29.06.2009

Warten

Warten. Und warten.
Einen Vorteil hat die Situation allerdings eindeutig: ich lese gerade alles mögliche, wieder alles mögliche durcheinander, zwanzig Simenonbücher am Wochenende, Debords Gesellschaft des Spektakels, Niklas Luhmann zu Widerspruch, Konflikt und Immunsystem, Christoph Kalbs wundervolles Buch Desintegration, und so weiter und so fort.
Dabei entstehen eine ganze Menge spontan hingeschriebener Skizzen und Betrachtungen. Einiges davon löst gewisse Fragen, die ich in letzter Zeit aufgeworfen habe, zum Beispiel wie Gewalt als Ereignis der Interaktion darstellbar ist, also, welche Funktion Gewalt in der Struktur der Interaktion haben kann. Das werde ich auf jeden Fall noch mal ausführlicher darstellen, weil es meiner Ansicht nach ein sehr deutliches Licht auf die sozialstrukturelle Seite von Jugendgewalt, Gewalt in der Ehe, Mobbing, etc. werfen kann und bestimmte Gewaltphänomene überhaupt erst als Gewaltphänomene sichtbar macht. Wird Gewalt bisher als Einwirkung auf Menschen verstanden, so definiere ich nämlich mit Luhmann diese als eine bestimmte Strukturierung zwischen Systemen um, die nur in bestimmten Fällen als Gewalt gegen lebende Körper auftritt. Zudem können hier spezifische Entkopplungen zwischen Gewalt und Macht im politischen System ins Blickfeld geraten, die gerade den modernen Staat in arge Bedrängnis bringen. - So, jetzt komme ich schon wieder ins Plaudern und sage inhaltlich eigentlich garnichts. Demnächst also mehr.



24.06.2009

Stillstand

Stillstand? - Ja, aber rasender. Ich habe immer noch nicht meinen Computer zurück. Und fühle mich auf der einen Seite sehr lahmgelegt. Auf der anderen Seite sitze ich viel am Schreibtisch und schreibe eben wieder, wie ich das früher ausschließlich getan habe, auf Papier (Sie erinnern sich an die Zeit, als es keine Computer gab?). Und dabei entstehen mir tausend neue Ideen.
Zur Zeit lese ich übrigens Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie.

20.06.2009

Computer kaputt

Liebe Leser!
Die nächsten Meldungen werden sich etwas verzögern, da mein Computer am Mittwoch-Abend den Geist aufgegeben hat. Mein Fachgeschäft meiner Wahl hat den aber gleich kostenlos in Reparatur genommen und so hoffe ich, dass ich demnächst wieder online bin.

17.06.2009

Vögel

Im übrigen erinnert mich der Lärm, den manche dieser Selbstdarsteller erzeugen, an jene Szene in Hitchcocks Die Vögel, in der die Familie in ihrem Landhaus gefangen ist und die Schreie der Vögel zu einer unermesslichen Kakophonie anschwellen. Dieser Krach wurde mit Hilfe von Elektronik erzeugt, während die sonstigen Insignien der Spannung durch Musik vollständig vermieden werden. Es gibt in diesem Film keine symphonische Untermalung.
So beobachte ich seit über einem Jahr mit wachsendem Kopfschütteln die Ergüsse eines Matthias Pöhm, einem seit langer Zeit sehr gefeierten Rhetorik-Trainers. Letztes Jahr habe ich mich von ihm hier und da anregen lassen. Doch ist er mir hier eher als ein Ereignis, denn als Ideengeber aufgetreten. Neuerdings gibt sich Pöhm so schicksals- wie naturergeben, ganz esoterisch und ganz im Einklang mit einer erpressten Versöhnung. So schreibt er
Nichts passiert ohne Zustimmung Ihrer Seele. Gar nichts. Jede Krise, jeder Unfall, jedes Verlassen werden, jeder Jobverlust... ist von Ihrer Seele so gewollt. Deswegen können Sie alles bejahen, was Ihnen passiert. Alles passiert im Einklang mit Ihrer Seele. Sonst WÜRDE ES IHNEN NICHT PASSIEREN!
Statt also von Komplexität und Komplexitätsmanagement auszugehen, wird das Ereignis zu einer tiefgründigen Resonanz eines wie auch immer psychischen oder spirituellen Unbewussten. Der Ernst von Wirtschaftskrisen wird genauso wegbehauptet wie Grundtatbestände unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems, zum Beispiel der Arbeitsteilung, oder unseres politischen Systems, der (sowieso nur noch teilweise und nur noch strukturell wirkenden) Solidarität.
Im übrigen vermischt Pöhm, im Gegensatz zu Osho, hier Zustimmung und Willen. Diesen Unterschied kann man, in ähnlichen Begriffen, bei Osho allerdings sehr gut lesen. Die Seele bei Osho hat keinen Willen. Die Seele kennt hier auch keinen Tod. Der Grund dafür liegt darin, dass bei Osho die unendliche Zustimmung eine unzeitige ist. Dazu hatte ich am Montag bereits geschrieben. Diese Zustimmung ist deshalb universell, weil sie wie eine Art Resonanzraum an allem Teil hat, was die Seele umgibt. Man kann sich das in etwa vorstellen wie einen Ort, von dem aus die Umgebung Wechselwirkungen herstellt. Alles, was jenseits dieser Umgebung liegt, berührt die Seele dann buchstäblich nicht. Der Wille dagegen ist nicht Teil der spirituellen Unbewussten. Auch die spirituelle Seele will nicht Krisen, Unfälle, Jobverluste. Sie tritt nur in einen Echoraum mit diesen Ereignissen, jenseits eines Wollens.
Pöhm jedenfalls verkauft hier einen extrem faulen Apfel. Wenn er schreibt, man wolle den Tod, seinen eigenen und den eines anderen und deshalb könne man ihn rückhaltlos bejahen, dann macht er aus der notwendigen Trauerarbeit eine dumme, weil für sich selbst blinde Resignation.
Hier wird der Schrecken, die Existenzangst privatisiert. Dass dabei keinerlei gesellschaftliche Analyse ausfällt, dürfte klar sein.


Coaching-Literatur

Eine denkwürdige Korrespondenz zu der Begriffsarmut von Personal trainers und Coaches (natürlich nicht allen) findet sich in Walter Benjamins erstem Essay von Das Paris des Second Empire bei Baudelaire, der Die Bohème heißt und aus vielerlei anderen Gründen sehr aktuell ist. Bei der Coaching-Literatur gehen Elend des Begriffs und Wortreklame Hand in Hand; was das Elend angeht, das mich immer wieder so sehr frappiert, hier Benjamin:
Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.
Benjamin, Walter: Charles Baudelaire - Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, in: ders., GW I,2, hier S. 521.
Man darf sich übrigens nicht wundern. Den Wörtern, die von diesen halb spiritualistischen Beratern benutzt werden, wird eine einschmiegsame, fürsorgliche Seele zugesprochen, wie sie einst den Lemuren und Penaten eigen war: dienstbare Heinzelmännchen im runtergewirtschafteten Haushalt der Seele. Diese blinkenden Reklamen sind eher magische Embleme gegen die alltägliche Achse des Bösen, gegen Neid, Konkurrenz und einem diffusen "Wir haben all dies nicht gewollt". Schon dass es mittlerweile üblich ist, das Wort Problem durch das Wort Herausforderung zu ersetzen, als habe man keine Probleme, ist leicht zu lesende Chiffre, wenn auch undurchschaubar ihren Protagonisten. Denn in der Herausforderung lebt noch der Sinn für die Balgerei und pubertäres Kräftemessen. Vor allem aber wird der Begriff des Problems, eine lange gut erforschter Sachverhalt, aus seinen theoretischen Bezügen gelöst. Die Worte mögen schmeicheln, aber sind dann nicht mehr die Begriffe der Sache. Denn die Begriffe richten und richten zu. Sie machen handhabbar gerade durch ihre kristalline Spröde, und liegen darum nicht in der Hand wie ein Handschmeichler, sondern wie eine Rohrzange oder ein Schraubendreher, nicht geeignet für das allgemein Abstrakte aber nützlich für das konkret Besondere. 


15.06.2009

Gewalt - Reichtum, Sinnlichkeit, Codierung

Eine kleine Konstellation aus Zitaten (bei Walter Benjamin ist die Idee selbst nicht darstellbar: die Idee ist eine Konstellation aus Phänomenen, und diese Phänomene lassen sich wieder begrifflich darstellen: deshalb kann die Idee nur durch Konstellation, nicht aber "an-sich" beschrieben werden):

Es zeuget gern Übermut alter Zeit Übermut fort und fort,     
Der im Leide grünt und reift -     
Sei's heut, sei's morgen, wenn nur erst die rechte Stunde kommt -,     
Den unüberwindlichen, den allverhassten, den Abscheu des Sonnenlichts, in des Geschlechts     
Nachtdunkler Schuld göttervergessne Frechheit,     
Wieder dem Vater ähnlich!
Doch Dike strahlt unter armselgem, rauchschwarzem Dach,     
Ehret frommes Leben hoch;     
Wer aber goldgewirkte
Pracht mit schmutzger Hand sich webt,     
Da flieht des Vaters hehre Tochter, den Blick abgewandt, des Reichtumes Gewalt,     
Von feilem Lob falsch gemünzt, verachtend;     
Jegliches probt am Ziel sie!
Sophokles, Agamemnon

Nicht wenige Schäden, sogar Zerstörungen und Verheerungen, richteten die Bilder, so wurde allgemein erzählt, aber an im privaten Leben. Dort nämlich gaukelten sie, hieß es, gewaltig. Das Strahlen, oder der Glanz, der, mit ihnen zusammen, von ihr, der Frau, ausging, konnte in den Augen des oft zufälligen Gegenüber nur Huld nein, Versprechen, Bereitschaft, Hingabe sein. Nichts Helleres, Offeneres, Nackteres als das Gesicht dieser mir unversehens zugewandten Fremden in seinem jedes Frauenlächeln übersteigenden Glanz. Begehren, Liebe, Barmherzigkeit: all das in einem. Dann freilich der Rückprall. Der Glanz jedoch blieb. Und das war es, das uns getäuschte Liebhaber entweder zu Rasenden oder zu Kümmerern oder zu beidem machte. Und da Gewalt bei ihr, der Frau!, nicht in Frage kam, mussten Schmähen und Lästern her. »Du hast dein Versprechen nicht gehalten.« - »Du hast mich betrogen.« - »Du führst jeden hinters Licht.« - »Sie ist die Leere und Kälte in Person.« »Sphinx, die uns mit leuchtenden Augen in den Abgrund fallen sieht.«
Handke, Peter: Der Bildverlust, S. 26

Gewisse Länder sind imstande, ihre Eigentumsverhältnisse noch mit weniger gewalttätig wirkenden Mitteln aufrechtzuerhalten als andere. Ihnen leistet die Demokratie noch die Dienste, zu welchen andere die Gewalt heranziehen müssen, nämlich die Garantie des Eigentums an Produktionsmitteln. Das Monopol auf die Fabriken, Gruben, Ländereien schafft überall barbarische Zustände; jedoch sind diese weniger sichtbar. Die Barbarei wird sichtbar, sobald das Monopol nur noch durch offene Gewalt geschützt werden kann.
Brecht, Bertolt: Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit, in: GW 18, S. 227

In diesem Sinne also ist der Charakter des Todes im Schicksalsdrama ganz verschieden von dem sieghaften Tode des tragischen Helden. Und eben diese Verfallenheit des verschuldeten Lebens an die Natur ist es, die in der Hemmungslosigkeit seiner Leidenschaften sich kundgibt. Die Gewalt, welche die leblosen Dinge im Umkreis des schuldigen Menschen zu dessen Lebzeiten schon gewinnen, ist der Vorbote des Todes. Die Leidenschaft setzt die Requisiten in Bewegung; diese sind gleichsam nur die seismographische Nadel, welche die Erschütterungen des Menschen verzeichnet.
Benjamin, Walter: "El mayor monstruo, los celos" und "Herodes und Mariamne", in: GW II,1, S. 267

Worin wir am feinsten sind. - Dadurch, dass man sich viele Tausend Jahre lang die Sachen (Natur, Werkzeuge, Eigentum jeder Art) ebenfalls belebt und beseelt dachte, mit der Kraft zu schaden und sich den menschlichen Absichten zu entziehen, ist das Gefühl der Ohnmacht unter den Menschen viel größer und viel häufiger gewesen, als es hätte sein müssen: man hatte ja nötig, sich der Sachen ebenso zu versichern, wie der Menschen und Tiere, durch Gewalt, Zwang, Schmeichelei, Verträge, Opfer, - und hier ist der Ursprung der meisten abergläubischen Gebräuche, das heißt eines erheblichen, vielleicht überwiegen den und trotzdem vergeudeten und unnützen Bestandteils aller von Menschen bisher geübten Tätigkeit! - Aber weil das Gefühl der Ohnmacht und der Furcht so stark und so lange fast fortwährend in Reizung war, hat sich das Gefühl der Macht in solcher Feinheit entwickelt, dass es jetzt hierin der Mensch mit der delikatesten Goldwaage aufnehmen kann. Es ist sein stärkster Hang geworden; die Mittel, welche man entdeckte, sich dieses Gefühl zu schaffen, sind beinahe die Geschichte der Kultur
Nietzsche, Friedrich: Morgenröthe, in: KSA 3, S. 34f.

Ein Künstler ist derjenige, bei dem der Augenblick der größten Leidenschaft mit dem der größten Klarheit zusammenfällt. Die Dilettanten ermessen die Gewalt eines Eindrucks daran, dass ihnen die Tabakspfeife ausgeht. Der Mut des Künstlers besteht darin, dass er denkt. Dieses Denken ist bei dem Grad leidenschaftlichen Gefühls, dem er ausgesetzt ist, gefährlicher als alles. Was die Reinheit der Kunst betrifft, so hat sie mit der Sauberkeit ihres Materials nichts zu tun, und die Unschuld hat wie beim Weib viele Grade und ist nichts, was man verlieren, sondern eher etwas, was man gewinnen kann.
Brecht, Bertolt: Heiterkeit der Kunst, in: GW 15, S. 120f.

Physische Gewalt ist dasjenige Drohmittel, das sich am besten zur Erzeugung des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Macht und zugleich (und auf dieses »zugleich« kommt es in der Evolution an) zur Ausdifferenzierung eines spezifischen Funktionssystems für Politik eignet, das später den Namen »Staat« erhalten wird. Physische Gewalt ist nämlich in besonderem Maße organisationsfähig - wenn man sie etwa vergleicht mit dem Besitz von Informationen, deren Bekanntgabe für andere unangenehm sein könnte. Der Machthaber braucht die physische Gewalt nicht selbst auszuüben. Es muss nur plausibel sein, dass er sie durch andere (durch Diener, durch Polizei, durch Militär) ausüben lassen kann. Der Machthaber selbst kann für andere Aufgaben freigestellt werden. [...].
Schränkt man das Thema der Untersuchung auf das politische System ein, dann liegt es nahe, Macht, ähnlich wie Geld, als Mittel für noch undefinierte Zwecke anzusehen. Drohung mit physischer Gewalt kann so viel Verschiedenes bewirken, dass man einen Erzwingungsapparat aufbauen kann, ohne sich im Voraus schon auf die Politik festzulegen, die man damit im Einzelnen durchsetzen will. Macht in diesem Sinne ist ein generalisiertes Potential, ein generalisiertes Medium, und dieser Zuwachs an Möglichkeiten und an Bedarf für interne Einschränkung ihres Gebrauchs fällt im politischen System an.
Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 55f.


Kreativität

Das ist ein hochspannendes Thema. Tatsächlich ist nicht nur die neurophysiologische, bzw. psychische Herkunft der Kreativität ein recht umstrittenes Gebiet. Auch die soziale Funktion wird recht unterschiedlich betrachtet.

Gerhard Roth (nach Asendorp)
Hier eine Liste mit Merkmalen der Kreativität (aus Fühlen, Denken, Handeln, S. 190):
  • sprachliche "Begabung" (Anführungsstriche von mir)
  • schnelles Erkennen des Problems
  • rasches Hervorbringen unterschiedlicher Ideen, Symbole und Bilder
  • Flexibilität des Denkens, Wechsel der Bezugssysteme, Finden von Alternativen
  • Um- und Neuinterpretation gewohnter Dinge und Wege
  • schnelles Erfassen der Realisierbarkeit allgemeiner Pläne
  • seltene und unkonventionelle Gedankenführung und Denkresultate
Problemlösen, Bildung, emotionale Kompetenz
Auch Woolfolk setzt die Kreativität in ein enges Verhältnis zum Problemlösen (Pädagogische Psychologie, S. 373ff.).
Einen ganz anderen Aspekt macht die Allgemeinbildung aus: diese wird in Umschreibungen wie "unterschiedliche Ideen" oder "Wechsel der Bezugssysteme" angespielt. Damit man Unterschiede rasch produzieren kann, damit man verschiedene Disziplinen schnell aufrufen kann, braucht man eine gute, verschiedene Disziplinen umfassende Bildung.
Eine dritte, oft genannte Bedingung ist die emotionale Kompetenz. Damit ist nicht die emotionale Intelligenz gemeint. Die emotionale Intelligenz ist ein recht heilloses Sammelsurium aus Persönlichkeitsfaktoren, emotionalen und kognitiven Kompetenzen und sozialpsychologischen Prozessen (bei denen nie 1 Mensch "intelligent" ist). Lassen wir die Kirche hier im Dorf und den Daniel Goleman in der Bibliothek versauern. Die klassische Psychologie hilft hier, um hier genügend Differenzierung einzuführen. Goleman misslingt das gründlich. Seine Unschärfen haben den Nachteil, dass sie sich 1. kaum beobachten lassen (nur "digitale" Unterschiede lassen sich reproduzieren) und 2. schlecht sprachlich mitgeteilt werden können (hier greift dann die genauso wolkige Definition der "Metapher").
Emotionale Kompetenz ist nun so ein Fall für sich. Das Gebiet ist weit gesteckt und reicht von evolutiven Ansätzen über neurofunktionale Forschungen bis hin zu psychosozialen Erklärungen.
Für die Kreativität scheint aber eine dynamische, flexible und reflektierbare Emotionalität sehr wichtig zu sein. Ich neige dazu, Emotionen als strukturierende Funktionen im Arbeitsgedächtnis zu sehen. Es sind sozusagen Wegweiser für den kognitiven Prozess.

Gabe
Ganz anders sieht deCerteau (Die Kunst des Handelns) die Kreativität. Bei ihm vernichtet die Kreativität die Verpflichtung der Gabe, genauer gesagt den axiomatisierten Tausch. Die Kreativität gibt zu viel und aus diesem Grunde auch zu wenig. Genauer fällt sie aus dem kalkulierten Tausch heraus.

Ordnungen des Handelns
Waldenfels (Grenzen der Normalisierung, S. 90ff.) sieht die Kreativität in Bezug auf drei klassische Handlungstheorien. Diese Handlungstheorien sind 1. Handlungen als Weg zum Ziel und eine Zielordnung (Aristoteles), 2. Handlungen als Fall eines Gesetzes und eine Normenordnung (Kant) und 3. Handlungen als Glied einer Kausalkette und eine Kausalordnung (Hume).
Die Kreativität bezieht sich nun auf diese Ordnungen und zwar einmal als innerhalb dieser Ordnung die Grenzen ausnutzend und einmal die Grenzen der Ordnung überschreitend. Die Kreativität, die innerhalb der Ordnung bleibt, nennt Waldenfels dann relativ, während die Kreativität, die die Ordnung überschreitet, eine radikale sei.
Als Beispiel: kreative Handlungen innerhalb einer Zielordnung wollen das Ziel erreichen, gehen aber einen ungewöhnlichen Weg. Dies wäre der Fall, wenn man das Gute erreichen will und dafür Mittel einsetzt, die seltsam, befremdlich oder bizarr erscheinen. Radikales kreatives Handeln hieße, die Zielordnung außer Kraft zu setzen, bzw. Ziele anzustreben, die nicht in der Zielordnung vorkommen. Wenn die Zielordnung das Gute, Sittliche, Angenehme vorgibt, gehen der Verbrecher, der Perverse und der Asket radikal kreative Wege. - Ähnlich ist es mit den anderen Handlungsordnungen.
Besonders interessant erscheint mir hier die Kausalordnung. In der Kausalordnung der Handlungen haben sich in einer Kultur Metonymien etabliert (also Gewohnheiten im weitesten Sinne), die gleichsam das sinnbegleitende Unternehmen zu den Handlungen sind. Wird nun diese Handlungsabfolge kreativ aufgebrochen, entstehen metaphorische Wirkungen, sprunghafte und überraschende Gebilde, die sich nicht durch semantische Nachbarschaft, sondern durch ungesagte Vergleiche und Ersetzungen regeln. Die Metapher bildete dann einen Quell von Metonymien, und die Metapher "stirbt" dadurch, dass man sich an sie gewöhnt und sie so nicht mehr als Sprung, sondern als Nachbarschaft empfindet.

Spirituelles Unbewusstes
Bei Osho steht die Kreativität der Phantasie gegenüber. Die Phantasie lenkt die Gedanken in die Zukunft und die Vergangenheit. Sie vermeidet die Gegenwart. Deshalb sagt Osho, Phantasie sei in der Gegenwart nutzlos. Dagegen ist die Kreativität das schöpferische Spirituelle, das sich auf die Wirklichkeit bezieht, bzw. indem sich das schöpferische Spirituelle auf die Wirklichkeit bezieht, entsteht Kreativität.
Osho verdoppelt das Unbewusste. Er sieht zunächst unterhalb des Bewusstseins ein psychisches Unbewusstes, das er eng an Freud anzulehnen scheint. Darunter gibt es aber ein zweites Unbewusstes, ein spirituelles Unbewusstes, das eine gewisse lockere Nähe zu Carl Gustav Jung hält. Dieses spirituelle Unbewusste ist nicht mehr personal, sondern kosmisch. Die Meditation zielt auf dieses tiefer sitzende Unbewusste ab.
Die Verbindung mit diesem spirituellen Unbewussten kann nicht "erreicht" werden. Es ist kein Ziel, sondern eher ein Freisetzen durch Nicht-Ziele. So ist der Weg zu diesem Freisetzen auch nicht zeitlich zu fassen, sondern unzeitlich. Unzeitlich heißt in diesem Fall, dass die Gegenwart nicht durch Zukunft und Vergangenheit eingefasst wird, sondern sich quasi-unendlich erstreckt. Diese Vorstellung muss man unbedingt vollkommen antiplatonisch lesen. Bei Platon sind die Ideen ewig und das heißt natürlich zeitlos, aber so kommen von außerhalb zum Menschen. Bei Osho dagegen sind die Ideen dynamisch, referieren aber nicht auf ihr eigenes Entstehen und Vergehen und können deshalb keine Zeit in sich abbilden. Bei Platon fehlt die Beteiligung des Menschen an den reinen Ideen, während bei Osho den Ideen die Markierung einer chronologischen Zeit fehlt. Die platonischen Ideen sind unveränderlich und deshalb zeitlos, den Ideen Oshos fehlt das Bewusstsein für Zeit: sie sind dynamisch, erscheinen aber in der Gegenwart als unendliche.
Die Kreativität nun entsteht aus diesen spirituellen Ideen (Osho nennt sie allerdings nicht Ideen). Das spirituelle Unbewusste entfaltet sich in der Gegenwart an der Wirklichkeit, verwirklicht sich hier und genießt sich in diesem Sich-Verwirklichen. Die Erfahrung der sinnlichen Realität fällt ineins mit dem Sich-Erfahren. Prozess und Resultat, Handlung und Werk vernetzen sich in einer Gleichzeitigkeit so miteinander, dass trotzdem beide Seiten unterscheidbar bleiben.
Die Nähe dieser Betrachtungsweise zur kulturhistorischen Schule (Leontjew, Wygotsky, Luria) ist deutlich: dort ist es die Handlung, die Subjekt und Objekt trennt, also Werk und Mensch. Die Handlungen bilden eine Kette, einen offenen Prozess, durch den eine fortlaufende Trennung und Verflechtung von Subjekt und Objekt geschieht, ähnlich wie dies die Kreativität bei Osho für Wirklichkeit und spirituelles Unbewusstes tut.



Zahlreiche kleine Arbeiten

Zahlreiche kleine Arbeiten halten mich gerade vom Blogschreiben ab. Nein, eigentlich könnte ich jeden Tag zehn Denkfiguren veröffentlichen. Benjamin hat mich gerade ziemlich gepackt und ich habe die letzten Tage viel an seinem Karl Kraus-Essay gearbeitet. Vor allem habe ich mir aber die Dokumente im Kommentarband ausführlicher angesehen.
Neben den Arbeiten zu Benjamin habe ich Notizen zur Kreativität und zur emotionalen Kompetenz angehäuft und einen Teil meiner Zettel auf die Sprachtheorie Benjamins angereichert. Nach und nach entsteht hier ein recht umfangreicher Komplex zum Thema Empathie und Gewalt, sowie einige Exkurse zur Kreativität, zum Problemlösen, und zum Training/Coaching.
Das nur so (und mal wieder) nebenbei, weil ich mich lange nicht gemeldet habe.

Außerdem habe ich das dritte Buch aus der Reihe der Montalbano-Krimis - Der Dieb der süßen Dinge - so weit analysiert, dass ich 1. eine Liste sämtlicher Charaktere und deren Auftauchen und "Mitwirken" erstellt habe, 2. sämtliche Schauplätze, Spuren und Indizien und die Art und Weise, wie sie entdeckt werden, versammelt habe, 3. eine Abfolge aller Szenen erstellt und 4. Tathergang und Detektivarbeit auf das argumentative Skelett reduziert habe.
Ziel dieser Arbeit ist auch, dies in den Krimi-Reader zu packen, damit meine kleinen Werkzeuge, die ich dort beschrieben habe, in einem konkreten Zusammenhang gestellt werden. Das wird allerdings noch eine ganze Zeit dauern, bis ich den Text auf den Computer übertragen habe. Und hier verlasse ich eindeutig den Bereich des noch üblichen Zitierens. Das heißt, ich werde mir wohl die Genehmigung des Verlags einholen müssen.


05.06.2009

Empathie und Gewalt

In einen hineinkriechen -
so liest man im Karl Kraus-Essay von Walter Benjamin (Band II.1, S. 347),
so bezeichnet man nicht umsonst die niederste Stufe der Schmeichelei, und eben das tut Kraus: nämlich um zu vernichten.
Mir fällt bei der Arbeit zur Empathie auf, wie sehr heute die destruktive Seite dieser "sozialen Kompetenz" ausgeblendet, wie sehr ihre konstruktive phrasenhaft beschworen wird, wie sehr hier Interaktionsidyll zum Mysterium eines neuen Priestertums wird.
Es gibt zwei Arten des Destruktion. Die eine besteht in der Heiligsprechung, die unberührbar macht, was dem Menschen als tätiges Dasein zugehört. Die andere knackt dieses heilige Wesen und zeigt auf das Hohle, das in dieser Nuss verborgen lag. So gründet die Empathie dort auf Gewalt, wo sie das Schiefe hervorhebt, wo sie den sandigen Boden wässert, auf dem die Häuser stehen, die es zu versenken gilt.
Es mag übrigens eine dritte Art der Destruktion geben, die mit der ersten Hand in Hand geht: die Mode. Der Kleidertausch, der vorgaukelt, man habe es mit gänzlich Neuem zu tun, der den Protestierenden immer wieder in die Rolle des Lernenden drängt, nur damit er am Ende herausfindet, dass es dasselbe ist, manchmal dasselbe Nichts. So ergeht es den Begriffen, wenn sie zu Emblemen der Werbung werden. So verkauft sich die soziale Kompetenz als beständig neu und an der Front des Denkens, während der Inhalt mehr und mehr von der Zeit zerfressen wird und nichts Nahrhaftes mehr bietet.
Nur so konnte dann Karl Kraus schreiben (zitiert bei Benjamin, S. 341):
Und nur das Tier, das Menschlichem erliegt, ist Held des Lebens.


03.06.2009

Krimis schreiben

Neben tausend anderen Sachen habe ich in den letzten Tagen mein Handout zum Schreiben von Krimis ergänzt. Die neue Version kann wieder per e-mail angefordert werden: Krimis schreiben.