28.02.2009

Letzte Meldung

Höre gerade alle meine Queen-CD's.
Habe meinen Nachbarinnen einen Vortrag über Begriffsbildung gehalten, Zeit ins Bett zu gehen.


Kleiner Zwischenkommentar

Es ist mal wieder die Zeit, dass ich in meinen kleinen Sammlungen und Ordnungen untertauche.

1. Ich hatte eine Systematisierung dessen versucht, was mir in der Mailing-Liste zu Luhmann über den Humor zugetragen wurde, sehe aber noch nicht sehr klar.
Insbesondere macht mir gerade das Thema Erwartung und Reflexion zu schaffen, in dem Sinne: was macht der Witz erwartbar? und wie wird die Pointe, die ja diese Erwartungen enttäuschen muss, um hinreichend überraschend zu sein, trotzdem zu einer lustigen Pointe? schließlich: welcher Reflexionsgewinn steckt in einer Pointe für die Kommunikation und ist dies - wie Jörg Räwel behauptet - schon Metakommunikation?
- All dies ist, ihr seht und lest es, noch hinreichend abstrakt und verlangt nach einer brauchbaren, dichten Erklärung. Aber das werden wir später sehen.

2. Fünf Filme ausgeliehen bekommen, dreimal Hitchcock: Rebecca, Die 39 Stufen, Das Fenster zum Hof, und zweimal Kurosawa: Kagemusha, Ran.
Vor allem auf Ran habe ich mich sehr gefreut. Diesen Film hatte ich vor fast zwanzig Jahren das erste Mal gesehen und mich sofort verliebt. Trotzdem bin ich erstmal bei Hitchcocks Film Das Fenster zum Hof hängen geblieben. Ein wunderbarer Film, der gerade durch sein dezidiertes Kammerspiel eine enorme Intensität aufbaut.
Hitchcock hat dieses Vermögen, auch in Rebecca, die Kamera eine Bildbegrenzung setzen zu lassen, in dessen Rahmen sich die Gesichter zueinander bewegen und dadurch kleine Veränderungen einen großen Ausdruck bekommen. Solche Großaufnahmen eines Gesichtes, zweier Gesichter oder eine Aufnahme mit dem sich ausdrückenden Oberkörper werden meist ohne Kamerabewegung und ohne Bewegungen im Hintergrund gefilmt. Dadurch gerät das Mienenspiel zu dem dominanten Ausdruckswert. Man schaue sich nur die Szene an, in der Grace Kelly aus dem Fenster blickt und plötzlich die Augen weit und entsetzt aufreißt. Wir Zuschauer brauchen nichts weiteres, um zu begreifen, dass sie jetzt ihrem Freund glaubt und die fremde Frau als Opfer eines Mordes sieht.

Außerdem noch die Neuverfilmung von Nebel des Grauens, die nicht der Rede wert ist. Aus dem kriechenden Schrecken des Originals macht dieser Film eine bösartig angreifende Substanz. Das wird spätestens dann lächerlich, wenn der Nebel mal nicht angreift.
Dann werden alle knorrigen Figuren durch glatte Jungsche ersetzt, sogar die Radiomoderatorin und der Wettermann. Vor allem der Pater Malone ist ein so schwacher Abklatsch vom Original, dass es schlichtweg zum K****. ist ...
Schließlich ist die entscheidende Spannung des Originals durch die sechs Opfer vorgezeichnet, die der Nebel sich holt, und dadurch, dass am Ende, wenn nur noch ein Opfer fehlt, der Nebel sich nach zwei Menschen ausstreckt. Ich hatte dazu schon einmal geschrieben. Nun fällt genau dieser Spannungsmoment in der Neufassung weg. Der Nebel holt sich jeden, den er kriegen kann. Wären die potentiellen Opfer sympathisch, ginge das noch. Aber sie sind es nicht.
- Außerdem haut der Film mit einer Vielzahl von Schockeffekten um sich, die so inkonsistent wirken, dass es nur noch lächerlich ist. Im Original werden die Opfer immer erstochen. Hier aber werden sie mal verbrannt, mal von einem fliegenden Messer aufgespießt (das vorher auch noch spannungsträchtig wackelt!), mal überkommt das Opfer die Lust zu einer Spontanverwesung, etc. Dreimal doof, kann ich da nur sagen.

3. Vor einiger Zeit hatte ich einen Krimiplot fertig gestellt. Ich habe jetzt recht fleißig an dem Hintergrund herumgefeilt. Das heißt, dass ich vor allem einzelne Personen mehr und mehr ausgearbeitet habe. Der Weg vom Plot zu den Personen hat sich meiner Ansicht nach sehr gelohnt. Da ich diesen Krimi als einen Serienkrimi entwerfen wollte, brauchte ich natürlich das ganze Drumherum, um mir zumindest einen zweiten und dritten Krimi imaginieren zu können.
Das war der eine Grund. Der zweite: natürlich soll ein Krimi ein Krimi sein, aber ich wollte genügend Humor in der Geschichte haben, dass es nicht nur ein sozialkritischer Whodunnit wird, sondern zwischendurch auch einfach unterhält und aus der Situation heraus komisch ist. Das galt es in das Setting einzubauen, ohne den Krimicharakter zu stören. Insgesamt hatte ich mir als Ziel ein Genre gesetzt, das vor allem Krimi, dann aber auch ein wenig Soap und teilweise situationskomisch, teilweise slapstickhaft ist. - Wenn ihr jetzt gespannt seid: keine Angst, ich bin es auch. Noch ist die Geschichte nicht fertig geschrieben.
Schließlich wollte ich für diese Geschichte auch noch eine gewisse, strenge Komposition, so dass nicht einfach nur eine Geschichte erzählt wird, sondern sich bestimmte Aspekte ineinander spiegeln. Das hat mich am meisten Mühe gekostet. Ich wollte die Art und Weise der Mordes in einem allgemeineren Rahmen als Thema mitlaufen lassen, als ein Beispiel. Ich möchte jetzt natürlich nicht den Mord selbst verraten. Das Thema ist "Glück" (und wie man mit "Glück" jemanden umbringen kann). Jetzt stehen am Anfang und am Ende (diese Szene habe ich als erstes geschrieben) zwei Dialoge zum Glück und was es für den Menschen ausmacht. Sehr knappe, etwas tränenduselige Dialoge, aber in dieser Kürze und mit einem gewissen rührseligen Witz darin sehr brauchbar.
Heute abend habe ich mich dann endlich ans Schreiben gemacht. Da Plot und Setting jetzt fertig sind, die Szenen weitestgehend aufgeteilt, die Kapitel in ihrer Abfolge bestimmt, brauche ich jetzt nur noch Fleiß und Durchhaltevermögen.

25.02.2009

Namensänderung

Nur so viel:
Dieses Werkzeug spricht mit dir, genau wie dein Papa!
(aus einer Anzeige für sprechendes Werkzeug von Bob, der Baumeister)


24.02.2009

Nacht

Früh am Morgen.
Man sucht nach Schuldigen für die eigene Arbeitswut. Hier sind sie:
1. Der Blog von Frau Drescher, die im systemischen Coaching und im "Texte" coachen tätig ist, also meinen eigenen Interessen sehr nahe. Schön gestalteter Blog übrigens, wenn auch etwas zu werbemäßig. Die Fotos, die die Texte begleiten, sind ästhetisch, nicht belastend, nicht plakativ, sondern auf eine angenehme Art und Weise Augenöffner.
2. Bei einem Bekannten, Sebastian Bayer, den neuen Webauftritt begutachtet.
3. Einige Stellen von Harry Potter und Andrea Camilleri, und einige Witze auseinanderklabüstert. Zudem ein wenig Hitchcock (mal wieder Der unsichtbare Dritte) und Spielberg (Der weiße Hai). Thema? Der Humor. Dazu - wie ich oben schon geschrieben habe - demnächst mehr.
Jedenfalls habe ich eine Mail in die Mailing-Liste zu Luhmann gesetzt und bin jetzt gespannt, was die Mitstreiter dazu zu sagen haben.
4. Christian Wilke hat vor ein paar Tagen eine Mail in die Mailing-Liste gesetzt, die die Funktionssysteme vor ihrer operationalen Schließung thematisiert, also Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion, Erziehung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit. Untersuchungsgegenstand ist - grob gefasst -, wie es zur operativen Schließung der Wirtschaft kommen konnte.
Dazu hatte ich einen leicht verlümmelten Vorschlag gemacht und vier Untersuchungsfelder skizziert. Heute kam von Herrn Wilke dann eine Rückfrage, die ich etwas länger beantworten musste. Folge dieser Bemühungen: ich habe meine Aufzeichnungen zu den Leistungen von Organisationen mit Varelas Thesen zum menschlichen Immunsystem und meinen eigenen Untersuchungen zu narrativen Figuren kurzgeschlossen. Und siehe da: irgendwie passt es zueinander.
Wahrscheinlich aber nur so lange, bis der Herr Fuchs oder der Herr Schreiber oder der Herr Lorentzen das Fenster aufreißt, für Durchzug sorgt und sämtlichen Hypothesendunst wegfegt.

In diesem Sinn gute Nacht.


23.02.2009

Franz Lehner : Wissensmanagement

Ein Rezensions-Exemplar bekommen, ein sehr spannendes Thema. Eigentlich ist dieses Buch für das Management von Wissen in Unternehmen gedacht, also nicht für den Laien geschrieben. Auch für diese, zumindest, wenn sie im "Wissens"-Bereich tätig sind, ist dieses Buch aber sehr praktikabel.
Es gibt ein paar Schwächen in diesem Buch. Dazu werde ich mich aber erst äußern, wenn ich die Rezension geschrieben habe und diese das Lektorat passiert hat.
Eine andere Sache kann ich aber hier schon anmerken: das Buch wurde von keinem Systemiker geschrieben. Trotzdem es zahlreiche Bezüge zu explizit systemischen Fragestellungen der systemischen Organisations- und Wissenssoziologie gibt, wird diese nur gestreift. Mir wuseln deshalb ständig systemische Äquivalente durch den Kopf, so dass ich statt des einen Buches gleichsam noch zahlreiche Zettelchen dazu mitlese: Zettel, die nie geschrieben wurden, sondern nur in meinem Kopf existieren. Gerade deshalb aber bin ich beim Lesen fast fiebrig dabei und habe heute schon die Hälfte des mir eigentlich fachfremden Buches gesichtet (durcharbeiten wäre zu viel gesagt, lesen zu ungenau: also probiere ich es mal mit einem etwas anmetaphorisierten Verb).


Meerschweinchentorte

Meine Nachbarin Rena hat heute Geburtstag. Von ihrer Mitbewohnerin gab's ein paar Playboy-Puschen, von mir eine Meerschweinchentorte, nein eigentlich eine Torte mit Erdbeeren und Vanille-Buttercreme, aber obendrauf ein aus Marzipan ausgeschnittenes Meerschweinchen.

Was gibt es sonst aus meinem Leben?

Süchtig nach Wagner
So langsam werde ich richtig süchtig nach Wagner. Gerade höre ich wieder den Tannhäuser. Und den Tristan habe ich links auf einem Bücherstapel liegen, eine Aufnahme mit Bernstein, Hildegard Behrens und Peter Hofmann (obwohl ich mal eine Aufnahme mit René Kollo gehört habe, Mann, was konnte der singen!).

Zettelkasten
Und dann wuchert mein Zettelkasten. (Tausend Dank an Daniel Lüdecke, der diesen geschrieben hat. Nahezu jeden zweiten Tag stellt er eine verbesserte Version ins Netz, in der es mehr Funktionen oder auch mal fixierte Bugs gibt.)
Ich versuche möglichst jedes neue Stichwort durch mindestens zwei, drei Zettel, meist weitere Zitate, zu ergänzen.
Sehr wichtig:
1. Ideen notiere ich rasch auf einem Zettel, setze diesen später in ein kleines Cluster um und übersetze dieses wieder in stichpunktartige Ideen direkt in den Zettelkasten hinein.
2. Zudem sammle ich Fragen. Neue Themen, neue Aspekte formuliere ich nicht unbedingt aus. Bei der Menge an Fragen, die ich habe, geht das auch garnicht. Indem man hier Fragen stellt, spezifiziert man aber schon Suchgebiete aus. Und - was sehr viel wichtiger ist - man lernt Fragen stellen, und entwickelt vielleicht so etwas wie eine Neugierhaltung - was ich nicht bestätigen möchte: ich war auch vorher schon neugierig, bevor ich diese Technik kennen gelernt habe. Mitgeteilt hat mir diese Technik Ingeborg Kriwet, die einzige Professorin im Bereich der Sonderpädagogik, der ich ein offenes und neugieriges, gleichzeitig aber strukturiertes Wesen bescheinigen würde (was aber auch an fehlender Kenntnis zahlreicher Professoren liegen kann).
So kompostieren verschiedenste Themen vor sich und werden immer umfangreicher. Es macht zwar etwas Mühe, den Zettelkasten regelmäßig zu pflegen, aber nach und nach ballen sich wie von selbst Themen zusammen und solange man mit einer gewissen unaufmerksamen Haltung auch Nebensächlichkeiten einarbeitet, knüpft der Zettelkasten fast alleine neue Verbindungen und macht einen auf weitere Aspekte aufmerksam.
Relationierte Unordnung statt gegliederter Ordnung. Ein leicht postmodernes Konzept? Sicher.

22.02.2009

Gewalt und Langeweile

Hier noch ein Bruchstück aus der Diskussion in der Mailing-Liste zur Systemtheorie. Vieles daran ist wohl leider recht verkürzt und nur für Menschen mit einer gewissen Kenntnis der Luhmannschen Schriften verständlich. Da ich durch diese Anregungen und dadurch, dass hier zahlreiche ähnliche Argumentationsgänge geäußert werden, sehr ermutigt bin, werde ich wohl in näherer Zukunft das eine oder andere auch für meine anders orientierten Leser ausarbeiten.

Hier also die Anregungen, die Ludwig Schreiber mir zukommen ließ.
Ich habe geschrieben:
Interessanter wäre es hier allerdings, Langeweile als soziales Phänomen noch einmal durch das Nadelöhr der Systemtheorie zu schleifen.
Herr Schreiber antwortete:
Nur so ein Seitenblickversuch: Wenn sich 'Langeweile' insbesondere auch als Form (in) der Kurzweiligkeit moderner Entscheidungssysteme finden ließe, läge die Erosion von 'Arbeit' als gesellschaftliches Synchronisationsmedium nicht weit? 'Faulheit' könnte (würde) mithin zu einem exklusiven, quasi gewaltigen Qualifizierungsschema organisatorischer INKLUSIONskommunikationen avancieren?
Meine Antwort darauf ist nun etwas schräg, sozusagen durch den Aufwind ins Trudeln geraten. Ich habe sie für den Blog ein wenig strukturiert und ergänzt, damit die einzelnen Aspekte deutlicher werden.
Sehr geehrter Herr Schreiber! Liebe Liste!

Synchronisation
Sicherlich fehlt hier auch die Arbeit als gesellschaftliches Synchronisationsmedium.
Ich würde aber auch noch vermuten, dass es an einer Differenzierung narrativer Muster gebricht. Narrative Muster sind kleine Schemata im Diskurs, die für typische Differenzierungen geeignet sind, also linguistisch zwischen Sätzen und kleinen Erzählformen zu finden.
Um das ganz empirisch zu halten: mir fällt immer wieder auf, dass es schwierig ist, mit manchen Menschen zu reden, weil sie nur sehr wenige solcher narrativer Muster "besitzen"; es gibt sozusagen nur wenige formale Differenzierungsmöglichkeiten in ihrer Welt. Andere dagegen sind sehr reich an solchen narrativen Mustern und das sind meist Menschen, die gut erzählen können.
An meinem Sohn beobachte ich, wie sich solche Muster zuerst durch Imitation, dann durch Varianzen in sein tägliches Erzählen einbauen. Faszinierend dabei ist, dass solche Muster anscheinend gut geeignet sind, neues Faktenwissen in sich aufzunehmen und dieses dann quasi-narrativ zu reproduzieren, also ein hervorragendes Medium für's Lernen sind.
Ich würde schon alleine deshalb narrative Muster als gesellschaftliches Synchronisationsmedium von Personen, Interaktionen und Organisationen vorziehen, weil Arbeit zu viel an Handlung suggeriert, aber durch narrative Muster (in diesem Fall: Arbeitsabläufe) ebenso geordnet werden kann. Insofern stimme ich hier Herrn Fuchs voll und ganz zu.

Nachträgliche Anmerkung:
1. Als ich oben zum Semantischen Gedächtnis geschrieben habe, zur Deduktion und Induktion, aber auch zum Szenischen Schreiben, zur Metonymie und Konnotation, zum Modell und zur Personencharakterisierung, habe ich das Thema des narrativen Musters immer wieder angespielt. - Kleine Texte, die verschiedene Methoden und Modelle vorführen, werde ich noch in den Blog setzen.
2. Herr Fuchs bezeichnet die Narrativität als Medium des Selbst. Dieses Medium müsste man natürlich genauer ausarbeiten. Obwohl ich narrative Muster derzeit vor allem in der Belletristik untersuche, dürfte sich das leicht auf den Alltag übertragen lassen und als ein allgemeines Medium alltäglicher Inszenierungs-/Konstruktionsprozesse von Alltag fruchtbar sein.
3. Es gibt hier natürlich zahlreiche klassische Verweise. Benjamins Passagenwerk wäre zu nennen, die Untersuchungen von Foucault, die projektiven Einsätze von Michel Serres, schließlich aber auch jede gute Biographie oder Autobiographie, Tagebücher und Briefwechsel. Insbesondere interessiert mich gerade der Begriff des Ritornells aus Tausend Plateaus, und die Theorie sozialer Rhythmen in André Leroi-Gourhans Hand und Wort.


Erosionen
Was die Erosion dieses Synchronisationsmediums angeht, so kann man sich hier vielleicht in verschiedenen Ersetzungsmöglichkeiten üben, wie zum Beispiel das Dingschema nicht mehr im Schematismus von innen/außen behandelt wird, sondern warenförmig als ganz/kaputt oder funktionierend/verbraucht (bzw. veraltet). Wurden früher noch Telefone von Hand repariert, Fernseher aufgeschraubt, Tische mit einer neuen Tischplatte versehen, wissen viele Menschen heute nicht mehr, wie man solche handwerklichen Tätigkeiten ausübt, bzw. was sich überhaupt in diesen Gegenständen befindet. Das heißt ja auch, dass es hier einen Verlust, eine Erosion an Ablaufschemata gibt, an Skripten, an narrativen Mustern.
Wissenschaftlich gesehen geht es hier um Methoden (zeitlich), Modelle (sachlich) und disziplinäre Übersetzung (sozial, wobei die andere Theorie, zum Beispiel die Psychoanalyse, als Quasi-Anderer fungiert).

Nachträgliche Anmerkung:
1. Wissenschaftlich mag es heute so sein, dass eine Deflation von funktionalen Äquivalenten der narrativen Muster durch eine Art Karrierehysterie hervorgerufen wird. Es gilt nicht mehr, ordentliche Wissenschaft zu leisten, sondern eine Position zu ergattern. Und andererseits sind die Professoren an der Uni entweder zu überfordert oder zu faul, um hier eine fachgerechte Blockierung von Karrierechancen vorzunehmen. - Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt und gilt nur in Einzelfällen.
Aber es ist schon auffällig, wie dünn gesät diejenigen Wissenschaftler sind, die von einer Theorie profunde Ahnung haben, geschweige von mehreren Theorien. Und wie viele Akademiker die Universität verlassen und kein einziges theoretisches Grundlagenwerk mehr in die Hand nehmen, ja noch nicht mal während des Studiums zu einem Werk gekommen sind, das man als Grundlagenwerk bezeichnen könnte.
Dümmstes Argument: "Mich interessiert vor allem die Praxis!" - Jede Praxis muss strukturiert werden. Diese Strukturierung geschieht durch Sinnmuster oder auch narrative Muster. Und damit diese irgend kontrolliert werden können, müssen Vergleichbarkeiten her, und natürlich auch Argumente, Argumentationsgänge. Wer also sagt, es ginge ihm nur um die Praxis, behauptet eigentlich nur, dass er unreflektiert vor sich hinfuddelt.
2. Ohne hier in eine konservative Kerbe schlagen zu wollen: Grundlage aller über den Satz hinausgehenden Muster und Strukturen ist die Struktur des Satzes, also die Grammatik. In die Logik übersetzt: die logische Proposition. In die Neurophysiologie gewendet: die kognitive Proposition. Ohne eine reiche, differenzierte Grammatik verarmen auch - meiner Ansicht nach - die narrativen Muster. Eine Kultur des Lesens und Schreibens, der Sprachreflexion und des kreativen Sprachgebrauchs sind also für eine weitergehend reiche Kultur notwendig und beides vor allem in der Schule (und im Elternhaus) zu pflegen. Soviel also zu meinen persönlichen Werten.
3. Methoden, Modelle und disziplinäre Übersetzungen sind Formen der offenen Produktion, nicht des konservativen Ziels. In diese Dreiteilung mag ich sehr kurz gefasst die drei Produktionsformen von Deleuze und Guattari einhängen:
Methoden entsprechen dem Konnexionstypus der Produktion, also der Produktion von Produktion. Methoden/Konnexionen ziehen sich eine Serie von Partialobjekten aus einem Objekt. Der methodische Gang folgt einem "und dann ... und dann ...", hat also einen sehr schlichten narrativen Charakter, einer Art theoretischem road-movie gleich oder der Hypotaxe. Der Paralogismus der Konnexion ist die Extrapolation, die aus der Serie eine Art hervorragendes Objekt zieht. Beispielhaft sei hier das Mittelmaß, die statistische Höchstverteilung genannt. Wenn ein bestimmter Typus von Mensch zum Beispiel gesellschaftlich erfolgreich ist, heißt das noch nicht, dass dieser die Norm darstellt oder darstellen darf. Die Logik dahinter wäre ja, dass, je mehr Menschen diesem Typ entsprechen, dass die Gesellschaft insgesamt umso erfolgreicher sein müsste. Das ist eine rein quantitative Argumentation. Man könnte aber genauso gut argumentieren, dass der Erfolg sich darauf begründet, weil die Differenzen dieses Menschentypus zu anderen produktiv ist. Das ist eine qualitative Argumentation. Nicht also der erfolgreiche Mensch ist die Norm, sondern die Qualität der Differenz führt zu einer besonderen Produktion.
Modelle entsprechen dem Disjunktionstypus der Produktion, also der Produktion von Distribution. Modelle/Distributionen verteilen Singularitäten auf einer Fläche, zum Beispiel Nachrichten auf die vier Seiten einer Nachricht (Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun), oder die Konnotationen eines Textes auf fünf verschiedene kulturelle Codes (Konnotationsmodell von Roland Barthes). Sie zeichnen Karten von Alternativen, die sich parataktisch in einem "... oder ... oder ..." ausdrücken, gleich jenen Abenteuerspielbüchern, wo der Leser jeweils entscheiden kann, wie der Held in einer Situation handeln wird und dementsprechend eine andere Geschichte zu lesen bekommt. Der Paralogismus der Disjunktion ist das double-bind: wie du dich auch entscheidest, es kommt alles auf's Nämliche raus, denn ich behalte das letzte Wort. "Seien Sie kreativ!", sagt der Arzt, und was immer der Patient nun malt oder schreibt, es wird dem Arzt die pathologische Deformation bestätigen. Der Patient hat gar keine Chance.
Disziplinäre Übersetzungen entsprechen dem Konjunktionstypus der Produktion, also der Produktion von Konsumption. Übersetzungen/Konjunktionen lassen Strömungen entstehen und je intensiver sie übersetzen, umso mehr wird das passive Objekt der Übersetzung in ein Werden hineingetrieben, in eine unerbittliche Wandlung, die nicht stillzustellen ist: unendliche Semiose, solange man immer und immer wieder übersetzt; so die schizophrenen Wanderungen bei Beckett, so die Rhythmisierung der Reise in Handkes Bildverlust, einer Reise, die nicht aufhören kann, weil sie nicht äußerlich ist, aber auch nicht innerlich, sondern in einem Dazwischen gleitet, das aus jedem Flug, aus jedem Warten, aus der schnellsten Bewegung und aus dem Stillstand eine intensive Reise macht. Die Konjunktion verfährt entsprechend metataktisch: "Das also ...", interpretierend im weitesten Sinne. Der Paralogismus ist diejenige Übersetzung/Konjunktion, die still stellt, die bijektive Applikation. Jedes Element wird eindeutig zugeordnet, gerastert und eingetütet. Damit ist der Prozess zu Ende. Familienmodelle verfahren manchmal so. Es gibt die gute Familie, es gibt, als Alternative, ein paar Muster der pathologischen Familie. Eines dieser Muster wird der Familie übergestülpt, und was nicht ganz genau hineinpasst, als unbedeutende Abweichung disqualifiziert. Schulnoten werden so behandelt: wer sehr gute Noten schreibt, ist auch intelligent. Er hat gelegentlich (unbedeutende) Ausrutscher. Wer schlechte Noten schreibt, ist weniger intelligent, hat aber gelegentliche (unbedeutende) Geistesblitze.
Dieses Schema müsste man an Luhmann rückbinden, Deleuze/Guattari mit Luhmann übersetzen und umgekehrt. Derzeit arbeite ich mich durch die Synthesen Kants durch, deren Übersetzung ins Unbewusste Deleuze/Guattari mit ihrem Anti-Ödipus geleistet haben.


Langeweile, Gewalt und Kultur
Langeweile wird - folgt man meiner Interpretation von Nietzsche - durch einen Verlust an Kultur erzeugt, und, als Gegenpol, entsteht dann auch die Ausformung von Gewalt. Kultur, hier vage definiert, als gesellschaftliches Gedächtnis von narrativen Mustern (also nicht das gesamte gesellschaftliche Gedächtnis, sondern nur dasjenige, das die drei Sinndimensionen in kleine, komplexe Figurationen zu stellen weiß, im Prinzip also Aphorismen, Maximen, Witze, etc.) Langeweile und Gewalt beruhten dann auf einer Deflation von solchen Mustern, bzw. werden im Anschluss daran als kompakte Sperre von Reflexionsgewinnen gepflegt, Langeweile mehr auf's Innen bezogen, Gewalt mehr auf's Außen bezogen (woran sich psychoanalytisch Sadismus und Masochismus, bzw. Schuld und Scham anschließen ließen, die Kultur als Sublimierung). Beides kann man als Synchronisationskrisen bezeichnen: der Adressabilitätskollaps geht hier mit dem Kollabieren von Handlungsalternativen einher, und mit diesen auch die Differenzierung von Zukünftigkeiten, Planbarkeiten.


Humor und List
Und, um hier zwei letzte Gedankengänge einzuhängen, ist Humor in all seinen Schattierungen die Inflation solcher narrativen Muster, oder zumindest der Indikator von dieser Inflation. Listen/Tricks dagegen sind das Ausflaggen des Humors als Handlungsverläufe (nicht immer zu allseitiger Freude), wobei ich hier großzügig auch "unbewusste", unfreiwillige Listen (Fehlleistungen, neurotische Mechanismen, Abwehrstrategien), subsumiere.


Das sind - krude umrissen - die Gedanken, die ich dazu anhäufe. Zur Zeit schiebe ich eine explizitere Beschäftigung mit der juristischen Argumentationslehre vor mir her, die mir eigentlich sehr vielversprechend erscheint (zur klassischen philosophischen Deduktion habe ich vor einiger Zeit eine Verknüpfung zum Krimi entworfen).
Vielen Dank für den Begriff der Synchronisation. Der ist mir tatsächlich noch nicht in diesem Gebiet untergekommen und erscheint mir sehr vielversprechend.

Mit freundlichen Grüßen,
Frederik Weitz

21.02.2009

Phantomscherz

Auf diesen Blog hatte ich schon einmal hingewiesen. Ich wärme meine Empfehlung auf, auch wenn Sie jetzt denken: "Sch***-Mikrowellenfraß!"
Für alle, die Augenprobleme haben, hier noch einmal die Unter-Überschrift zum Nachbuchstabieren:
Soziologisch fundierte, hormonell gesteuerte, emotional generierte Kommentierung der Gesellschaft... und Titten!
Außerdem ein Phantombild aus einem Kurosawa-Film (rechts), Die sieben Samurai, wenn mich nicht alles täuscht.
Was mich jetzt noch einmal auf diesen Blog hinweisen lässt, ist seine deutliche Polemik gegen die Mainzer Fastnacht. Dort spricht er von der "fastnachtlichten Schlachtung einer Frau" (Frau Ypsilanti) und dem vergorenen Humor der Karnevalisten. Aber lest bitte selbst.

Peter Fuchs schreibt

ich denke, dass man sich dem Phänomen [der Gewalt, FW] nähern kann, wenn man das Theoriestück der Symbiotik mit dem der Adressabilität verbindet. Gerade im Blick auf gewaltbereite Jugendliche vermute ich, dass die Gewalt (als symbiotischer Krisenmechanismus) einen Adressabilitätskollaps anzeigt. Das ist sehr abstrakt formuliert, aber ich habe in Lehrforschungsprojekten bemerkt, dass dieser Ansatz sehr fruchtbar sein könnte, vor allem, wenn es gelingt, etwas auszumachen über das psychische Widerlager sozialer Adressen und seines (internen) Adressabilitätsmanagements. Im Zentrum stünde die Form der Person (Person/Unperson).
Dabei hatte ich nur in Bezug auf die Jugendkriminalität ein wenig herumgeflachst und mich selbst einer alteuropäischen Semantik bezichtigt (was, für Nicht-Luhmann-Leser, eine Art Beschimpfung, hier also Selbstbeschimpfung, ist).
Entstanden ist dies folgendermaßen: Herr Sander thematisierte den Begriff des sozialen Bewusstseins (bzw. etwas Ähnliches), und wir hatten darüber ein kleines, nettes Scharmützel, ob die Gesellschaft als Form des Mediums lose gekoppelter Bewusstseine sei (Nicht-Luhmannianer bitte hier mit dem Denken aufhören!). Jedenfalls schrieb ich als Antwort:
Im übrigen hat das soziale Bewusstsein ja schon eine hübsche Karriere hinter sich, siehe die Schule von Durkheim. Ob man hier gegen Luhmann anglänzen kann (um mal eine nicht ganz so saloppe Formulierung wie anstänkern zu benutzen)? Ich habe da meine Zweifel.
Man kann diese Verquickung von sozialen Tatbeständen und Kollektivbewusstsein bei Durkheim in den Regeln der soziologischen Methode nachlesen (Frankfurt am Main 2002). Durkheim spricht den faits socials eine große Macht zu. Gewöhnlich verinnerlicht ein Mensch diese faits socials, zum Beispiel christliche Glaubensregeln, und integriert sich dadurch in die Gesellschaft. Das Kollektivbewusstsein ist also kein wie auch immer geartetes summendes und brummendes, sprich: emergentes soziales Bewusstsein, sondern eine sich verändernde (evolutive) Masse sozialer Tatbestände. Auch der Widerstand gegen die faits socials ändert nichts an deren Wirksamkeit, in dem Sinne, dass noch der Widerstand diese anerkennt, auch wenn er gegen sie protestiert. Alleine die Anomie fällt aus dem Kollektivbewusstsein heraus, weil die normative Bindung nachlässt. Die normative Bindung in der Gesellschaft regelt unter anderem das Maß menschlicher Bedürfnisse (siehe - haha! - Bankmanager), also das, was ein einzelner Mensch sich als das ihm Zustehende an der gesellschaftlichen Produktion zuspricht, bzw. zusprechen darf (es ist also eine gesellschaftlich normierte Selbstattribution). Wenn die normative Bindung nachlässt, verschwindet dieses Maß, wird unsicher, schwankend, - Durkheim spricht hier unvorsichtiger von einem Wachsen ins Maßlose.
Um hier nochmal den Argumentationsgang zu wiederholen: Normative Bindung durch soziale Tatsachen spricht jedem Individuum einen bestimmten Anteil der gesellschaftlichen Produktion zur Bedürfnisbefriedigung zu. Diese normative Bindung macht das Kollektivbewusstsein aus. Es entsteht nicht aus individuellen Bewusstseinen, die sich irgendwie in einen Gesamtbezug setzen, sondern das individuelle Bewusstsein verinnerlicht das kollektive Bewusstsein und integriert sich damit in die Gesellschaft. Wenn diese Verinnerlichung schwindet, entstehen unklare normative Lagen: das Individuum gerät in Gefahr, anomisch zu werden.
Weder aber bezeichnet die normative Bindung eine Art sozialer Gerechtigkeit. Die Zuweisung von individuellen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung kann sogar sehr ungerecht sein. Es geht hier einzig um die Tragweite der bindenden Kraft, nicht um die Gerechtigkeit des Maßes. Noch ist die Anomie ein Versagen des Individuums. Laut Durkheim (soweit ich mich erinnere) sind es vor allem rasche gesellschaftliche Wandlungen, die zu einer schwindenden Regulierung der Bedürfnisse führen, also Zeiten, in denen gesellschaftliche Krisen oder konjunkturelle Blüten die regulativen Mechanismen der Gesellschaft auseinandertreiben. (Systemtheoretisch gesprochen: durch eine Inflation von Gegenwarten kommt es zu einer Deflation von Erwartungsinterdependenzen.)
Soweit also der kleine, aus dem Gedächtnis geschriebene Exkurs zu Durkheim. Maurice Halbwachs wäre als ein weiterer Vertreter zu nennen, und eventuell Marcel Mauss.

Hier nur soviel: Luhmann definiert die Norm als Einschränkung von Erwartungsselektionen. Erwartungen selbst sind Einschränkungen von dem, was die Zukunft mit sich bringt. Man kann nicht alles erwarten und vor allem nicht gleichzeitig unterschiedliches oder gar widersprüchliches. Aber es könnte einem von Moment zu Moment etwas anderes einfallen, was er erwarten könne, und wenn jeder Mensch in der Gesellschaft einfach nur irgendwelche Erwartungen hätte, dann könnten diese wirr und durcheinander ein ziemliches Chaos erzeugen. Als Normen gelten bei Luhmann nun Strukturen, die den Spielraum von Erwartungen begrenzen, also nicht-beliebig machen. Solche Normen müssen nicht offen thematisiert werden. Sie haben oft einen mehr oder weniger vagen semantischen Gehalt - wie etwa "Würde des Menschen" oder "Gleichheit vor dem Gesetz".
Normen schränken Entscheidungsfreiheiten ein. Diese Einschränkung nennt Luhmann Integration (was nicht heißt, dass Normen die einzige Möglichkeit von Integration sind). Das Gegenteil von Integration ist aber nicht die Anomie (nicht unbedingt), sondern zunächst nur die Desintegration, also die Ausweitung von Freiheitsgraden. Und Luhmann bemerkt irgendwo sehr richtig dazu an, dass Menschen der Unterschicht integrierter seien als Menschen des gehobenen Mittelstandes oder der Oberschicht, in dem Sinne, dass das äußerst flexible Kommunikationsmedium Geld viele Freiheitsgrade des Konsumierens zulässt, bzw. auch viele Möglichkeiten, sich Zutritt zu besonderen Formen der Kommunikation (Kunst, Oper, Bildung) zu leisten.

Herr Sander jedenfalls schrieb auf meinen Einwurf:

Luhmann ist tot und wir leben, soll heißen: gelernt haben und erinnern ist alles sehr schön, aber wir leben jetzt und müssen die Phänomene unserer Gesellschaft (und ihr Versagen) jetzt beschreiben. Und alle zusammen am besten so schnell wie es geht, ohne uns in Disziplingrenzen einzumauern, denn ich bin sicher: Es brennt schon an vielen Ecken. Wenn das kapitalistische Kartenhaus, für das wir alle keinen Ersatz wissen und kennen, wenn es zusammenbricht, wird es für ausgeklügelte Theorien zu spät sein. Heute regiert eine verdeckte, kaschierte, tabuisierte, von keiner Soziologie wahrhaft beim Namen genannte Gewalt, im Falle des hoffentlich nicht eintretenden Falles wird es nur noch die nackte sein.
Ohne jetzt diesen Beitrag weiter auseinanderzunehmen, hier nun meine kurze Antwort, die dann Peter Fuchs zu seiner Antwort (siehe Anfang des Artikels) veranlasste:
Gewalt ist tatsächlich ein Phänomen, das in der Systemtheorie so nicht hochgehalten wird. Obwohl ich mich viel mit Jugendkriminalität beschäftige, ist selbst mir noch nicht in den Sinn gekommen, die Gewalt systemtheoretisch zu betrachten. Belagert mich hier alteuropäische Semantik?
Jetzt puzzle ich schon den ganzen Nachmittag und Abend an der Semantik der Gewalt herum. Eigentlich wollte ich mich mit dem semantischen Gedächtnis auseinandersetzen, aber das Thema hat meinen Fahrplan hübsch durcheinander gebracht.

Im übrigen liegt dieses Thema nicht entfernt von dem, was ich mir durch die Schablonen der kognitiven Psychologie erhoffe. In einer Nebenbemerkung schrieb ich an Peter Fuchs:

Im übrigen auch, um hier einen Gedankengang anzuspinnen, auf den Sie mich auf ganz anderem Wege gebracht haben [ich hatte Herrn Fuchs einen Aufsatz über Cechovs Möve geschickt, FW]: es gibt eine Art narrativer Strategie - zumindest bei bestimmten Familien, bzw. Personen aus diesen Familien -, Bruchstücke der Welt in einen Theaterrahmen zu packen, und wiederum eine "quasi-therapeutische" Strategie, diese Theatralisierung seinerseits zu theatralisieren. So dass wir hier Shakespearsche und Cechovsche Qualitäten entdecken können.
Herr Fuchs antwortete:
in Eile: Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut. Er offeriert die Möglichkeit, jene Theatralik als 'Kompaktkommunikation' zu begreifen, also tatsächlich - kunstanalog. Ferner passt mir natürlich die 'Narrativität' ins Konzept, da ich sie, wie ich hier schon erwähnt habe, als Medium des SELBST auffasse, das ich gegenwärtig als System beobachte (am Beispiel psychischer Systeme), aber sehr gern generalisieren würde in Richtung adressabler Systeme wie Organisation und Familien.

Valéry schreibt

»Der Staat ist ein riesengroßes, furchtbares und schwaches Wesen. Ein Zyklop von berüchtigter Kraft und Ungeschicklichkeit, das missgestaltete Kind der Gewalt und des Rechts, die es aus ihren Widersprüchen gezeugt haben. Er lebt nur dank den unzähligen Männlein, die linkisch seine trägen Hände und Füße bewegen, und sein großes Glasauge sieht nur Pfennige und Milliarden. Der Staat ist jedermanns Freund und jedes Einzelnen Feind.«
Valéry, Paul: Windstriche. Aufzeichnungen und Aphorismen, Wiesbaden 1959, S. 100

19.02.2009

Kevin Mitnick : Die Kunst des Einbruchs

Zur Zeit lese ich auch noch oben genannten Titel. Für media-mania, ein Rezensionsexemplar. Inhalt?
Mitnick galt eine Zeit lang als meistgesuchter Verbrecher der USA. Grund war, dass er in zahlreiche Netzwerke großer Firmen eingebrochen war. In diesem Buch veröffentlicht nun Mitnick Interessantes und Skurriles aus der Welt der Internet-Kriminalität. Zum Beispiel dürfen gelegentlich überführte Hacker keine Telefone im Gefängnis benutzen, da - so die Begründung der Staatsanwaltschaft - diese durch ein spezifisches Pfeifen Interkontinentalraketen abschießen und steuern könnten.
Die erste Geschichte, die Mitnick erzählt, handelt von vier jungen IT-Ingenieuren, die einen Algorithmus entwickeln, mit dem man einarmige Banditen knacken kann. Eine andere Geschichte erzählt von einem jungen, naiven Hacker, der sich durch einen Internet-Terroristen ködern lässt.
Insgesamt also ein zum Teil skurriles, zum Teil dramatisches Buch. Und sehr gut geschrieben.

Artemis Fowl : Das Zeitparadox

Artemis war drei Jahre im Zeittunnel gefangen, nachdem er die Dämonen vor einer Katastrophe gerettet hatte. Als er nach Hause kommt, ist er Bruder von zwei hochintelligenten Zweijährigen geworden. Das ist einer der Gründe für Artemis zu verzweifeln. Der andere ist, dass seine Mutter im Sterben liegt. Die Elfenmagie, die sonst auch die schlimmsten Krankheiten heilen kann, bewirkt seltsamerweise das Gegenteil. Sie beschleunigt den bizarren körperlichen Verfall von Angelina Fowl.
Der verzweifelte Artemis holt sich Hilfe beim Erdvolk. Und dort erfährt er, dass es sich bei dieser seltsamen Krankheit um die Mutation eines Elfenvirus handelt. Das einzige Gegenmittel: ein mittlerweile ausgestorbener Lemur. Und als ob das nicht genügen würde, taucht Artemis' Lieblingsfeindin Opal Koboi wieder auf. Zwar hat sie all ihre Magie verloren, doch es gibt ein Mittel, um diese zurückzuerlangen. Wie geschickt, dass es sich ebenfalls um jenen ausgestorbenen Lemuren handelt, der ihr das ermöglichen soll.

18.02.2009

Auf dem Heimweg

Ich bin heute nach Hause gelaufen, immerhin doch acht Kilometer durch das winterliche Berlin.
Der Buchladen Starick am Rosenthaler Platz hat vor zwei Wochen geschlossen. Schade. Früher habe ich immer dort meine Bücher gekauft. Jetzt habe ich einen anderen Buchladen um die Ecke und kaufe vornehmlich dort meine Bücher.
Dort bin ich dann auch vorbeigepilgert und habe diese schlechte Neuigkeit verbreitet. Vorher war ich kurz im Dussmann drinnen, wo Gedrängel herrschte. Aber ich werde mir dort keine Bücher kaufen. Kleine Buchläden sind einfach sehr sympathisch und der Besitzer meines jetzigen Buchladens ein Herr mit nettem Rauschebart.
Vor allem habe ich nach dem neuen Artemis Fowl gefragt, den ich dort bestellt habe. Ich war schon gestern dort. Er kommt erst am Donnerstag, aber man hofft ja ... nun, jedenfalls lag dort auch das neue Buch von Alice Gabathuler, Mordsangst, herum. Ein naseweises Mädchen stand daneben und las den Einbandtext von Stephenie Meyers Seelen durch. Ihre Mutter wollte das Buch aber nicht bezahlen, mit der Begründung, sie solle doch etwas Realistisches lesen. Also habe ich mich in die Bresche geschlagen und den frischgedruckten Gabathuler vorgeschlagen. Stieß aber auf wenig Gegenliebe. Die Tochter monierte, dass das nichts mit Vampiren sei. Die Mutter meinte, da hätte sich jemand mal wieder was marktmäßig ausgedacht. Dass ich Germanistik studiert habe und Alice hervorragend finde, wurde mir nicht dir nichts vom Tisch gewischt.

Wirtschaftsminister

Was man so beim Suchen nach guten Blogs für den Blogroll so findet.
Zum Beispiel einen kleinen Bericht von Zapp über unseren neuen Wirtschaftsminister von Guttenberg. Ich bin nicht so erstaunt. Habe ich doch mal bei einer mir bekannten Dame in ihrer Bewerbung gelesen, sie spreche fließend französisch, was sich bei ihr vornehmlich in diesem Wort ausmachte: Oh-schu-dji.
Ob ich vielleicht auch angeben soll, dass die Balken krachen?

Look

Ich bastele gerade am "Look" meines Blogs herum. Bitte habt ein wenig Geduld mit mir.

17.02.2009

Langweilige Mitteilungen

So heißt ein Blog, den ich gerade gefunden habe und der alles andere als langweilig ist. Von der Sprache her nicht so experimentell wie der von Daniel Subreal, aber genauso schön.

Form und Inhalt

Bei Kant - in Die Kritik der reinen Vernunft - finde ich folgendes Zitat, was den Lesern die Unterscheidung zwischen den Formen und den Inhalten des semantischen Gedächtnisses noch einmal deutlicher machen kann:
Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewiesen, von allem Inhalt der Erkenntnis, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt, und betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse aufeinander, d. i. die Form des Denkens überhaupt.
Wenn ich also zum semantischen Gedächtnis schreibe, und ich werde in Zukunft wohl häufiger darauf zurückkommen, dann zum einen in der Form und zum anderen nach dem Inhalt. Freilich sind die Formen des semantischen Gedächtnisses erstens spekulativ, da die Neurophysiologie nur annehmen kann, dass es diese Formen gibt, und zweitens nicht einer reinen Logik geschuldet, sondern einem Konnektionismus.
Wir finden diesen Konnektionismus übrigens deutlich ausgeführt im Anti-Ödipus. Deleuze und Guattari haben im Vorwort zu Tausend Plateaus darauf aufmerksam gemacht, dass sie die drei Synthesen Kants auf der Ebene des Unbewussten reformuliert haben. Vielleicht gelingt es mir hier, Kants Synthesen auf der Ebene der Neurophysiologie plausibel zu machen. Aber das nur nebenbei.
Der Konnektionismus (s. Anderson, John: Kognitive Psychologie, S. 30ff) geht davon aus, dass sich ein bestimmtes Objekt aus verschiedenen Assoziationen zusammensetzt. So würde man zum Beispiel "Kant" mit Philosoph, 18. Jahrhundert, Königsberg, Antagonist zu Hegel, reine Vernunft, etc. assoziieren und dieses Netz bildet dann den Menschen "Kant" ab (wobei nichts über die Wahrheit dieser Abbildung gesagt wird).
Glaubt man den Forschungen zum Arbeitsgedächtnis, wird die aktuelle Vorstellung dort nicht nur aktualisiert, sondern erst geschaffen. Das Arbeitsgedächtnis holte sich dann gleichsam aus der neuronalen Vernetzung diejenigen Impulse, die sich zu dem Philosophen Kant zusammensetzen lassen. Wir haben dann eine doppelte Assoziation: eine, die auf der neurologischen Ebene des Langzeitgedächtnisses eine Art "Kant"-Muster bildet, und eine, die auf der neurologischen Ebene des Arbeits-, bzw. Kurzzeitgedächtnisses eine Art "Kant"-Abbildung erschafft. Muster und Abbildung besitzen wahrscheinlich nicht die gleiche Form. Sie verhielten sich wie Kompetenz und Performanz. Das Muster ist die Möglichkeit, sich eines Bildes zu erinnern, während die Abbildung die tatsächlich ausgeführte Erinnerung ist. Das Abbild ist nicht eine Wiedergabe des Musters, sondern eine Übersetzung. Was auch immer das konkret bedeutet: erinnern heißt nicht reproduzieren, sondern ist eine situative und pragmatische Tätigkeit, auch wenn diese automatisiert und meist unbewusst abläuft.
Dann aber bildet sich die Form der Erinnerung nach pragmatischen Gesichtspunkten und in dieser Form ergeben sich Auswirkungen auf den erinnerten Inhalt. Zwar könnte man dann immer noch mit Kant Inhalt und Form unterscheiden, aber es gibt keine reine Logik mehr, sondern "nur" eine situative Logik, und der Inhalt ist nicht mehr empirisch, sondern "nur" konstruiert.
Diese Vorstellung beruhigt mich. Es geht nicht um die Wahrheit, nicht um die großen Ziele, sondern um das kleine Handeln. Einer der roten Fäden, die sich durch meinen Blog, auch durch mein Denken ziehen, ist der Krieg gegen die Worthülsen, gegen die hehren Behauptungen, gegen all diesen scheußlichen Idealismus. Irgendwann kommt für den Idealisten immer die Situation, an der er bricht. Meist kommt diese Situation allzurasch. Und allzuoft setzen sich dann Denkbewegungen darauf, die "verdreht" sind. Dann wird der Begriff der Sinnlichkeit reine Abstraktion, der Begriff des Lesens zu einer Erstarrung in Bekenntnissen, die Demokratie zu einer Begründung für Hierarchie.
Oder, um Deleuze und Guattari noch einmal zu zitieren: statt eines molaren Bewusstseins gilt es, ein molekularer Strom zu sein, Mikro-Sinnlichkeiten, Mikro-Gedanken, Mikro-Affekte. Die Kantsche Form liegt hier nicht in den Umrissen oder Grenzen, sondern in den Verbindungen, den Assoziationen. Nur der Inhalt hat dann eine Form, wie wir sie klassischerweise sehen, nämlich als Umriss, als Identität. Die Form des Denkens, die Logik, manifestiert sich in der Konstellation zueinander.
absurd in Wüsten-Mäusen Geheimnissen und Gefährtinnen
ertrinkend


Menschen zähmen
reisen in harten Spuren blank und fetischistisch


denn wie Wolken Regenfäden Hoffnungen fransen wir


aus Mayröcker, Friederike: Ode an die Vergänglichkeit, in dies.: Gesammelte Gedichte, Frankfurt am Main 2004, S. 104f.
Der Abschnitt des Gedichtes stellt in seiner Form eine offene, unbegrenzte Konstellation vor, während zwei Arten, dies inhaltlich zu denken, gegeneinander gestellt werden. Einmal die Form als harte Spur, einmal als fransen.

Hier sollte ich eigentlich auf die Logik von Deleuze in Bezug auf Kant und den Konnektionismus eingehen. Ich verweise auf einen älteren Artikel zur deleuzianischen Logik, und auf die Form der Alternative im Werk Mayröckers. Zur Form, zur Asymmetrie und zur abstrakten Linie (die hier auch eine Rolle spielt) sei auf einen anderen Artikel zur deleuzianischen Logik verwiesen. Das Verhältnis von Inhalt und (offener) Form bildet dann so etwas wie ein Plateau, einen vibrierenden Spannungszustand, der sich nicht in der Revolution oder klimaktischen Zuspitzung auflöst, sondern sinnlos interagiert. Wobei mit sinnloser Interaktion nicht gemeint ist, dass es keinen Sinn gibt. Es gibt im Gegenteil massenhaft Sinn, fast zuviel an Sinn. Aber Inhalt und Form bilden ihren Sinn jeweils auf ihrer Seite, so, wie Proust das für die Geschlechter gesagt hat: Jedes Geschlecht stirbt auf seiner eigenen Seite.

16.02.2009

Glück und weiteres

Nachdem ich vier Tage an dem Artikel zum semantischen Gedächtnis herumgebastelt habe, und zahlreiche kleine Nebenbaustellen aufgemacht habe, bin ich am Wochenende beim Glück hängen geblieben, beziehungsweise beim Dopamin und welche Wechselwirkungen Dopamin zum Beispiel mit der Aufmerksamkeit entfaltet. Zur Aufmerksamkeit sammle ich seit längerer Zeit schon Zitate, nicht nur aus dem Bereich der Neurophysiologie, sondern auch aus Romanen und Philosophien. Dabei gibt es Philosophen, die zur Aufmerksamkeit wenig sagen, zumindest nicht direkt und andere, die recht genaue Begriffe damit verbinden. Adorno gehört zu ersteren, Nietzsche zu den zweiteren. Vielleicht sollte ich, ähnlich, wie ich es zum Begriff der Langeweile und der Kreativität getan habe, erstmal ein kleines Sammelsurium in den Blog stellen, an dem man sich ein wenig "aufstöbern" kann.
Was Dopamin angeht, habe ich übrigens eine recht hübsche Möglichkeit des Mordens gefunden. Dazu habe ich noch ein wenig mehr recherchiert und denke, dass die medizinisch sogar plausibel ist.

13.02.2009

Kicher!

Offensichtlich bin ich nicht der Einzige, der durch Jungautoren in die Verzweiflung getrieben wird. Gerade finde ich beim Conte-Verlag folgende Sätze unter Tipps für Autoren:
Bitte legen Sie unbedingt in jedem Falle eine komplette Inhaltsangabe bei. Dies gilt auch für Krimis oder andere Bücher, deren Ende besonders spannend ist. Damit wir uns eine Vorstellung von Ihrem Buch machen können, müssen Sie uns unbedingt den Schluss verraten!
Ist selbst das nicht mehr selbstverständlich?

12.02.2009

Ausländischer Besuch

Amerikaner verirren sich auf meine Seite und Japaner, Rumänen und Schweizer (sind die schlimmsten). Jetzt schreibt mir ein Indonesier. Auch er habe einen Blog. Diesen. Ist wohl eher für die Eigenwerbung. Schaut ihn euch trotzdem an, und zwar, nachdem ihr oben auf dem Language Translator die deutsche Übersetzung angefordert habt. Damit ihr wisst, warum ihr eure Beipackzettel und Bedienungsanleitungen nicht versteht. Die waren vorher auch auf indonesisch.

Mein Computer

Mein Computer hat drei Tage rumgesponnen. Unter anderem konnte ich ScribeFire nicht mehr benutzen. Jetzt funktioniert alles wieder wie gewohnt. Gott sei Dank!




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Semantisches Gedächtnis

Ich hatte schon längere Zeit vor, über das semantische Gedächtnis zu schreiben. Seit langer Zeit bin ich überzeugt, dass das semantische Gedächtnis nicht nur für Lern-/Lehrstrategien wichtig ist, sondern eine hervorragende Hilfe für Schriftsteller sein kann.

Zuerst hatte ich mich mit diesem Gedächtnistypus ein, zwei Jahre vor meinem ersten Staatsexamen beschäftigt. Während meines Staatsexamens und hinterher ist dieses Modell mir immer wichtiger geworden und hat eine Zeit lang die Themen, die ich bearbeitet habe, sehr befruchtet. Bei meiner Beschäftigung mit dem erzählenden Schreiben mäandere ich ebenfalls ständig um dieses Modell herum. Da ich immer noch offene Stellen und Problemfelder gefunden habe, die ich zuerst bearbeiten wollte, habe ich mich vor einer Darstellung gedrückt.

Jetzt finde ich in Woolfolks Pädagogische Psychologie (im Folgenden mit PP abgekürzt) eine glänzende Zusammenfassung. Statt hier also gleich alle Aspekte, die mich interessieren, mit aufzuschreiben, hier erstmal eine Übersicht über das semantische Gedächtnis.


Grundlegendes zum Gedächtnis

Behaviorismus und Konstruktivismus

Vielleicht muss man eine Tatsache heute nicht mehr betonen, aber um Klarheit zu schaffen, sei sie hier noch einmal erwähnt: Informationsverarbeitung im Gedächtnis ist ein konstruktiver Prozess.

Die Behavioristen bestanden ja darauf, nicht in den Kopf von Lebewesen hineinblicken zu wollen. Sie sammelten ausschließlich Daten, die positiv waren, in dem Sinne, dass sie nicht spekulativ oder introspektiv sein sollten. Zunächst muss man hier hervorheben, dass diese Art der Psychologie zumindest einen guten Effekt hatte: vieles an der alten Psychologie war ideologisch geprägt. Was nicht in die guten Ideen von einem bestimmten Menschenbild hineinpasste, wurde rasch als abweichend gebrandmarkt. Der Behaviorismus hat hier frischen Wind in verstaubte Gebäude gebracht.

Dabei hat der Behaviorismus aber selbst eine Ideologie eingeführt und diese weitestgehend unberührt gelassen. Ich meine hier nicht, dass Verhalten durch Verstärkung gelernt wird, sondern dass ein Reiz eine Reaktion verursacht. Das Reiz-Reaktion-Schema geht davon aus, dass zum Beispiel eine Ratte lernt, einen bestimmten Futternapf zu meiden, wenn beim Fressen aus diesem Napf gleichzeitig ein Stromschlag gegeben wird.
Erstens sind diese Laboratoriumsbedingungen aber Sonderfälle der Reizverarbeitung. Unsere Umwelt bietet meist keine wiederholten Reiz-Verstärkung-Abfolgen an und trotzdem ist es ganz sinnvoll, dass wir auf sie achten, weil wir dadurch gewisse Erfolge haben.
Zweitens wird der Form des Reizes vom Beobachter auf ein anderes Lebewesen, sei es Ratte, sei es Kind, übertragen. Es ist aber nicht gesichert, ob der andere denselben Reiz wie der Behaviorist wahrnimmt.
Drittens gehen viele Behavioristen wie selbstverständlich davon aus, dass ein Reiz zu einer Reaktion führt. Ob es sich aber nur um eine Reaktion handelt und nicht um mehrere, ist rein spekulativ. Der Behaviorist macht sich letztendlich doch einer Ideologie und einer ideologischen Spekulation schuldig, und wenn er auch nicht in die Köpfe anderer Menschen hineinschaut, so projiziert er doch eigene Reizwahrnehmungen in den anderen hinein.

Behavioristen behaupten nun, dass Verhalten durch Verstärkung gelernt wird. Wenn ich immer wieder Kekse auf dem Küchenschrank finde, dann werde ich auch immer wieder einen Stuhl dorthin schieben und mit der Hand nach den Keksen angeln. Wissen scheint dabei keine Rolle zu spielen.

Diese Ansicht ist natürlich seltsam. Die konstruktive Sicht dieser kleinen Szene ist, dass ich über mein Wissen von der Umwelt mein Verhalten steuere und ändere. Weil ich etwas Neues weiß, entwickle ich neue Verhaltensweisen. Hat diese Verhaltensweise Erfolg, nehme ich das als Rückmeldung (feedback), die zu meinem bisherigen Wissen dazu kommt und mein Verhalten in Folge verstärkt. Weil ich also weiß, dass jedesmal Kekse auf dem Schrank liegen, und weil ich weiß, dass immer ein Stuhl daneben steht, auf den ich hinaufklettern kann, deshalb hole ich mir immer wieder die Kekse.
Der Lerner wird nicht passiv durch Umgebungsereignisse beeinflusst, er wählt aus, übt, passt auf, ignoriert, reflektiert und trifft viele Entscheidungen bei der Verfolgung seiner Ziele. Ältere kognitive Ansätze betonen den Wissenserwerb, aber neue Ansätze betonen die Wissenskonstruktion.
PP, S. 308

Allgemeines und spezifisches Wissen

Gregory Bateson kritisierte die Behavioristen dahingehend, dass ein Stromschlag zwar eine Ratte daran hindert, ihre Nase ein zweites Mal in den falschen Tunnel zu stecken, aber damit nichts an dem Suchverhalten und der "Neugier" der Ratte ändert. Was Bateson hier unterscheidet, ist der Unterschied zwischen der Erfahrung und einer Disposition (der "Neugier"), die zu Erfahrungen führt.

Bateson kann auf dieser Grundlage dann folgendermaßen argumentieren. Die Behavioristen behaupten, dass die Ratte ihre Nase nicht zweimal in einen Tunnel steckt, weil sie einen Stromschlag bekommen hat. Bateson dagegen behauptet, dass die Ratte ihre Nase in den Tunnel steckt, um zu erfahren, ob sich eine Wiederholung lohnt. Die Behavioristen argumentierten also ursachenfixiert und kausal. Bateson dagegen erklärt das Verhalten aus einem offenen Ziel und dessen anschließender Bewertung. Er setzt den onto- und phylogenetischen Bedingtheiten der Ratte den situativen Handlungsentwurf entgegen (vgl. beim Menschen dazu Schütz/Luckmann: Strukturen der Lebenswelt, S. 241-252).

Die Kognitivisten unterscheiden heute das allgemeine und das spezifische Wissen (PP, S. 309). Allgemeines Wissen ist ähnlich den Dispositionen bei Bateson an "Denkbarkeiten" gebunden. Allgemeines Wissen lässt sich in zahlreichen Situationen anwenden. Dazu gehören Prozesse des Problemlösens wie die Analogiebildung, die Zusammenfassung, die Suchraumerweiterung, und so fort. Durch die Disposition werden mögliche Ergebnisse vorweg genommen und dadurch können Ziele gesetzt werden. Dispositionen und allgemeines Wissen führen also zu um-zu-Argumentationen.

Dagegen ist spezifisches Wissen immer nur auf wenige oder einzelne Situationen anwendbar. Hier gehören Päckchen-Rechnen, Fussballregeln, chemische Formeln, historische Daten hin. Aus solchem faktenhaften Wissen schließen wir auf weiteres Wissen, bzw. leiten wir unser Verhalten ab.

Ganz so eindeutig ist es dann allerdings nicht. Faktisches Wissen ist auch bei allgemeinen Situationen immer notwendig. Man kann nicht im luftleeren Raum Probleme lösen oder Analogien bilden. Und wer Fußball spielt, wird ständig mit kleineren oder größeren Problemen konfrontiert, die er lösen sollte, obwohl er dabei auch noch die Regeln des Spiels beachten muss. Wir haben es also mit beständigen Mischverhältnissen zu tun.

Semantisches Gedächtnis

Aufbau des Langzeitgedächtnisses

Das semantische Gedächtnis findet man zwar überall, als Teil des Arbeitsgedächtnisses, oder mit dem Arbeitsgedächtnis gleichgesetzt, aber Woolfolk spricht es dem Langzeitgedächtnis zu. Daran halte ich mich hier.

Das Langzeitgedächtnis enthält, wie der Name schon sagt, alle Erinnerungen, die über längere Zeit, zum Teil über viele Jahre hinweg, behalten werden. Es teilt sich in ein explizites und ein implizites Gedächtnis auf. Das explizite Gedächtnis enthält alle bewussten Inhalte, während das implizite Gedächtnis vor- oder unbewusste Inhalte speichert. Da das semantische Gedächtnis bei Woolfolk zum expliziten Gedächtnis gehört, konzentriere ich mich auf dieses.

Das explizite Gedächtnis ist wiederum aufgeteilt in zwei verschiedene Gedächtnisformen. Das eine Gedächtnis wird durch das episodische Gedächtnis gebildet, in dem sich biographische Erfahrungen finden, zum Beispiel der Weg zur Arbeit oder Szenen aus dem Griechenlandurlaub. Das andere Gedächtnis, das semantische Gedächtnis enthält Fakten und Allgemeinwissen. Ich mag diese Tatsache hier (noch nicht) groß kritisch betrachten. Über diese Aufteilung kann man vortrefflich streiten und soweit ich Einsicht in die aktuellen Diskussionen habe, wird auch kräftig gestritten. Zweifellos jedoch in einem gepflegten, wissenschaftlichen Ton.

Warum ich hier diesen Streit nicht nachzeichnen möchte, liegt nicht nur an meiner unsicheren Fachkenntnis. Gedächtnisforschung ist ein weites Feld und, wenn man die neuesten Differenzierungen dieses Feldes kennen möchte, ein Vollzeitberuf. Das kann ich von mir nicht behaupten. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum die aktuelle Diskussion hier nicht so wichtig ist. Aus der Beschäftigung mit dem semantischen Gedächtnis treten etwa vier typische Muster hervor, wie semantisches Wissen abgespeichert wird. Diese unterscheiden sich wieder bei allen sonstigen Unterschieden in der Forschung nicht oder nur sehr wenig. Und auf diese Typen kommt es mir an. Man kann nämlich alle diese Muster sowohl für das erzählende Schreiben, als auch für den Unterricht, für das Problemlösen, für das analysierende Lesen und einiges mehr fruchtbar machen.

Salopp gesagt geht es mir dann auch nicht um das semantische Gedächtnis als Forschungsgegenstand der Neurophysiologen, sondern nur um einige, wenige Modelle oder Muster des Abspeicherns und deren Transfer in andere Sachgebiete.

Typen des semantischen Gedächtnisses

In meiner ersten Staatsexamensarbeit habe ich vor allem mit dem Buch Kognitive Psychologie von John Anderson gearbeitet. Aus diesem habe ich die vier Typen des semantischen Gedächtnisses herausgearbeitet und sie leicht umgewandelt, entsprechend meines Forschungsinteresses. Diese vier Typen sind die propositionale Relation, die komplexive Vernetzung, die Vernetzung von Wörtern (oder Semen) und Skripte. Woolfolk hat eine ähnliche Einteilung: Propositionen (propositionale Relationen), Images (komplexive Vernetzungen) und Schemata, wobei es eher strukturale Schemata (Vernetzung von Wörtern) und eher episodische Schemata (Skripte) gibt.

Wir haben jetzt einige hübsche Bezeichnungen. Welche Begriffe stecken hinter diesen Bezeichnungen?

Propositionen

Propositionen oder propositionale Relationen dürften den Lesern meines Blogs schon bekannt sein. Ich habe sie in meinem Artikel zum sinnentnehmenden Lesen bereits erläutert. Ich werde hier aber noch einmal ausführlich auf sie eingehen.
Woolfolk schreibt:
Eine Proposition ist die kleinste Wissenseinheit, die als wahr oder falsch beurteilt werden kann.
(PP, S. 321)
Gleich vorneweg gesagt: ob eine Proposition wahr oder falsch ist, muss uns hier nicht interessieren. Dieser Begriff der Proposition gehört ins Feld der analytischen Philosophie, aus der er übernommen wurde. Tatsächlich aber ist es hier nur die psychische Form, bzw. das semantische Muster, das uns etwas angeht. Bevor ich dazu aber mehr sage, schauen wir uns erstmal dieses Muster an.

Propositionen sind satzähnliche Konstellationen. Satzähnlich bedeutet, dass man rasch erkennen kann, welcher Satz zu welcher Proposition gehört.

Sagt jemand:
Peter sitzt in der Wanne.
dann ist die zugehörige Proposition folgende:
sitzen (Peter, in der Wanne).
Das Prädikat des Satzes wandert nach vorne und wird in die Infinitivform konjugiert. Alle anderen Satzbestandteile wandern hinter das Infinitiv in eine Klammer und werden durch Kommata getrennt. Ein Satz wie
Das Kind weint.
kann also nur einen Bestandteil in der Klammer aufweisen:
weinen (das Kind).
Andere Sätze müssen in mehrere Propositionen aufgeteilt werden, weil sie mehrere Prädikate enthalten:
Als Brian auf der School Street den Castle Hill hinabfuhr, erschien die Sonne zum ersten Mal an diesem Tag zwischen den zerfetzten Wolken.
King, Stephen: Needful things
(1) hinabfahren (Brian, auf der School Street, den Castle Hill)
(2) erscheinen (Sonne, zum ersten Mal an diesem Tag, zwischen den zerfetzten Wolken)
Es gibt noch sehr viel komplexere Sätze, auch in Unterhaltungsromanen. Besonders ergiebig sind natürlich Romane von Autoren, die sowieso für ihre Satzlänge bekannt sind, etwa die Romane von Thomas Mann. Diese müssen dann, je nach ihren Prädikaten, auch in zahlreiche Propositionen aufgeteilt werden.

Zunächst aber können wir festhalten, dass der Kern einer Proposition ein Infinitiv ist, und dass dieses Infinitiv andere Satzteile zueinander in eine Konstellation setzt. Genau das macht der Satz auch, nur dass hier noch die zeitliche Markierung durch die Konjugation des Verbs dazukommt. Der erste Bestandteil in der Klammer bezeichnet das Subjekt des Satzes. Dieses ist das einzige immer notwendige weitere Bestandteil einer Proposition.

Die Wahrheit der Proposition

Ob Propositionen wahr oder falsch sind, so hatte ich oben geschrieben, braucht uns hier nicht zu interessieren. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Einer der Gründe ist, dass manche Sätze nicht nach wahr oder falsch beurteilt werden können.

Wenn ich zu meiner Nachbarin sage "Ich wünsche dir einen schönen Tag!", dann kann man mir allerhöchstens vorwerfen, ich sei unaufrichtig (in Wirklichkeit wünsche ich ihr einen schlechten Tag), aber man kann nicht entscheiden, dass der Satz wahr oder falsch ist. Oder wenn der Priester sagt "Ich erkläre euch zu Mann und Frau!", dann kann man nur sagen, dass der Priester die Befugnis dazu hat oder nicht (es ist in Wirklichkeit ein als Priester verkleideter Ganove). Sätze, die sich nicht auf faktisches Wissen stützen, können weder als falsch noch als richtig beurteilt werden. Trotzdem sind es Sätze und als solche können sie auch in propositionaler Form ausgeschrieben werden.

Ein anderer Grund liegt natürlich darin, dass wir zahlreiche Sätze äußern, die sich auf Wahrscheinlichkeiten, Ungenauigkeiten oder Alltagssprachlichkeiten stützen. "Alle Politiker betrügen ihre Gemeinschaft!" ist ein Satz, der eindeutig falsch ist, wenn man mit "alle" wirklich "alle" meint, sogar den Bürgermeister eines kleinen, indischen Dorfes, der einem vollkommen unbekannt ist (und damit auch dessen Wesensart). Alltagssprachlich gesehen aber macht der Satz Sinn, auch wenn er logisch gesehen nicht nur nicht wahr ist, sondern aufgrund einer unsicheren Beweislage nicht entschieden werden kann.

Ein dritter Grund ist, dass sich Psychologen nicht für die Wahrheiten in der Welt, sondern für die Sicht eines Individuums auf die Welt interessieren. Ob diese Sicht wahr oder falsch ist, ist unerheblich. Auch Irrtümer machen einen Menschen aus, und man darf annehmen, dass solche Irrtümer recht häufig sind (in Ehen zum Beispiel) und trotzdem nur selten Schaden anrichten. Sie fallen nicht ins Gewicht und werden deshalb kaum wahrgenommen. Irrtümer sind deshalb wahr, weil sie für wahr gehalten werden.

Sinn der Proposition I - Gedichte

Propositionen seien, so hatte ich oben erklärt, ein Muster, wie das semantische Gedächtnis Informationen speichert. Tatsächlich aber ist das nicht erwiesen. Man muss eher davon ausgehen, dass bestimmte Informationen in propositionaler Form oder in einer dieser nahekommenden Weise gespeichert werden. Die Proposition ist ein Modell, mit der sich Hirnforscher Gedächtnisleistungen erklären.
Was aber ist dann der Sinn von Propositionen?
Sie stellen kleine Informationsbündel in einer formellen, aber hinreichend flexiblen Form dar. Außerdem eignen sie sich zum Analysieren, und in dem Maße, wie man mit den Propositionen analysieren lernt, üben sie das Lesen und die intelligible Betrachtung ein. Auf diesen Aspekt werden wir noch mehrmals zurückkommen.

Um das zu verdeutlichen, sei ein Beispiel genannt.
August
metallisch klingt der Morgen auf
ein Sehnen faszt die Welt
da stürzen Lüfte sich zuhauf
von Silberseen umwellt
ein Frühkusz stürzt nachsommersüsz
wie eine Sonn' herab
ein reifer Blütenleib den blies
der Wind ins Grab
Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte, S. 7
Lösen wir das in Propositionen auf. Um die Form deutlicher zu machen, füge ich die Frage nach dem Satzteil mit ein.
(1) aufklingen (wer/was? Morgen, wie? metallisch)
(2) fassen (wer/was? Sehnen, wen/was? Welt)
(3) stürzen (wer/was? Lüfte, wie? zuhauf, wen/was? sich)
(4) umwellen (wer/was? Silberseen, wen/was? Lüfte)
(5) stürzen (wer/was? Frühkusz, wie? nachsommersüsz wie eine Sonn', wohin? herab)
(6) blasen (wer/was? Wind, wen/was? reifen Blütenleib, wohin? ins Grab)
Wir haben hier sechs Propositionen. Das Prädikat wird mehrmals durch ein Adverb (wie?) ergänzt (metallisch, zuhauf, nachsommersüsz). Nur das erste Prädikat bezeichnet ein auditives Phänomen, muss aber - in Verbindung mit Morgen - als verbale Metapher gelesen werden. Die anderen Prädikate sind aus dem haptisch-kinetischen Bereich. Zweimal ist das Prädikat stürzen. Diese umschließen umwellen, das eine wesentlich geschmeidigere Bewegung ausdrückt, und wird von fassen und blasen umschlossen, die eine momentan einwirkende Kraft ausdrücken, die aber weniger stark als stürzen erscheint.

Die erste Proposition bezeichnet sehr direkt durch Morgen und aufklingen die Tageszeit und eine ansteigende Bewegung; ansonsten gibt es absteigende, bzw. stürzende und horizontale Bewegungen. Fassen verhält sich hier neutral. Besonders stark wird ein Gegengewicht zum Morgen durch den Vergleich wie eine Sonn' herab gesetzt. Metaphorisch stehen sich Morgen (=Geburt) und Grab gegenüber. Eine etwas schwächere Opposition bilden Frühkusz (mit der Konnotation des Beginnens) und nachsommersüsz (in dem das Schwächer-werden des Sommers mitschwingt), die sich mit den Entgegensetzungen von Morgen/wie eine Sonn' herab, Morgen/Grab in eine vage Reihe stellen lassen.

Von den rhythmischen Mitteln sind die ersten vier Verse, der fünfte und der siebte tänzerischer, während der sechste und achte schlicht, der letzte sogar schroff klingen. Zudem wird der letzte Satz durch eine Abwesenheit poetischer Mittel (unklar bleibt Grab, ob es als Metapher oder als Denotation zu lesen ist) markiert, während der fünfte Satz eine so kühne Metapher (Frühkusz) enthält, dass man sie nicht recht aufzulösen vermag.

Zu was dienen uns hier die Propositionen?
Zuallererst verdeutlichen sie eine bestimmte Bewegung des Gedichtes. Diese Bewegungen habe ich hier kontrastiert durch andere Bewegungen im Gedicht, die Häufung und Kühnheit der poetischen Mittel, die Vermischung von zweigliedrigen und dreigliedrigen Silbenfolgen (hier nur als tänzerisch bezeichnet) und den zweigliedrigen Rhythmus zum Schluss. Auf mehreren Ebenen gibt es also eine "aufsteigende", dann "herabfallende" Bewegung, eine Bewegung auf Erde und Grab zu. Die Proposition liefert hier eine Strukturierungshilfe, an der man sich bei der Interpretation entlanghangeln kann.

Interessanter allerdings sind hier die längeren und teilweise hermetisch verschlossenen Gedichte von Mayröcker. Da diese zu interpretieren selbst bei einem einzelnen Gedicht eine zu umfangreiche Aufgabe ist, habe ich dieses übersichtliche und noch gut zugängliche Gedicht gewählt.

Sinn der Proposition II - Begriffe

Deutlicher wird der Zweck der Proposition bei Begriffen. Begriffe bestehen aus einem Bündel von Sätzen, in denen das zu begreifende Wort auftaucht. Nehmen wir hier willkürlich einen einzigen Begriff, das Suspense, wie es im wikipedia-Artikel zu Hitchcock definiert wird. Dort steht:
Die klassische, auf das Überraschungsmoment aufbauende Form des Kriminalfilms ist der Whodunit. Bis auf nur wenige Ausnahmen bediente sich Hitchcock jedoch einer anderen Form des Spannungsaufbaus, dem sogenannten Suspense: Dem Zuschauer sind ab einem gewissen Zeitpunkt Informationen oder Umstände bekannt, von denen die handelnden Personen nichts wissen. Er fiebert in besonderer Weise mit den Helden, er sieht Ereignisse kommen, möchte den Figuren helfen, kann es aber nicht. In einigen Filmen wird das klassische Suspense dahingehend variiert, dass handelnde Personen die Rolle des Zuschauers übernehmen.
Die Propositionen sind folgende:
(1) kennen (wer/was? Zuschauer, wen/was? Informationen & Umstände, wann? ab einem gewissen Zeitpunkt)
(2) wissen (wer/was? handelnde Personen, wen/was? Informationen & Umstände, in welcher Weise? nichts)
(3) fiebern (wer/was? Zuschauer, mit wem? dem Helden [handelnde Person], wie? in besonderer Weise)
(4) kommen sehen (wer/was? Zuschauer, wen/was? Ereignisse)
(5) helfen möchten (wer/was? Zuschauer, wen/was? handelnde Personen)
(6) helfen können (wer/was? Zuschauer, wen/was? handelnde Personen, in welcher Weise? nicht)
Zunächst einige Anmerkungen. Ich habe die beiden Negationen durch einen Trick in die Klammer geschoben. Syntaktisch ist das nicht richtig. Bevor wir aber die Proposition noch weiter verwirren - sie ist für Negationen nicht geschaffen -, erlaube ich mir diesen Kunstgriff.
Fünfmal ist die handelnde Person, das Subjekt der Proposition, nicht der Filmheld, sondern der Zuschauer. Zwar handelt auch der Filmheld, und die mehrmalige Nennung als handelnde Person unterstreicht dies, doch durch den Suspense wird er in eine passive Rolle hineingedrängt. Der eigentliche Trick des Suspense wird in den Propositionen (1) und (2) dargestellt: der Film liefert durch einen Einschub (so die Szene im FBI-Büro im Film Der unsichtbare Dritte) oder durch eine besondere Kameraeinstellung (so der Blick von unten auf die Badende in Der weiße Hai) einen Wissensvorsprung für den Zuschauer, der diesen in eine Erwartungshaltung (Proposition (4)) und eine Handlungsaufforderung (Proposition (5)) bringt. Allerdings kann der Zuschauer nicht eingreifen (Proposition (6)).
Beachtenswert ist, dass die Propositionen (1) und (2) die Diskrepanz eines Wissens darstellen, die Propositionen (3) und (4) die Diskrepanz zwischen (aktueller) Identität des Helden und (zukünftigem) Ereignis und die Propositionen (5) und (6) die Diskrepanz zwischen Wunsch und Möglichkeit auf Seiten des Zuschauers. Sehr deutlich führt die erste Diskrepanz zu einer Spaltung des Zuschauers in den beiden anderen Diskrepanzen: die zweite Diskrepanz ((3) und (4)) ist apokalyptisch, in der Art einer Erregung, während die dritte altruistisch ist. Über das Medium des Films mit seiner unüberschreitbaren Grenze kann die Geschichte also den Suspense nutzen, um in den Zuschauer eine doppelte Gespaltenheit zu induzieren.
Kurz gefasst also ist Suspense folgendes:
(1) unüberschreitbare Grenze des Films (Quelle der Diskrepanz)
(2) Wissensvorsprung des Zuschauers gegenüber dem Helden (informationelle Diskrepanz)
(3) Spaltung von Identifikation und kommendem Ereignis (apokalyptische Diskrepanz)
(4) Spaltung von Willen und Gelegenheit zur Hilfe (altruistische Diskrepanz)
Besonders deutlich wird das Konzept, wenn man den zweiten Satz umdreht. Nun hat der Held gegenüber dem Zuschauer oder Leser einen Wissensvorsprung. Hier wandelt sich der Suspense in einen Überraschungseffekt. Dies ist ein Mittel, das Eoin Colfer in seinen Artemis Fowl-Büchern einsetzt. Der Plan, den sich Artemis ausdenkt, um die Welt zu retten, wird dem Leser verschwiegen. Der Leser weiß nur, dass es einen Plan gibt. Und er beobachtet dann, wie Artemis diesen Plan ausführt, ohne genau zu wissen, wie dieser funktionieren soll. Hier liegt das Problem eindeutig auf der kognitiven Ebene (wie komme ich, bzw. wie kommt Artemis von Situation A nach Situation B, vom unerwünschten zum erwünschten Zustand): die Spannung entsteht durch ein Ziel und wie dieses Ziel erreicht wird, während beim Suspense die Spannung sich durch die Frage gestaltet, wie der Held der Katastrophe ausweichen kann.

Sinn der Proposition III - Propositionale Netze

Je mehr Propositionen man zu einem Sachverhalt sammelt, umso verzweigter und vielfältiger werden die Verbindungen zwischen den Propositionen. Schon beim Begriff des Suspense konnten wir sehen, dass dieser sich an seinen Rändern zerfasert und zu anderen Begriffen übergeht, wie dem der Identifikation oder dem der Grenze des Films (allgemeiner: der medialen Grenze). Solche propositionalen Netze erfassen statt einem Begriff mehrere Begriffe und setzen diese in einen enger oder weiter geregelten Bezug. Beispiele dafür sind Ökosysteme (bestehend aus mehreren Tierarten, die in Wechselwirkung zueinander stehen), politische oder historische Abfolgen von Ereignissen, Ereignisauslösern und Ereignisfolgen, institutionelle Regelungen wie die Zollabfertigung, Produktionsvorgänge wie die Stahlgewinnung, und so weiter und so fort.

Manche propositionale Netze sind sehr eng gefasst und festgelegt, etwa wenn es sich um Stahlgewinnung oder Halbleiterbau dreht, andere dagegen sind weitläufig und durch viele alternative Wege gekennzeichnet, etwa das Schreiben von Romanen oder das Coaching von Mitarbeitern.
Propositionale Netze sind, folgt man den Psychologen (PP, S. 321), Abbilder des Langzeitgedächtnisses. Verfertigt man sie selbst und auf einem Blatt Papier, merkt man schnell, dass sie einen recht mühsamen Zeitvertreib darstellen. Neuerdings kann man allerdings auf Software zurückgreifen, die solche Netzwerke in Form von Zettelkästen oder auch sogenannten Cloud Tags nachahmen.

Sehen wir von diesen elektronischen Hilfen ab, dann kann man Skizzen solcher Netze nutzen, um sich die Beziehungen eines Sachverhaltes zu verdeutlichen, um sich bestimmte Aspekte oder Schwerpunkte eines Textes zu visualisieren oder um komplexe Ideen rasch zu skizzieren, ohne Sätze ausformulieren zu müssen. Es gibt im übrigen eine Methode, die all dies schon hervorragend zusammenfasst: das Cluster (s. Nico, Gabriele: Garantiert schreiben lernen).

Da wir noch öfter auf diese propositionalen Netze stoßen werden, gehe ich zum zweiten Typ im semantischen Gedächtnis über.

Images

Images, Vorstellungsbilder, Komplexe: verschiedene Wörter für ein- und denselben Sachverhalt. Ich hatte diesen komplexive Vernetzung genannt.

Als Komplex versteht Piaget ein ausgewähltes Abbild der Wirklichkeit. Dieses abstrahiert von zahlreichen Tatsachen und ergänzt unter Umständen andere Tatsachen, die eigentlich nicht da sind, aber nach Meinung des Beobachters hätten da sein sollen.
Ein typisches Beispiel zeigt ein Kind, das das Haus der Eltern malt und den Baum daneben, die Blumen im Garten und einige Vögel im Himmel. Der Wagen des Vaters, der üblicherweise vor dem Haus steht, fehlt; dafür aber gibt es noch einen Igel am Fuß des Baumes, weil das Kind gerne einen Igel im Garten haben möchte.

Manche dieser Images sind sehr einfach und sehr starr. Buchstaben und alle möglichen anderen grafischen Zeichen sind Beispiele dafür. Andere Images wieder sind lose, wolkig und ändern sich von Mal zu Mal. So haben wir keine feststehenden Bilder von einem Hund, sondern oft eine ganze Auswahl verschiedener Hundebilder zur Verfügung. Oder wir versuchen uns an Schloss Neuschwanstein zu erinnern und merken, wie dieses Bild in unseren Gedanken "herumfließt".

Jedenfalls kann man als Konstruktivist nicht annehmen, dass es sich bei Vorstellungsbildern um mehr oder weniger gelungene Kopien der Realität handelt. Eher sind es Konstruktionsskizzen oder Karten (vgl. Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus, S. 11-42). Die surrealistischen Maler haben teilweise Bilder geschaffen, die auf der einen Seite sehr abstrahieren, dann wieder seltsame Details deutlich sichtbar machen und die Größenverhältnisse zwischen den Dingen nicht getreu, sondern psychologisch behandeln. Ähnlich kann man sich Images vorstellen. Sie bilden sich eher nach Relevanz, wobei Realismus oder "Naturtreue" eine mögliche Relevanz unter vielen sein kann.

Die Psychologen gehen zwar allgemein von der Existenz von Images aus, aber sie sind sich nicht sicher, in welchem Gedächtnis sie diese zu suchen haben:
Einige Psychologen vertreten die Meinung, dass Vorstellungsbilder fotografieartig abgelegt sind; andere wiederum erklären, dass alle Inhalte des Langzeitgedächtnisses in Propositionsform gespeichert sind und gegebenenfalls im Arbeitsgedächtnis in Vorstellungsbilder umgewandelt werden.
PP, S. 321
Interessant ist vor allem, dass Images mit den Propositionen in Bezug gesetzt werden. Tatsächlich kennen wir die Übersetzung eines Bildes (nicht eines Images) in Sätze von der Bildbeschreibung im Kunstunterricht. Ähnlich, vielleicht sogar in einem Hin und Her, könnten sich Images und Propositionen im Gedächtnis austauschen. Als ich oben das Beispiel eines Komplexes geschildert habe, habe ich nichts anderes gemacht, als Sätze auf dem Monitor und Propositionen in Gedanken zu nutzen.

Aus Romanen kennen wir Beschreibungen, lange wie kurze. Diese Beschreibungen schlagen dem Leser vor, sich ein Bild zu machen. In einem der Nachtstücke von Hoffmann geschieht dies ganz explizit, als der Erzähler zu seinen Freunden sagt: "Denkt euch ein ... Haus, dessen ...". Hier die ganze Stelle (Hervorhebung von mir):
Schon oft war ich die Allee durchwandelt, als mir eines Tages plötzlich ein Haus ins Auge fiel, das auf ganz wunderliche seltsame Weise von allen übrigen abstach. Denkt euch ein niedriges, vier Fenster breites, von zwei hohen schönen Gebäuden eingeklemmtes Haus, dessen Stock über dem Erdgeschoss nur wenig über die Fenster im Erdgeschoss des nachbarlichen Hauses hervorragt, dessen schlecht verwahrtes Dach, dessen zum Teil mit Papier verklebte Fenster, dessen farblose Mauern von gänzlicher Verwahrlosung des Eigentümers zeugen. Denkt euch, wie solch ein Haus zwischen mit geschmackvollem Luxus ausstaffierten Prachtgebäuden sich ausnehmen muss. Ich blieb stehen und bemerkte bei näherer Betrachtung, dass alle Fenster dicht verzogen waren, ja dass vor die Fenster des Erdgeschosses eine Mauer aufgeführt schien, dass die gewöhnliche Glocke an dem Torwege, der, an der Seite angebracht, zugleich zur Haustüre diente, fehlte, und dass an dem Torwege selbst nirgends ein Schloss, ein Drücker zu entdecken war. Ich wurde überzeugt, dass dieses Haus ganz unbewohnt sein müsse, da ich niemals, niemals, so oft und zu welcher Tageszeit ich auch vorübergehen mochte, auch nur die Spur eines menschlichen Wesens darin wahrnahm.
Hoffmann, E.T.A.: Das öde Haus
Zweifellos könnte man dieses Haus noch wesentlich umständlicher beschreiben. Hoffmann geht sehr ausgewählt, nach einer bestimmten stilistischen Vorgabe, vor, indem er mit seinen Details die Ödnis unterstreicht. Das ist kein altertümliches Verfahren. Lesen Sie das erste Kapitel aus Harry Potter und der Feuerkelch und Sie werden ein nämliches Muster für ein anderes ödes Haus finden. Schließlich ist das ganze erste Kapitel von Steinbecks Früchte des Zorns ein riesiges Landschaftsgemälde.

Images scheinen vor allem den Vorteil zu haben, dass sie rascher Informationen transportieren, auf die der sich Erinnernde aber nur dann zurückgreift, wenn dies die Situation erfordert. Wenn uns jemand von einem Rotkehlchen erzählt, kann ein diffuses Aufblitzen eines Bildes genügen, um sich das Rotkehlchen vorzustellen. Werden wir allerdings genauestens abgefragt, wie ein Rotkehlchen aussieht, können wir dieses diffuse Bild klären und Einzelheiten der Gestalt liefern. Wir zoomen sozusagen in Gedanken in ein solches Vorstellungsbild hinein

Zum anderen scheinen Images in hierarchischen Bündeln angelegt zu werden. Das heißt, eine Form, eine Gestalt oder ein Bild wird in mehrere Teile zergliedert, diese jeweiligen Teile wieder in mehrere Teile und so fort, bis wir die Grenze unseres Interesses erreicht haben (Anderson, John: Kognitive Psychologie, S. 119f.). Der eine mag sich für die unterschiedlichen Pinselstriche und Farbgebungen auf einem Van Gogh interessieren, der andere hat genug gesehen, wenn er die sprühenden Sterne und den wabernden Wacholder benennen kann.

Schließlich kann man, von dem Benzolring Kekulés angefangen (der angeblich träumte, eine Schlange beiße sich in den Schwanz, woraufhin er ein chemisches Problem lösen konnte, indem er die Ringstruktur in die Chemie einführte), die Transferleistungen zwischen Images und anderen Wissensstrukturen anführen. Bilder scheinen in besonderer Art unsere Wissensstrukturen aufzustören und uns zu kreativen oder zumindest ungewöhnlichen Lösungen zu verleiten.

Schemata

Bei den Schemata handelt es sich um propositionale Netze, die sich so weit stabilisiert haben, dass wir sie als Ganzes aufrufen und vollständig reproduzieren können. Da es sich um mehrere Begriffe handelt, die in einer Beziehung zueinander stehen, kann man solche feststehenden Netze auch Modelle nennen.
Eine besondere Form von Schemata sind die Linnéschen Klassifikationen. Wir kennen diese zum Beispiel aus der Zoologie. Hier gibt es immer einen Oberbegriff und in Bezug auf diesen Oberbegriff Unterbegriffe. So gehören zu den Raubtieren als Oberbegriff die Katzenartigen und die Hundeartigen. Die Hundeartigen wieder bilden den Oberbegriff für Hunde, Bären, Robben, Marder, etc., zu den Hunden gehören wiederum die Echten Hunde und die Echten Füchse, und die Echten Hunde enthalten unter anderem die Gruppe der Canis, zu denen der Wolf und der Schakal gehören.
Eine Linnésche Klassifikation ist also streng hierarchisch nach Ober- und Unterbegriffen geordnet.

Viele Schemata dagegen sind nicht so starr gegliedert.
Ökologische Nischen zum Beispiel haben typische Bewohner, bestimmte Grenzgänger, Durchzügler und saisonbedingt auftauchende Tiere. Solche Nischen bestehen aus Wechselwirkungen und Regelkreisen, die diesen immanent sind (wie bestimmte Räuber-Beute-Regelkreise) oder deren Grenzen überschreiten (zum Beispiel Tierwanderungen, Wetter und Jahreszeiten). Derlei Zusammenhänge können nicht hierarchisch geordnet werden. Trotzdem kann man Regelkreise oder bestimmte Eigenschaften, Bewohner oder Ereignisse bündeln und diesen eine Bezeichnung geben (Zitronensäurezyklus, Laichzyklus, Teufelskreis Eifersucht, Festungsfamilie, Kapitalakkumulation). Das Bündeln von Elementen zu größeren Einheiten nennt man in der Gedächtnisforschung chunking, die Bündel dementsprechend chunks.

Skripte

Woolfolk zählt die Skripte zu den Schemata. Tatsächlich ähneln sich diese in bestimmten Merkmalen ausgesprochen. Skripte bilden tatsächliche oder übliche oder idealtypische Abfolgen ab.

Skripte ordnen zum Beispiel unser alltägliches Handeln, zum Teil sehr unbewusst:
(1) Brötchen aufschneiden
(2) mit Butter bestreichen
(3) Marmelade mit einem Löffel daraufgeben
(4) Marmelade verstreichen
(5) Brötchen essen
Kochrezepte sind typische Skripte. Aber auch für viele andere mehr oder weniger tägliche Abfolgen wie dem Restaurantbesuch oder dem Treffen von Freunden in der Kneipe. Während der Restaurantbesuch in seiner groben Abfolge allerdings von vielen Menschen geteilt wird, können Freundeskreise ganz eigensinnige Skripts entwickeln, die von außen schwer nachzuvollziehen sind.
Besonders eindrucksvoll sind Beispiele von Begegnungen zweier Kulturen. Manche Kulturen schütteln gerne die Hände, wie zum Beispiel die Amerikaner (habe ich mir sagen lassen). Deutsche fühlen sich durch das Händeschütteln häufig überrumpelt und in eine intimere Position gedrängt, als sie es vom ersten Kontakt wünschen. Die Amerikaner werden wohl deshalb als distanzlos bezeichnet. In Wirklichkeit basiert all dies auf einer unterschiedlichen Reihenfolge der zwischenmenschlichen Gesten. Mit einer anderen Kultur Kontakt aufzunehmen, kann einem so vorkommen, als sollte man die Zubereitung eines Braten damit beginnen, dass man das Garsein der Kartoffeln prüft.

Auch bei Skripten bilden wir chunks (Bündel). Meist sind diese chunks aber hierarchisch geordnet. So gliedert sich der Restaurantbesuch in vier große chunks: betreten, bestellen, essen, verlassen. Das Betreten eines Restaurants wird wieder aufgeteilt in: den Frauen die Tür aufhalten, einen Platz suchen, die Mäntel an der Garderobe aufhängen, den Kellner an den Tisch bitten. Und selbst hier können die einzelnen Abschnitte noch in kleinere Anstandsregeln und Höflichkeiten aufgeteilt werden. Äußerst selten aber überlappen diese chunks oder bilden an ihren Rändern unsichere Elemente aus.

Eine besondere Form von Skripts bilden solche mit kausalen Chunks.
Weil die Ilse ständig so gräßlich lacht, muss der Peter sich andauernd besaufen. Das behauptet jedenfalls Gerd, der Freund von Peter. Anna, die Freundin von Ilse, sieht das ganz anders: Weil Peter sich ständig besäuft, muss Ilse immer (aus Scham) so hysterisch lachen.
Typische Beispiele missverständlicher, kausaler Einteilungen sind die kommunikativen Teufelskreise.

Eine andere besondere Form von Skripts sind die Geschichtengrammatiken oder auch Textschemata. Diese bilden idealtypische Geschichtenverläufe ab.
So gibt es ein typisches Märchenschema, in dem eine Prinzessin verzaubert wird, ein Prinz davon erfährt, dieser drei Aufgaben bestehen muss und damit die Prinzessin erlösen kann und heiraten darf.
Andere typische Geschichtenverläufe bestehen nur aus Episoden, also Abschnitten einer Geschichte. Einige Beispiele habe ich früher anhand von Abenteuergeschichten weiter oben im Blog untersucht.

Krimis haben als eine Möglichkeit folgenden groben Verlauf: Finden der Leiche, Untersuchen des Tatorts, Eingrenzen und Verfolgen der Spuren, Verhören der Bekanntschaft, Unschuldige ausschließen, den Täter zur Rede stellen, ein Geständnis bekommen.

Bei komplexeren Geschichten können einzelne Bestandteile mehrfach auftreten, wie etwa beim Krimi das Befragen von Bekannten des Opfers. Außerdem können einzelne Bestandteile ihre Reihenfolge tauschen, und, insofern Teile mehrfach auftreten, diese in loser Abfolge kombiniert werden. Zudem gibt es in vielen Skripten notwendige Bestandteile und weitere mögliche Bestandteile. "Wenn Sie einen noch raffinierteren Geschmack erreichen wollen, können Sie leicht angeröstete, geriebene Haselnüsse darunter mischen.", kann man in einem Rezept für eine süße Mehlspeise lesen.

Schemata und Propositionen

Auch Schemata lassen sich durch Propositionen ausdrücken. Die einzelnen Elemente eines Skripts bestehen meist aus solchen Propositionen wie
helfen (wer/was? Mann, wem/was? Frau, [wobei?] aus dem Mantel) [wobei ist eine schlechte Frage, linguistisch gesehen heißt das Prädikat aus dem Mantel helfen]
Ökosysteme oder Kapitalkreisläufe lassen sich ebenfalls durch Sätze oder satzförmig ausdrücken.
Im Prinzip haben wir es also mit einer Allgegenwart der Propositionen zu tun. Dies liegt aber nicht unbedingt daran, dass die Proposition an allen diesen Gedächtnismomenten beteiligt ist, sondern dass Bilder, Vorstellungen, Skizzen, etc. in Propositionen übersetzbar sind.
Sowohl Schemata als auch Skripte sind dann besondere Formen von propositionalen Netzen.

Zusammenfassung

Propositionen, Images, Schemata und Skripte sind bestimmte Muster, von denen die kognitive Psychologie glaubt, dass sie besonders häufig im semantischen Gedächtnis benutzt werden. Alle diese Muster strukturieren unser Wissen und ordnen unsere Sicht auf die Welt. Damit ordnen sie auch unser Handeln.
Bei komplexen Sachverhalten sollte man weiter strukturieren und sich dieses Wissen in kleine Bündel (chunks) einteilen.

Ich habe allerdings offen gelassen, wie gesichert diese Erkenntnis vom Gedächtnis ist. Stattdessen habe ich die psychischen Muster immer wieder mit konkreten Medien vermischt, mit Bildern, Gedichten, Ablaufplänen. Wir müssen hier nicht entscheiden, ob zuerst die Medien entstanden sind und sich die Gedächtnisleistungen des Menschen angepasst haben, oder ob die Medien diese Form angenommen haben, weil die Gedächtnisleistungen dies nahe gelegt haben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass die Muster allgegenwärtig scheinen und deshalb zur Analyse und Konstruktion nützlich sind.
Wir werden dies in dem auf Praxis bezogenen Teil sehen.

Anwendungsgebiete

Fachübergreifender Unterricht

Wissen speichert sich in kognitiven Netzen ab und kognitive Netze helfen, Wissen zu erwerben. Je enger Bilder und Texte miteinander verwoben sind, umso sicherer werden die Informationen behalten (PP, S. 332).

Dabei spielt dann aber nicht nur die Verflechtung von Texten und Bildern eine Rolle, sondern der Zusammenhang von Skripts, Schemata, Bildern und Sätzen. Nach den Untersuchungen von Clark & Paivio (ebd.) kann man sagen, dass das Verständnis umso besser ist, je mehr verschiedene semantische Muster in dem Lernprozess genutzt werden.

Es gibt außerdem einen direkten Zusammenhang zwischen Fachkenntnis und Leseverständnis. Schwache Leser lesen trotzdem Texte gut, wenn sie genügend Fachkenntnisse haben. Und schwachen oder zögerlichen Schreibern fällt das Schreiben leichter, wenn das Fachwissen vertraut ist.

Für den Unterricht heißt das, möglichst ökonomisch die Fächer aufeinander zu beziehen. Statt von einzelnen Disziplinen auszugehen, werden diese ineinander verwoben.

Dabei muss man allerdings ein besonderes Augenmerk auf die Kulturtechniken legen, also Lesen, Schreiben und Rechnen. Hier handelt es sich um formale Sprachen, deren Leistung gerade ihre große Unabhängigkeit ist. Jüngeren Schülern fällt diese Trennung zwischen Kulturtechnik und Fachwissen schwer. Wenn sie über Eichhörnchen schreiben, steht die sachliche Orientierung im Vordergrund und eine Reflexion auf Rechtschreibung oder Grammatik findet wenig oder gar nicht statt.

Andererseits verstehen viele Grundschüler und zum Teil auch Vorschulkinder, dass ein Text etwas anderes ist als ein Eichhörnchen in seiner Lebenswelt und dass man an beides unterschiedlich herangehen muss. Die Trennung ist also klar, kann aber nicht bewusst und methodisch eingesetzt werden. Das bewusst zu machen ist Aufgabe des Unterrichts. Auch hier kann aber die bewusste Trennung erst dann deutlich gemacht werden, wenn man die Orientierung an der Sache und die Orientierung am Medium einander gegenüber stellt.

Die Vermittlung zwischen Sache und Medium wird durch Methoden gesichert. Seit einigen Jahren existieren deshalb Schulbücher, die ganz bewusst Methodenseiten einfügen, auch wenn diese Methoden weit über das spezifische Fach hinausweisen.

Fachwissen, Kulturtechniken, fächerübergreifender Unterricht und Vermittlung von Methodenkompetenz gehen also Hand in Hand.

Komplexe Zusammenhänge verstehen

Zahlreiche Phänomene, vor allem auch soziale, politische und wirtschaftliche Phänomene, sind durch so komplexe Bedingungen geregelt, dass sie nur langsam nachzuvollziehen sind.

Als ich oben das Gedicht von Mayröcker analysiert habe, habe ich den Fundus literaturwissenschaftlicher Begriffe genutzt, und nur ein wenig auf den fachfremden Leser zurechtgebogen. Vielleicht mag dem einen oder anderen Leser deshalb diese Passage unverständlich und seltsam erschienen sein.

Begriffe sind kleine Netze. Wenn man allerdings einen Begriff benutzt, dann häufig nur als Bezeichnung. Vom Leser oder Hörer erwartet man, dass er das dahinterliegende Netz selbstständig aktiviert. Vorausgesetzt, der Leser kennt dieses Netz schon. Deshalb sind Fachtexte recht unverständlich und deshalb kommt es zu Missverständnissen, wenn zwei Menschen miteinander sprechen, und zwar die gleichen Bezeichnungen gebrauchen aber unterschiedliche Netze im Kopf haben.
Beides erfordert Begriffsklärung.

Begriffsklärung ist aber nur eine Möglichkeit, Netze herauszuarbeiten.
Jede Methode, die ein bestimmtes Muster oder Medium in ein anderes Muster übersetzt, verdeutlicht Zusammenhänge. So habe ich das Gedicht (Medium) in eine Abfolge von Propositionen (Muster) übersetzt. Damit habe ich noch nicht das Muster des Gedichtes, aber ein mögliches Muster. Ja, gerade weil ein Muster abweicht, kann es verdeutlichen. (Deleuze und Guattari schreiben deshalb: Zeichnet Karten! Hört auf Kopien zu machen! Kopien sind etwas für kleine ödipale Hunde und brave Familienväter.)

Um etwas zu verstehen, stützen sich allerdings viele Lernende immer noch auf das Prinzip, möglichst dicht am Text zu bleiben oder möglichst wortgetreu wiederzugeben, was sich der Autor gedacht hat. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, denen dies gleichsam natürlich gelingt, spüren die meisten Menschen eine Art Ungenügen. Die Texte werden ihnen zu kompliziert, größere Zusammenhänge nicht verstanden (so sagen die Lernenden häufig von sich selbst).
Wir wissen jetzt, dass Wissen nicht durch Worttreue erworben wird, sondern durch Konstruktion. Statt auf das Ganze zu starren und auf den Haufen an Material, müssen wir lernen, irgendwo in diesem Material zu beginnen und uns Muster aufzubauen. Schauen Sie sich meinen Blog an. Ich verbreite doch keinen großen Überblick, sondern wusele irgendwo durch die Disziplinen (um das mal so salopp auszudrücken). Um Vollständigkeit mache ich mir sowieso keine Gedanken mehr. Auch diese Arbeit hier ist ja eher ein Essay als eine wissenschaftliche Ausarbeitung.

Wenn Sie also ein Sachgebiet zu bearbeiten haben, nutzen Sie vielfältige Methoden, um sich Muster aufzubauen. Je länger Sie an einem Gebiet arbeiten, umso breiter wird Ihr Fundament und umso leichter lernen Sie.

Vera Birkenbihl schreibt:
Je mehr wir bereits wissen, umso leichter lernen wir dazu.
Birkenbihl, Vera: Stroh im Kopf, S. 78
Bleibt zu ergänzen, dass wir noch leichter lernen, je mehr wir interdisziplinär gelernt haben.

Gerade wenn Sie sich intensiv mit einem bestimmten Themengebiet auseinandersetzen müssen, sollten Sie bewusst diese Monokultur durchbrechen. Studenten fangen während ihrer Diplomarbeit häufig an, panisch zu reagieren, sobald irgendeine andere Anforderung als die fachliche an sie gestellt wird. Schon die Vermittlung von typischen Lernmethoden oder Schreibmustern im eigenen Fach erscheint ihnen als viel zu viel (und offenbart, wie schlecht unsere Schulen und Universitäten Methoden- und Schreibkompetenz vermitteln).
Dabei stützen abweichende Strukturen und abweichende Wissensnetze gerade dadurch das benötigte fachliche Wissen, weil sie unterschiedlich sind und weil sie stören und aufstören.

Geschichten schreiben

Noch eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe: junge Schriftsteller identifizieren sich gerne mit ihrem Lieblingsautor. Was gab es vor einigen Jahren an Geschichten von Jungen mit einer Narbe auf der Stirn. Und was gibt es derzeit Geschichten von Mädchen, die sich in einen mysteriösen Jungen verlieben, der in einer mysteriösen Familie aufwächst.
Auf den Vorschlag, statt nur Liebesromane auch mal Krimis zu lesen (und umgekehrt), ein Lesetagebuch zu führen, sich aus Geschichten Ablaufpläne herauszuschreiben oder Landkarten zu malen, kommt dann schon mal die Antwort, man sei doch nicht in der Schule.

Offenbar hat die Schule dann aber nicht vermittelt, wozu diese Muster gut sind. Bei meinem Sohn sehe ich, dass im Unterricht Muster eingeübt werden, weil diese richtig seien, nicht, weil diese abweichend sind. Da mein Sohn, wie ich, ein Problemlerner ist, geschieht dann aber folgendes: das Muster verknappt den Text oder die Sachinformation, und damit taucht ein Problem auf. Statt dieses Problem aber als Herausforderung zu begreifen, wird es - im Unterricht - als störend empfunden. Manchmal kommt mein Sohn dann mit tausend Fragen an, warum etwas so oder so im Unterricht gelernt wurde. Eigentlich sollte dies aber durch die Lehrer vermittelt werden.

Auch erzählendes Schreiben muss sich auf einen reichhaltigen Fundus aus Mustern stützen. Je mehr Muster gekonnt werden, auch solche, die mit Geschichten zunächst nichts zu tun haben, desto umfangreicheren Transfer kann der Schreibende herstellen. Dass die besten Autoren so intelligent erscheinen, hängt vielleicht nicht mit der Intelligenz direkt zusammen, sondern mit einer breiten fachlichen Ausbildung und einer vielfältigen Beschäftigung mit unterschiedlichsten Sachthemen. Und dies unabhängig davon, ob dieses Thema gerade nützlich ist.

Um also Texte zu schreiben, sollten Sie
1. Erzählungen analysieren: "Mustern" Sie Erzählungen, d.h. setzen Sie Erzählungen in vielfältiger Weise um. Ob Sie einzelne Textstellen kommentieren, ob Sie große Ablaufpläne anlegen, ob Sie Personenlisten ausarbeiten oder Landkarten zeichnen, ist egal. Je vielfältiger Sie vorgehen, umso mehr unterschiedliche Muster legen Sie natürlich an, und umso mehr lernen Sie.
Manche Muster, manche Methoden werden Ihnen wie Erbsenzählerei vorkommen. Wenn Sie sich zum Beispiel daran setzen, ein ganzes Kapitel aus einem Krimi in Propositionen umzuschreiben, werden Sie viel Geduld aufbringen müssen. Wenn Sie aber aus dieser langen Liste aus Propositionen dann tieferliegende Muster (chunks) herausfiltern, Muster der Beschreibung, Muster der Handlungsverläufe, Dialogmuster, erweitern Sie Ihren Horizont.

2. schreiben: Auch zunächst planloses Schreiben basiert auf Mustern. Je mehr Sie schreiben, je mehr Sie mit Texten experimentieren, umso mehr Muster entwickeln Sie.
Viele angehende Schriftsteller haben Probleme mit dem Entwerfen von Plots. Hier andere Romane zu analysieren, ist die eine Sache. Die andere ist die, immer wieder und ohne einen weiteren Nutzen Plots zu entwerfen. Hervorragende Ideenlieferanten finden Sie bei den Kurzbeschreibungen von Büchern auf www.amazon.de. Wenn Sie jeden Tag zwanzig Minuten einen Plot nach einem solchen "Waschzetteltext" entwerfen, werden Sie merken, dass Sie immer leichter komplexe Plots handhaben können.
Blicken Sie auf jeden Fall über den Tellerrand. Selbst wenn Sie Ihr Genre längst gefunden haben, sollten Sie sich in anderen Genres üben. Abweichungen klären, weil sie abweichen (denken Sie an den Grundsatz des Konstruktivismus: Informationsverarbeitung ist ein konstruktiver, aufbauender Prozess).

3. forschen: Ich sage ausdrücklich forschen und nicht recherchieren. Wenn man zu einem bestimmten Thema schreibt, sind Recherchen natürlich unerlässlich. Aber allgemeiner sind Sprünge in das kalte Wasser eines neuen Fachgebiets sinnvoll, weil Sie sich hier neue, alternative Netze aufbauen, mit neuen Begriffen versorgen.

Seminare leiten

Mein Bedarf an Seminaren, in denen schöne Worte gepredigt werden, ist mehr als gedeckt. Wie geht es Ihnen?
Seien wir ehrlich: Viele Seminare vermitteln keine Begriffe, sondern liefern hübsche, aber wenig vernetzte Bezeichnungen. Statt eines reichhaltigen Mahls bekommt man bunt angemaltes Junk-Food und fröhliches Vor-sich-hin-wurschteln statt Methodenkompetenz.
Ich mag schon nicht mehr zählen, wie oft ich ein halbverstandenes Kommunikationsquadrat à la Schulz von Thun oder ein völlig zusammengestutztes Eisberg-Modell vorgestellt bekommen habe. Was von solchen Seminaren bleibt, ist eine unbefriedigende Leere.
Auch der sogenannte Praxisbezug ist dann nur noch das Deckmäntelchen, mit dem die Unklarheiten des Seminarleiters unsichtbar gemacht werden sollen.

Wir stoßen hier auf das Problem, das ich eingangs erörtert habe: den Unterschied zwischen behavioristischen und kognitivistischen Lerntheorien. Seminare, die sich zu sehr auf eine Praxis stützen, die vor allem ein bestimmtes Verhalten einüben, gehen behavioristisch vor. Das Handeln verkommt zu einem Imitieren.

Wenn aber Begriffe und Muster veranschaulicht werden, wenn auf der Basis gut durchdachter Wissensnetze eine praktische Einübung folgt, dann können die Teilnehmer weit besser die Bedeutung begreifen und durch die Vernetzung von Theorie und Praxis die Seminarinhalte auch besser behalten.

Ein anderer Fehler, der gerne gemacht wird: es werden Erfolge versprochen.
Erfolge zu haben ist natürlich Sinn und Zweck eines Seminars. Nur deshalb nehmen wir an Seminaren teil. Aber sie sind nicht der Inhalt des Seminars.
Wenn ich mir ein Buch über soft-skills kaufe, möchte ich doch nicht wissen, dass ich damit wahnsinnig tolle Erfolge haben werde. Ich würde mir doch kein solches Buch zulegen, wenn ich nicht eine bestimmte Erwartung habe. Auch bei einem Buch erwarte ich, in nachvollziehbarer Weise, Erklärungen, wie etwas funktioniert und wie ich etwas beeinflussen kann. Zumindest erwarte ich ein Modell, auf das ich mich stützen kann.

Wenn Sie also Seminare leiten, dann arbeiten Sie Begriffe, Wissensstrukturen, Schemata, Skripte gründlich heraus. Vergessen Sie dabei nicht die praktische Umsetzung, aber machen Sie auch nicht einen Kindergarten aus Ihren Seminaren (wobei man da zumindest den Kindern sehr unrecht tut: diese erarbeiten sich nämlich ihr nötiges Wissen).

Schule und Familie

Schule und Familie arbeiten häufig gegeneinander. Mangelnde Ausbildung auf Seiten der Lehrer und der Wunsch vieler Eltern, die Kinder in die Schule abzuschieben, führen vor allem zu eins: die Schüler werden nicht richtig ausgebildet und geraten in zahlreiche, von allen Seiten unverstandene Konflikte.

Es ist nicht die alleinige Aufgabe der Schule, Methodenkompetenz und Wissensstrukturen zu vermitteln. Es ist für Kinder unzumutbar, dass sie nach Hause kommen, den ganzen Morgen gelernt haben und am Nachmittag auch noch mal lernen müssen, aber an ihren Eltern erleben, dass diese nicht lernen wollen und keine Neugierde an den Tag legen.
Eltern müssen hier Vorbilder für das Lernen sein (nicht aber für die Sachkompetenz).
Dabei gehen Interesse am Kind und Interesse am Stoff Hand in Hand. Eltern, die sich nicht für das fachliche Lernen ihrer Kinder interessieren, interessieren sich meist generell nicht für ihre Kinder.

Und ebenso unwirklich erscheint es mir, dass viele Lehrer vergessen zu haben scheinen, wie unsicher sie selbst mit ihrem Wissen waren oder wie ihr eigener Lernweg verlaufen ist. Die teilweise dogmatische Härte mancher Lehrer offenbart diese Unsicherheit mehr, als dass sie sie verbirgt und zeigt eigentlich nur, dass dieser Lehrer noch einen langen Lernweg vor sich hat, aber aufgehört hat, ihn zu gehen.
Auch Lehrer sollten zuallererst vorleben, dass Lernen Spaß macht.

Rechnet man jetzt noch ein, dass abweichendes Lernen, der Aufbau abweichender Muster das Lernen stützt, muss man also davon ausgehen, dass zwar exaktes Wissen ein Ziel sein kann, aber nicht den Weg und die Methoden des Lernens ausmacht, dann sollte Unterricht ganz anders gestaltet werden: problemorientiert (und zwar entlang von Problemen der Schüler), kreativ, methodisch orientiert, konstruktiv.

Jedes Interesse am Schulstoff von Seiten der Eltern ist 1. eine Wiederholung für den Schüler und damit eine Festigung des Wissens und 2. natürlich für die Eltern selbst eine Erweiterung ihres Wissens und deshalb mittelbar oder unmittelbar eine Leistung für sich selbst.

Jedes Interesse eines Lehrers an seinen Schülern ermöglicht diesen ein Herauswachsen aus der Kernfamilie. Kinder, die diesen Schritt nicht auf vernünftigem Wege angeboten bekommen, neigen dazu, diesen auf "unvernünftigem" Wege zu tun. Kindergarten und Schule bieten die Möglichkeit, sich ein eigenständigeres Verhalten aufzubauen, weil sie gegenüber der Familie abweichende Muster des Zusammenlebens und Zusammenlernens anbieten. Dass vom Kind dann nach beiden Seiten kritische Töne fallen können, dass Eltern nicht immer mit der Schule einverstanden sind und Lehrer nicht immer mit dem Elternhaus, sollte aber an der grundsätzlich positiven Wirkung dieses Unterschieds nicht rütteln.