31.01.2008

Leichenwagen

In Rio de Janeiro soll am kommenden Sonntag ein Wagen an der Start gehen, der nicht die mondäne Welt des Sambas präsentiert, sondern eine Skulptur einer Holocaust-Darstellung zeigt.
Geschmacklos?
Nun: der Karneval an sich ist eine verunstaltete Feier, und deren Ursprung in den mittelalterlichen Totentänzen mit ihren makabren Masken und obszönen Figuren weitgehend vergessen. Zumal der Karneval kaum noch einen Sinn macht, außer Konsumereignis zu sein und in den Büttenreden mal die alltäglichen Comedy-Events zu überbieten oder zu unterbieten.
Vielleicht ist dieser Wagen tatsächlich so etwas wie eine Rückkehr zur ethischen Bedeutung des Karnevals. Vielleicht kann man hier tatsächlich das Verschmelzen von Leben und Tod, von Elend und Glamour erleben, wie es der Karneval in früheren Zeiten weit eher war. Vielleicht rührt auch dieser Wagen an der Scheinwelt des brasilianischen Karnevals, der sexistisch und ausbeuterisch ist, und der mit seinen Sambatänzerinnen schnell verheizte Gogo-Girls produziert. Man mag sich über Sinn und Zweck dieses Wagens streiten: aber er weist in eine andere Richtung als die schöne Oberfläche, die die hässlichen Hintergründe kaschiert.
Jedenfalls kann ich die Aussagen des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Rio de Janeiro nicht nachvollziehen:
Der Präsident der jüdischen Vereinigung von Rio de Janeiro bezeichnete den Wagen hingegen als "unpassend". Angesichts hunderttausender Menschen in Feierlaune sei es nicht angemessen, an die rund sechs Millionen ermordeten Juden in Nazi-Lagern zwischen 1938 und 1945 zu erinnern.
We're here, so get fuckin' used of it. lautet ein Schlachtruf der Schwulenbewegung. Auch hier mag das Unangemessene genau das Richtige sein, ist doch der Holocaust eine Monstrosität.
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