterliegt. Ebenso dehnen sich die Räume aus, oder ziehen sich zusammen, je nachdem, wie sie sprachlich erobert werden. Leib und Raum sind Inflationen und Deflationen unterworfen (so meine damalige These).
[...] du bist immer mit deinen Gedanken anderswo, du bist, auch wenn du mit mir sprichst, mit deinen Gedanken, mit deinen Gefühlen, Vorstellungen, angestrebten Verwirklichungen an einem anderen Ort, [...] du bist an einem anderen Ort, wahrscheinlich Zentrum, wo alles sich abspielt, wo alles zusammenströmt, wo alles erbebt, wenn ich an meinem Arbeitstisch sitze, sage ich zu Rosa, spüre ich etwas wie ein leichtes Beben, in meinem Kopf, in meinen Füßen, ich bin nicht imstande, es wirklich zu orten, [...] das ganze Haus bebt, [...] ich bin wie geistesabwesend, ich blicke mit gedankenlosen Augen umher, [...] das bin nicht ich, das ist nur ein Bild von mir, [...] das ist nur ein Schatten, mein Schatten, der sich vorwärtsbewegt, der zuhört und spricht, der fragt und auf Fragen antwortet, [...] womöglich so etwas wie artifizielle Lebensbewältigung, eben um alle zufriedenzustellen, aber keiner kann sich dabei auf meine Leibhaftigkeit berufen, [...]
Mayröcker, Friederike: mein Herz, mein Zimmer, mein Name, S. 44
Bei Mayröcker gibt es dieses pulsierende Zentrum, jenen eigentlichen Kern, den sie aber nicht zu fassen bekommt. Dieses Innerste bebt, vibriert, zerreißt, setzt sich neu zusammen, lässt sich nicht orten.
Ebenso aber ist die Außenwelt nicht stillstellbar. Sie flieht, setzt sich aus wenig intelligiblen Bruchstücken zusammen, ist eher ein Patchwork, für das noch niemand Nadel und Faden gefunden hat.
So dehnen sich die Formen der Gedichte bei Mayröcker ins Uferlose aus (das Ufer ist eine weitere häufig anzutreffende Chiffre bei ihr) und ziehen sich wieder auf strenge, fast kleine klassische Formen zusammen. Zentrum, eine weitere Chiffre, vor allem auch im oben zitierten Roman, sind nicht die Leibhaftigkeiten, der narrative Kern oder etwas ähnliches. Der Roman mein Herz, mein Zimmer, mein Name hat gerade kein Zentrum, sondern wälzt sich durch ein azentrisches Leben hindurch, ohne je einen Satz anders zu Ende zu bringen als durch einen allerletzten Punkt (tatsächlich besteht der ganze Roman nur aus einem Satz). Das Ich in diesem Roman, wie auch in vielen Texten aus den Magischen Blättern, ist ein solcher Torso, eine Art Missgestalt, ewig unfertig, die sich situativ ausdehnt, sich neue Gliedmaßen wachsen lässt, alte abstößt und so wie ein polymorphes Untier seine Sinnlichkeiten und Sinnhaftigkeiten bewältigt.

Bei Nietzsche wird die Metapher (im Frühwerk) an die Wirkung der Phantasie gebunden. Die Sprache sei in ihrer grundlegenden Bewegung und Kraft ein 'Gleichsetzen des Ungleichen':
Die Logik ist nur die Sklaverei in den Banden der Sprache. Diese aber hat ein unlogisches Element in sich, die Metapher usw. Die erste Kraft bewirkt ein Gleichsetzen des Ungleichen, ist also Wirkung der Phantasie. Darauf beruht die Existenz der Begriffe, Formen usw.
Nietzsche: Fragmente 1869-1874, Heft 29 [8]
Schon hier also wird die Logik der Werte empfindlich aufgestört. Was bei Nietzsche später historisch (=genealogisch) untermauert wird, ist hier zunächst noch ein anthropologischer Kern: die Sprache schafft das Gleiche, und wenn zwei Dinge sich gegenüberstehen, in Opposition zueinander treten, dann nur aufgrund von zwei Gleichsetzungen, die in der Sprache dann als Gegensätze erscheinen. Gut und böse sind, wie alle anderen sprachlichen Gebilde, nur aufgrund der unlogischen ersten Kraft in der Sprache, Gegensätze. Man kann auf ihnen weder eine 'echte' Logik, noch gar eine 'echte' oder 'wissenschaftliche' Moral aufbauen. Selbst die Metapher -! (Und hier ist daran zu erinnern, was Bateson zur Metapher sagte: der Primärprozess der Sprache sei metaphorisch, besitze aber keine Metaphern; die Metapher sei ein unausgesprochener Vergleich; der Vergleich sei das grundlegende Werkzeug wissenschaftlichen Arbeitens; etc. ...)
Die Metapher nun wird, wie andere symbolische Gebilde, vom Leib innerviert. Gleich dem Torso bei Mayröcker scheint der Leib bei Nietzsche etwas zu sein, das sich in den Metaphern ein Labor für Wahrnehmungen und Handlungen schafft. Dabei kommt der Wille dazu nicht aus dem Bewusstsein, sondern aus dem, was dem Bewusstsein zugrunde liegt: wiederum dem Leib. Das Bewusstsein kann sich nun diese Metaphern selbst schaffen, es kann, wenn auch bedingt, Experimentierfelder semantisch-praktischer Art schaffen, jedoch diesen Prozess nur zum Teil kontrollieren.

Die spannende Frage an der ganzen Sache ist nun, wie hier eine Diagnostik aussehen könnte.
Schauen wir uns ein 'unverfängliches' Beispiel an. Angela Merkel sagt in ihrer Regierungserklärung zum G8-Gipfel in L'Aquila am 2. Juli 2009 (230. Sitzung, Protokollseite 25619):
Am ersten Abend des Gipfels in L’Aquila werden wir uns mit den außen- und sicherheitspolitischen Fragen beschäftigen, dies dann noch einmal zusammen mit den G-5-Ländern. Hier steht das Thema Iran im Zentrum der Diskussion. Wir sind Zeugen brisanter und vor allen Dingen erschreckender Ereignisse geworden. Ich hoffe, dass von dem Treffen die starke Botschaft der Geschlossenheit ausgeht, dass Demonstrations-, Bürger- und Menschenrechte unteilbar sind und auch für den Iran gelten, dass unsere Gedanken bei den Menschen sind, die jetzt verhaftet werden – es werden täglich mehr –, und dass wir auch alles daransetzen werden, diese Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.
Der eindeutig leibliche Bezug der letzten Metapher bildet die Figur, die sich wohl am einfachsten - wenn auch spekulativ - klären lässt. "Nicht aus den Augen verlieren", bzw. "aus den Augen verlieren" gehört zu dem großen Bereich der Licht-/Seh-Metaphorik.
Das erste, was man zu Metaphern sagen kann, wenn man sie an den Leib und als eine leibliche Symbolik rückbindet, ist, dass sie sich eher auf die Wahrnehmung oder auf die Handlung beziehen. Gehört die Metapher "aus den Augen verlieren" zum Wahrnehmungsbereich, so ist die verneinte Metapher "nicht aus den Augen verlieren" bei Angela Merkel durch Handlungen ergänzt (die hier nicht näher erläutert werden). Die Metapher also bindet zunächst die Menschen aus dem Iran an ein gewisses 'natürliches' Zurücksinken in den Schatten- und Nachtbereich. Die Wahrnehmung ist in diesem Fall eine flüchtige; dieser Flüchtigkeit etwas entgegenzusetzen sind Handlungen nötig, Arbeit.
"Daransetzen" ist eine räumliche Metapher, vergleichbar wiederum dem Torso Mayröckers, der 'räumlich' ergänzt wird. Implizit wird hier also eine eingeschränkte, verstümmelte, fragmentierte 'Räumlichkeit' des Irans unterstellt. Diese wird durch Worte wie 'Geschlossenheit' (der Botschaft) und 'unteilbar' (die Menschenrechte seien unteilbar) begleitet. Ein metaphorischer Zug, der sich durch diese kleine Passage zieht, ist also die Gegenüberstellung von Ganzheit/Zerstückelung, bzw. von Gesundheit/Beschädigtsein, Menschenwürde/Folter & Inhaftierung.
Noch zuvor greift Merkel auf das Sehen zurück: "wir sind Zeugen geworden". Der Skandal ist nicht nur, dass die Ganzheit dann bedroht ist, wenn sie in den Schatten zurücksinkt, wenn man ihr keine Aufmerksamkeit und keine aufmerksame Arbeit widmet. Der Skandal ist hier auch, dass diese Fragmentierung im Lichte der Weltöffentlichkeit statt findet. Jener alteuropäische Gedanke, mit der Aufklärung (im Französischen schön als Les Lumières bezeichnet) fände eine zugleich humanistische als auch rationale Wende statt, wird hier, in einer undeutlichen Konstellation noch einmal beschworen. Dass sie nicht stattfindet, trotz des Lichtes und des aktiven Blicks, scheint das zu sein, was Merkel zur Sorge veranlasst.
Man kann also, ich erinnere noch einmal, dass ich das im spekulativen Sinne meine und spekulativ selbst zu der Licht-Metaphorik gehört, man kann also in etwa folgendes festhalten: 1. die fortdauernde Wahrnehmung ist mit Arbeit, bzw. Handlungen verbunden; 2. Menschen, insbesondere bedrohte, haben eine 'quasi-natürliche' Tendenz, in den Schatten zurückzusinken, unwahrnehmbar zu werden; 3. was in den Schatten zurücksinkt, ist besonders von der Fragmentierung - und ihren humanistischen Entsprechungen: politische Inhaftierung, Folter, Verlust der Menschenrechte - bedroht; 4. diese Bedrohung der Ganzheit einzelner Menschen kann nun durch ein 'Ergänzen', ein 'Daransetzen' möglicherweise verhindert werden, also wiederum durch Tätigkeiten.

Der Mensch wird von Fragmentierung bedroht, wenn der Zustand fragmentiert ist, in denen dieser lebt. Diesen Zustand gelte es auszuleuchten, aus dem Schatten zu holen, darauf hinzuweisen. Das in etwa sind die Ergänzungen, die man zunächst zu machen hat.
Angela Merkel führt dann noch einmal aus:
Der Iran muss wissen: Gerade in den Zeiten moderner Kommunikationsmittel werden wir alles daransetzen, diese Menschen nicht aus den Augen zu verlieren und ihnen so, wie wir können, zu helfen.
Hier wird der Übergang zur Kommunikation als probates Mittel geschaffen.
Die Führung im Iran muss wissen: Wenn sie einen vernünftigen Weg geht, dann wollen wir, dass der Iran eine gedeihliche Entwicklung nimmt. [...] Aber wenn das nicht der Fall ist, dann werden wir uns auch nicht scheuen, unsere Meinung zu sagen und auch mit denen solidarisch zu sein, die wie die Angehörigen der britischen Botschaft jetzt einzeln unter Druck gesetzt werden sollen.
Hier eine weitere metaphorische Wendung (und Opposition): einen vernünftigen Weg gehen - gedeihen / unter Druck setzen.
Und schließlich die Ergänzung der Reihe: Geschlossenheit - Unteilbarkeit - Solidarität - Einigkeit; die Erweiterung von 'daransetzen' durch 'flankieren'; die Wendung zur Kommunikation; und (noch einmal) der Weg: 'an eine Sache herangehen':
[...] Ich habe mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama letzte Woche ausführlich darüber gesprochen und unterstütze noch einmal ausdrücklich das Angebot von Präsident Obama zu Direktgesprächen mit dem Iran. Wir werden das flankieren. Wir werden sehr einig an die Sache herangehen.
Alle diese Metaphern bilden also eine Konstellation, die, wie es übrigens üblich ist, nicht wirklich griffig ist: Metaphernkomplexe mögen das Licht, die Ganzheit, die Festigkeit beschwören. Ihnen selbst geht diese Klarheit ab. Es ist häufiger zu beobachten, dass Reise-Metaphern (einen Weg gehen) und Wachstums-Metaphern (gedeihlich) ineinander verschränkt werden, in einer Art Reminiszenz an den Bildungsroman. Zwischen die Licht-/Seh-Metaphorik und die Reise-Metaphorik schiebt sich als Interferenz die Kommunikation, das Gespräch, der Dialog.
Zwar ist die Reise, das Wachstum schon im Thema 'Fragmentierung' vorgegeben, doch die konkretere Ergänzung ist hier das Sprechen, das Miteinander-Reden, das zeitliche Zerlegen des Wortes (dia-logein). Schließlich gibt es noch einen sehr latenten Zug, einen des Mitgehens, des Begleitens, auf den Wörter wie 'Zeuge', 'Solidarität', 'nicht aus den Augen verlieren', 'unterstützen', 'flankieren' (greffer, darauf wies Derrida in seinem Aufsatz "La dissémination" hin, heißt sowohl 'aufpropfen' - d.h. einen veredelten Reis einsetzen - als auch, in älterer Bedeutung, 'eine Gerichtssitzung protokollieren': der greffeur ist der Gerichtsschreiber).

Metaphern lassen sich also eher der Wahrnehmungs- oder der Handlungssphäre zuordnen. Sie bilden Komplexe, die gemeinsame Züge, gemeinsame metaphorische Felder ausbilden, metaphorische Kontraste und Oppositionen schaffen, Übergänge zu nicht-metaphorischem Sprechen ermöglichen, Handlungs- und Wahrnehmungsräume vorstrukturieren.
In dieser Undeutlichkeit, bzw. mit diesen Problembegriffen lasse ich das Thema mal so stehen. (Sie merken schon, dass ich mich neuerdings in größeren Zusammenhängen bewege, die ich hier, im Blog, nur bruchstückhaft entfalte.)


16.08.2009

The torture song

Großartiger song. Hier zu hören.

Arbeit muss sich wieder lohnen

lässt sich Westerwelle plakatieren. Er hat vergessen, dazuzuschreiben, für wen sie sich lohnen wird.


Lachen

Über sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, - dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie! Es gibt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft!
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, §1



10.08.2009

Henrike Heiland

Heute drei Stunden mit Henrike telefoniert. Henrike ist sehr sehr nett! Und humorvoll! Und hat Ahnung, Ahnung, Ahnung von Krimis. Beneidenswert, wie Alice.


09.08.2009

Erzählen: Referenz / Inklusion / Gewalt

Erzählen als soziales Phänomen ist eine faszinierende Sache. Durch das schöne Buch, das Christian Klein und Matías Martínez herausgegeben haben (Wirklichkeitserzählungen), bin ich wieder intensiver mit diesem Phänomen zu Gange.
Es gibt mittlerweile zahlreiche Werke zum Erzählen. Mal werden diese eher von der psychologischen Seite dominiert, mal von der soziologischen. Und natürlich spielt in der einen oder anderen Weise die Linguistik und die Literaturwissenschaft eine Rolle.

Definition: Narrateme
Es gibt recht viele Definitionen der Erzählung. Ich werde hier die einfachste übernehmen. Eine Erzählung besteht aus der nachvollziehbaren Verknüpfung mindestens zweier Handlungen oder Ereignisse.
Darunter lassen sich dann genau solche Beispiele finden wie:

Es fing an zu regnen. Da wurde die Erde nass.
oder:
Sie wurde so sauer, dass sie den Teller auf den Boden schmiss.
Nun sind das kaum Erzählungen im eigentlichen Sinne. Einem Vorschlag von Roland Barthes folgend (Das Neutrum, S. 64) nenne ich deshalb diese minimalen Einheiten Narrateme. Ihnen kann jegliche Dramatik fehlen, die Erzählungen doch eigentlich ausmachen. Zudem, darauf hatte ich ja öfter hingewiesen, spielt für Narrateme die Metonymie eine wichtige Rolle.

Referenz I
Jede Erzählung verweist auf bestimmte Sachverhalte. Ein Satz wie Petra betrat zum ersten Mal den kleinen Laden. verweist auf eine Person, die den Namen Petra trägt und den Konventionen gemäß weiblich ist; weiters wird ein Laden referenziert, und eine Handlung Petras, nämlich dass sie den Laden betritt. Dieser Satz kann nun in einem Roman vorkommen, wobei Petra eine Vampirin ist und die ganze Geschichte in einem völlig fremden Fantasieland spielt. Oder der Satz steht in einem Erlebnisbericht, bezieht sich auf einen realen Laden und eine reale Hauptfigur. In beiden Fällen aber wird referenziert.
Die Referenz gilt als ein problematischer Begriff. So hat die Zeichentheorie – die Semiologie – die Frage nach der Referenz weggestrichen. Das ist in diesem Falle insofern sinnvoll, als die Semiologie eben Zeichen untersucht und nicht die Welt. Problematisch wird diese Eingrenzung dann, wenn man die Zeichen in der Welt untersucht. Und es bleibt unbestritten, dass Zeichen eben kein außerweltlicher Sachverhalt sind. Ich stöbere sie auf, sobald ich etwas wahrnehme. Jurij Lotman sprach deshalb auch von der Semiosphäre und behauptete, alles käme als Zeichen zu uns.
Die Semiologie hat diese Reduktion aus einem methodischen Grund vorgenommen. Normalerweise streitet man sich gerne darum, ob etwas sich so oder anders verhalten hat. Lagen damals die Brötchen schon auf dem Tisch oder musste Klaus sie erst kaufen gehen? Jedenfalls wird hier ein strittiger Sachverhalt erörtert. Die Semiologie grenzt nun diese Wahrheitsfrage aus und mithin auch die Referenz auf die Welt und schaut sich an, wie die Zeichen benutzt werden. Damit ist das Brötchen-Problem zwar nicht gelöst, aber dafür kann der Semiologe Hypothesen entwickeln, wie dieser Streit sprachlich funktioniert.

Referenz II
Andererseits ist natürlich auch die Referenz eine sprachliche Funktion. Ich würde dem Bäcker keine Brötchen abkaufen, wenn diese nicht in der Welt vorhanden wären. Nur weil ich ständig und andauernd auf wirkliche Dinge oder Sachverhalte bezug nehmen kann, lohnt sich das Sprechen.
Eine andere Frage ist, als wie gesichert man die Referenzen gelten lassen kann. Im Falle von Brötchen ist das unstrittig. Es gibt sie und deshalb kann man auf sie verweisen.
Doch wie ist das bei solchen Wörtern wie eifersüchtig oder Liebe? Ob jemand eifersüchtig ist, ist kein Sachverhalt, der wie ein Stein oder ein Vogel unbestritten in der Welt vorfindbar ist. Die Eifersucht muss aus bestimmten Verhaltensweisen erschlossen werden und bildet gleichsam eine Anhäufung bestimmter Handlungen einer Person, etwa, dass sie ständig hinterher telefoniert, genaueste Rechenschaft über die Tätigkeit der beeifersuchteten Person verlangt, sich in Unterstellungen von Lügen und Untreue ergießt, und dergleichen mehr.
Hier stützt sich die Referenz nicht mehr – wie bei Gegenständen – auf die einzelne Wahrnehmung, sondern bündelt sich aus verschiedenen Wahrnehmungen, die im einzelnen durchaus nicht auf eifersüchtigen Verhalten hinweisen. Trotzdem ist es eine Art Selbstgänger, jemanden der Eifersucht zu zeihen, wenn genügend oft bestimmte Handlungen ausgeführt werden. Die Referenz erscheint uns dann unfraglich.
Die kritische Rhetorik hat unter anderem die Aufgabe, das Entstehen solcher Referenzen zu untersuchen. Wenn Rainer Wendt die angezündeten Berliner Polizeiautos in die Polarität ‚zum Allgemeinwohl der Bevölkerung handelnde Polizei’ / ‚aus narzisstischen Gründen handelnde linke Radikale’ packt, dramatisiert er ein Ereignis zu einem semantischen Opposition aus Allgemeinwohl / Narzissmus. Mit Hilfe dieses Ereignisses werden also Referenzen geschaffen, deren Haltbarkeit mehr als nur fragwürdig ist. Ich hatte einige der Strategien neulich spezifischer untersucht.

Referenz III
Dem Leser dieses Beitrags zur Renaissance des linken Terrors mag aufgefallen sein, dass ich die rhetorischen Figuren nur undeutlich voneinander abgegrenzt habe.
Das ist tatsächlich ein Problem, dem man nicht einfach nachkommen kann.
Christian Klein spricht in der Einleitung zum Band Wirklichkeitserzählungen von verschiedenen Funktionssystemen, die durch Erzählungen angesprochen werden. Genauer müsste man sagen, dass nicht nur die großen Funktionssysteme angesprochen werden, sondern jede Erzählung auf eine Vielzahl von Systemen verweist.
Rainer Wendt bezieht sich in dem Interview auf Spiegel-online nicht nur auf das politische System, sondern auch auf Organisationen wie die Polizei, die Polizeigewerkschaft oder die Berliner Regierung. Die Berliner Regierung wiederum ist scharf von dem politischen System zu trennen. Das politische System ist ein funktional operierendes System, während die Berliner Regierung als Organisation zwar eng mit diesem verkoppelt ist und das politische System mitträgt, aber nicht mit diesem zusammenfällt.
Hier müssen wir allerdings eine scharfe Unterscheidung setzen.
Die erste Form der Referenz verweist in irgendeiner Form auf einen Weltgehalt. Eifersucht und Brötchen. Diese zweite Form der Referenz nun bezieht sich auf die Relevanz von Handlungen und Ereignissen für Systeme im Luhmannschen Sinne. Wenn zum Beispiel Polizeiautos angezündet werden, wird damit eine ‚Betroffenheit’ erzeugt. Die Massenmedien fühlen sich bemüßigt, darüber zu schreiben; die Polizei (als Organisation) untersucht den Sachverhalt; die Berliner Regierung nimmt dazu ebenso Stellung wie die Opposition, mithin also sowohl politische Organisationen als auch das politische System als solches. Selbst das wissenschaftliche System involviert sich, zum Beispiel dadurch, dass es versucht, Wahrheiten über die Rhetorik von Rainer Wendt zu platzieren (mit mehr oder weniger großem Erfolg).
Wie auch immer dies im Einzelfall aussieht: Ereignisse haben eine gewisse Erfolgschance, weitere Ereignisse anzuplausibilisieren, wenn diese viele Systeme ansprechen. Für die Rhetorik ergibt sich hier die Unschärfe, wenn man nicht nach bestimmten Systemreferenzen trennt (was zu beweisen wäre! jedenfalls liest sich das in meiner Untersuchung zum Rainer Wendt-Interview mit).

Verankerung
Als Verankerung hatte ich weiter oben die Referenz auf fraglos Gegebenes in Erzählungen bezeichnet.

Die Sterne traten immer zahlreicher hervor. Lewin lupfte die Kappe, um sich die Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen, und sah staunend und andächtig in den funkelnden Himmel hinauf. Es war ihm, als fielen alle dunklen Geschicke, das Erbteil seines Hauses, von ihm ab und als zöge es lichter und heller von oben her in seine Seele. Er atmete auf. Zwei, drei Schlitten flogen vorüber, grüßten und sangen, sichtlich Gäste, die im Nebendorf die Bescherung nicht versäumen wollten; dann, ehe fünf Minuten um waren, glitt das Gefährt unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges.
Fontane, Theodor: Vor dem Sturm
Zweifellos gibt es Sterne und den Himmel, Kappen und Schlitten, Winterluft und anderes mehr. Der eigentliche Witz der Passage, der Stimmungswechsel, wird hier sowohl in der Realität verankert als auch – auf dezente Weise - symbolisch überhöht (die Sterne traten immer zahlreicher hervor, funkelnder Himmel, vorüberfliegende Schlitten).
Überspitzt lässt sich zu dieser Passage sagen, dass sie sowohl auf das psychische System (Lewin), als auch die Familie, das interaktionelle System (grüßten und sangen) und das Religionssystem (im weitesten Sinne, als hier – durch den Weihnachtsabend und die symbolische Überhöhung der Passage – auf die Unterscheidung transzendental/nicht-transzendental angespielt wird).
Diese Interpretation ist allerdings mehr als gewagt.
In der Systemtheorie geht man zwar davon aus, dass Systeme in sich geschlossen operieren, aber strukturell gekoppelt sind. So bestimmt das Rechtssystem, wie ein neuer Kanzler gewählt wird. Das politische System kann hier nicht einfach aus sich heraus operieren, sondern hat seine Vorgaben durch die Wahlverordnungen. Ebenso nutzt das politische System die Massenmedien, um eine Wahl zu gewinnen und kann hier natürlich nicht den Massenmedien aufoktroyieren, was sie zu schreiben haben. Nicht immer stellen sich zwar die Massenmedien gegen solche Anmutungen quer, aber es ist ihnen nicht verboten.
In welcher Form nun Erzählungen zu solchen strukturellen Kopplungen zwischen Funktionssystemen stehen, wäre genauer zu untersuchen. Jedenfalls kann man sagen, dass Erzählungen sich auf solche Verbindungen stützen, ob sie nun tatsächlich existieren oder nur vermutet werden. Techno-Thriller wie Jurassic Parc referieren auf aktuelle Entwicklungen in der Wissenschaft und postulieren mögliche Folgen. Jurassic Parc bricht allerdings diese mögliche Entwicklung gleichzeitig auf die Ebene der Interaktion herunter: in den vielen Szenen reden und handeln die Menschen miteinander (oder auch mal gegeneinander).
Jedenfalls bieten Erzählungen – sofern sie ‚lebendig’ geschrieben sind – eine weitgehende Einbindung der Interaktion. Selbst Robinson Crusoe hatte erst seine Ziegen und dann auch noch Freitag. Selbst der Protagonist von I Legend hat einen Hund an seiner Seite und Wild, das er jagt, und Wall•E ist zwar der letzte Roboter auf der Erde, aber ihn begleitet doch eine recht vorwitzige Kakerlake, bis dann eben EVE auftaucht.
Neben der fraglosen Verankerung in der Welt (die erste Form der Referenz) stützen sich Erzählungen also immer in irgendeiner Weise auf psychische Systeme und Interaktionssysteme. Mindestens. Häufig kommen familiäre Systeme dazu.

Die Ebenen der Erzählung
Barthes unterscheidet drei Ebenen der Erzählung.
Die erste ist das schlichte Aufeinanderfolgen von Wörtern und Sätzen. Diese unterste Ebene verweist auf das Medium der Sprache. Vor allen anderen Referenzen gibt es so eine weitere Möglichkeit der Referenz, der des Mediums. Diese Referenz entsteht gleichsam durch ihren Gebrauch und ihre Aktualisierung. Indem ich spreche oder schreibe, verweise ich auf die Sprache als (unbestimmtes) Ganzes.
Die zweite Ebene ist die narrative Ebene. Hier treten Personen auf, entwickeln sich Handlungsabfolgen, entsteht beim Erzählen ein Ausschnitt aus einer größeren Welt. Plötzlich haben wir es mit Hobbits zu tun, mit verborgenen Zaubererschulen, mit jungen Männern, die sich in Lungensanatorien langweilen oder mit einer dritten Tochter, die ihre Vaterliebe nicht in schönen Worten preisen kann, sondern nur in treuem Handeln.
Die dritte Ebene ist die diskursive Ebene. Diese bezieht sich auf die Kommunikation zwischen Erzählendem und Konsument (ob dieser nun direkt zuhört oder per Audio-Book, oder eben liest).
Wenn Hemingway schreibt:

Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen alle unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezeltes und taten, als sei nichts passiert.
Hemingway, Ernest: Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber
dann ist auf der narrativen Ebene umschrieben, dass wer auch immer hier am Essen ist oder auf das Essen wartet, dass es etwa Mittag sein dürfte, und ähnliche Vermutungen, die sich im Folgenden bestätigen oder enttäuschen werden.
Auf der diskursiven Ebene allerdings teilt uns der Autor schlicht dieses mit: es ist etwas passiert und dieses Ereignis scheint in gewisser Weise peinlich zu sein. Was ist passiert? Das heißt, die Erzählung referiert auf die klassische Gattung des Whodunnit?, obwohl es kein Krimi ist. Doch genau das scheint die Absicht des ersten Satzes auf der diskursiven Ebene zu sein. Salopp gesprochen sagt der erste Satz zum Leser: Du hast jetzt mal gefälligst neugierig zu sein.
Wenn Alice Gabathuler ihren Roman Blackout mit folgenden Sätzen beginnt:

Die Welt war noch da. Verschwommen, aber sie war noch da.
Gabathuler, Alice: Blackout
dann wird auf der narrativen Ebene die (zunächst) schlichte Unsinnigkeit behauptet, die Welt sei da. Die Sätze werden sinnvoll, wenn man hier auf den personalen Erzählmodus umstellt. Für wen auch immer hier die Welt noch da ist, es ist ein subjektives Empfinden und eine subjektive Bedrohung, dass die Welt – und wenn auch nur zeitweise – verschwinden könne.
Auf der diskursiven Ebene teilen uns diese Sätze etwas ganz anderes mit, und, nicht ganz zufälligerweise, dasselbe wie bei Hemingway: Es ist etwas passiert, aber es ist nicht klar, was. Und jetzt, lieber Leser, sei mal gefälligst neugierig.

Typologien der Erzählung
Man kann nun, aufgrund dieser Ebenen, unterschiedliche Einteilungen der Erzählungen vornehmen.
Auf der untersten Ebene werden häufig stilistisch-moralische Wertungen begonnen. Bestimmte Werke seien, weil sie diese oder jene Wörter benutzten, einen schlichten oder einen überladenen Stil hätten, usw. eben hohe oder niedere Literatur. Zwar lässt sich diese Einteilung nicht nur durch diese Sprachebene begründen, doch häufig bezieht man sich auch auf sie. Allerdings ist diese Einteilung insofern problematisch, als rhetorische Figuren sich zwar in Worten ausdrücken, aber auch die narrative und die diskursive Ebene mit einbeziehen.
Wenn Fontane schreibt Zwei, drei Schlitten flogen vorüber, dann steht auf der Wortebene das Wort flogen. Um dieses als Metapher identifizieren zu können, zum Beispiel für mühelos und rasch gleiten, muss ich auf der narrativen Ebene ergänzen, dass Schlitten nicht fliegen, sondern gleiten. Dann frage ich mich, was mir der Autor damit sagen will. Ich wechsle also auf die diskursive Ebene. Der erste spontane Einfall, den ich dann auch oben notiert habe, war mühelos und rasch. Jetzt kann ich auf die narrative Ebene zurückkehren. Ich ersetze das absurde Wort fliegen durch den realen Vorgang gleiten und ergänze von der diskursiven Ebene noch mühelos und rasch.
Sie sehen also, dass es nicht so einfach mit diesen drei Ebenen ist, wenn man auf rhetorische Figuren zu sprechen kommt.
Nun, wir sind bei einer Typologie der Erzählungen gewesen. Die reine Sprachebene scheint nicht tauglich zu sein. Besser gestellt sind wir mit der narrativen Ebene. Spielen die Romane in der Zukunft, dann sind es Science-Fiction-Romane. Die Welt, egal, wie sie weiter ausgestaltet ist, ist durch ihre Zukünftigkeit genrebestimmend. Ebenso gilt das für Fantasy. Fantasy, die in erfundenen Ländern wie Mittelerde spielt, nennt sich High-Fantasy. Kommen die phantastischen Wesen in dieser Welt vor, hat sich mittlerweile die Bezeichnung Urban Fantasy eingebürgert. Bleibt der Ort eher unbestimmt, handelt es sich oft um Märchen. Neben der Welt als genrebestimmendes Merkmal findet man häufig auch Vorgänge oder typische Abfolgen zur Typologisierung. Whodunnits beginnen meist mit einem Mord und im weiteren wird dieser aufgeklärt. Thriller beginnen auch häufig mit einem Verbrechen oder der Information, dass ein Verbrechen begangen werden könnte und im Folgenden werden Rettungsversuche, Verfolgungsjagden, Kriegsstrategien, Einbrüche, Entführungen, Erpressungen und anderes mehr geschildert, bis der Widersacher überwunden worden ist. Romane, in denen sich ein Mensch in einen anderen verliebt, und dann das Buch über dieses Hin und Her zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt den Inhalt darstellt, sind Liebesromane, oder, wie man dies heute sagt, romantic novels. Weitere Feinheiten werden bei diesen romantic novels dann durch das Alter der Protagonistin und ihrer Erfahrenheit in Liebesdingen eingeführt. Diese sind dann meist Reihen, wie Teens in Love oder Erste Liebe oder Freche-Frauen-Romane.
Wesentlich weniger üblich ist die Einteilung nach der diskursiven Ebene. Hier muss man einen völligen Schwenk machen, denn die Frage ist hier nicht mehr, was der Inhalt einer Erzählung ist, sondern was seine Botschaft an den Leser ist.
Christian Klein zitiert zum Beispiel folgende Passage aus Wickerts Buch Der Ehrliche ist der Dumme:

In dem nachfolgenden Essay möchte ich mich nicht mit Philosophen und Wissenschaftlern messen. Ich nutze aber einige der Erkenntnisse, um – als Journalist, der täglich mit ›schlechten‹ Nachrichten arbeitet – an konkreten Beispielen praktischen Fragen nachzugehen.
Wickert, zit. nach Klein, Christian: Erzählen im moralisch-ethischen Diskurs, S. 171, in: ders. (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen
Was teilt der Autor (Wickert) dem Leser mit? Hier kann man die zwei Seiten einer Kommunikation – gemäß Luhmann – unterscheiden. Auf der Seite der Information erklärt Wickert die Stellung des Essays: er misst sich nicht mit den großen Denkern, auch wenn er (der Essay) Erkenntnisse von diesen nutzt; Wickert ist Journalist, der mit ›schlechten Nachrichten‹ arbeitet; es geht um eine Praxis anhand konkreter Beispiele. Die Information beinhaltet sozusagen die Weltseite einer Botschaft. Dagegen bezieht sich die Mitteilung auf die Auswahl, die ein System trifft, wenn ‚es etwas kommuniziert’.
Man könnte Wickert als psychisches System nun in etwa folgendes unterstellen: er übt sich in Bescheidenheit gegenüber den großen Denkern, um umso pointierter seine eigenen Erfahrungen ins Licht zu rücken; er bleibt praktisch und konkret, also rücksichtsvoll gegenüber all denjenigen Lesern, die sich ebenfalls in Bescheidenheit üben. Denkerisch bescheiden, trotzdem erfahren, rücksichtsvoll gegen den Leser – so lautet hier meine zugegebenermaßen missliebige Interpretation dieser Passage.
Das allerdings reicht für eine Typologie auf der diskursiven Ebene nicht.
Nun hatte ich oben schon geschrieben, dass Narrateme (ich komme jetzt auf dieses Wort wieder zurück) polyreferentiell sind.
Wickerts kleines Narratem bezieht sich zum Beispiel in doppeltem Sinne auf die Interaktionssysteme. Indem er konkret und praktisch bleiben möchte, wenn er einen sozialen Sachverhalt (die Tugenden) erörtert, schließt er auf konkrete Wahrnehmungen in und von sozialen Situationen und auf personales Handeln. Er streift das Wissenschaftssystem, indem er von Wissenschaftlern spricht. Schließlich berührt er das System der Massenmedien, dessen grundlegende Operationsweise es ist, Sensationen und Skandale zu erzeugen.
Man kann hier – doch die Möglichkeit wäre genauer zu überprüfen – von einer kritischen Ratgeberliteratur sprechen. Ratgeberliteratur soll insgesamt dann die Literatur bezeichnen, die sich als konkret und praktisch darstellt. Kritisch ist diese Literatur dann, wenn sie sich abwägend mit einem Problem auseinandersetzt und bedingte Lösungen vorschlägt. Unkritische Ratgeberliteratur dagegen sind all jene Bücher, die Komplettlösungen im Sinne von ‚jetzt wird sich alles ändern’ versprechen, die stärker Missstände skandalisieren, offenere Feindbilder haben und deren Argumentationsgefüge von vielen Induktionen durchsetzt ist, vor allem solchen, die sich auf (vermeintliche) Autoritäten stützen.
Neben diesen beiden Ratgeberliteraturen gibt es noch den ganzen weiten Bereich der fachlichen Ratgeber, seien dies Bastelanleitungen und Strickmuster, seien dies Computerfachbücher oder Anleitungen zum Schreiben einer Doktorarbeit.
Schreibratgeber nehmen hier übrigens oft eine Zwischenstellung ein. Zum einen geben sie konkrete Regeln und Übungen vor; zum anderen versprechen sie aber auch oft den Erfolg und dass man ein talentierter Schriftsteller werden könne.
Ratgeberliteratur ist also ein Aspekt, den man auf der diskursiven Ebene abgrenzen kann. Sachliteratur, zum Beispiel Einführungen in die Psychologie, Untersuchungen zur historischen Wandlung von Textmustern in Testamenten, biochemische Prozesse von HIV-Viren, bilden eine zweite große Sparte.
Eine dritte Sparte ist die Unterhaltungsliteratur. Diese erzählt zunächst. Man kann zwischen kritischer und unkritischer Unterhaltung unterscheiden, wenn auch schlecht. So wird Herr der Ringe auch als eine Allegorie auf den zweiten Weltkrieg gelesen, selbst wenn Tolkien dies wiederholt bestritten hat. Liest man Herr der Ringe als Allegorie, müsste man es wohl der kritischen Unterhaltung zurechnen. Anderenfalls der unkritischen. Wie gesagt kann man diese Einteilung nur mit einer gewissen blauäugigen Grobheit vornehmen.
Die Einteilung der Literatur kann man nun in einem gewissen Sinne für Narrateme übernehmen. Es gibt Narrateme, die der kritischen oder der unkritischen Ratgeberliteratur entsprechen.

Ich dachte mir, dass du damit in Schwierigkeiten gerätst. Deshalb habe ich Peter vorher angerufen und die Sache schon mal in die richtigen Bahnen gelenkt. Dass solltest du das nächste Mal früher bedenken, dass Claudia auf so etwas ziemlich sauer reagiert
Trotzdem scheint hier das Problem zu sein, dass solche kurzen Passagen, obgleich sie zwei oder mehr Handlungen alltagslogisch miteinander verbinden, nicht denselben Status haben wie umfangreiche Romane. Sehr vielversprechend scheint mir hier, die Narrateme, neben ihrer referentiellen Funktion auf verschiedene Systeme, durch die Sprechakttheorie zu ergänzen, vor allem die Einteilung in die verschiedenen illokutive Akte.

Adressen generieren
Auf der diskursiven Ebene hatte ich zwischen Information und Mitteilung unterschieden. Die Mitteilung ist gleichsam die Selbstdarstellung des Erzählers als Mensch. Diese Selbstdarstellung verschwindet bei der Unterhaltungsliteratur weitestgehend (obwohl es Ausnahmen gibt, zum Beispiel bei Erlebniserzählungen).
Der Erzähler versucht sich in dieser Selbstdarstellung in einer bestimmten Form ansprechbar zu machen. Bei der Durchsicht einiger Ratgeber fiel mir vor allem auf, dass zunächst eine umgekehrte Betroffenheit erzeugt wird: zunächst wird der Leser allgemein angesprochen. Beispielhaft sei hier aus dem Vorwort aus Sich durchsetzen von Susanne Dölz zitiert:

Ob in Teams und Projekten, bei Mitarbeitern und Vorgesetzten, bei Kunden und Geschäftspartner – wer hat nicht das Bedürfnis, souverän zu agieren, angemessene Anerkennung zu bekommen und seine eigenen Interessen zu verwirklichen – kurz, sich durchzusetzen? Aber wie?
Die Frage, die Dölz hier stellt, ist rein rhetorischer Natur. Jeder Mensch hat diese Bedürfnisse, und, was wohl Sinn und Zweck der Frage ist, jeder Mensch hat das Gefühl, diese noch nicht genügend verwirklicht zu haben. Damit ist die Motivation, dieses Buch zu kaufen, angekurbelt. Im weiteren Verlauf des Vorwortes stellt sich Dölz dann indirekt als Fachfrau dar. Indem sie im letzten Absatz aufzählt, in welcher Form der Leser Souveränität „Schritt für Schritt“ lernen wird, teilt sie mit, dass sie den ‚guten Weg’ kennt.
Dabei stellt Dölz nicht ihre eigene Position dar, wie Wickert das getan hat, sondern schildert den Nutzen für den Leser als fragloses Faktum.
Den sozialen Sachverhalt, dass man von einer bestimmten Person bestimmte Handlungen oder Leistungen erwarten kann, bezeichnet man als Adressabilität. Von einer Ratgeberautorin erwartet man, dass sie Rat gibt. Indem sie darstellt, wie sie Rat gibt, welchen Nutzen der Leser aus diesem Rat zieht, erzeugt sie eine Erwartungshaltung. Die nämliche Autorin könnte nun zum Beispiel Eltern haben, die alles mögliche, nur keinen Rat von ihrer Tochter erwarten. Die Eltern erwarten regelmäßige Telefonanrufe, geduldiges Zuhören, wenn körperlicher Verfall geschildert wird und wer im Dorf gestorben ist oder seine Frau betrogen hat. Die Ratgeberautorin ist in der Interaktion mit ihren Eltern nicht als Ratgeber adressierbar.
Adressabilität bedeutet, dass man in bestimmten kommunikativen Zusammenhängen als ansprechbar erscheint. Dies muss nicht passieren. Dreißig Schüler melden sich, aber nur einer kommt dran. Trotzdem haben die Schüler gelernt, sich hier durch Melden als ansprechbar zu markieren. Wenn der Lehrer dann ausgerechnet den Schüler dran nimmt, der sich nicht meldet, dann liegt das daran, dass sich Schüler generell im Unterricht für das Angesprochen-werden zur Verfügung halten müssen.
Das Management von Adressabilität spielt eine wichtige Rolle in der personenorientierten Werbung. Coaches stellen sich als besonders kompetent dar, als Fachfrauen/-männer für dieses und jenes. Sie wollen sich für Kommunikation zur (bezahlten) Verfügung halten.
Adressabilität muss aber nicht nur direkt verlaufen. Wickert hat sein Buch nicht veröffentlicht, um jetzt mit aller Welt immer und andauernd Moralfragen zu thematisieren. Er hat sich hier gleichsam als soziale Adresse zur Verfügung gestellt, wenn das Gespräch auf Tugenden kommt. Ebenso stellen sich Politiker oder Showgrößen als soziale Adressen zur Verfügung, ohne direkt mit allen Interessierten kommunizieren zu wollen. Ein Michael Jackson wird auf sehr vielfältige Weise angesprochen. Mal steht er für die Tragik des Megastars, mal für den völlig verrückten Popheini mit päderastischen Neigungen. Jedenfalls spielt das Image eine entscheidende Rolle. Bei Politikern ist es übrigens auffällig, dass sie zunehmend nicht als politische Adressen fungieren, sondern in die Showgrößen eingereiht werden, sei es, dass man Angela Merkel anlässlich ihres Bayreuth-Besuches einen tiefen Ausschnitt ihres Dekolletés fotografiert und als sexy, gewagt und darf eine Bundeskanzlerin so etwas? kommentiert, sei es, dass von Guttenberg und sein Frau als das neue Glamour Paar gefeiert werden (nicht das, was man von einem Wirtschaftsminister zu Zeiten der Wirtschaftskrise erwartet).
Adressabilität läuft aber meist interaktionsnah ab. Man kann sich durch gute Laune und viele flotte Sprüche als für Parties, Grillfeste und ähnliches adressierbar machen. Man kann sich durch Nachdenklichkeit, abwägende Worte und aktives Zuhören als Freund in schweren Zeiten adressierbar machen. Adressierbarkeit ist, wie gesagt, keine Notwendigkeit, sondern nur mehr oder weniger plausibel.
Adressabilität wird nun vielfach durch Narrateme anplausibilisiert. Zwei Freunde, die sich gegenseitig die Verfehlungen ihrer Ex-Frauen erzählen, adressieren sich als füreinander verständig und im Gleichen erfahren. Man weiß eben, wovon man spricht. Wer immer irgendwelche Witzchen und Drolligkeiten zum Besten gibt, erzeugt gerade dafür dann Erwartungshaltungen. „Lass uns den Niklas auch einladen! Dann wird der Abend bestimmt lustig.“, wenn es um einen Spieleabend mit Freunden geht. – Für die Adorno-Lesegruppe erscheint Niklas dagegen recht ungeeignet.

Inklusion/Exklusion
Mit der Adressabilität werden vor allem auch Inklusionen und Exklusionen geregelt. Inklusionen sind Gruppenzugehörigkeiten.

A: Haben Sie das schon gehört? Der Meier hat wieder das Normpapier A in die Ablage für die Sitzungsprotokolle eingeordnet und dadurch sind wichtige Vorgänge zwei Tage liegen geblieben. Der lernt das nie!
B: Vielleicht sollten wir ihn doch mit Aufgaben in einer anderen Abteilung betrauen, die nicht ganz so verantwortungsvoll sind.

A: Soll ich Jan auch noch einladen?
B: Ach, ich weiß nicht, der und Ursula können sich ja nun gar nicht leiden, und schließlich ist Ursula meine beste Freundin.
A: Also lade ich Jan nicht ein?
B: Besser nicht.

A: Ich fühle mich in der Klasse gar nicht wohl. Die sind alle so arrogant.
B: Dann sollten wir überlegen, ob du nicht in eine andere Klasse wechseln kannst.
Nun ist der Zusammenhang zwischen Adressabilität, Inklusion/Exklusion und Narratemen nicht ganz so einfach. Hier möchte ich folgende Thesen vorschlagen:
  • Narrateme stellen mehr oder weniger deutlich eine bestimmte Adressabilität zur Verfügung.
  • Narrateme plausibilisieren Inklusion/Exklusion an. Dabei muss man, folgt man Luhmann, beachten, dass Inklusions-/Exklusionsmöglichkeiten evolutionär abläuft. Es gibt Variationen, Selektionen und Restabilisierungen, und zwar sowohl auf die inkludierende Gruppe gesehen, als auch auf die Person. Eine Person kann ihre Inklusions-/Exklusionsmöglichkeit variieren, zum Beispiel, indem sie neuerdings immer Sonderaufgaben in der Gruppe übernimmt, kann diese selegieren (dieses ja, anderes nicht mehr) und stabilisieren (einmal Schatzmeister des Karnevalvereins, immer Schatzmeister des Karnevalvereins). Man kann sich in einer Gruppe ganz unmöglich machen und trotzdem inkludiert bleiben (zum Beispiel die schwarzen Schafe der Familie). Wichtig ist hier, dass nicht die Inklusion/Exklusion evolutionär abläuft, sondern die Plausibilität: man tritt weder aus Vereinen nur zur Hälfte aus, noch kann man ein bisschen entlassen werden. Hier heißt es immer: ganz oder gar nicht. Aber es gibt sozusagen ein Ausdehnen und Zusammenschrumpfen der Adressabilität. Das berühmte Ehepaar, das nicht mehr miteinander spricht, hat jegliche Adressabilität füreinander verloren. Die Inklusion als Zweiergruppe geschieht dann auf formalem Wege: man ist von außen, von zum Beispiel der Finanzbehörde, als Ehepaar immer noch ansprechbar.

Gewalt
Adressabilität ist kein einseitiges Verhältnis. Diese kann durch ein starkes Gefälle gekennzeichnet sein. So kann sich Angela Merkel als Bundeskanzlerin an die Nation richten. Im Gegenzug kann ich mich aber weder einfach auch mal an die Nation richten, noch direkt an Frau Merkel.
Trotzdem stellt sich hier ein gewisses komplementäres Verhältnis ein. Die Ansprache von Frau Merkel markiert mich in gewissem Sinne als adressabel und sei es in der minimalsten Regung, dass ich von dieser Frau gar nichts hören möchte. Das formelle Verhältnis zwischen Staatsbürger und Bundeskanzlerin erschafft diese komplementäre und durch ein starkes Gefälle geprägte Verhältnis quasi automatisch.
Was in Staaten eine gewisse Legitimation besitzt, kann sich aber ähnlich auch in Ehen abspielen. Er hört immer zu, sie ist am Reden und Reden – über die Arbeit, über die Probleme, wie schwer sie es doch hat und wie gut sie trotzdem alles auf die Reihe kriegt -, aber wenn er was erzählen will, schreit sie, er solle sie mit seinen Problemen nicht belästigen. Hier wird die Adressabilität extrem asymmetrisch. Psychologisch geredet scheint die Frau einen hohen Bedarf zu haben, sich über Narrateme eine Identität zuzulegen, während sie gleichzeitig den Identitätsbedarf des Ehemanns nicht wahrzunehmen scheint.
Ohne hier eine eindeutige Grenze markieren zu wollen, scheint es überstabile Adressabilitäten zu geben. Adressabilitäten wandeln sich. Man entwickelt neue Interessen, Freundschaften kühlen ab, andere blühen auf. Das Kind, das einen bislang abgöttisch verehrt hat, fängt an, kritische Fragen zu stellen. Man ist nicht mehr der Übervater, sondern der Probierstein ungekonnter Konfliktfähigkeit. Nun gibt es aber eben Adressabilitäten, die sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr wandeln können. Sie sind eben überstabil. Der Meier macht immer den selben Fehler, weil der sich für gar nichts interessiert, die Tina versucht Jan andauernd zu betrügen, wenn Jan ihr nicht ständig hinterher spioniert, usw.
Solche überstabilen Adressabilitäten gehen bis hin zu generalisierten Adressabilitäten, die nicht nur einen Menschen gleichsam für die Kommunikation fixieren, sondern viele Menschen. Hier ist meine Vermutung, dass diese Überstabilität gleichsam gewalttätiges Handeln ausschwitzt. Der Amokläufer von Winnenden scheint das ja in seinen youtube-Videos ähnlich dargestellt zu haben. Nicht nur eine Person, sondern viele Personen waren für diesen unglücklichen Jugendlichen auf überstabile Art erreichbar.
Man kann vermuten, dass bei vielen Gewalttaten die Adressierbarkeit anderen Menschen ins Monotone kollabiert. Hier wäre zu untersuchen, inwieweit die Narrateme von Gewalttätern im Vorfeld monoton werden. Was Jugendgewalt angeht, müsste man nachforschen, ob die Gewalt nicht in Elternhäusern häufiger auftritt, die erzählfern sind (im Gegensatz zu bildungsfern).

Schluss
Ein Artikel mit zahlreichen offenen Flanken, zugegeben. An konkreten Beispielen müsste man jetzt noch einmal die verschiedenen Referenzen verdeutlichen. Zudem wäre die Systemtheorie konkreter zu Rate zu ziehen.
Mehrere Sachen sind mir wichtig:
1.) Auch unvollständiges Erzählen ist Erzählen, nicht in Form von Geschichten, sondern von Narratemen. Neben einer Typologie des Inhalts (was wird erzählt?) spielt die Typologie der Funktion (was soll bewirkt werden?) eine wichtige Rolle.
2.) Bei der Funktion muss man die direkte Funktion (Informationsvergabe, Überzeugen) und die indirekte Funktion (Adressabilität, Inklusions-/Exklusionsmöglichkeiten) beachten.
3.) Narrateme verankern sich in der Welt (erster Typus der Referenz) und in Systemkontexten (zweiter Typus der Referenz). Während die Welt als eine gegeben ist und sich somit die Verankerung immer nur auf eine Welt beziehen kann, sind die Systemreferenzen vielfach. Hier muss man – dies habe ich nicht sonderlich weit ausgeführt – die strukturellen Kopplungen beachten, die in Narratemen dargestellt werden.
Hier wäre, wie gesagt, die spezifische Auseinandersetzung mit konkreten Narratemen wichtig. Vielleicht werde ich mich da noch mal dran setzen. Nur bitte nicht heute.


06.08.2009

Wirklichkeitserzählungen

So heißt ein Buch, das ich gerade für media-mania rezensiere.
Erforscht wird all dasjenige Erzählen, das sich direkt auf die Wirklichkeit bezieht, also den Abspruch erhebt, wahr zu sein und dem Erzähler Glaubwürdigkeit - im weitesten Sinne - zuspricht. Zu dem Buch im Allgemeinen kann ich noch nicht viel sagen. Brigitte Boothe hat einen Aufsatz beigesteuert; diese Autorin habe ich ziemlich zu Beginn meiner Beschäftigung mit der 'Narratologie' entdeckt und sehr schätzen gelernt. Bernhard Kleeberg, der das wundervolle Buch Theophysis. Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen geschrieben hat, und Ideengeschichtler ist, oder - wie man das auch nennt - Wissenschaftshistoriker.

Was genau nun kann man sich unter diesem Untersuchungsobjekt vorstellen? Und: was könnte man sich von der Erforschung dieses "Objekts" erhoffen, und ich meine hier nicht nur den Erkenntnisgewinn, sondern auch den pragmatischen Gewinn?
Zunächst kann man hier aus dem Bereich der Neurophysiologie und der Psychologie eine mittlerweile recht anerkannte Erkenntnis zur Seite stellen, dass Lernen wesentlich auf sprachlichen Segmenten fußt, die folgende Eigenschaften ausweisen: sie gehorchen einer "Alltagslogik" (so etwas kommt von so etwas) und verbinden sowohl räumliche, als auch zeitliche Aspekte. Es sind Erzählungen. Wirklichkeitserzählungen, wie es hier heißt. Dabei führen diese Erzählungen in der Alltagslogik ihren kulturellen Hintergrund mit: sie induzieren also das fraglos Gegebene als Voraussetzung in die Erzählung. Gleichzeitig muss sich die Erzählung aber aus irgendwelchen Gründen von diesem fraglos Gegebenen absetzen. Sie muss, und wenn nur mit einem Funken, neu sein.
Lernen durch Narration ist nicht ganz so neu, und vielleicht in Deutschland zu wenig tradiert. Berühmte Beispiele dieses Lernzusammenhangs sind die Odyssee und die Bibel. Man vermutet, dass die Odyssee in Teilen, wohl nicht als Ganzes, schon vor Homer existiert hat und zu den Geschichten gehörte, die man sich "am Lagerfeuer" erzählt hat. Die ersten Niederschriften des Neuen Testamentes sind ebenfalls wohl nicht von den Jüngern gemacht worden. Irgendwo diffus im Hinterkopf meine ich mich zu erinnern, dass das erste Johannes-Evangelium in Schriftform auf 80 nach Christus geschätzt wird. Johannes, der älter als Jesus war, wäre zu dem Zeitpunkt über 80 Jahre alt gewesen, ein weit über die damalige Lebenserwartung hinausgehendes Alter.
Nun werden solche Neuheiten eben in Anekdoten, Erzählungen, Gleichnissen tradiert und in Zeiten, als es noch kaum Papier gab, besonders durch mündliches Erzählen. Heute finden sich eben Bücher wie Die Spinne in der Yucca-Palme. Moderne Alternativen sind sicherlich Blogs.

Narratives Lernen und Wirklichkeitserzählungen gehören aufs Engste zusammen. Zumindest theoretisch. Intuitiv kann man natürlich auch sofort sagen, dass sie in der Praxis zusammengehören.

Was mich wundert, und auf diesen Tatbestand treffe ich immer wieder, ist, dass Lernen mit Hilfe von Geschichten an das autobiographische Gedächtnis gekoppelt wird. Das ist sicherlich kein Fehler. Seltsam ist nur, dass es nur an das autobiographische Gedächtnis gekoppelt wird.
Dazu muss man wissen, dass das autobiographische Gedächtnis zum Langzeitgedächtnis gehört, und hier eine Art Zusammenhang zwischen eigener Identität und eigener Welt herstellt.
Nun sind Erzählungen aber nicht immer autobiographisch im eigentlichen Sinne. Wenn mir meine Nachbarin erzählt, wie das damals war, als ihr Kind in der Schule gegangen ist, ist das für mich eine Wirklichkeitserzählung. Sie erzählt aber nicht ein Stück meiner Autobiographie, sondern eins meiner Nachbarin. Alltagserzählungen haben also nicht notwendigerweise einen für mich autobiographischen Kern. Und hier ist die Frage, welche anderen Gedächtnisformen noch daran beteiligt sind und nach welchem sich die Geschichten vornehmlich richten.
Hier muss man sozusagen die allererste Gedächtnisform, diejenige, die kurzfristig und situativ die handlungsorientierende Bedeutung erstellt, als den tragenden Pfeiler von Geschichten vermuten. Dieses Kurzzeitgedächtnis oder auch Arbeitsgedächtnis (wobei dieser Begriff sehr unterschiedlich gebraucht wird) gilt als Knotenpunkt für bedeutsame Inhalte. Ich hatte früher schon auf dieses semantische Gedächtnis hingewiesen und Bezüge zur Narration hergestellt.

Kurzerhand kann man den pragmatischen Gewinn der Erzählforschung also an die Kopplung zwischen dem semantischen Gedächtnis im kurzfristigen Maß, an das autobiographische Gedächtnis im langfristigen Maß binden, mithin also eine Verschränkung von psychischen und sozialen Phänomenen.
Peter Fuchs hat Narrationen das Medium des Selbst genannt. Das Selbst, also die soziale Präsentation des Ichs, käme hier in den Stand eines autopoietischen Systems, in der Art, dass Elemente (Narrationen) durch andere Elemente (Narrationen) reproduziert werden und sich so das Selbst in eine driftende Form gießt.

Wirklichkeitserzählungen bilden hier einen wichtigen Aspekt. Sie sind, solange sie autobiographisch sind, auch Elemente, die Inklusionsmöglichkeiten antesten. Inklusion, das ist die systemtheoretische Vokabel für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Lustige Anekdoten sind nicht für sich zu lesen. Im sozialen Zusammenhang sind es - so meine Ansicht - Testballons für den Stand der Inklusion. Wer nette Geschichten erzählt, möchte "irgendwie" dazugehören. Das ist übrigens auch ein Phänomen, dem man heute unter dem Begriff der Metapher bei vielen Coaches begegnet. Was hier als Metapher oder Metaphorik bezeichnet wird, ist ein unsachgemäßer Umgang mit Wirklichkeitserzählungen. Hier wird - neben der von mir oft gerügten Begriffskonfusion - ein Gespräch von Seele zu Seele angepriesen, bei der die Kommunikation völlig unter den Tisch fällt: nicht als Wort, aber als Begriff.
Liest man Coaching-Literatur auf den Inklusionsbedarf von Coaches hin, bleibt meist wenig übrig, was irgendwelchen praktischen Wert darüber hinaus hat.

Der Herausgeber des Buches, Christian Klein, hat dem Buch einen Artikel beigesteuert, der sich Erzählen im moralisch-ethischen Diskurs nennt. Dieser ist deshalb (für mich) besonders spannend, weil allgemeinere Strukturen der Inklusion nicht wissenschaftlich, sondern moralisch legitimiert werden. Wer die Moral für sich gepachtet hat, kann als inkludiert gelten, und wer sich für inkludiert hält, darf die Moral auf seiner Seite sehen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Rituale, Klein untersucht dies auf der Textebene, in denen gerade diese Inklusion noch einmal explizit oder implizit angesprochen wird.
So beschreibt der Autor anhand von Ulrich Wickerts Buch Der Ehrliche ist der Dumme, wie pointiert sich der Autor als Spezialist für Moralfragen inszeniert: er hat alltäglich mit Nachrichten zu tun, die die Welt in ihren schlechten Aspekten darstellt. Er muss sich ständig darüber Gedanken machen. Eine andere Strategie ist, viel Detailwissen anzubringen. Auch wenn dieses Detailwissen vom Leser vergessen wird, bleibt als Quintessenz übrig: der Mann kennt sich aus.
So sind Wirklichkeitserzählungen eben auch zum Teil strukturiert: man hat viel damit zu tun, man kennt sich eben aus, man kann viele Beispiele bringen. - Hier diese Erzählungen konsequenter auf das Schema von Inklusion/Exklusion zu lesen, erhellt auf jeden Fall narrative Strategien, die eigentlich nur implizit wirken sollen, nicht explizit gelesen sein wollen.
Wickerts Buch, das ich aus anderen Gründen vor zwei Jahren gelesen habe, gehört in diese Kategorie Bücher, von denen wenig Inhaltliches übrig bleibt, wenn man die Rhetorik stärker in den Mittelpunkt rückt.

04.08.2009

Es war die Kakerlake ...

... und nicht der Mistkäfer. Oder wie muss ich jetzt das nächtliche Liebesgeflüster eines Pärchens gegenüber verstehen, wo sie ihn wohl gerade rausgeschmissen hat? Singen Kakerlaken eigentlich und wenn ja, warum kann man es nicht mit bloßem Auge hören?


01.08.2009

Der wahre Bodo Ramelow

Ein Freund machte mich vorgestern auf diesen Blog aufmerksam. Er gehört der JU Thüringen, der Jugendorganisation der thüringer CDU. Die Überschriften sind effektheischend. Der Inhalt ist, wenn man ihn sich ansieht, häufig den Überschriften entgegengesetzt.
Der Blog will über den "wahren Bodo Ramelow" aufklären. Dazu muss man wissen, dass Ramelow der stellvertretende Parteivorsitzende der Linken ist. Es dürfte der CDU also ein Dorn im Auge sein.
Was man auf dem Blog findet, ist allemal Denunziation. Zum Beispiel ein seltsames Video, in dem der CDU-Mittelstandexperte Hans Michelbach dem Linken-Vorsitzenden Gregor Gysi vorwirft, er habe sich den Stasi-Vorwürfen entziehen können, weil er ein "Winkeladvokat" sei und unter "diese Verbrecher" [der Stasi] subsumiert. Nicht nur ist das beleidigend, sondern auch rechtswidrig. Nur die Justiz spricht in Deutschland Recht. Bis zur Rechtsprechung gilt die Unschuldsvermutung. Es ist also eine unschöne und undemokratische Geste, die sich Hans Michelbach hier erlaubt hat. Selbst Friedman muss ja nachfragen, ob es sich Herr Michelbach nicht zu leicht macht.
Die JU kommentiert nur dieses Video mit den Worten, Ramelow argumentiere nicht sachlich und werde ausfällig und aggressiv. Aggressiv dagegen ist doch die Hetze, die Michelbach vorträgt, und jetzt die JU Thüringen nachsetzt. Mehr als als Mobbing kann man das doch nicht bezeichnen.

Es wird wohl mal Zeit, die Wahlprogramme genauer ins Visier zu nehmen.